Briefe nach Hause
An Tagen, an denen die Post kam, saß die damals kleinere Smula meist schon ungeduldig am winterlichen Küchentisch, wo es schön warm war, oder stand zu Sommerzeiten mit ihrer Kuschelschnecke am Hoftor, den wolkenverhangenen Blick auf den Weg und die Ohren auf das bekannte klappern der Hufe lauschend, während die älteren Kinder der Bauern schon fleißig die Tiere versorgen, auf dem Feld waren, Zäune reparierten, Unfug trieben oder alles für einen Ausflug zum Markt vorbereiteten. An allen anderen Tagen half die Kleinste im Haus auch so fleißig mit, wie sie eben konnte und wie man sie ließ. Aber an Posttagen sah man es ihr mit einem Lächeln nach, wie geduldig und gleichzeitig ungeduldig sie auf die Briefe wartete.
Endlich da, wurde auch prompt einer der leseerprobteren Bewohner des Hofes so lange verfolgt, bis der Brief vorgelesen wurde, oft mit der Begründung, dass sie dann ja wieder die Hand freihabe für was anderes.
Sie hörte von warmen Inseln mit Freibeutern, von verschiedenen großen Städten oder kleinen Dörfern und Siedlungen, von Freunden und lustigen Sachen, manchmal auch von traurigen Sachen, aber am Ende der Briefe hatte sie immer gelächelt und allen anderen Bewohnern des Hofes von ihrer Ma und dem Brief erzählt.
Eines Tages dann im Frühling kurz vor ihren vierten Geburtstag kam ein alles verändernder Brief an. Ihre Ma wollte sie zu sich holen nach Gerimor, wo sie endlich eine Familie sein konnten.
Smula wusste schon lange, dass Manni und Elke, denen der große Hof gehörte, nicht ihre richtigen Eltern waren, auch wenn sie sich immer geliebt und unterstützt und sich bei ihnen und ihren Geschwistern immer sehr wohl gefühlt hat. „Du bist unsere Kleinste so lange wie es eben braucht“, hatte Elke oft gesagt. Sie wusste, dass es ihrer Ma nicht gut ging, als sie am Hof ankam und dort aufgenommen wurde. Sie arbeitete dort einige Zeit und dann kam der Krümel, der kleine Teil von ihr, auf die Welt, aber sie war noch nicht bereit. Und so zog ihre Ma bald nach ihrer Geburt los, um sich zu finden und dann ein zu Hause für sie beide.
Und endlich war es soweit.
In Begleitung ihres ältesten Bruders Sven überquerten sie mit einem Schiff schwankend das riesige Meer von einem kleinen Fleckchen auf dem Festland aus. Aufregung, Vorfreude, Angst und leichte Übelkeit waren für unzählige Tage ihre Begleiter bis es endlich hieß „Land in Sicht, Bajard vorraus!“
Endlich traf sie ihre Malille.
Es war eine wunderbare Zeit, nur sie beide, die sich kennenlernten und keine Hofaufgaben und Abwechseln beim Kuscheln. So viel ganz für sie alleine und schnell lebte sie sich ein. Sie lernte die Freunde ihrer Ma kennen, die Schneiderin und Statthalterin Enomis, die ihre Schnecke Lülla genäht hatte, oder Terren, der noch bevor er Smula überhaupt kannte dabei half ihren Sandkasten hübsch zu machen und sich dabei in die Hand schnitt. Noch mehr andere Namen, noch mehr Geschichten und noch mehr Neues gab zu hören und zu lernen. Aber endlich war sie zu Hause und sie waren eine Familie.
Als sie dann wegen des Kriegs für kurze Zeit nach Düstersee ziehen sollte, fand sie das zuerst richtig traurig, auch weil ihre Malille als Heilerin viel unterwegs sein würde und sie nicht mehr die ganze Zeit für sich alleine hatten. Aber sie half anderen und das war gut, das wusste auch Smula. Und in Düstersee lernte sie so viele neue Stimmen kennen und weitere Freunde, darunter Distel, RashNirr und Leo, welche auch sowas wie ihre neuen Geschwister wurden, bis sie selbst und ihre Ma einige Zeit später sogar nach Düstersee zogen. Es war sicher mit seinen Mauern, den Gardisten, die durch die Straßen gingen und bald kannte sich das nur schwer sehende Kind dort so gut aus wie auf ihrem alten Hof. Es gab lustige Abende, spannende Erzählungen in der Taverne, abenteuerliche Geburtstage und vieles was ihr wohl entging, aber mindestens genauso schön war. Eine lange friedliche Zeit kam und wieder neue Stimmen und Freunde, darunter auch ein Mann Namens Lingor, den ihre Ma sehr lieb gewann und sie mit der Zeit auch, so sehr dass sie ihn sich als ihren Vater wünschte und sich keinen anderen dafür vorstellen mochte. Sie wurden eine Familie.
