Die Angewohnheit ihre neuen Reichtümer stets in Mammon und Bier umzusetzen, führten Isaiah und Zeph erneut in die Eingeweide der alten Stadt, in der Hoffnung noch die ein oder anderen hinterlassenen Erbstücke zu finden, die sich zu Gold machen ließen. Die letzten verbliebenen Münzen tauschten sie beim Krämer gegen eine karge Ausrüstung, zwei Pechfackeln, ein kurzes Seil und eine neue Ledertasche, um die alte zu ersetzen, die auf der Flucht beim letzten Plünderzug der rostigen Klinge eines Wiedergängers zum Opfer fiel und daraufhin prompt die Beute über den Boden verteilte. Isaiah erfüllte der Gedanke daran immer noch mit Zorn, wäre dieser Tölpel Zeph nicht gestolpert, hätten sie diesen Ausflug nicht jetzt schon machen müssen. Sicherlich wären noch zwei oder drei Wochen eines lauen Lebens in der ratzenden Ratte damit möglich gewesen, und abends ein kühles Bier aus dem Fass.
Kurz wanderte sein Gedanke zu Zeph weiter, nie hatte er ihn das Geld ausgeben sehen, nie hatte er sich etwas gegönnt, vielleicht sollte er sich das nächste Mal Zeph schnappen, statt sich wieder an diesen unheilsvollen Ort zu begeben, irgendwo musste der Kerl doch sein Geld verstecken, was ihm an Jugend fehlte würde er durch Erfahrung wettmachen und ihm mit seiner Faust nahelegen, ihm was von seinem Geld abzugeben. Kurz schüttelte er den Kopf, um wieder zu klaren Gedanken zu kommen, immerhin, so dachte er weiter, könnte die kleinste Unaufmerksamkeit zum Tode führen. Ruhig atmete er durch und sah über seine Schulter nach hinten zu Zeph. Der junge, hochgewachsene Kerl war in eine Lederrüstung gekleidet, lediglich die Arme und Beine wurden durch Kettengeflecht geschützt und auch dieses hatte seine besten Tage hinter sich, die unterschiedliche Färbung des Metalls der Kettenringe ließ darauf schließen, dass es schon des Öfteren ausgebessert wurde und dafür nicht immer hochwertiges Material verwendet wurde. Verächtlich schnaubte Isaiah, hätte der Junge auch nur so viel Zeit in Kampfübungen gesteckt wie in seine Briefe, so müsste nicht immer so ein großer Teil der Beute in die Reparatur der Rüstungen fließen. Aber irgendwie konnte er ihm auch nicht böse sein im Gegensatz zu ihm macht der Junge das, um seine Familie zu ernähren. Er hingegen hatte nichts mehr, als das Nichts damals Berchgard angriff hatte er alles verloren, sein Haus, seine Besitztümer, allen voran seine Frau und seine Kinder niemals würde er wieder in ihrem strahlenden Lächeln aus seiner griesgrämigen Schale brechen können, noch jetzt schmerzte es als würde ihm jemand ein Messer in der Wunde drehen und er verzog einmal die Mundwinkel. Und irgendwie, konnte er dem jungen Mann auch nichts antun, so sehr seine Gier ihn manchmal lockte, stets erinnerte er ihn an seine eigenen Kinder, damals als noch alles in Ordnung war. Abwehrend schüttelte Isaiah den Kopf, um die Gedanken abzuschütteln und seine Hand griff fester um den Kriegshammer, den er mit sich trug, so dass sich seine Knöchel weiß gegen die Haut pressten.
„Ist etwas Isaiah? Hast du etwas gesehen?“ fragte der Schlanke hinter ihm, während er schon fast erschrocken seinen Speer packte und leicht in die Knie ging.
