Fast 4 Wochenläufe waren inzwischen vergangen seit meinem, zugegeben doch eher spontanen Aufbruch von K'awi aus. Bald 3 Wochenläufe lang lebte ich nun schon in Grünwaid - So nennt sich das Umland der Kleinstadt Düstersees, wie ich inzwischen weiß.
Die Hoftiere hier bei Graham höre ich schon gar nicht mehr. Mittlerweile fühlt es sich auch nicht mehr wie ein Angriff gegen mein ureigenes Wesen an, mit dem ersten Hahnenschrei des Tages aufzustehen - selbst, wenn das dämliche Tier das stets vor vollendeter Dämmerung bereits tut. Ich stehe dann einfach mit auf, wasche mich gründlich, kleide mich so pragmatisch ich kann und gehe herunter in die Küche, um zu frühstücken. - Da fällt mir ein: Ich wollte ja noch einen Schneidermeister aufsuchen, um mir mehr von dieser Land tauglichen Kleidung nähen zu lassen. Das ist ja kaum auszuhalten, jede Woche dieselben paar Kleidersätze abzuwechseln.
Nun, jedenfalls habe ich vergangenen Wochenlauf an dieser Einweihungsfeier der Pilgerstätte bei Rahal teilgenommen. Das klang für mich nach einer guten Anlass, um Land, Leute und den Glauben an Alatar näher kennenzulernen. In der Tat war dies auch eine hilfreiche Gelegenheit, gleichwohl ich sagen muss, dass das Beste am Programm die Sängerin war. "Noir" heißt sie, glaube ich. War sehr nett anzusehen, und sich bewegen konnte sie zum passablen Gesang auch noch. Den Blagen, die nach ihr auftraten habe ich nur des Vortraginhaltes wegen meine Aufmerksamkeit gewidmet. Ich kann nach wie vor nichts mit solchen Quälgeistern anfangen, aber sie haben einiges gesagt, was mir dann doch den nötigen Anstoß dazu gab, mich am folgenden Tag in den Hort des Wissens zu begeben und dort die hiesige Literatur zu durchstöbern. Natürlich, pflichtbewusst wie ich ja bin zunächst im Bereich Theologie, genauer gesagt den Glaubenslehren Alatars. "Die 10 Gebote" und "die Leitsätze", was in Summe wohl das Äquivalent zu den drei Kodizes der Schildmaid darstellt. Ehrlich gesagt hat mein Ausflug in die Bibliothek nicht dafür gesorgt, dass ich auf einmal nur noch an die Glaubenslehren des Panthers denke. Das wäre nicht ich, aber hier und da versuche ich schon für mich zu erkennen, wo ich erschreckend treu danach lebe, ohne es bisher so wahrgenommen zu haben und an welchen Stellen ich mir besser glaubwürdige Floskeln aneignen sollte, damit man mir nicht auf den Zahn fühlt.
~*~
"Dir zu dienen heißt Ehrfurcht zu lernen,
um nicht im falschen Hochmut den Sinn unseres Strebens aus den Augen zu verlieren."
Ich wage zu behaupten, dass das jeder Gott von seinen Anhängern erwartet, aber mal im Ernst: Es sind Götter. Natürlich verspürt man Ehrfurcht vor ihnen. Es wäre reichlich unglaubwürdig, würde jemand Gegenteiliges behaupten. Die brauchen nur einmal mit ihrer Wimper zu zucken und wir waren die längste Zeit unseres Lebens ohne Ehrfurcht. Also so leichtsinnig bin dann wohl selbst ich nicht.
"Dir zu dienen heißt Gehorsam zu lernen,
denn aus ihm erwächst das Vertrauen sein Leben in die Hände deiner Geweihten zu legen."
Wieder dieses leidige Thema... Man wird geboren, um seinen Eltern gegenüber gehorsam zu sein. Dann zieht man irgendwann aus, um irgendwelchen Lehnsherren oder ähnlichem Gehorsam zu schenken und dann wollen es die Prediger der Götter auch noch. Nicht, dass ich ein Problem damit hätte, wenn jemand anderes das Zepter in der Hand hält. Solange er keinen Unsinn verzapft und mich in Frieden lässt, kann er schalten und walten wie er will. Dieses Gebot ist ein klassischer Kandidat für gesellschaftstaugliche Floskeln.
"Dir zu dienen heißt Treue zu lernen,
denn aus ihr erwächst der große Geist, welcher all deine Geweihten gleichermaßen erfüllt."
Zugegeben, so ganz schlau werde ich daraus nicht, aber wenn schon so explizit die Rede von Geweihten und einem großen Geist ist, dann fühle ich mich an dieser Stelle einfach mal nicht angesprochen.
