Die Nächte der vorherigen Wochen waren kurz und es war eine aufregende Zeit. Eine Zeit, die ihn forderte und sicherlich auch förderte. Er hatte jene Momente noch im Sinn, als er nervös vor seinem Freund Konrad saß und ein Gardist werden wollte. Dem Reich etwas zurückgeben, das war sein Ansinnen. Und nun stand Larius hier, vor den Mauern Düstersees, vor der Feste seiner heiligen Bruderschaft. Bereits zum zweiten Male widmeten ihm die Geweihten ihre Aufmerksamkeit.
Eine größere Ehre konnte sich der junge Krieger nicht vorstellen. Entsprechend intensiv war die Vorbereitung. Eine Aufgabe sollte er sich überlegen. Eine Aufgabe, um sich zu zeigen, zu beweisen, dem rechtmäßig kritischen Blick der Ahads und Ritter zu genügen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass jeder Schritt, jede Aussage, jede Handlung darüber entscheiden würde, ob er diesen Weg weiter gehen dürfe oder nicht. Nichts Geringeres als eine weitere Prüfung des Herrn war es, wenn auch dieses Mal in einer sehr direkten, unmittelbaren Erfahrung, trat er doch in Kontakt mit seinen Auserwählten.
Paradoxerweise nahm ihm die Situation allerdings auch die Aufregung. Er hatte alles getan, alles gegeben, um jener Prüfung gerecht zu werden. Wenn bereits die Formulierung seines angedachten Weges ausreichen sollte, um Zweifel zu ernten, war er nicht würdig, in jener Feste ein und aus zu gehen.
Einen Moment stand er noch da, und wieder war da dieses Geräusch. Ein metallenes Schaben, beinahe Ächzen, als sich das große Gittertor der Feste nach oben bewegte. Ein kurzer Blick über die Mauern, die Luft tief mit der Nase einsaugend, nur um jene danach durch den Mund auszuatmen. Ein kurzes Zupfen am Mantel und er ging los.
Die Tage zuvor waren von vielen Ausritten geprägt. Die Nächte von vielen Gedanken. Seine Kameraden und Freunde hatte er wenig gesehen, sich zurückgezogen. Er hoffte, sie würden Verständnis haben, wenn sie letztendlich von seiner Situation erfahren würden. Er hatte es noch nicht für angemessen gehalten, seine Pläne, oder vielmehr Wünsche, jenen mitzuteilen, die ihm nahe standen. Lediglich jene, die auch Teil der Bruderschaft waren, wussten davon.
Es war Larius’ Natur mit Taten auf sich aufmerksam zu machen, auch wenn er ab und zu der Rede nicht abgeneigt war. Bevor er sich Gedanken über das "Was" machte, sollte er sich intensiv mit dem "Warum" auseinandersetzen. Die Gründlichkeit, die er sich stets versuchte anzueignen, war der eine Grund. Ein Weiterer war, dass es schließlich etwas sein sollte, was er überzeugend vermitteln konnte.
Das Reicht sollte langfristig profitieren, möglichst über Larius’ eigene Zeit hinaus. Ein militärischer Fokus war für ihn naheliegend, alles andere hätte ihn wohl als Ausführer einer solchen Aufgabe gänzlich nutzlos werden lassen. Die Bürger und die Verbündeten sollten eingebunden werden und gleichzeitig sollte es etwas sein, dass es dem Krieger abverlangt seine Routinen zu verlassen, eine Herausforderung darstellt und auch in gewissem Maße dafür sorgt, dass sein Name im Reich, auch über die Legion hinaus, ein Begriff wird.
Seine Ausritte sollten jene Gedanken mit einer Idee bereichern. Der Angriff auf Grenzwarth war erst wenige Mondwenden vergangen und trieb ihn die Reichsgrenze entlang. Oft bis in die Dämmerung hinein. Und immer wieder kam er an der Kreuzung an der ehemaligen Angurenfestung zum Stehen. Die Grenze an dieser Stelle war unbefestigt und unbewacht. Ein Vorstoß des Feindes über Varuna könnte weitgehend unentdeckt erfolgen. Die nächste Alarmglocke oder Signalfeuer waren erst in den Siedlungen Grenzwarth und Wetterau zu finden. Ein perfekter Eintrittspunkt für einen Angriff und damit ein ebenso perfekter Punkt für eine Verteidigungsanlage. Und doch sollte jenes Ziel realistisch bleiben. Er hatte keinerlei Erfahrung im Bau, lediglich den Befehlen anderer folgend hatte er hier und da mitgewirkt. Eine Verteidigungsstellung oder gar Festung schien ihm zu hoch gegriffen.
In eine andere Richtung gedacht, weniger als vorgezogene Verteidigungslinie, sondern eher als eine Art Außenposten mit einem entsprechenden Wachturm, und er merkte, wie sich sofort Umsetzungsideen formten. Der Feind soll wenigstens entdeckt werden können, bevor er das Reich weitgehend unbehelligt betritt.
Es folgten Nächte des Nachdenkens, Planens und auch immer wieder des Zweifelns. Doch die Zweifel wurden letztlich von der Überzeugung verdrängt. Selbst wenn Larius mitnichten alles selbst umsetzen konnte, war dies auch gar nicht das Ziel, so kannte er inzwischen Menschen, die ihm helfen würden. Jene Hilfe würde er brauchen, hier wiederum gab es keinerlei Zweifel.
Und jetzt senkte sich das Tor, die gespitzten Eisenstäbe bohrten sich wieder in die im Erdreich befestigten Sockel. Austritt und Eintritt in die Festung hatten das sammelnde Durchatmen gemein. Und nun? Der Weg vor ihm war nicht zu Ende, es sollte weiter gehen. Die Geweihten hatten seinen Vorschlag akzeptiert und bereichert. Der Außenposten sollte unter Einbeziehung der Legion und der Bruderschaft umgesetzt und die fehlende Erfahrung Larius’ durch Gespräche mit den Höheren ausgeglichen werden. Eine Einbindung in das Netzwerk an Signalfeuern wurde ebenso angedacht und aufgetragen.
Ansonsten ruhte der Blick der Geweihten nun auf ihm. Es waren nicht viele Worte gesprochen worden, bevor man ihn letztlich wieder aus der Festung entließ. Es lag nun an ihm, jenes in die Tat umzusetzen und sich die Hilfe zu holen, die er brauchte. Bevor der erste Stein gesetzt werden sollte, lag noch viel Arbeit vor ihm …











