Nora
Die Mündung des Meeres grub sich im Westen tief ins Innere der Halbinsel der Thyren. Der Fjord war den Gezeiten und den Winterstürmen weniger ausgesetzt als das offene Meer und bildete daher eine gute Brutstätte für Aale. Das wusste auch Alev. Sie versenkte ihre Reuse deshalb gerne in den ruhigen Gewässern des Meeresarmes unterhalb des Tores von Wulfgard. Dort, wo die Böschung im steinigen, unfruchtbaren Boden des Nordens flach in ein kleines Kiesbett abfiel und den Zugang zum Wasser ermöglichte.
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Die früh untergehende Sonne blinzelte noch über die Holzpfähle des Tores in Wulfgard, als Alev in der Hoffnung auf einen Fang über die Böschung in den Kies rutschte.
Sie wollte gerade die Reuse aus dem flaschengrünen, ufernahen Wasser holen, da wurde ihre Aufmerksamkeit von einem leisen Winseln abgelenkt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Meeresarmes war eine junge Wölfin auf der Jagd nach Fischen über einen steilen Hang zwischen das Geröll eines schmalen Uferstreifens gerutscht. Nun war der Hang zu hoch und zu steil, um sich wieder an Land zu retten.
"Oh ney!" Alev beobachte die Versuche der Wölfin sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. "Dey kannst schwimmen!", versuchte sie die Wölfin mit paddelnden Armbewegungen und gutem Zureden dafür zu gewinnen, die Flucht übers Wasser anzutreten. Die Strömung war nicht allzu stark. Die Wölfin aber ließ sich nicht überzeugen und scheute die spiegelnde Oberfläche des bleischwarzen Wassers. Als sich Alev dann zum Gehen wenden wollte, um Hilfe zu holen, begann sie zu jaulen.
Alev knüpfte also den Schal auf und schlüpfte aus ihren Fellstiefeln. Mit Wasser vollgesogen war der Stoff ihres Kilts um ein vielfaches schwerer als gewohnt und beschwerte ihre Bewegungen beim Schwimmen. Das Wasser war so kalt, dass ihr die Luft wegblieb. Sie begann mit der unterschätzten Strömung abzutreiben und ihr kamen gerade ernsthafte Bedenken über die Durchführbarkeit ihrer Vorhabens, als sie auf der gegenüberliegenden Seite der Meeresmündung wieder Kies unter den Füßen spürte und sich auf den schmalen Uferstreifen rettete. Mit vereinten Kräften gelang es, die Wölfin über den Hang hinauf zu bugsieren.
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Als Alev tags darauf nach Einbruch der Dunkelheit (hustend) in die Weyberhütte zurückkehrte, blitze im fahlen Licht des Mondscheins kurz ein Augenpaar auf, das auf den zweiten Blick verschwunden war.

