
Die kleine Siedlung, die sich ins Bergmassiv schmiegte, nah am Rittersee und nicht allzu weit entfernt vom Meer war ihr über viele Jahre ans Herz gewachsen und so kannte sie die wechselnden Nachbarn, das Blau der Klosterwache, die hochherrschaftlichen Herren und Damen und Herren die dort ein- und ausgingen und manchmal auch für das eine oder andere Kleinod bei ihr einkehrten…
Manchmal, wenn sie die warme Sonne und den Sand unter den Füßen ihrer Heimat vermisste, ließ sie sich zum Rittersee treiben, setzte sich dort in den kleinen Streifen Sand, den sicher bei der Gründung der Siedlung die Bewohner dorthin geschafft hatten und grub die nackten Zehen in das goldene Weiß aus Sand. Egal wie dunkel die Gedanken waren, wie sehr sie manche des Nachtvolkes vermisste, weil diese zu weit in der Ferne weilten, hier, an diesem Platz konnte sie nicht lang Trübsal blasen. Zu viele Geschichten fanden hier einen Anfang, zu viele Erinnerungen an Feste des Nachtvolkes, sei es das Hasenrennen, Eislaufen auf dem gefrorenen Gewässer oder die zahllosen Abenden voller Wunder in den Augen jener, die den Mären und Sagen des Sternenkinder lauschten.
Kurzerhand griff die Schneiderin nach einem ihrer zahllosen Notizbücher, in denen sich Zusammenfassungen für Märchen, Skizzen von Kostümen, Pläne für einen Maskenball und andere ihrer Ideen sammelten, stieg aus der sich nun wilder hin und her bewegenden Hängematte und sprang kurzerhand über den Zaun. Es waren nur wenige Schritte, nur ein kurzer Lauf hinüber an den See und Karawyn winkte im Vorbeieilen noch rasch Tulena, die bereits ihr Pferd sattelnd ihren Tag auf dem Feld begann.
„Hat dich der Hafer gestochen, Vollmond…solltest du nicht noch schlafen?“, kam es von der Rothaarigen mit einem herzlichen Lachen und die dunkelhaarige Schneiderin mit Locken, die wie dichter maronenfarbener Efeu bis zu ihrer Taille baumelten, umarmte die Bäuerin rasch.
„Ich will zum See, das Licht auf dem Wasser ist um diese Zeit besonders schön, ich habe eine Idee für die Geschichte einer kleinen Nymphe die dort in den Tiefen leben könnte…“
„Irgendwann wirste selbst mal eine Nymphe, das glaub mir…aber ich hab selbst einmal wieder Lust auf einen der Geschichtenabende…schade dass wir in der Taverne immer unter einem Dach sitzen, da fehlt mir der Blick auf die Sterne etwas.“
Tulenas Worte, so unbedarft sie gesprochen waren, rüttelten einen bis dahin noch tief und fest schlummernden Gedanken in ihr wach. Der freie Sternenhimmel, Geschichten…Gemeinschaft. Die meisten Mitglieder des Nachtvolkes kannten die liebgewonnene alte Tradition, sich in warmen wie kalten Tagen in einem Zelt zu treffen um einander dort Geschichten von Reisen und fernen Ländern, von Wesen so alt, dass sie nur Mären sein konnten und von unglaublichen Wundern zu erzählen doch ein wenig war die Tradition mit der Taverne eingeschlafen.
Schon vor Jahren hatten sie eigentlich eine kleine Zeltstadt mit einem kleinen Häuschen in der Mitte mitten in Schwingenstein bauen wollen und doch, hatte die Zeit und die Gelegenheit sich nie auf ihre Seite gestellt. Zuerst hatte die Erlaubnis gefehlt, dann hatte es Kämpfe gegeben, Wesen von außerhalb all dem, das sie kannte, hatten ihre gierigen Klauen nach den Bewohnern Gerimors ausgestreckt und so oder so war der erste Schritt schließlich nie genommen worden.
Heute aber, so beschloss der Vollmond, sollte der beste Tag für einen Anfang sein: Der Himmel so klar und blau, dass sich das Meer sicher in ihn verlieben konnte, die Herbstblätter bunt wie Juwelen aus den sagenumwobenen Schätzen, die die Drachen in den Sagen hüteten, das Flüstern des Windes in den Ästen der Bäume wie der Beginn eine Melodie…
Karawyns Herz schlug ihr bis zum Hals.
Tulena ein weiteres Mal stürmisch umarmend rannte sie, den Blick und das milde Kopfschütteln der Bäuerin nicht bemerkend in Richtung des Sees und begann mit den ersten Skizzen…
Eine Bühne und ein Hochseil, das darüber gespannt war…
Kurz schmerzte die Erinnerung an den Sternenfänger, der einst das Herz des Mondes gefangen hatte und nun selbst zu einem der leuchtenden Himmelslichter am samtigen Nachtblau geworden war.
Ein Zelt mit Kissen und Decken, in die man sich auch bei kaltem Wetter schmiegen konnte um an langen Abenden nicht zu frieren.
Eine Feuerstelle, an der man Stockbrot zubereiten konnte, so wie ihre Freundin Anney es immer geliebt hatte.
Und ein Häuschen mit Platz für einen jeden von ihnen
…
Karawyn wusste, dass die anderen den Vorschlag anhören, ihn hoffentlich für gut befinden und ihre eigenen Ideen hinzufügen würden.
Ein Platz für sie alle, dort am Rittersee.
Karawyn begann zu summen, eine der ersten Melodien, das sie nach ihrer Ankunft auf Gerimor gelernt hatte und das weder besonders komplex noch mit einem Text versehen war…sie wechselte an dessen Ende zum nächsten und zum übernächsten Lied und bald waren die Bilder fertig.
Dieses Mal…würde es gelingen!


