So endet eine Stimme im großen Lied...

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Feliciana Vanwalde

So endet eine Stimme im großen Lied...

Beitrag von Feliciana Vanwalde »

Es hatte gut getan im Kreis der Familie, weit gefasst war auf die ein oder andere Weise jeder im Dorf Familie seit dem sie krabbeln konnte ein Hort von Vertrautheit, das inneren Frieden ihr gegeben hatte. Auch ihr Mann war eine Weile bei ihr dort. Nur so ein Ort von Fischern, sogenannten Kauffahrern, wie sie sich nannten (Schmuggler und Strandräuber wäre wohl auch hier richtig gewesen, doch wen scherten andere und einfachen Leuten) war nichts auf Dauer für jemanden, der Abenteuer gesucht hatte, einen wachen Verstand hatte und nach Herausforderungen suchte. Da half auch nichts, dass ihre Familie ihn als Teil derselben von Herzen willkommen zu heißen. Sie wusste, er würde nicht ewig hier gehalten werden und ein Anker mit schwerer Kette wollte sie nicht sein.

Und nein es war nicht richtig, hier zu verweilen. Dirinthar wusste, sie würde ihm eines Tages wieder folgen wollen, damit die beiden Herzen vereint sein würden. Eines Tages…

Die Wochen kamen und gingen, Zeit sich zu erinnern an die guten wie traurigen Momente in ihrem Leben, die voller Ereignisse waren, Freunde gefunden eine Heimat in Bajards Handelshaus der Wildschützens, die Märkte dort und Menschen, angekommen. Wesen aus Ost und Westen kennen zu lernen, die Gefahren der Welt, die Wellen von Untoten über die Hafenstadt, ihre ersten Bücher, erste große Liebe, so viele Gesichter, ein uralter Schemen, das alles verzehrende Nichts, Visionen vom Untergang und in am Rande des Endes ein Bund für das Leben.

Was sie wohl am meisten bereute dabei waren die Lügen, um die, die ihr wichtig waren, zu täuschen. Aufgenommen in den uralten Bund der Schwesternschaft war es ihr verboten, nicht mal dem eigenen Ehemann davon zu berichten. Man müsste nur daran glauben, dass ihre Heilkunst wirkt, einander vertrauen und sich dem Glück verschreiben, dann wäre auch so viel mehr möglich als man selber denkt, ein Spucken in Tränke sie noch mächtiger machen und es auf das Herz ankommen würde. Ja das meinte sie zwar schon so, aber nein, das war nicht der Grund warum Wunden sich schlossen, andere geschickter und kräftiger im Kampf waren und geschützt. Nicht der Grund, warum der gezielt geworfene, perfekte Flutschstein manchmal sogar einen Troll oder Oger fällte. Nicht der Grund, warum sie eine gute Freundin einen Schlaftrunk unterjubelte, um deren Gift im Lied zu heilen. Als Elara der Schwesternschaft aufzutreten, das Bein nachzuziehen, so unglaublich langweilig und langsam sprechen musste, damit das Stottern und Lispeln unterdrückt werden konnte, das sie auch ausmachte, wobei nicht perfekt zu sein sie nie gestört hatte.

Es gab Momente wo es Leben hätte retten können, doch sie hatte es versprochen, es nicht anzuwenden, wenn es auch nur auffallen könnte. Ein Preis für einen Bund von anderen Frauen. Und zu diesen war es nun ebenso Zeit aufzubrechen. Mit neuem Mut, neuen Ideen ihren eigenen Weg besser zu beschreiten im Gepäck, wo sich ihre Bücher, Lieder selbst geschrieben, Aufzeichnungen befanden, zusammen mit Sehnsucht und Hoffnung im Herzen betrat sie die Planken der „Glück von Schwarzwasser“, einem schnellen und kleinen Zweimaster. Dies sollte sie wieder nach Adoran bringen, neuen Zielen entgegen. Sicher nicht die beste Jahreszeit dafür, doch es wurde einfach Zeit. Eisige Winde und hohe Wellen ließen das Schiff knarzen und in die Wellen stampfen, wahrlich Meer unter sich der wilde Wind in ihrem Haar, der ebenso wie sie die Freiheit liebte, sich nicht einsperren lassen wollte in zu viele Regeln und Fremdbestimmtheit, machten die Überfahrt nicht einfach. Und doch Feliciana liebte solche Dinge, was sollte auch schief gehen? Die Götter würden mit ihnen sein und das Lied mit seinen Elementen ihnen gnädig sein.

Vielleicht hätte sie nicht so sehr darauf vertrauen sollen. Zumindest nahm dieser Tag eine andere Wendung, ihr Lächeln auf den Lippen schwand, als der Ausguck ein anderes Segel ausrief, auf der anderen Seite auf Backbord sich die Wolken mit Finsternis und Blitzen schwängerten. Nicht gut. Für beide Schiffe nicht, denn im Lied ahnte sie bereits was für ein gefährlicher Sturm sie bald erreichen würde. Doch dann wurde zu allem Überfluss ein Warnruf vom Krähennest gegen den Wind geschrien. Die Farben der Segel waren keine aus den Reichen, nein, Piraten! Die Sicherung der Ladung mit Tauen wurde abgebrochen, sturmfest machen war vorher befohlen, hatte nur auf einmal eine untergeordnete Bedeutung. Waffen wurden ausgegeben, Lederrüstungen angelegt von der Mannschaft und die Fahrgäste, die meinten sie könnten helfen an Deck befohlen.

