
Die Luft stand still und stickig unter dem giebelförmigen Dach der Hütte, in welche die Tryantschwestern eingezogen waren. Sie hatten ihre Felllager auf dem Dachboden aufgeschlagen und in jeden Traum hinein begleitete sie der Duft des frisch bearbeiteten Holzes, jener entrindeten Stämme, die Emba mit ein paar helfenden Händen zu Trennwänden hochgezogen hatte. Harzig, aromatisch. Dazwischen die leicht muffigen Gerüche der ausgeräucherten Felle – die ja keine Wanzen und Läuse in die Schlafstätten tragen sollten. Schweiß, verbrauchte Atemluft, die süße Vertrautheit der Haut eigenen Düften ihrer Schwestern, die sie schon ihren Lebtag lang begleiteten. Und Sicherheit versprachen. Es beruhigte Ylvi insbesondere in den tiefsten, dunkelsten Stunden, wenn sie dem Schlaf entrissen wurde etwas um sich zu spüren, das ihr vertraut vorkam, von allen Sinnen berührt, und ihr trunkener Geist zäh und langsam Wirklichkeit und Traum unterscheiden konnte. Denn in der Finsternis sollte sich niemand allein auf seine Augen verlassen.
Hin und wieder träumte Ylvi von der einige Wochen zurückliegenden Fahrt, als der Clan der Sturmheuler zur Drachenjagd aufgebrochen war und ihr Langboot durch die stürmische Gischt und die Launenhaftigkeit der Elemente segelte. Wie kräftezehrend es für die junge Thyrin war, die Stunden am Ruder, die Kälte und Nässe in ihrem Nacken, unter ihrer Kleidung, von Salz aufgeplatzte Lippen, Schmerzen in den Knochen. Der Wille aber war stets stark gewesen, nie vergessen die Indoktrinierung über die Zähigkeit eines Thyren und insbesondere die Standhaftigkeit eines sich immer zu beweisenden Tryant. Das Gefühl von einer das Herz zum Rasen bringender, stürmischer Lebendigkeit, einem Feuer in den Adern, ging jedoch Hand in Hand mit dem eiskalten Schrecken, der Ylvi dann einholte, wenn sie im Schlafe in der Welt der Geister wandelte, bar und schutzlos, rein. Sie träumte nicht vom Leben, sie träumte nicht vom Sterben. Sie träumte vom Nicht-Sterben und Nicht-Leben. Der Untot hing wie ein dunkler Schatten über ihren seltenen Albträumen. Er roch nach Verwesung, nach Verdammnis. Die auf der Kante des Seins wandelnden Drachen, jene monströsen Geschöpfe widernatürlicher Ausgeburt, auf Ewigkeit gestraft, kreisten in den dunkelsten, leisesten Träumen über Ylvis Haupt, so wie sie es taten, als sie das segelnde Schiff aus dem Sturm heraus angegriffen hatten. Fahle Hautlappen, die um beinahe skelettierte Leiber waberten, leere, zornige, verdorbene Augen. Ledrige, zerrissene Flügel und gelbliche zu faulen beginnende Zähne und Krallen blitzten matt durch schattige, silberne Schlieren: Dem Odem des Todes.
Ylvis Angst davor zu sterben hatte sich seit dieser erlebten Grausamkeit ein wenig mehr verflüchtigt – gab es doch eine Sache mehr zu fürchten als das Sterben: Es nicht tun zu können.
Aber nicht die Enttäuschung auf der Insel kein intaktes Drachenei gefunden zu haben.










