"Insel, die ich bewohnt habe - grün auf ruhigen Meeren."
~ nach Salvatore Quasimodo ~
~ nach Salvatore Quasimodo ~
Schmerz, wie sie ihn bereits vergessen hatte, wie er sie seit Jahren und Dekaden nicht mehr erreichen konnte, so voller Pein und Qual. Unangenehm, in der Tat, doch nicht so lästig, wie die schleichende, dumpfe Stimme, die mitten in ihren Kopf sprach und ätzend berichtete.
"Sie brechen so schnell und ich bekomme sie nicht wieder zusammengesetzt. Tragisch, nicht wahr? Doch das geschieht eben, wenn man nicht weiß, welche Nachbarn und Freunde man sich nahe hält."
Wir waren nie Freunde...
Sie wusste, dass er den Gedanken nicht lesen konnte, doch wollte sie nicht mit ihm sprechen und er wusste zumindest um ihre Haltung seiner widerlichen Art gegenüber. Ja, er hatte die letzten Verteidiger zerbrochen, doch selbst diese nach seinen Aussagen "kleinen, einfachen Menschlein" nur körperlich. Sie hatten ihren letzten Atem mit ungebrochenem Willen ausgehaucht und waren bis zuletzt standhaft geblieben.
Nun war sie alleine, die letzte...
"Schade, dass die meisten geflohen oder gleich zu Beginn verendet sind. Meine Spielzeuge sind fast alle hinüber...", schien auch er in dem Moment zu bemerken, "... aber noch habe ich dich und wie du weißt, werde ich nicht müde."
Nun musste sie sich zusammenreißen, um nicht bittersüß zu lächeln, denn genau da lag er falsch. Er wurde müde, er rastete und das mit einer sehr zuverlässigen Regelmäßigkeit und seit wenigen Tagen hatte sie diese ergründet, den Rhythmus entschlüsselt und all ihre Kräfte gesammelt.
Heute, in wenigen Augenblicken, würde sie bereit sein.
Sie musste nur diese vier Menschenseelen erreichen, ihnen die Träume senden, die Bilder, die es zu entschlüsseln galt und die Warnung darin.
"Ah, du wirst mir wohl genügen müssen. Mal sehen, wie ich deinen Kopf knacke und das Wissen um diese lästige Barriere heraussaugen kann. Hmm, wie die saftige Milch aus einer frischen Kokosnuss, mwahahahahaha!" Die Belustigung über den eigenen Witz in Kombination mit dem grausigen Bild dröhnte in ihrem Schädel und eine neue Welle des Schmerzes wogte heran, doch sie blieb starr, mimte die Bewusstlose und langweilte ihn merklich. "Ich sehe schon, ich werde noch ein bisschen tiefer in die Torturenkiste greifen müssen. Nun, wir haben Zeit."
Dann schwieg er und obwohl er die Ruhe so gut mit dieser Ausrede nach der Erforschung neuer Ideen für Qualen und Grausamkeiten bedeckte, so blickte sie unter den Mantel der Täuschung und wusste, dass er selber Ruhe brauchte, gesucht und sogleich gefunden hatte.
Ihre Zeit war gekommen!
Rasch formte sie die Bilder und streckte das eigene Wirken so tief und wurzelig, wie die Lianen ihrer Heimat in die Traumgefilde aus, um zielstrebig jene zu suchen, die sie kannte... bis auf eine.
GRACIA, JACQUELINE, JUAN... PERERA
Mitten im Traum öffnet es sich auf einmal, dieses Auge.
Weit, weiblich, magisch schön.
Ein smaragdfarbenes Grün, umgeben von ozeanischem Blau, ehe es blinzelt.
Nein, kein Auge, doch eine Insel!
Sanftes, reiches Grün, ausgedehnte Strände und inmitten einem trügerisch ruhig wirkenden Sommermeer.
HEIMAT!
Mit jedem Lidschlag scheint das Blut in den Adern vor Sehnsucht zu brennen, denn dort liegt das, was verloren ist, die Heimat, das Erbe.
Doch kaum hat sich das Heimweh ausgebreitet, da verschwimmt das Bild erneut und zeigt die letzten Momente des Wahnsinns am Strand, die wilden Tiere, wirre Rufe, die Flucht auf den Booten.
Erst als diese klein am Horizont sind, schält sich eine gigantische Gestalt aus dem Boden, wie schwarzer Teer, entfaltet sich zu einem dämonischen Schemen und die Worte, die er dumpf grollend spricht, triefen vor Hass und boshaftem Amüsement.
"Jaaaa, da sind sie alle fort, die Kinder der Insel und sie ist endlich mein. Kümmern wir uns also um diese Barriere, um mich endlich zu befreien und du wirst mir dabei helfen - ganz gleich, ob du willst oder nicht... Mahu."
Die Insel wabert wieder, wird erneut zum Auge, das ein letztes Mal stumm, doch regelrechte flehend geradeaus starrt.
Dann schließt sich das Lid und mit der einkehrenden Schwärze kommt das Erwachen aus dem düsteren Traumgebilde.
ANEKA
Der Wind ist es, der den neuen Teil des Traumes einleitet.
Ein sanftes Singen zuerst, dann braust er auf und jault schließlich klagend, ehe er wieder zu einem sanften, säuselnden Wirbeln abklingt, doch in diesem Raunen liegt ein Flüstern, schnell, eilig, von der Zeit gedrängt und doch verständlich.
"Schwester, sie brauchen dich... sie brauchen Rahal, sie können nicht alleine bestehen. Verbündete... Gracia... Jacqueline... Juan. Ich kann es ihnen nur zeigen, doch nicht mit ihnen reden. Du und ich, wir sind anders verbunden. Die Insel... ist nicht verloren... noch nicht, sie brauchen dich, euch... Rahal, Garde, Marine. Hilf uns... BITTE!"
Dann jault der Wind ein letztes Mal auf, dann ist es fast grässlich still.
Und kalt.
Rasch zog sie die Kräfte zurück und nur wenige Augenblicke später meldete sich die Stimme wieder wie ätzende Säure im Kopf.
"Naaaa, mein Täubchen, wo sind wir stehengeblieben? Du wolltest mehr Schmerz, nicht wahr?"
Ihre Kräfte waren verbraucht und als er erneut in ihren Schädel drang, entwich ihr ein Aufschrei, der ihn gröhlend jubilieren ließ. Wusste er doch nicht, dass es keine Rolle mehr spielte, ob sie zerbrach, wenn die Botschaft gelesen und verstanden war.
Es galt nur zu warten, zu hoffen und zu vertrauen.