"Dir zu dienen heißt den Rat der Älteren zu erhören und zu befolgen,
denn aus ihnen erwächst deine Weisheit, welche du ihnen in langen Jahren zuteil kommen ließest."
Ja... Naja, ja. Das ergibt nun irgendwie auch die Logik. Natürlich haben Ältere mehr Erfahrung und Wissen. Sie sind uns auch Schritte im Leben voraus, die wir erst noch tätigen wollen - oder eben auch nicht mehr, nachdem wir mit ihnen darüber geredet haben.
"Dir zu dienen heißt die Jüngeren zu lehren und zu unterstützen,
denn sie werden die Wurzeln sein, welche dein Reich auf Erden fest im Boden verankern."
Selbstredend. Sonst wäre das vorige Gebot witzlos. Die Menschheit lebt vom Wissensaustausch.
"Dir zu dienen heißt weltlichem Besitz abzuschwören,
denn nicht der Reichtum des Einzelnen zählt, sondern nur das fort kommen deiner Sache."
Oh, ich habe so gelacht als ich das zum ersten Mal gelesen habe. Wirklich. Also nicht tatsächlich, aber innerlich. Das ist doch ein Witz, oder? Warum bitte sollte 'weltlicher Besitz' hinderlich sein? Sollen sie doch jeden machen lassen, wie er meint, solange er nicht querschlägt. Also mal im Ernst... Ich habe beschlossen, die bloße Existenz dieses Gebotes zu ignorieren. Ich wüsste nicht einmal, was ich dazu sagen sollte, und das geschieht wahrlich selten!
"Dir zu dienen heißt sich in der Sprache zu schulen,
denn ein wohl gesprochenes Wort vermag Wälle einzureißen, die jeder Armee getrotzt hätten."
Das wiederum unterschreibe ich sofort. Gut reden zu können, hat mich schon oftmals weitergebracht. An dieser Stelle sollte ich wohl zur Abwechslung doch einmal meinem Elternhaus danken. Besonders Frau Mutter hat mich sehr vieles gelehrt, das mir bis heute dienlich ist.
"Dir zu dienen heißt sich im Kampfe zu schulen,
denn jene unbelehrbaren Ketzer werden zur Ankunft deines Reiches auf Erden gerichtet werden."
Und das nächste leidige Dauerthema. Ich habe es schon in Alumenas gehasst. Was haben sie alle immer mit dem Kämpfen? Nicht jeder muss kämpfen können, nur um sich wie ein vollwertiger Anhänger der Götter fühlen zu können. Blödsinn! Wofür gibt es denn bitte Berufssoldaten, Söldner und derlei Arbeitskräfte? Sollen die das übernehmen. Ich glänze lieber in anderen Bereichen.
"Dir zu dienen heißt keine Almosen oder Geschenke anzunehmen,
da nur mit eigenen Händen erarbeitetes vor deiner Präsenz Bestand hat."
Und ausgerechnet meinen 40. Geburtstag werde ich im Alatarischen Reich verbringen. Na, hervorragend... Aber ich denke, das ist noch das geringere Übel. Es gibt ohnehin nichts, das ich mir nicht auch selbst leisten könnte, wenn ich es denn wollte. Nicht weiter tragisch demnach.
"Dir zu dienen heißt sich völlig aufzugeben,
denn nur in Nileth Azhur an deiner Seite können wir zur absoluten Vollkommenheit finden."
Lass mich kurz- nein! Ich werde garantiert nicht jeden meiner Atemzüge damit zubringen, an Alatar - oder sonst irgendeinen Gott zu denken und jede meiner Taten ihm widmen. Was nach meinem Tod mit mir passiert, sei mir an dieser Stelle einerlei. Ich bin auf Ala'thair, um Freude am Leben zu haben, und nicht, um meine Existenz zum Sport mutieren zu lassen. Ich bin doch keine Marionette!
~*~
Die Leitsätze haben mich deutlich mehr angesprochen als die Gebote, muss ich gestehen. Es war zeitweise beinahe schockierend, wie sehr ich jene Lehren verinnerlicht hatte, lange bevor ich überhaupt einen Gedanken daran verschwendet habe, den Schritt hierher zu wagen.
~*~
Hass, Rachsucht und Zorn
Im ersten Leitsatz ist die Rede von aus Erniedrigung und Demütigung geschaffenem, durch Ungerechtigkeit und entwürdigende Behandlung hervorgerufenen oder durch schier unerträglichen Schmerz ausgelösten Zorn, der wiederum in Rachegelüste mündet und den man folglich in richtige Bahnen lenken soll, um ihn als Werkzeug für sich zu nutzen. Nun macht auch die Frage des Clericus Athes wieder mehr Sinn. Offensichtlich ist es gar nicht verwerflich, dass ich einer ganzen Reihe von Menschen gerechtes Leid wünsche.