Und dann war die friedliche Zeit wieder vorbei.
Aber diesmal war es irgendwie anders. Der Krieg, der immer irgendwo war, war da , aber dann auch etwas anderes. Gruselige Unwetter, die nicht aufhören wollten, ein schwarzer Riss am Himmel, gefährliche Wesen, von denen man hörte. Und ihre Ma ging diesmal viel weiter fort. „Du hast so eine große Familie, Smula, dass ich weiß, dass es dir gut gehen wird. Sie passen hier auf dich auf. Ihr passt auf euch auf. Und ich passe auf die auf, die auf uns aufpassen.“
Zwischendurch hatte sie immer mal Briefe an den Hof geschrieben zusammen mit Lille und Antworten bekommen, es ginge allen gut, kleine Geschichten wurden berichtet und Grüße geschickt. Doch nun waren es wieder die Briefe ihrer Ma derer sie ungeduldig ausharrte. Hin und Her ein Schicken und Schreiben und Berichten, dass es ihnen in Düstersee und am Hof gut ginge, dass sie vermisst wird, kleine Geschichten und sie lasen dafür von ihrer Arbeit im Lazarett, wie es ihr geht, wie sehr sie ihre beiden vermisste. Lange ging es so weiter und aufgrund des langen Weges vom Festland aus dauerte es schon mal länger mit den Briefen, mit Einbruch der kälteren Jahreszeit dauerte es wieder länger und dann...
...blieb der Brief einfach aus. Und das Warten begann.
Smula saß beinahe täglich am Tisch in der warmen Küche des Lilienhofes und lauschte oder erkundigte sich, ob ein Brief ankam. Auch wenn sie nach einem Tavernenabend mal in Düstersee in ihrem Zimmer übernachtete, zog es sie doch rasch wieder an den Hof zurück. In manchen rastlosen Momenten fand sie bei Lingor die Ruhe wieder. Und er vielleicht auch bei ihr. Schließlich kam ein Brief von dem sie sich nicht mal vorstellen konnte, dass er zu ihnen geschickt wird. Nicht von ihrer Malille, aber von einem Heiler aus dem Lazarett. Sie lauschte Lingor, wie er ihr mit angespannter Stimme zu erklären versuchte, was in dem Brief stand. Seine angeschlagene Stimme machte mit einem mal so viel Sinn, wo sie vorher nur dachte, er würde vielleicht krank werden. Ihre eigene Stimme war in kürzester Zeit ähnlich angeschlagen, die Augen hinter den Nebeln genauso rot und ihr Herz genauso schwer...
Es gab einen Angriff auf das Lazarett. Viele, viele sind getötet worden, manche waren unkenntlich und die Hoffnung die wenigen Unerkannten und Vermissten zu finden schwand mit jedem kalten Wintertag und den noch kälteren Nächten erheblich. Der Heiler riet, sich keine falschen Hoffnungen zu machen, Lille sei gewiss in Seinem Dienst sicher auf dem Weg nach Nileth Azur. Und der Brief ihrer Malille, welchen sie vorsorglich geschrieben hat bevor sie ging, gerade für so einen Ausgang, war der traurigste Brief den sie je bekam und doch so voll von schönen Worten voller Liebe. Das schlimmste war, dass man sie nicht gefunden, nicht erkannt hatte unter all den Toten und nun der Brief wie ein endgültiger Abschied in dieser Welt war. Einige Zeit hielt sie noch fest an dem Gedanken, sie könne es geschafft haben und käme wieder, irgendwann. Doch langsam verstand sie, dass sie sich erst sehr viel später wiedersehen würden.
„... wenn du Angst hast du könntest mich vergessen, wie ich bin oder wie ich aussehe, dann fühl in dich hinein und leg deine Hände auf dein Gesicht. Ich bin so sehr ein Teil von dir, wie du von mir, sodass wir uns niemals wirklich verlieren könnten...
… du bist niemals alleine, meine liebste Smula, und ich werde dich wenn du alt, runzlig, grau und voller erfüllender Erinnerungen an ein langes herrliches Leben bist herzlich in Nileth Azur empfangen. Mit alles Liebe Alathairs, deine Malille.“
Nach all den Briefen würde jener der letzte sein.
Bei einem stillen Besuch im Tempel erinnerte sie sich an das schöne orangene Leuchten und wie friedlich es war. Sie stellte es sich vor, wie ihre Ma von diesem Licht geleitet sicher in Nileth Azur ankam. Sie betete und dankte Alatar, wollte sich anstrengen, wie ihre Ma es getan hat auf ihre Weise und war sich sicher, so sicher sie sich nur sein konnte, dass die letzten Zeilen des Briefes sich bewahrheiten würden. Und flüsterte leise...
„Bis später, Malille. Ich hab dich lieb“