„Nein Zeph, es ist alles in Ordnung, ich… ich war nur in Gedanken und wollte sie abschütteln.“
„Wieder deine Familie?“
„Du weißt, dass ich da nicht gerne drüber rede, Zeph“
„Ich weiß, ich freue mich schon, dass ich bald zurück Nachhause kann, mit dem Gewinn dieser Runde sollte ich bald genug zusammen haben, um die Schulden abzubezahlen“
„Ist das so? Aber war es das denn wert? Wir arbeiten schon einige Monde zusammen, und die Male wo wir einen Krug kühlen Biers zusammen getrunken haben kann ich an einer Hand abzählen.“
„Das war es, ich werde zurück nach Nharam zu meiner Familie reisen können, wir wollen das Geschäft unserer Eltern wieder aufbauen, das mein Vater mit seiner Spielsucht zu Grunde gerichtet hat.“
Isaiah schwieg nur auf diese Aussage, brummte einmal zustimmend und konzentrierte sich wieder auf den Weg. „Es tut mir leid Isaiah, ich wollte nicht…“ „Schon gut Zeph, schon gut“, brummelte der ehemalige Schmied zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Einige Wegzeit verging, bevor sie vor dem ehemaligem Osttor Varunas angelangt waren, dort standen die Reste der alten Stadtmauer vor ihnen, voller Lücken, wie die Zahnreihe eines alten Kneipenschlägers. Schon auf der alten Brücke am Stadttor schien an diesem Tag ein Miasma den beiden Männern entgegen zu rollen, die rasch ihre Gesichtsmasken hochzogen und ihre Helme aufsetzten. Aber irgendetwas schien hier zu sein, es war normal, dass man sich in der ehemaligen Metropole fürchtete, war sie doch ein morbides Denkmal daran, dass alles verfallen konnte, sollte es auch noch so groß und prachtvoll scheinen. Aber das war es nicht, es war ein tiefes Gefühl in den Knochen, so uralt wie es nur sein kann, wie bei einem Reh, dem von einem Wolfsrudel nachgestellt wird. Tief trieb es sie es an dem Abend in die Ruinen. Immer wieder schweiften die Gedanken ab und machten es schwierig sich zu organisieren, mal um mal trieben sie zurück zur neuen Heima, wo man sich mit den Kollegen breit gemacht hatte, ein heruntergekommenes Haus vor Varuna, nicht allzu fern von der ehemaligen alten Heimat. Hier verbrachte Isaiah schon bestimmt ein Jahr oder noch ein halbes drauf? Zu lange war es her, bevor er überhaupt dazugestoßen war hatten die anderen schon die Viecher aus dem Haus vertrieben und es wohnbarer gemacht. Aber wie das Leben nun mal so war, führte es sie wieder in den stinkenden Pfuhl der sich einst Varuna nannte. Auf leisen Stiefelsohlen huschten sie über das moosige Bodenpflaster, den geistlosen Augen starrender Untoter ausweichend, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Aus verstaubten Kommoden und Truhen wurde so manches Erbstück entwendet, welche die Besitzer im Tod oder Untod eh nicht mehr brauchen würden. Schimmerndes Silber und blinkendes Gold füllten rasch die Beutel der beiden Abenteurer. Tief tauchten sie in den Pfuhl böser Energien und rachsüchtiger Geister ein, doch irgendetwas schien nicht richtig - ein flüchtiges Bauchgefühl, das man schlicht dafür abtun könnte etwas Schlechtes gegessen zu haben, womit es durch die Trunkenheit nach Reichtümern leicht überspielt wurde. Es war nicht wirklich präsent, bis sich beißender Raureif über den Schmuck in Isaiahs Händen zog, so dass er erschrocken aus dem Fenster des Hauses in dem er sich befand, blickte und etwas Schreckliches erspähte. Viele Geschichten hat er mit seinen Kameraden am Lagerfeuer gehört, doch selber war er ihm nie begegnet… dem Schrecken, der im Herzen der alten Stadt lauerte und schon den Tod vieler wagemutigen Recken gewesen war: der Insektendämon!
Um diesen Koloss eines Insekten waberte die Luft, als würde sich die Realität selbst verbiegen. Grässliche Schatten huschten in ständig wechselnder Gestalt, ohne je eine feste Form anzunehmen, um das Biest herum. Arme, Klauen, Flügel, Tentakel bildeten sich in dunklen Schattenformen und verschwanden wieder, bevor der Umriss sich schärfen konnte. Es dauerte nicht lange bis auch Zeph das Schauspiel bemerkte, sich hinter Isaiah stellte und mit ihm aus dem Fenster starrte. Einige Momente standen sie dort mit vor Schrecken gefrorenen Gliedern, während sich die wabernden Umrisse nun doch langsam festigten und nach und nach gebaren sie Schatten, die sich in die Realität zwängten und Glieder bildeten, die zahnreich, klauenbewehrt und beflügelt waren. Massen aus gefräßigen Kiefern, Mäulern und Hörnern, sowohl kleine Wesen, nicht größer wie Mäuse, sowie enorme Monstren, die einen Oger leicht in den Schatten stellen konnten, waren darunter. Doch allem voran mangelte es plötzlich an Licht. Das lebensspendende und als so gegeben erachtete Gut war wie unter einer dichten Decke erstickt worden, langsam aber stetig wurde es düster, viel dunkler als es eigentlich sein sollte, nur noch das gespenstische Wabern spendete eine Art Irrlicht, mit vorübergehenden Blitzen. Von einer Helligkeit versehen, die etwas Neues beleuchteten: vor dem Insekt manifestierten sich einige Schattengestalten. Die Silhouetten bildeten eine feiste sich stetig ändernde Massen an Körperteilen und Mäulern, eine feminine Form, deren Hände in Klauen endeten und die Füße in die gespaltenen Hufe von Ziegen oder Rindern, der nächste Schatten eine kleine bucklige Gestalt mit Flügeln und einem langem Schwanz der in einer pikförmigen Spitze endet, neben ihr stand ein langer, muskelbepackter Schatten mit langen scharfen Krallen. Das nächste Blinzeln enthüllte eine Gestalt die über den vier thronte, eine fünfte größere Gestalt die einem gerüstetem Dämonen glich. Scheinbar tauschten der chitinöse Schrecken mit dem großen Schatten zischende Laute einer ihm unbekannten Sprache aus.