Diese Erkenntnis hat in mir merklich etwas freigesetzt. Ich fühle es brodeln. Eine neue Entschlossenheit, meinen Vater und Lichtenthal zu strafen. Zum aktuellen Zeitpunkt bin ich mir noch nicht recht sicher, wie ihre Strafen aussehen sollen, aber ich bin mir wiederum ziemlich sicher, dass sie die erste schon damit erlitten haben, dass sie mich verloren haben. Sowohl als Sohn als auch als Geschäftsmann. Sie haben mich nicht verdient und das werden sie entweder erkennen oder auch nicht. Mir soll es gleich sein. Wichtig ist nur, dass sie merken, was sie verspielt haben mit ihrer toxischen Art. Mit ihrem Bevormunden, dem klein Halten und Vertrösten. Sollen sie bluten für ihren Leichtsinn, für ihre Unbelehrbarkeit und ihre Selbstsucht!
Ehrfurcht, Macht und Stärke
Ich bin ziemlich entschlossen, diesen Zorn und Hass, meine Rachsucht - wenn man so will wahrlich in neue Macht umzuwandeln. Nachdem ich mich im Geiste nun auch von 'der Familie Flammenstern' gelöst habe, bleibt mir ohnehin nichts anderes übrig, als aus mir selbst neue Macht zu schöpfen. Die Vorzüge eines reichen Sohnes und eines angesehenen Mannes habe ich mit den Torturen der östlichen Gesellschaft hinter mir gelassen. Ich bin nun auf mich allein gestellt und irritierenderweise fühlt es sich gut an. Ich brauche sein Gold und seinen Einfluss nicht. Ich bin selbst groß und würdig, das auch zu beweisen. Wenn er schon nicht hinsieht, dann vielleicht irgendjemand anders. Irgendwer, den es interessiert, dass ich Samuel, und nicht Tiras Flammenstern bin. Vervollkommnung, keine Stagnation! Ich werde mich nie wieder darauf ausruhen, was mein Erzeuger erreicht hat. Ich will eigenes erreichen.
Dominanz, Hierarchie und Herrschaft
"Alatar über allem", das habe ich inzwischen verstanden. Kann ich mit leben. Regiert wird das Heilige Alatarische Reich durch Seine Heiligkeit, den Alka, auserkoren zur Herrschaft durch den Panther höchstselbst. Die Werte einer Theokratie sind noch viel deutlicher in die Hierarchie des Westens verankert als ich es mit meinem alumenischen Wissensstand angenommen hatte. Alatar ist hier allgegenwärtig. Zwar wird mancherorts mit dem Segen "der Drei" gegrüßt, aber es fühlt sich eher wie ein "Alatar und die anderen" an. Nicht so wie in Lichtenthal, wo es zwischen einem Haufen von der Kirche genervter Menschen noch eine Vielzahl Leute gibt, die einen bunten Mischmasch aus Anbetern der Schildmaid, der Schöpferin und des Fuchses darstellen. Keine Einheit, kein Konsens. Hier... wohl. Was mich mehr überrascht als es das vielleicht tun sollte.
Über jene Tatsache vergesse ich beinahe, dass der dritte Leitsatz auch dazu anhält, nicht nachzulassen, sondern stetig, ein Leben lang für das zu arbeiten, was man sich erarbeitet hat. "Ehre, wem Ehre gebührt", aber auch nur diesem. Danach zu leben, wird mir nicht schwer fallen.
Hinterlist, Intrigen und Schattenkünste
"Alatars Lehre beinhaltet das Nutzen aller Wege, die zum Ziel führen." Hier habe ich sogar tatsächlich kurz geschmunzelt. Nachdem viele Gebote und einzelne Aspekte der Leitsätze ja durchaus auf Unverständnis gestoßen sind bei mir, hat dieser eine Satz wahrlich dafür gesorgt, dass ich meine Recherche mit einem Gefühl der Genugtuung und Bestätigung beende. Dieser Satz übersetzt sozusagen meinen Familiennamen und beschreibt sehr trefflich das, was Schwarzwasser tut. Nur mit dem kleinen, aber entscheidenden Unterschied, dass Leute wie ich hier nicht dafür verurteilt und skeptisch beäugt werden, sondern einem Leitsatz des Glaubens folgen. Tja, Alumenas... Darüber kannst du dir einmal Gedanken machen.
~*~