Das einzige, was sie an jenem Abend dann noch besaß, war das dünne Kleid, das sie noch am Abend am Leibe getragen hatte. Zu ihrem Haus am Fluss hatte sie sich nicht mehr getraut, wusste sie doch, welche Kraft Wind und Wasser besitzen konnte. Wer am Meer aufgewachsen war, fürchtete und liebte es zugleich, gemeinsam mit dem Hafen, in dem er lebte.
Wie gut nur, dass der Zufall es gut mit ihr gemeint hatte und die junge Heilersfrau die Nacht zuvor nach der Hochzeit bei Moira und Rhea untergekommen war. Und als der Tag sich ein weiteres Mal neigte und sie eine weitere Nacht auf dem Sofa verbrachte, weckte die tiefe Unruhe und der Wind draußen sie am Ende kurz darauf doch wieder auf, sodass sie sich die Decke nahm und um sich schlang, um den Blick aus dem Fenster gleiten zu lassen. Kräftige wie dünne Äste lagen auf dem Boden, frisch abgebrochen und sicherlich den Geruch frischen Holzes verbreitend, wenn man das gesicherte Fenster aufmachen würde. Es fröstelte sie beim Anblick und bei den Gedanken, die damit einhergingen. Adoran sollte aufgegeben werden für diese Zeit, ein schlimmer, schlimmer Sturm, der die Stadt heimsuchen sollte. Und dann? Was war sie stolz gewesen als das Häuschen am Fluss frei war zu Zeiten, wo die anderen Gebiete evakuiert waren. Nah am Fluss, ab vom Trubel der Stadt... und am Ende dann halbwegs nah am Hospital.
In der Stille der Nacht mit dem leisten Knistern der Glut erklang ein schweres Seufzen, das ungehört geblieben sein mag. Und lange stand sie am Fenster, um nach draußen zu blicken. Den Sack, den sie einmal angesprochen hatte, spürte sie in dieser einen Nacht besonders schwer und versuchte sie regelrecht zu erdrücken. Die Helisande sagte, er wird auch nicht leichter werden, man würde nur stärker werden, aber dieses Gefühl hatte sie gerade so ganz und gar nicht, im Gegenteil.
Sollte es wirklich so schlimm kommen, hatte man wieder Erwartungen an sie... nicht, dass sie das nicht gewohnt war, doch es würden nun andere Erwartungen kommen, größere vermutlich. Doch gemeinsam mit der Schwere der Nacht kam auch ein Funken Entschlossenheit. Sie wusste, wie es war, wenn man nichts hat. Und sie wusste auch, dass das alles ersetzbar war mit der Zeit. Und sie würde mithelfen. Mussten sie Adoran fliehen und nach Kronwalden ziehen, so würde sie dort mithelfen, und wenn es erstmal nur das Verteilen von Decken wäre. Oder das Austeilen von heißen Suppen... oder was man eben so tat.
Und dann... ein Aufmerken. Woher kam das alles? Diese Gedanken an Pflichtbewusstsein, an Aufgaben, an vorausschauender Sicht? Die mussten sich irgendwann eingeschlichen haben vermutlich... schwer ging der Atem als sie sich Arme reibend wieder auf das Sofa legte und den Kopf im Kissen vergrub.
"Arsch aus der Sache ziehen ist nicht mehr Esther. Du bist vielleicht noch die Amsel, aber nicht mehr das Gossenkind...", murmelte sie noch zu sich selbst und schlief über den eigenen Worten am Ende ein, getragen vom lauten Wind und Gedanken an morgen.