Es hatte lange gebraucht, bis der Entschluss gefasst war. Viele Gespräche waren geführt worden zwischen den beiden Elternteilen. Was war mit dem Kloster und was mit den Schwestern? Was war mit den Freunden? Wollten sie allem den Rücken kehren, endgültig oder nur vorübergehend?
Die Kristallwesen hatten ihm aufgezeigt, wonach er sich sehnte. Ruhe und Frieden. Natürlich waren diese Kreaturen überall gewesen, hatten auch auf dem Festland und auch in seiner alten Heimat tiefe Wunden und Narben hinterlassen. Aber eines war auf Nharam nicht: Eine Kriegsfront. Er dachte in der Tat zuerst einmal an die Kinder. Wollte er, dass sie weiterhin in dieser Unruhe aufwuchsen? Stets die Bedrohung spürend, dass wieder einmal Schwingenstein eingenommen werden könnte oder mindestens einmal bedroht?
Und die ganzen Ränkeschiede, die hier stattfanden? Er hatte sie so satt. Es war so überflüssig, so Zeit und Nerven raubend. Es hatte eine ganze Weile gebraucht, bis er erkannte, dass das Theater zumeist nicht von einer Seite allein ausging, und auch, dass er dabei einige Zeit gut mitgemischt hatte.
„Dah! Aber Sir Eini kommt mit mir mit, ja?“ Die aufgeregte Stimme seiner Tochter riss ihn aus seinen Gedanken, während er packte. „Natürlich kommt Sir Eini mit dir mit“, hörte er seine Frau sagen, ebenso ihre Belustigung in der Stimme. Was das Mädchen an diesem Einhorn gefressen hatte, war kaum mehr zu überbieten. Aber wie konnte sie auch nicht. Es war ja auch Teil der Zeremonie gewesen, als ihr Vater zum Edlen wurde. Mit einem leisen Ausschnauben wandte er sich wieder der Packarbeit zu und ging dem Ältesten zur Hand, als er versuchte einen der Kessel zu verstauen, allein. „Bald bist du stärker als ich, wenn du so weiter machst, Miah. Verreiß dir nicht vor der Zeit den Rücken. Dazu hast du noch ein paar Jahre Zeit.“
Es war eine recht seltsame Mischung aus Aufregung und Wehmut, die die Familie durchlebte, während alles, was sie mitnehmen wollten, verstauten, packten und stapelten. Später sollten einige Helfer kommen vom Schiff, auf das die Sachen verfrachtet wurden. Das gleiche Schiff, dass sie auch mit nach Nharam nehmen würde. Das Einzige, was er noch draußen ließ, war seine Schreibmappe mit einigen Papierbögen, Umschlägen, Streusand, sowie Feder und Tinte. Ganz ohne einen Ton zu gehen war dann doch nicht sein Ding. Aber auf persönliche Abschiede konnte er gut verzichten. Majalin hielt es bei dem Abschied auf ihre Weise, und sie redeten sich einander auch nicht hinein, wie sie damit umgingen. Jeder auf seine Art, und das war gut so.
Es standen ein oder zwei Körbchen bereit, die Helfer brachten darüber hinaus eine recht große Truhe zu Andra, die andere zur Klosterwache und mehr an Sachen wurden von seiner Seite aus nicht verteilt. Außer Charmo. Der Kater musste ebenfalls bleiben. Er würde ein neues Heim bei Ellys und Mikael finden, so hoffte er. Man konnte es dem Tier nicht zumuten über mehrere Wochen auf See zu verbringen, fand er. Die Pferde ließen sie ebenfalls zurück, gut untergebracht und das Frettchen hatten sie freigelassen. Fez war eh mehr so ein Freigeist gewesen, nie wirklich angebunden am Haus untergebracht, er wurde nur gefüttert, wenn er kam. Also hatte er das Jagen nicht verlernt und würde zurechtkommen. Die Kuh hatten sie geschlachtet, die Hühner auch. Das Fleisch war gepökelt oder gedörrt worden und wurde als Proviant zum Teil mitgenommen, zum Teil hatten sie es an Bedürftige vergeben.
Auch das Hospital war eine Sache, die geregelt sein musste. Da er diese Aufgabe vom König übertragen bekommen hatte, gab er die Schlüssel auch am Palast zurück, erklärte sein Anliegen die Insel zu verlassen und in die Heimat zurück zu kehren, nach Nharam, dankte für das Vertrauen und überließ es dem Palast den Leiterposten neu zu vergeben. Es war nicht an ihm, das zu entscheiden, befand er. Er hätte ohnehin nicht gewusst, wen er hätte wählen sollen, ohne dass sich jemand übervorteilt gefühlt hätte. Und mit einem solchen Gedanken und Empfinden wollte er nicht abreisen. Frieden.
