Schon früh in den Morgenstunden hatte ich begonnen die Axt zu schärfen, die Pferde zu füttern und auch die Satteltaschen für das später gehackte Holz zurechtgelegt. Noch immer lag die eiskalte Stille über den sonst so grünen Weiden und bedeckte die Kleider der Nadelbäume wie Puderzucker. Ich sog die Geräusche erster Vögel in mich ein, mein Herz machte einen wahren Hüpfer, wenn ich an wachsende Knospen und saftig, weite Grünflächen dachte. An den Geruch warmer, feuchter Erde oder die ersten Sonnenstrahlen, die wärmend nach meinem Gesicht tasteten. Während ich dem Kaltblut das Halfter umlegte und die Taschen am Sattel des Tieres befestigte kehrte einen Moment lang Frieden in mir ein. Natürlich hatte ich diesen Pfad hinter mir gelassen und mich neuen Aufgaben zugewandt, doch die Verbundenheit zu diesen Tieren, die jahrelange Aufzucht und Zuwendung all dieser verschiedenen Charakter und Wesen, würde in meinem und ihrem Geiste nachhallen und verbleiben.
Noch ehe ich mir selbst darüber bewusst wurde, schabte Runeas unruhig mit dem Huf über den Erdboden und gab ein lauteres Schnauben von sich, als wolle er mir mitteilen, dass er sich nicht ganz sicher war, ob es an dieser Stelle absolut sicher war. Sein Verhalten ließ mich stocken, standen wir doch mitten in Wulfgard und waren von heimischem Schutze umgeben. Doch nur kurz nach seiner Reaktion hatte ich das Gefühl als würde der Gesang der Vögel ersterben oder verblassen, in den Hintergrund rücken und ungenauer werden. Dann hörte ich das Surren und Aufeinanderschlagen von Metall.. nein Klingen, ein Kampf? Weit entfernt und doch näherkommend. Als würde auch Runeas es spüren wackelten seine Ohren und legten sich schlussendlich an, seinen Kopf hatte er bereits warnend hinaufgereckt. Unwillkürlich zuckte ich zusammen, als ich einen Schrei nah in meiner Umgebung hörte, dann gesellten sich auch die Kampfgeräusche wieder hinzu und die Schmerzensschreie wurden lauter, nahmen an Grausamkeit zu und hinterließen eine Gänsehaut an meinen Armen, meinem Nacken, meinen Schultern. Ich lehnte mich an den Rücken meines Begleiters, der mir den nötigen Halt bot um das visionsartige Geschehen zu überstehen. Ich konnte ihren tiefen Schmerz und ihr klägliches Leid spüren, es durchdrang mich wie die Spitze einer scharfen Klinge und als ich die Augen leidlich schloss, konnte ich das Bild einer entfernten Insel ausmachen, die von dunklen, gewittergleichen Wolken umnebelt schien. Umso mehr ich mich darauf konzentrierte die Insel klarer zu sehen, umso deutlicher wurden die Empfindungen und Geräusche um mich herum und auch tief in meinem Inneren, als würde ich mitten auf einem Schlachtfeld aus Leid, Zerstörung und aufkommender Totenstille stehen. Als ich gezwungen davon ablies, nicht im Stande mich länger darauf zu konzentrieren, verblassten die Geräusche so schnell wie sie gekommen waren und ließen nichts, außer dem Vogelgezwitscher von zuvor zurück. Auch mein Kaltblut beruhigte sich sofort, fast als habe es die Last des Gesehenen mit mir geteilt, doch ich besah meine zitternden Hände und brauchte einen ganzen Moment, ehe ich wieder Aufrecht und ohne den Halt des Pferderückens stehen konnte. Nur langsam und zögerlich machen wir zwei uns Richtung Wald auf, doch das Gefühl jederzeit unter unerwartetem Schmerz zusammenzucken zu müssen, blieb für den restlichen Tag wie ein dunkler Schatten auf meinen Schultern zurück.