Vermutlich eine reine Definitionssache, deren enge Schranken so manch starres Denkkorsett mit sich bringt.
Ich meine - was glauben die Sterblichen allein über den Tod zu wissen?
Setzen sie ihn nicht auch oftmals mit dem nicht-mehr-Sein gleich?
So lass mich dir wenigstens verraten, dass sie beide wenig miteinander gemein haben - und ich muss es wissen.
Der blutig rote, feine Nebel hatte sich in den letzten Tagen mehr und mehr aus dem Berchgarder Zentrum und den umliegenden Felsen zurück gezogen und ähnlich leise, auf scharfkantigen, spitzen Gliedern, folgten die kristallinen Wesen seinem Beispiel. Mühsam nun zu behaupten, dass der Sieg damit sicher war - mühsam und so blauäugig, wie es wohl keiner der Betroffenen, die unter der grässlichen Besetzung hatten leiden müssen, mehr sein konnte. Das bezog sich noch nicht einmal nur auf die Bürger Berchgards, sondern zog seine Kreise wie ein winziger Stein, der in einen sehr stillen See geworfen wurde.
Kringel um Kringel weiteten sich diese Wellenkreise aus, schlossen die Verteidiger, Verbündete, ja sogar Feinde mit ein und machte nicht bei Zweibeinern halt, im Gegenteil!
Die Tierwelt Alathairs stand bereits seit einem Jahr Kopf, gebeutelt von grausam verzerrten, grotesken Schatten dieser diffusen, schwarzen Schein-Wesen, deren einziges Ziel darin zu bestehen schien, Andere anzufallen, Kräfte zu saugen, Lied und Licht zu stehlen. Kaum hatte man gelernt jenen seltsamen Jägern auszuweichen, da brachen die rotglänzenden Kristallgestalten über die Wälder, Wiesen und Fluren herein und selbst die bildeten nicht den momentanen Höhepunkt der Katastrophe. Diese Rolle blieb dem Nebel und der klammheimlichen Ankunft der Schemenartigen vorbehalten. Zunächst zumindest, denn es konnte scheinbar immer nur noch schlimmer werden...
Der Mond stand bereits hoch am nächtlichen Firmament, als sich schmale, dunkle Pfoten vorsichtig einen Weg durch das Unterholz bis zur Lichtung hin bahnten. Rotbraune, spitz zulaufende Ohren richteten sich nervös nach jedem nur erdenklichen Geräusch aus, lauschten und erkundschafteten so die sichersten Pfade des Waldes. Vor einem guten Jahr noch, als er seinen ersten Winter alleine bestehen musste, da lebte eine andere Art Vorsicht in dem Füchslein. Sie war nicht minder schwer, als die, welche nun seinen Rhythmus bestimmt und doch erschien sie ihm als richtiger, natürlicher, echter. Vor Jägern hatte er sich versteckt, war hungrigen Wölfen und Bären ausgewichen, hatte Wildschweinfamilien gemieden. Nun aber hüpfte das kleine Fuchsherz beinahe, wenn er andere Waldbewohner sah, die noch nicht das verzerrte, schwarze Wesen im Fellkleid trugen.
So nahm er nicht reißaus, als er die massive Gestalt eines alten Braunbären mitten vor sich auf der Ziellichtung ausmachte. Zaghaft, doch neugierig wagte er sich sogar näher heran.
Am Rande der Baumschatten aber blieb das Füchslein stehen und verweilte angespannt - irgendetwas stimmte mit diesem Bären nicht. Der Wind stand ungünstig für den Fuchs und so müsste die feine Bärennase längst etwas gewittert haben, doch bewegte sich der fellige Felsen inmitten der Lichtung kaum. Das blasse Mondlicht badete sein zotteliges Winterkleid in silbriges, fast feierliches Licht, doch kein schlierenhaftes, blutiges Rot, kein Kohlenstaubschwarz war zu sehen. Der Bär blieb Bär, so sagten die Sinne dem Fuchs und doch verhielt er sich nicht, wie es der kleinere Waldbewohner von dieser großen, kräftigen Sorte gewohnt war.
Er schien alles um ihn herum zu ignorieren, saß regungslos auf seinem breiten Hintern und starrte in den Himmel hinauf.
Nach einer ganzen Weile erst, als er sich mehrfach vergewissert hatte, dass keine aktute Gefahr von Gevatter Petz ausging, folgte der Fuchs neugierig dem Bärenblick hinauf in den sternenklaren Nachthimmel und erstarrte.
Funken der Hoffnung, klein nur, doch so zahlreich, so versichernd und unnachgiebig hell erhaschten seinen Blick, berührten die Fuchsseele auf wärmende Art und Weise, dass seiner Kehle ein kleiner, unbewusster Janklaut entkam, den der alte Bär mit wohligem Brummen bestätigte:
Hoffnung, so fern noch aber klar, wie das Licht der Sterne.