Ein mulmiges Gefühl im Bauch rüstete sich mit ihrer roten Drachenrüstung, sie dachte ja nicht, dass sie mehr brauchen würde bei der Überfahrt, wenigstens die Flammenaxt in ihrer Hand gab ihr Sicherheit, als diese fauchend erwachte. Diese wagemutigen, nein wahnsinnigen Seeräuber hatten tatsächlich vor sie zu entern und plündern, noch ehe der Sturm sie erreichen würde. Dummerweise war noch ein Liedwirker an Bord, was ihr die Möglichkeit nahm, im Lied zu wirken und den angespannten Leuten zu helfen, es musste eben so gehen. Tränke hatte sie genug dabei, die großzügig verteilt wurden, das hatte sie zumindest ausgiebig gelernt und würden ihren Zweck erfüllen.

Dann war es soweit, Enterhaken mit Tauen schwirrten in die Takelage und über die Bordwand, ließen die „Glück von Schwarzwasser“ gefährlich in Schieflage geraten, Donnern. Pulverdampf. Nein das war nicht der Sturm, sondern die berüchtigten Waffen solcher Leute, gefolgt von dem Schlachtruf und Herüberschwingen. Bei den Göttern waren das viele! Klirren von Klingen und dumpfen Geräuschen auf Schilden. Chaos brach aus. So gut sie konnte wich Feliciana aus, ließ in Bögen die Axt auf nahe Gegner zielen, fällte den ein oder anderen Gegner, nur lange würde sie das nicht durchhalten. Die Rümpfe der Schiff krachten aneinander und gaben sich einer tödlichen Umarmung hin. Und als ob das nicht genug war türmten sich die Wellen höher auf, die Segel von der verworrenen Takelage mühsam gehalten blähten sich auf. Niemand hatte Zeit diese rechtzeitig zu raffen. Die Schiffe wurden zum Spielball des Sturms, nur dass auf diesem Spielball ein so sinnlos nun wirkender Kampf um Leben und Tod entbrannt war.

Sie wurden hin und her geworfen, Todesschreie gingen im Geheul des Windes unter. Der Wind. Der letzte Ausweg, denn das hier würden sie alle nicht überleben, so wurde ihr klar. Nichts wie weg von hier, ehe es zu spät war!

Sie schwankte über das Deck, griff nach einem losen Tauende bis zum Rand des Achterdecks, ließ ihre Waffe fallen. Es war riskant, was sie nun vorhatte, nur was blieb noch sonst übrig? Sie griff ins Lied ein, sanft und doch eindringlich den Wind verändernd breitete sie die Arme aus, an denen sich Federn bildete, während sie selbst kleiner und kleiner wurde, sich mit Krallenfüßen abstieß. Ein Fischadler stieg mit mühsamen schnellen Flügelschlägen empor. Das Lied konnte sie sicher besänftigen, stieß der verwandelten Frau durch den Kopf, nur die Kraft und Mut nicht verlieren, so weit war es doch nicht bis Lichtenthal und dort würde sie Menschen finden oder bei den Thyren, die sich um sie kümmern würden und Dirinthar… Ihre Gedanken fanden ein jähes Ende:
„Hexe! Wart Vögelchen dich kriech ich, du bist also an dem Sturm schuld!“ Schrie ein älterer Pirat unter ihr aus einer Mundöffnung mit braunfauligen Stümpfen die einmal seine Zähne waren. Sie riss die goldenen Augen erschrocken auf und starrte in die Verdammnis verheißende Schwärze der Mündung einer dieser Feuerwaffen. Ein Lichtblitz. War Temora eingegriffen um sie zu retten? „Ich wollte doch nur nach Hause…“ waren der letzten Gedanken die ihr durch den Kopf schossen, wie der Schuss in einer Fontäne von Blut ihre Brust zerfetzte. Sie verwandelte sich zurück, kraftlos und fiel, bis der Körper von der tosenden See aufgenommen wurde, in die sie fiel und weiter in die kalte Tiefe sank. Schwärze.