Meine Güte. Frieden. Du wirst alt, Kreidekopf. Aber sind wir einmal ehrlich. Du warst lang genug bissig für zehn, jetzt dürfen sich gerne andere daran versuchen. Du bist es leid dich zu zanken und den Kopf anzustrengen an Stellen, wo es dir persönlich an ehrlicher Wertschätzung fehlt, nicht wahr? Wozu die Mühe? Für mehr Titular? Für mehr Verantwortung? Für was? Staatsmüdigkeit – oder müde von den Menschen, die dieses Herzogtum tragen sollten und sich lieber in Starrsinn verbissen, anstatt offen dem entgegen zu gehen, was von ihnen erwartet wurde. Wie auch immer du es wendest, du hättest nur zu mäkeln, oder? Also auf zu neuen Ufern, schöneren Zeiten, Luft zum Atmen und zurück in die schöne raue Welt Weißhafens. Ob meine verdammte Mutter noch lebt? Oder meine Schwester? Falls ja, werde ich mich auch dort vorsehen müssen, aber das ist marginal im Gegensatz zu diesem fortwährenden Theater hier, das derart flüssig ist, dass es sogar dem Meerwasser Konkurrenz macht.
Als die Helfer vom Schiff endlich kamen mit einem großen Karren, half er die Kisten zu verladen. Manch eine musste man zu zweit tragen, aber sie kamen gut voran und alsbald rumpelte der Wagen mitsamt der Helfer fort in Richtung Bajarder Hafen. Warum Bajard? Nostalgische Gründe. Es war der Ort, an dem er angekommen war vor einer gefühlten Ewigkeit. Es war der Ort, wo er damals Gracia so ziemlich als erste kennenlernte, als sie ihm half an Klamotten zu kommen, die dieses verdammte Seeungeheuer gefressen hatte! „Götter, das ist so lange her, das ist schon nicht mehr wahr“, murmelte er vor sich hin. Es war aber auch vor allem der Ort, an dem er mit Majalin zusammengekommen war, wo wie sie sich mit Apfelwein besoffen hatten, wo er seine erste Bleibe hatte, wo der erste Kuss zwischen ihnen gegeben worden war, wo alles im Grunde anfing und wo es auch enden durfte. Im Herzen war er mehr in Bajard zuhause gewesen, als er es in Schwingenstein hätte sein können.
Womöglich lag es daran, dass Bajard ihm einfach intensiver in Erinnerung geblieben war aus mehreren Gründen. Nicht, dass er sich in Schwingenstein unwohl gefühlt hätte, aber es war anders gewesen und er vermutlich einfach eine Seele für eine Hafenstadt oder ein Hafennest. Die Größe spielte vermutlich weniger eine Rolle, sondern mehr die Lage und das damit verbundene Gefühl.
Jetzt, wo alles notwendige verpackt und unterwegs war, setzte er sich am verbliebenden Schreibpult hin und verfasste noch ein, zwei kleinere Briefe.
- Schwingenstein,
Ashatar 264- Der Götter Segen mit dir, Andra.
Es ist Zeit Lebewohl zu sagen. Ich weiß, du hättest es dir persönlich gewünscht, aber das liegt mir gar nicht. Du wirst also mit dem Umstand leben müssen nur Tinte und Papier vorzufinden zu diesem Zweck. Ich habe dir eine Truhe überbringen lassen, teil den Inhalt mit Beak. Ihr habt ohnedies am meisten zur Befüllung betragen und sollt eure Mühe gerne mal auf einem Fleck sehen. Das ist schon enorm.
Aber das Materielle ist vermutlich weniger das, was wichtig ist nun. Wir reisen ab, die ganze Familie, nach Nharam, in meine alte Heimat zurück. Wenn du die Insel mal besuchst, komm in Weißhafen vorbei. Irgendwo dort wirst du uns finden. Entweder in der kleinen Stadt selbst oder etwas außerhalb davon.
Fühl dich jederzeit eingeladen – du wirst uns willkommen sein. Besonders Lea wird sich freuen, denke ich.
Ansonsten lasse ich noch einen kleinen väterlichen Rat für dich da. Lass dich nicht auf die Ränke ein, die immer mal wieder gern gesponnen werden und folge einfach weiter deinem Herzen. Du bist richtig so, wie du bist. Wer anderes erzählt, neidet dir womöglich den Erfolg und möchte dir so die höchste Form der Anerkennung zukommen lassen.

- Der Götter Segen mit dir, Andra.
- Schwingenstein,
Ashatar 264- Der Götter Segen, Sir Beak,
in aller Form sei gesagt: Ich bin dann mal weg und nehme die Familie mit. Andra hat noch etwas für Euch, was ich bei ihr hinterlassen habe. Die Klosterwache hat ebenfalls eine Hinterlassenschaft erhalten, geht pfleglich damit um und nutzt es sinnvoll.
Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Wenn Ihr irgendwann den Weg nach Nharam findet, da wird es ein Heim in Weißhafen oder Umgebung geben, das Euch willkommen heißen wird.
P.S.: Lass dir etwas wachsen! Du weißt schon was!

- Der Götter Segen, Sir Beak,
- Schwingenstein,
Ashatar 264- Der Götter Segen, Hochwohlgeboren von Gipfelsturm,
anbei ein kleines Abschiedsgeschenk. Die Familie legt noch heute ab und wird die Reise nach Nharam antreten – eine endgültige Angelegenheit. Der Anstandswauwau verlässt damit Gerimor und wirft Euch den Hunden zum Fraß vor. Eine Rückkehr wird es nicht geben, wir werden uns also auf diesem Wege nicht mehr wiedersehen. Womöglich verschlägt es irgendwann auf die schöne Insel und in die Nähe Weißhafens. Dann klopft gerne einmal an.
Die vergangenen Jahre waren gespickt mit Hoch und Tiefs, aber ich denke, ich kann dem Ganzen nun zufrieden den Rücken kehren. Das kleine Präsent ist eine klägliche Wiedergutmachung dafür, dass ich mich nicht persönlich verabschiedet habe.
Berichtet doch Sir Heinrik von meinem Abgang. Womöglich verleitet es ja dazu, ein Fässchen zu öffnen und drauf zu trinken. Ich werde mir einen guten Wein gönnen auf dem Weg übers Meer, in Gedenken an jede Art von Gezänk und Gewäsch, das wir uns geliefert und gegönnt haben. Da erblassten sogar die Waschweiber vom Markt vor Neid, wenn sie darum wüssten, was?
Wie dem auch sei. Mein wohlmeinender und unerwünschter letzter Rat: Haltung bewahren in jeder Lebenslage, stets überdenken, ob es sich für den Adel schickt, und wie es wohl nach außen wirkt, was du tust.
Ansonsten bleibt zu wünschen:
Lass dir Mocca und Schnittchen gut schmecken.

- Der Götter Segen, Hochwohlgeboren von Gipfelsturm,
Schon jetzt gönnte er sich ein diebisches Grinsen, sollte sie den „Mocca“ und das „Brot“ kosten. Der erste würde den unverwechselbaren Geschmack von Muckefuck – also Gerstenkaffee – hinterlassen, der zweite die so heiß ersehnte, lang befürchtete seifige Note. Im Geiste malte er sich aus, wie das die letzten Reste der krümeligen Feste Schwertfluren zum Zerfallen brachte und sie in Staub legte.
Vielleicht verzieh sie ihm den Schabernack, vielleicht auch nicht. Vermutlich würde er es nie erfahren.
Ein weiterer Brief wurde aufgesetzt und per Bote später überbracht werden:
- Schwingenstein,
Ashatar 264- Der Götter Segen, Holzwurm,
möglicherweise ist es für dich nicht ganz so überraschend, aber die Familie Mareaux wird sich von Gerimor verabschieden. Das heißt wohl auch für dich eine kleine Neuorientierung. Es war eine schöne Zeit und ich freue mich wirklich, dass wir dich kennenlernen durften und uns einander so lange begleiten konnten. Nimm auch die Grüße von Majalin entgegen. Wenn du je nach Nharam und dort nach Weißhafen finden solltest, wisse, du bist uns ein stets willkommener Gast.
Wir werden dich sehr vermissen.

- Der Götter Segen, Holzwurm,
Nachdem alles erledigt war, Majalin ihren Teil ebenso in die Wege geleitet hatte, wurden die Kinder eingepackt in reisefeste Kleidung und der Weg nach Bajard angetreten. Zeit auf das Schiff zu steigen, Zeit die alten Gefilde zu verlassen und zu den noch älteren zurückzukehren. Für ihn zumindest war es eine Rückkehr. Für alle anderen war es neu.
Wobei, neu war es für ihn auch. Er konnte sich getrost als rehabilitiert betrachten. Er kehrte als Edler zurück, erfüllte damit seinem alten Herrn vermutlich einen Traum oder Wunsch, und inzwischen zählte er zu denen, die sich als gut situiert bezeichnen durften. Es würde vieles auf sie zukommen, das sich interessant darstellen dürfte. Die Begegnung von Jamie und Virginie mit Majalin? Spannend!
Und sollte der Rest seiner verlotterten Sippe noch leben, galt es sie, um jeden Preis, möglichst zügig aus den Weg zu räumen – auf legale Weise, versteht sich. Frieden. Nichts wünscht er sich sehnlicher inzwischen.

