~•°•~
» Lausche meinem Lockruf «
Pochender Schmerz, als würde man ein heisses Stück Eisen durch das Fleisch ziehen, dämmerte in meinem Kopf und schien verzweifelt einen Weg zu suchen, um nach draussen zu gelangen. Ein Pochen, dass sich nicht ausblenden liess. So deutlich, aber dennoch nicht lokalisierbar, dass es einen nach und nach in den Wahnsinn trieb. Schmerzen, die für einen kurzen Moment wichen, nur um mit geballter Kraft wieder aus dem Versteck hervor zu schiessen. Ein stetes auf und ab der Laune. Eine innige Hassliebe, die ich in diesem Moment für das Getränk verspürte.
In meinem Rachen konnte ich noch immer das scharfe Brennen des Rums am Vorabend spüren, der meine Wut wie die hauchzarte Berührung eines hübschen Weibes davon schwemmen und für den Moment vergessen liess, eingehüllt in einer Decke aus wohliger Wärme, die sich in meinem Körper ausgebreitet hatte. Zugegeben, ich erlaubte mir, eine Prise Wildkraut hinzu zu mischen, das sein übriges tat um zu verhindern, dass ich nicht doch eine Dummheit beging. Mit Erfolg.
Im späteren Verlauf des Tages, ich meine mich zu erinnern, dass es kurz nach dem Mittagsläuten war, entschied ich die Herberge zu verlassen und durch die Gassen zu ziehen, um mich umzusehen. Zu der Zeit fegte ein stürmischer Regen über die Stadt und vertrieb die Menschen von den sonst vollen Strassen, in denen man sich kaum davor retten konnte, angerempelt zu werden. Fast schon geisterhaft wirkte die Leere und Stille, die unterbrochen wurde von dem regelmässigen Heulen der Winde, die sich einen Weg um die Häuser bahnten, die ihnen trotzen. Die Regentropfen peitschten mir unaufhörlich ins Gesicht, während ich meinen Mantel notdürftig um den Leib schlang. Eine Pranke schob flüchtig das nasse Haar zurück, dass sich immer wieder in meinem Gesicht verirrte und der Blick meiner meergrünen Iriden suchte die Ladenschilder der Häuser ab.
Mein Aufenthalt hier in Alrynes war nicht sonderlich ereignisvoll und so entschied ich mich, für die ruhigeren Stunden eine Laute zu besorgen, die mir etwas Unterhaltung spenden und vielleicht gar dabei helfen sollte, etwas Aufmerksamkeit für mich zu gewinnen.
Einen halben Stundenlauf von der Herberge entfernt wurde ich schliesslich fündig. Das kleine Häuschen war recht nett anzusehen, erinnerte mich vom Stil tatsächlich ein wenig an meine Heimat. Komplett aus Holz gebaut, das Dach aus Stroh. Eine Veranda, auf der eines dieser Stühle sass, in denen man vor sich her schaukeln konnte und daneben auf dem Geländer ein Aschebecher für Glimmstängel. Ein amüsiertes Schmunzeln umspielte meine Lippen, als ich daran dachte, dass ich mich in meinen letzten Tagen in dieser Welt vermutlich genauso niederlassen würde.
Ich betrat also das Haus, sah mich im Inneren um. Überall waren Stücke ausgestellt, die dem kleinen Laden einen gewissen Charme verliehen. Allem voran die Miniaturen der Schiffe, Nachbildungen liess ich mir sagen, sprachen mich dabei an. Sie waren bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und wüsste man es nicht besser, hätte man glatt denken können, dass das Schiff in einem Unheil geschrumpft wurde. Trinkbecher, Wanderstäbe, Schmuckstücke, Bögen und vieles mehr gab es zu entdecken und warteten nur darauf, einen neuen Besitzer zu finden.
Meine Aufmerksamkeit galt jedoch einer besonderen Laute, die sich fast schon ein wenig versteckt in einer Ecke im hinteren Bereich des Verkaufraumes versteckte, als hätte der Erschaffer Schwierigkeiten gehabt, sich wirklich davon zu trennen. Der Korpus des Instruments war geziert von einem Relief auf Wellenmuster, die detailgetreu in das Holz hinein geschnitzt wurden und aus dessen Mitte eine Seeschlange aus dem Wasser ragte. Das Schuppenkleid des Tieres wurde dabei mit keinen, silbernen Plättchen hervorgehoben und bildete damit einen schönen Kontrast zu dem sonst dunklen Mahagoniholz, aus dem die Laute bestand. Ich verliebte mich direkt darin und nachdem der alte Mann, dem der Laden gehörte anfangs herumdruckste, schob ich ein Grossteil meines ersparten Goldes über die Theke und verliess das Gebäude um den Heimweg anzutreten.
In den nächsten Tagen liess ich die Gäste der Taverne immer wieder unfreiwillig an meiner Musik teilhaben, die durchaus Anklang fand, wenn auch nicht bei allen. Denn ich wählte dafür ein Lied, dass ich aus Kindestagen spasseshalber gesungen hatte. Es handelte sich dabei um Piraten, die in diesem Teil der Welt verhasst und gesucht waren. Doch so konnte ich meine Absichten verstecken und mit den Gästen, im Glauben ich würde nur aus einem Witz heraus über diese sprechen, die ein oder andere Unterhaltung über die Unsrigen führen.
Plündernde Piraten, gefürchtet von Süd nach Nord,
Gesucht von Grossmächten, ob lebendig oder tot,
Kommen uns nur die stärksten und kühnsten an Bord,
denn auf hoher See zu sterben ist uns’r höchst’s Gebot!
Siehe die Flagge, die in die Höhe ragt,
Dein Schicksal nun besiegelt, das Leben wird hart,
Angst und Schauder, der durch deinen Körper jagt,
Fliehe nicht, denn das is’ nich’ uns’re Art!
Komm schliesse dich an, einen neuen Weg zeig ich dir!
Reichtum und Vergnüg’n, das suchen wir!
Hörst du, wie die See nach uns ruft?
Bis zu dem Tage, an dem das Leben uns verflucht!
Geh hin und küss’ dein Weib ein letztes mal,
Denn das Leben auf See wird dir alles entreiss’n,
Verstecke nichts, sonst triffst du auf Qual,
Und wirs’ dir deine Lippen vor Schmerz zerbeiss’n!
Doch wenn wir zurückkehr’n mit Säck’n voller Gold,
Und feiert, als gäbe es keinen Morg'n,
Nicht wisst, was ihr damit tun sollt,
Denkt dran, ihr müsst eure Weiber umsorg’n!
Komm schliesse dich an, einen neuen Weg zeig ich dir!
Reichtum und Vergnüg’n, das suchen wir!
Hörst du, wie die See nach uns ruft?
Bis zu dem Tage, an dem das Leben uns verflucht!
[...]
Noch inmitten des Liedes, dass ich vorgetragen hatte, fiel mein Augenmerk auf die Gruppe, die zur Tür hinein kam. Es waren Luciano und seine Freunde. Sie unterhielten sich mit einem Weib vor der Tür, die ich nicht zu Gesicht bekam, ehe sie sich zu ihrem Stammplätzen bewegten. Als die Frau sich verabschiedete, hörte ich ihr Lachen, dass in meinen Ohren rang und für den Bruchteil eines Sekundenlaufes vermochte ich einen Blick von dem silber-mausgrauen, wallendem Haar zu erhaschen, dass mich erst in einigen Jahresläufen rückblickend erkennen liess, dass sie es gewesen sein musste.
~•°•~