"Sieh!...
Wie sie einander umgarnend verbinden,
wie sie sich kunstvoll verzweigen
ins helle Licht dann doch sind winden
und stets Ursprung dabei zeigen."
Die Ranken wanden sich durch das Erdreich und brachen aus den Steinen hervor, um das Gefängnis aus braunem Wurzelgeflecht und spitzen Dornen zu weben, in welchem sie nicht einmal genug Platz hatte, um beide Flügelchen gleichzeitig zu strecken, weshalb sie die Zweibeingestalt, die so viel kleiner und zarter war, seit einigen Wochen angelegt hatte. Verzweiflung schwappte in hohen Wellen immer wieder über sie hinweg und drohte jegliche Hoffnung zu ertränken. Tränen hatte sie noch keine vergossen, denn sie war sich ihrer Herkunft bewusst und ein Silberdrache blieb der Inbegriff der arkanen Macht. Sie spürte jene in den Adern unter der silbrig schimmernden Haut pochen und trotzte der Panik oder gar der Aufgabe.Wie sie einander umgarnend verbinden,
wie sie sich kunstvoll verzweigen
ins helle Licht dann doch sind winden
und stets Ursprung dabei zeigen."
Nur, dass sie weder ihrer Mutter, noch den Eledhrim oder ihrer neuen Bekanntschaft, dem Merrik-Mann-Magier, nicht anvertraut hatte, um sie alle zu schützen, erwies sich nun als ziemlich törichte Angelegenheit.
Jetzt schien es dafür zu spät, denn irgendetwas schirmte sie in ihrem Wurzelkäfig so stark von der Außenwelt ab, dass jeder Versuch Andere zu erreichen unmöglich erschien.
"Ist dem so? Dabei erwarten wir sie... innig."
Das Flüstern war vielstimmig, beharrlich und wie schleichendes Gift.
Hastig drehte sie den Kopf und versuchte blicklich etwas zu erhaschen, irgendwo hinter den Wurzelwindungen und Dornenstreben.
Da! Eine Bewegung, nein mehrere im Erdenreich und als sie erkannte, was eben gesprochen hatte, stieß die kleine Drachin einen gellenden Schrei aus, der den magischen Schutzwall an der Oberfläche einmalig durchbrach und ein einziges Bild sandte:
Eine Insel voller uralter, halbversteinerter Bäume, deren Wurzeln tief in den Boden ragten.
Im Keller des Konvent des Fuchses splitterte ein Kommunikationskristall berstend in abertausende Stücke und während das Bild die Drachemutter und den Magierfreund kurz erreichte, zog die Resonanz weitaus größere Wellen und bescherte allen Liedwirkern für einen kurzen Moment stechende Kopfschmerzen und den Eledhrim das Wissen, dass sich etwas Uraltes in den Schöpfungsmelodien zittern geregt hatte.
***
Die silbrigen Augen weiteten sich und für einen Moment wirkte es so, als würde der gigantische Drachenkörper die Regeln der Physik auf den Kopf stellen und ohne die Flügel zu bewegen in der Luft stehen bleiben, doch dann fiel sie, stürzte hinab und dem graublauen Ozean weit unter ihr entgegen. Doch nur für wenige Momente, ehe sie den Schwung ihres Falles nutzte, die gewaltigen Flügel spannte, um im anschließenden Gleitflug die Richtung zu wechseln. Sie reckte den Körper und machte sich lang, um zwischen dem Hauch der Luft und den Spielen des Windes hindurch zu huschen. Nur dann und wann feuerten ein paar eifrige und geschwinde Flügelschläge die Geschwindigkeit noch weiter an, bis die Silberdrachin beinahe wie ein Pfeil durch den Himmel schoß.
Sie hatte nur ein Ziel, denn sie kannte nun endlich den Ort, an dem man ihre Tochter gefangen hielt... und sie brauchte Hilfe aus der Stadt ihrer Freunde:
Ered Luin


