Zutraulich krabbelte die kleine Fledermaus über den Handrücken des jungen Letharfen und riss das kleine Mäulchen auf, um diesem fast schon gelangweilt entgegenzugähnen. In den dunklen Kavernen, die die Letharen ihr zuhause nannten, war die Fauna exotisch andersartiger als an der Oberfläche. In der Ferne erklangen die röhrenden Brunftgeräusche der Ara'thraxen, den Reitechsen der Letharen, während hoch oben an der Decke der Höhlen die flatternden Flügelgeräusche einen vorbeiziehenden Fledermausschwarm im Dunkeln erahnen ließen.
Die kleine Fledermaus auf der Hand des Letharfen genoss für den kurzen Moment dessen volle Aufmerksamkeit. Der Letharf hatte es noch nicht gemeistert zu erkennen wann sich ein Lethyr in Gestalt eines Tierwesens befand oder wann es sich um ein echtes Getier handelte, und so bettete er vorsichtig das zutrauliche kleine Kerlchen in beide Hände. Das letharische Volk war es gewohnt in Einklang mit diesen Nachtwesen zu leben, doch er hatte von seinen Lehrmeistern gelernt, dass ein einziger Biss einer Fledermaus für einen Menschen sehr gefährlich werden könnte, da diese kleinen unscheinbaren Wesen Krankheiten in sich trugen, die die Menschen an der Oberfläche nicht gewohnt waren zu tolerieren.
Für die einen alltäglich, für die anderen tödlich...
Der Gedanke wirkte inspirierend und so beschloss der junge Letharf erneut den Osten aufzusuchen, um die nächsten Schritte zu planen.
Es war ein nicht allzu kalter Wintermorgen, als der spärlich bekleidete Blondschopf die Tore Adorans erreichte. Er hatte die ganze Nacht über den Weg nach Meereswacht zurückgelegt und das morgendliche Treiben in den Straßen und Gassen der Großstadt bestimmte den belebten Geräuschpegel.
So viele Menschen...
Gedankenverloren umkurvte der als Mensch verkleidete Letharf den Markplatz und wollte sich gerade in Richtung des Palastes begeben, als über ihm Fensterläden aufklappten und sich dann auch schon ohne Vorwarnung der Inhalt eines Nachttopfes über seinem Kopf ergoss. Geschmeidig wich der Letharf in einem katzenartigen Reflex aus, konnte weitgehendst den herabregnenden Fäkalien gerade noch so entkommen. Zähneknirschend richtete er seinen stechend saphirblauen Blick empor zum Fenster, doch derjenige, der für den Kotanschlag verantwortlich war, hatte sich schon längst wieder ins Innere des Obergeschosses zurückgezogen, um seiner restlichen Morgenroutine nachzugehen.
Diese Menschen... halten sich für etwas Besseres, aber sind nichts anderes als niedere Tiere.
Der Letharf bemerkte dass seine Ärmel ein paar Spritzer abgekommen hatten und ärgerte sich innerlich über den Umstand, dass er nun gezwungen war sein Hemd zu wechseln. Und wie es der Zufall wollte, passierte er eine kleine Gasse, die mittig von einer offenen Abwasserinne geteilt wurde. Allerlei zerzaustes Getier tummelte sich in dieser Gasse und als sie die Schrittgeräusche des verkleideten Letharfen erkannten, stoben sie eilig in alle Richtungen davon. Alle, bis auf ein kleiner abgemagert aussehender Köter, der mit schwächlichen zittrigen Beinchen müde vom menschlichen Unrat befüllten Abwasser trank- zu schwach, um zu entfliehen, auch wenn sich eine mögliche Gefahr anbahnte... Das kleine Wesen, es war offensichtlich von Krankheiten geschwächt und wenn es keine Hilfe erfuhr, würde es nicht lange dauern bis es irgendwann in einer dunklen Gasse verenden würde. Kühl lastete der Blick des Letharfen auf das schwächliche Wesen und nichts als Abscheu hatte er übrig für dessen erbärmliche Erscheinung.
Schwäche... Krankheiten... Eine Krankheit, die Mensch und Tier gleichsam befallen kann und über das Wasser übertragbar ist...
Was wäre wenn...
Der Letharf fing mühelos den kleinen Köter ein und klemmte sich das Tier unter den Arm. Doch nicht, um es zu retten...
Ein kleiner Gedanke reifte in seinem Kopf und der junge Letharf lenkte seine Schritte erst nachdenklich, dann entschlossener aus der Stadt wieder zurück in Richtung des weit im Westen entfernt liegenden Axorns. Er würde dem Lethrusaren nach einem besonderen Gift fragen, ein Gift, das eine Krankheit überbringen würde...
Sein Auftraggeber, der Lethyr, wird zufrieden sein mit dieser neuen Kreation und er brauchte nun dringend die meisterlichen Geschicke des Lethrusaren.
Sie benötigten Planung, Vorbereitung und Geduld....



