selbst Götteraugen zwingst
und Bettler oft zum Throne
zum Mädchen Schäfer bringst,
vernimm: Kein Traumgespinste
verlang ich heut von dir.
~ Johann Wolfgang von Goethe ~
Dunkle Gänge, kalter Stein und so seltsam hoch die Decken, dass man in der Schwärze weit dort oben nicht einmal das Ende der Säulen ausmachen konnten, welche den Raum trugen. Dafür aber starrte die Dunkelheit irgendwann, wenn man nur lange genug die Blicke in dieses Nichts gleiten ließ, zurück
… und sie hatte verflucht viele Augen.
Manche davon animalisch, geschlitzt und in ungewöhnlichen Farben leuchtend, andere wiederum wirkten beinahe menschlich und blinzelten geweitet, vielleicht entsetzt zurück. Doch die Schlimmsten darunter hatten keinerlei Lider, schlossen sich nie und sahen tiefer als es möglich sein sollte. Sie drangen durch Haut, Fleisch und Knochen bis in die Bereiche, wo der Verstand, die Emotionen oder auch die Seele eigentlich verborgen und sicher ruhen sollten.
Durchaus weise also, der Neugierde nicht allzu lange nachzugeben und das Interesse rasch wieder von der schwarzen, unwirklich weiten Decke wieder hinab zu lenken.
Der Boden wiederum schimmerten in einer sanften, vorgegaukelten Feuchtigkeit, da die winzigen Quarzsplitter in dem groben Gestein jeden noch so schwachen Lichthauch auffingen und funkelnd mannigfaltig brachen. Wer aber die Hand an die rauen Fliesen zu seinen Füßen legte, der spürte statt kühlem Höhlenwasser eisige, beklemmende Kälte. Sie war vermutlich auch der Grund für den knochenbleichen Nebel der sein unwirkliches Band mal feiner und dann wieder undurchdringlicher durch das gigantische Gewölbe hauchte.
Hinter ihm wohnten, wie so oft, die Bewegungen.
Die meisten davon waren ein Trugspiel des eigenen Geistes, der sich rasche zuckende Schemen und grässliche Gestalten hinter dem, was das Auge erfassen konnte, ausmalte
… doch manche davon lebten und lauerten wahrlich.
Sie warteten still, harten blind und witternd aus, um zu ergründen, was dort unten umherwanderte, ob es zu diesem Ort gehörte und wie stark es nach Angst stank. Letzteres war ein ganz besonderer Indikator für Beute und so sind die Geschichten jener, die in den Nebel strauchelten oder rannten, um einer anderen Gefahr zu entkommen, nur um nie mehr gesehen zu werden, von wahrer Natur.
Zuletzt aber war es die grotesk harmonische Klangfolge an leisen Geräuschen, die zusammen dafür sorgten, dass es eben doch nie wirklich still wurde, sondern sich ein Teppich aus gehauchtem Wispern, unregelmäßigem Schaben und Kratzen über spröde Oberflächen und dem seltenen, langgezogenen, dumpfen Grollen, durch das gesamte Gebiet zog. Wobei es am Rande der Stufen, egal von welchem Punkt aus, die in die Tiefen führten, noch kaum merkbar war und dauerhaft präsent wurde, je näher man dem Zentrum der Irrgänge kam.
Wer dieses Gewirr an Lauten zu sehr in sich aufnahm, der konnte regelrecht spüren, wie es eins mit dem Körper wurde und bald im Gleichklang zum eigenen Herzschlag abebbte, um kurz darauf rhythmisch wieder aufzurauschen. Ein bizarrer Puls, der die Panik zündelnd entfachte
… zu Recht!
Denn hier wartete nicht der Tod, kein Ende mit Schrecken, sondern wortwörtlich der Schrecken ohne ein Ende – und die Geräusche waren nur sein Vorbote, seine persönliche Sinfonie.
Am heutigen Abend mischte sich das zarte, feine Flüstern eines leuchtroten Robensaums darunter und zu ihm gehörte auch das verspielt wirkende, schwach hallende Tappen filigraner, blanker Sohlen. In jedem Raum, den diese Füße durchschritten, blieb beinahe spürbar ein Anflug von massiver Macht, verbunden mit dem Glanze goldener Haare und dem sanften Duft wilder Mohnblüten zurück.
Doch die mädchenhafte Gestalt wandelte unbeirrt tiefer in die Hallen des ewigen, uralten Schreckens und sorgte sogar dafür, dass mancher Schatten hastig vor ihr zurückwich, um ihrem Ziel keinesfalls im Wege zu stehen.
Sie alle spürten ihre Gedanken, ahnten die Motive dahinter und fielen in den Tatendrang mit ein.
„Es ist beinahe an der Zeit…“, merkte die weiche, junge Stimme, die sowohl berechnend eisig kalt und doch verführerisch lockend zugleich klang, an, als sie sich einem rabenschwarzen, gigantischen Monolithen näherte.
„Zzzzssseit… Zsssszzzeit…. Zeit…“, wisperten die Stimmen zurück und als sie Blick hob und in die Decke sah, da starrte ein Meer aus Augen zurück. Sie jedoch hob die Mundwinkel langsam, bis ein dünnes, beinahe grausames Lächeln die vollkommenen Lippen umspielte.
„Die Zeit der Prüfung, das Jahr der Schonung ist vorbei.“
„Zzzzssseit… Zsssszzzeit…. Zeit…“
„Wir wollen sehen, ob es weise genutzt wurde oder ob das Unterpfand eingelöst wird.“
„Zzzzssseit… Zsssszzzeit…. Zeit…“
„Von der Torwächterin oder dem Grauen, je nachdem wessen Anspruch größer ist.“
„Zzzzssseit… Zsssszzzeit…. Zeit…“
„Ja, es ist beinahe Zeit. Morgen schon…“
„Zzzzssseit… Zsssszzzeit…. Zeit…“
„Morgen weicht der Goldblatt dem Rabenmond – es ist Rabenzeit!“
Und mit dem letzten Aufruf weiteten sich die Augen an der Decke, zitterte die Erde und verstummte das Flüstern für wenige Momente vollends.
Lautlos wuchs schlingernd ein grüner, zarter Strang aus dem Boden vor ihren Füßen, streckte sich rasant, bis er sie einige Zoll überragte. Zwei Knospen formten sich, spitz zulaufend und öffneten sich dann wie aufklappende Münder, entblößten leuchtrote Mohnblüten mit samtdunklem Zentrum.
Als sie danach griff, ließ es sich ohne Widerstand pflücken und die Wurzeln formten sich geschwind zum schwarzen Sensenblatt.
„Ich bin bereit.“, hauchte sie in dunkler Wonne, „Doch ist es die Welt? Bist du’s?“
„Es ist beinahe an der Zeit…“







