Von Wölfen und Schafen...
Nebel überzog das Land, hüllte alles in seinen weißen Dunst, wie eine Decke, die einen des Nachts bedeckt. Das Licht der Morgendämmerung ließ er nur schwerlich hindurch und Stille breitete sich darin aus, jeder Laut verschluckt in dem fahlen Schein.
Langsam machte er sich auf zum Fjord. Der Schnee knirschte bei jedem Schritt unter seinen Füssen, verzerrt und gedämpft. Feine Wasserperlen setzten sich auf der Wolle seiner Kleidung ab, während sein Schritt ihn unbeirrt weitertrug bis er das Lager an den Felsen erreichte. Die alte Feuerstelle war rasch entzündet, auch wenn das nasse Holz in der Feuchtigkeit nur schwerlich brennen wollte und so ließ er sich am rauchenden Feuer nieder, den Frieden und die Einsamkeit genießend. Nichts anderes war er gewohnt.
Aus dem Gepäck zog er den mitgebrachten Met, der ihm den Morgen versüßen würde und gab den ersten Schwung ins Feuer, ehe er selber davon einen großen Schluck nahm. Einzelne Tropfen rannen durch den kurzen Bart und wurden mit dem Handrücken nebenher weggewischt.
Das war es also. Wulfgard. Und hoffentlich sein neues Heim. Ein neues Rudel.
Als der Alkohol ihn wärmend durchfuhr, kehrte damit auch Ruhe für seinen Leib ein. Das leichte Zittern der Hand verschwand, während der Blick hinaus in Richtung des Meeres wanderte. Dessen Wildheit und rauer Geist waren hier deutlich zu spüren, selbst wenn es sich vor den Blicken verbarg. Schneidende Winde trugen den Salzgeruch heran, die Wellen vernahm man jedoch nur leise, wie sie dumpf ans Ufer rollten.
Irgendwo dort draußen lag sie, sein altes Zuhause, seine Familie. Seine Gedanken wanderten hinaus in die Weite und brachten die Fragen zurück. Warum hatte die Dame ihn hierher geführt? Was gab es hier in Wulfgard, dass sie seinen Weg so beharrlich bestimmt hatte?
Unheimlich war es, sich an den Tag ihres Erscheinens zu erinnern. Wie die reissenden Winde ihn umwogten. Über ihm schrie kreischend ein Adler, der auf das Meer hinausflog, in eine bestimmte Richtung. Er hätte schwören können, dass es seiner, sein alter Weggefährte war, hätte er ihn nicht vor einiger Zeit selbst begraben und der Erde übergeben, als seine Zeit gekommen war.
Damals hatte er sich oft gefragt, welcher Geist in dem Wesen hausen möge, so lange und tapfer wie es ihm ein Freund gewesen war.
Gefunden hatte er das Tier als kleines Küken auf einer Wanderung, aus dem Nest gefallen und dem Tode nah. Die großen, von der Arbeit rauen Hände hatten das kleine Wesen schützend umfangen. Er wusste nicht mehr wieso er sich dazu entschieden hatte, das Tier nicht einfach der Natur zu überlassen. Möglicherweise hätte es die Geister erzürnt, möglicherweise suchte er jemanden, um den er sich sorgen konnte. Er ignorierte die Hiebe des kleinen Schnabels unbeirrt, sowie die feinen Blutstropfen die aus den Wunden quollen und trug ihn zu seinem Hof. Dort päppelte er den kleinen Vogel auf, bis dieser kräftig genug war, sein eigenes Leben in Würde zu bestreiten und es an der Zeit war ihn der Freiheit zu überlassen, die jedem wilden Tier innewohnt. Erstaunlicherweise vergaß das Tier nie, wer Teil seiner Familie geworden war. Jahre später noch hörte er ihn immer wieder über dem Gehöft kreischen oder sah ihn auf der Jagd über sich dahinziehen. Als ein großer Brand einen Teil des Dorfes und des Waldes erfasste und ihm den Weg zurück abschnitt, war es der Vogel gewesen, der ihm den rettenden Weg aus dem beißenden Rauch auf die Klippen gewiesen hatte.
