
Kannst du den Wind hören?
Wie er die Blätter um die Bäume treibt und sie anstachelt, noch lauter Musik zu machen. Wie er versucht die Wesen im Geäst zu locken, über Stock und Stein zu treten, um noch einen anderen Klang in seine Erzählung zu bringen. Kannst du hören, wie er die Geschichten der Ahnen erzählt, in Erinnerungen schwelgt und die Vergangenheit aufleben lässt? Wie er versucht deinen Geist zu erhellen und dich hinhören zu lassen, auf dass Erzählungen weiter erzählt werden und Namen weiter getragen.
Kannst du es hören?
Das Flackern, welches dir die Annalen deines Volkes aufzeigt? Die hellen und weniger hellen Facetten der Zeit, die dir all das geben, was dein Herz braucht und deinen Geist erfüllt. Dinge, die dich weiser machen und erwachsener, die dich aufleben lassen, die dir helfen, wenn es nichts anderes mehr kann. Die Chroniken deiner Welt, die sich um dich schlingen, wie eine zweite Kleidung und dir aufzeigen wer du bist. Die Kälte und die Wärme jedes einzelnen Luftzuges.
Höre zu.
Die Begrüßung
Rituale und das dazwischen
Dein Name, der Name deines Vaters, deine Bestimmung, dein Clan, dein Blut. Einfache Schritte, die einem bereits als Kind verinnerlicht wurden. Jeder der unseren weiß, wie man sich richtig vorzustellen hat. Und jeder, der es aus unerfindlichen Gründen vergessen hat, wird daran erinnert. Denn es hat etwas mit Stolz zutun. Jeder soll wissen wie man heißt, woher man kommt und wohin man geht.
Das thyrische Volk begrüßt sich seit jeher auf die gleiche Art und Weise. Das bezieht auch den obligatorischen Schlag auf Kinn oder Schlüsselbein mit ein. Wenn ein Mann bei einer Frau auch meistens die Schulter wählt oder sich gar ganz gegen einen Schlag entscheidet.
Unser Volk schlägt natürlich nicht aus Spaß zu. Dieses Ritual hat eine tiefere Bedeutung. Denn es ist wichtig festzustellen, in welchem Zustand sich der neu dazugekommene Clanner befindet. Ist er standhaft und zäh oder schwach und krank. Hält der Schlag einen Thyren auf den Beinen oder wirft er ihn um. Das ist eigentlich die wichtigste Frage, die in diesem Fall durch Taten herausgefunden werden soll. So kann es auch durchaus sein, dass eine Begrüßung von mehreren nur mit einem Schlag besiegelt wird. Denn die anderen haben die Antwort auf diese Frage bereits erhalten. Wenn es auch jedem frei steht, noch einen nach zu setzen. Ein wahrer Thyre erträgt das Ganze mit einem Lächeln und mit diesem wird eventuelles Blut auch zur Seite ausgespuckt.
Und danach wird gesoffen. Angestoßen auf Standhaftigkeit oder einfach darauf, das ein neuer Clanner dazugestoßen ist. Oder einfach weil es Abend ist und der Abend mit einem Anstoß gefeiert wird.
Ich habe erst einen einzigen Schlag gegen das Kinn erhalten und das von der Hand eines Schwertes, dessen Augen verdeutlichten, dass er bereits unzählige Hiebe ausgeführt hatte. Er trug bereits die Makel der Zeit mit sich und in seinen Augen fehlte der Glanz von jugendlichem Leichtsinn und die Aufgeschlossenheit für Neues. Vermutlich weil für ihn nur noch recht wenig neu war. Doch behielt er den Blickkontakt bei, während sich mein Kinn gefühlt drei Meter nach rechts verschob und der Schmerz sich durch meinen ganzen Kiefer zog und in meinen Schädel bohrte.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht genau was meine Beine machten, aber sie waren offensichtlich bemüht darum den Halt nicht zu verlieren. Lediglich die zitternden Knie waren recht schwer zu kontrollieren, aber diesen widmete der Gegenüber nur einen kurzen Blick. Es war ihm egal wie sehr der Baum sich im Wind dehnte und knarzte. Wichtig war, dass er nicht aus der Erde riss und zu Boden ging.
Ich war ein stabiler Baum. Und nachdem ich zur Seite ausgespuckt hatte und der Körper wieder gerade stand und weniger wie ein verwachsenen Geäst wirkte, nickte ich kräftig. Der Schmerz war berauschend, das Gefühl willkommen und der Stolz in der Brust kaum zu beschreiben. Ich stand noch und ich war zufrieden damit. Und er auch.
Kein weiteres Wort, keine Wertung in seinem oder meinem Blick. Man kannte sich nun und war bereit den restlichen Abend zusammen am Feuer zu verbringen. Doch das Pochen in meinen Adern hörte nicht auf. Und das Gefühl kam Jahre später wieder und wieder und presste sich in jede einzelne Pore. Die Begrüßung war wie ein Rausch für mich, ein Warten, ein Hoffen. Ich war bereit für die Faust, bereit mich zu beweisen. Ich war zäh und standhaft.