Einige Tage später, während ihre Schwestern, wo immer diese sich befanden bereits auf ihre Weise erfahren hatten, dass etwas passiert war, erreicht ein Bote Adoran. Seine Miene verheißt nichts Gutes, am Gürtel ein Wimpel mit dem Wappen von Schwarzwasser. Er wird nach einem Mann namens Vanwalde sich erkundigen, um eine wichtige Botschaft diesem persönlich zu übermitteln, ebenso wie die letzten Habseligkeiten von Feliciana, die noch zuhaus lagerten und ein Schreiben der ganzen Familie Vanwalde an den Witwer dabei. Ein Schreiben mit mehr als einer Ellenlänge an Unterschriften. Man mag der matten Miene des Boten ansehen, dass die Nachricht alles andere als Glücksverheißend sein wird. Nachdem man die Wrackteile gefunden hatte, sandten die Schiffsinhaber Boten aus, die Angehörigen über ein Unglück auf See zu informieren, wenngleich niemand wusste, was genau geschehen war, nur dass zwei Schiffe in einem Wintersturm verloren gegangen waren.
Zuletzt geändert von Feliciana Vanwalde am Sonntag 13. Februar 2022, 20:07, insgesamt 1-mal geändert.
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Leandra Kalveron
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Beitrag von Leandra Kalveron »

Der zweite Tag, kaum etwas gegessen, immer noch bleich um die Nase. Die sonst so lebensfrohe und stets freundlich strahlende junge Dame befand sich wieder an ihrem Fenster, starrte hinaus auf die wilde See.
Immer wieder stieß die Brandung an die Felsen. Jeder Schlag, wie ein Stich in das Herz hinein. Vor ihrem geistigen Auge tat sich das Schiff auf, was der Nachricht nach wohl zerschellte. Schlag für Schlag, immer und immer wieder. Bei dem Peitschen des Windes kniff sie die Augenlider zusammen, löste die Flüssigkeit, welche sich immer weiter in ihren meersblauen Seelenspiegel ansammelte. Die kleinen Perlen rinnen über die feinen Gesichtszüge, welche ohnehin nach unten verzogen waren, bedrückt und traurig. Die schlimme Nachricht wurde einfach auf ihren Tisch geschmissen, der Hinterbliebene entschwand ohne ein Wort dazu.
Es war ein Schock, besonders für ihn, aber sicher auch für andere, die den einfühlsamen, kleinen Bücherwurm kannten.
Anscheinend wusste noch kaum jemand von dem Verlust. Das war eine noch größere Bürde. Vielleicht erhoffte sich der Witwer von der Heilkundigen, dass sie dies übernehmen würde. Aber sie konnte es selber nicht, vielleicht noch nicht.
Es fiel bereits auf, das sich die junge Dame merkwürdig benommen hat, kaum auf irgendwelche Fragen antwortet und zumeist zusammengekauert in der Ecke saß. Die Augen tief in einem Buch versunken, die schwarzen, wallenden Haare vor dem bleichen Gesicht. Doch merklich war der Blick erstarrt, nahm gar nicht auf was sie sich da anschaute. Eine Leere in den Blick, wie auch in ihrem Inneren. Sie konnte es nicht aussprechen, obwohl schon viele fragten was denn los ist. Nein, sie kann es nicht. Es auszusprechen würde es noch mehr zur Realität werden lassen. Irgendwie hatte sie Hoffnung, das es alles nicht wahr ist. Sie vergrub sich in diesem Schleier der Selbsttäuschung und harrte aus.
Bis zum heutigen Abend, als alleine das Gesicht einer vertrauten Freundin ausreichte, um es ihr zu entlocken und es in einem Schwall Tränen an dieser Schulter endete.
Feliciana war nicht mehr, nun ist es ausgesprochen und wirkliche Realität.
Der Schwall an Tränen schien erst mal nicht abzuebben. Schluchzend drückte sie sich an ihre Freundin heran, wollte gar nicht mehr los lassen. Die sanfte Hand strich ihr über den Hinterkopf, beruhigte sie, versuchte sie wieder aufzubauen. Nach einiger Zeit auch mit Erfolg, denn sie musste an den Witwer denken. Wie schwierig muss es für ihn sein und wir müssen nun besonders für ihn da sein. Er ließ sich nicht mehr blicken, die Sorge um ihn war nun wichtiger, er sollte wissen, das er nicht alleine ist. Und das Feliciana nicht gänzlich fort ist, sondern gewiss in einigen Herzen weiterleben würde.

Erst in der Nacht fing sie diesen Brief an, das Schriftbild nicht wie gewohnt fein säuberlich, sondern leicht zittrig. Er wurde bei Dirinthar eingeworfen, mit besorgten Blick stand sie noch einige Zeit vor seinem Haus.



  • Ich kann keine Worte fassen, um auszudrücken wie ich empfinde.
    Ich weiß es nicht. Viel weniger weiß ich, wie es in dir aussieht.
    Du bist nicht alleine.

    Ich kann verstehen, wenn du niemanden sehen willst.
    Zögere aber nicht, wenn etwas sein sollte.
    Du bist nicht alleine.

    Nimm dir die Zeit, die du benötigst.
    Egal was du brauchst, ich, wir, sind für dich da.
    Du bist nicht alleine.

    Wenn du möchtest, das ich mich um etwas kümmere,
    mache ich das für dich. Ich will dir weitere Lasten abnehmen.
    Du bist nicht alleine.

    Es ist schwer, einen geliebten Menschen zu verlieren,
    aber es tut gut zu wissen, wie viele Menschen ihn geschätzt haben.
    Sie wird nicht vergessen, sondern in unseren Herzen überdauern.
    Wir werden sie alle vermissen, aber sie würde wollen das wir wieder aufstehen.
    Du bist nicht alleine.
    Lea
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