In Begleitung der Dame jedoch jagte seine Gestalt voran und schoss über die Wellen dahin. Auffordernd klang sein Ruf und gereizt, ungeduldig. Als wäre er zu begriffsstutzig um zu verstehen und viel zu langsam. Trotz der Wärme des Feuers und des Mets erschauderte er bei dem Gedanken an die Erscheinung. So war er ihr also gefolgt, hinaus auf die Wellen, hatte eigens dafür ein Boot vorbereitet und war Stund um Stund alleine mit den eigenen Gedanken und dem endlosen Wasser um sich herum, bis es ihn endlich in Wulfgard ans Ufer trug. Jede Nacht, die er unter den kalten Sternen verbrachte, kam der Adler wieder und wies ihm den Weg, so dass er am Morgen stets den Kurs korrigierte. Ihm wurde übel als der Met ausging und die Nächte umso kälter erschienen, bis er endlich hier anlangte. Vom Glück begünstigt oder von den Geistern geführt, wer wusste das schon so genau…
Mit dem nächsten kräftigen Zug aus dem Tonkrug ließ die Besorgnis weiter nach und er entspannte sich. Die Begrüßung der hiesigen Claner war freundlich und einladend gewesen, die Schläge derer, welche ihn prüften ordentlich und die Spuren davon trug er mit Gelassenheit und einem schiefen Grinsen. Auch wenn die Überfahrt ihren Tribut gefordert hatte, so war doch der Großteil bereits mit dem ersten Met an Land wieder vergessen. Das Lager war weich und warm gewesen. Unbekannte, aber nicht unangenehme Gerüche hatten ihn umfangen und waren ihm des Nachts in seine Träume gefolgt.
Das Unbehagen der Reise war viel leichter vergessen als die Geschichte, die der Jarl aufgewühlt hatte als er nach seiner Narbe fragte. Sicher trug er sie mit Stolz. Er dachte nur nicht gern daran, wie er sie erhalten hatte, denn nicht alles von damals stand ihm klar vor den Augen.
Angebliche Händler waren sie gewesen, die bei ihnen auf der Insel angelandet waren. Statt jedoch friedlich den eigenen Worten nachzugehen, hatten sie zwei Schwestern geraubt und verschleppt. Die Besorgnis war groß, war doch die Anzahl derer, die auf dem Schiff und dem Lager davor hausten, nicht gerade klein. Und deutlich größer als die Anzahl der Schwerter des Clans. Selbstverständlich hatte auch er sich mit auf die Suche nach den Untieren gemacht, auch wenn er nur für Vieh zu sorgen hatte. Wie man eine Axt führte, das war auch ihm geläufig und die Statur von der harten Arbeit gestählt.
Die Finger der anderen Hand, welche nicht den Krug hielt, glitten nachdenklich über die Narbe. Er sollte besser keine Klinge führen, aye. Und doch schätzte er das kalte Metall in seiner Hand, wie eine Sucht, die man nur schwer los wird und von der man weiß, dass sie einem am Ende nur Schaden zufügt.
Es dauerte, bis das Verschwinden der Weiber gewahr wurde und noch länger bis man sie endlich fand. Die Nacht war bereits hereingebrochen. Als sie die Mannen gestellt hatten, entbrannte ein wilder Kampf, in dem auch er seinen Teil beitrug. Sein Gegner war ein flinker kleiner Kerl gewesen, dessen Zähne bereits verfault waren, der Mund nur ein schwarzes, stinkendes Loch in der Mitte seiner Visage, verzerrt zu einem höhnischen Grinsen. Der von dem Mann geführte krumme Säbel hatte in dem wilden Reigen sein Gesicht durchschnitten, ihm die heutige Narbe beigebracht. Blut rann ihm das Gesicht hinab, tropfte in sein linkes Auge, färbte seine Welt zur Hälfte rot, abstruse Schatten in dem nächtlichen Fackelschein tanzen lassend. Und dann war da… Schwärze. Das nächste was er wieder wahrnahm, was er wusste, war, wie er über den fleischigen Überresten eines Wesens stand. Fetzen von Kleidung hingen hier und da heraus, ließen erahnen, was dies einmal gewesen war. Von seiner Axt tropfte noch das Blut und andere weißliche Überreste hingen an der Schneide. Tief in sich fühlte er noch immer einen Sturm tosen und da wusste er wieder, warum er kein Schwert hatte werden sollen, warum die Arbeit mit den Tieren und dem Gehöft besser für ihn war. Entsetzt torkelte er ein paar Schritte zurück.
Gefunden hatten sie die Weiber letztlich, wenn auch zu spät um sie unbeschadet aus den Fängen dieser Widerlinge zurückzubringen und so hatte noch lange ein Schatten über ihnen allen gehangen. Zu gut erinnerte er sich noch heute an den Ausdruck in ihren Augen und wie sie selbst die Kerle des Rudels misstrauisch anstarrten…
Wieder trank er gierig aus dem Krug und versuchte die Gedanken loszuwerden, ein unwirsches Kopfschütteln über sich selbst. Als er Holz nachlegte, traf ihn ein erster Sonnenstrahl, der sich durch den Nebel quälte.
Es würde ein neuer Tag in Wulfgard heranbrechen und man würde sehen, was er brächte.
Von Wölfen und Schafen
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Aron Ulfert
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