„Zeph wir müssen hier raus, da geht etwas Großes und Unheiliges vor, wir sollten hier weg, sofort!“ zischte Isaiah zu ihm hinüber „nimm du die Beute, ich gebe uns Rückendeckung.“.
Zeph schluckte, er war kreidebleich geworden im Gesicht und fing den Beutel, den Isaiah ihm zuwarf eher zittrig, ehe die beiden zur Tür hinaus huschten. Zügig aber nicht zu laut bahnten sie sich ihren Pfad durch die Ruinen, vorbei an morschen Gerippen und Spinnen. Doch irgendetwas war noch dort, stets im Augenwinkel zuckte etwas und sorgte dafür, dass beide sich stets panisch umdrehten und versuchten etwas auszumachen, was jedoch scheinbar nicht da war. Bald schon kam wieder das Stadttor in Sicht.
„Gleich sind wir hier raus…“, huschte es durchs Zephs Gedanken, ehe er sich umsah und erneut erschrak, als er Isaiah nicht mehr sehen konnte. Kurz blieb er schlotternd stehen und ging fahrig rückwärts weiter in Richtung des Tores, während er die Ruinen vor sich ins Augen nahm und zusah, ob er Isaiah nicht doch irgendwo erspähen konnte. Wieder und wieder blickte er hastig nach links und rechts, als er vermeinte, etwas in den Augenwinkeln zu sehen. Langsam näherte er sich dem Stadttor und bemerkte, dass sich die Dunkelheit wieder gelichtet hatte - es war noch früher Abend und man konnte wieder richtig sehen. Zögerlich ging er weiter Schritt um Schritt rückwärts. Einen Sack ließ er fallen und zog sein Schwert, die Hälfte der Beute schien immer noch gut genug und wenn Isaiah noch kommen sollte, könnte er den Sack mitnehmen. Noch ein Satz zurück, da tappte etwas gegen seinen Helm. Leicht und zart tippelte es… „Pitsch“, einen kurzen Moment der Ruhe, dann wieder ein „Pitsch“ mit einem unglaublich leichtem Druck gegen den Helm, beinahe wie Regen, doch der Boden vor ihm war trocken. Er hielt kurz inne und sah kurz an sich herunter, ehe es ihn wie ein Schlag traf. Direkt unter seinen Füßen befand sich eine scharlachrote Pfütze! Erschrocken machte er einige Schritte vor und starrte nach oben und er entdeckte den Quell des Tropfens. An die Überreste des Tors heftete das, was von Isaiah übriggeblieben war. Alle Viere von sich gestreckt, den Brustkorb aufgebrochen, langsam tropfend und die Pfütze unter sich füllend. Darüber stand in seltsam schillernden, sich ständig bewegenden Lettern „Du wurdest gesehen“, darunter prangte ein Symbol eines Auges in den gleichen, unwirklichen Farben. Noch in seinem Blick begannen die Buchstaben zu verblassen er spürte, wie etwas seinen Kopf durchdrang, sich in den Schädel bohrte und in den Geist dahinter blickte. Er ließ nun augenblicklich sein Schwert und die Beute fallen und spurtete los. Er wollte nur noch raus, „Scheiß auf die Beute!“ hallte es ihm durch den Kopf, während sich beinahe im Laufen überschlug. Vorbei an dem Gräuel – oh, nie wieder würde er diese verfluchte Stadt betreten wollen. Er rannte vorbei am Tor, dem Galgen und über die Wiese. Bald sah er schon die Heimstatt seiner Bande wieder in dem baufälligem Haus, das notdürftig geflickt worden war. Gierig saugte er die Luft ein, die seine brennenden Lungen füllte, kurz verharrte er ehe er die Türe öffnete, vor ihm stand eine seiner Kameradinnen sie drehte sich zu ihm um und sah ihm entgegen.
Ihre Miene aber spiegelte keine Angst, Panik oder überhaupt Erschrecken, als sie an seiner blutverschmierten Rüstung langsam hinab- und wieder hinaufsah, es folgte keine Frage nach Isaiah, keine Alarmbereitschaft. Nein, nur ein zartes, verführerisches Lächeln umspielte die Mundwinkel und sie leckte sich kurz über die Lippen.
„Hmmm, so viele, starke Gefühle, so süße Sünden… ihr macht wirklich Lust auf mehr…“ kam es nur verzerrt aus ihrer Kehle als etwas in ihrem Blick aufschimmerte.


