„Ich würde nicht zulassen, dass du fällst, nicht solange meine Hand da mitzureden hat, hm? Warum denkst du, dass du fallen könntest? Gibt es etwas in der Mitte des Kreises? Was lässt die Tänzer verschwinden oder warum zieht sich der Reigen immer enger?“
„Nicht wegen dir und mir, sondern wegen dem drum herum. Ich nehme an, dass du deinen Soll in den letzten Wochen sehr wohl geliefert hast? Ich nicht. Die Tänzer verschwinden mit der dahinschreitenden Zeit und Länge des Tanzes, sie bestehen aus Selbstsicherheit und Zuversicht...
Und in der Mitte lauert immer etwas. Das, was nach dem Ende auf mich wartet.“
Part 1: Die Nebelkrähe
Es war eigentlich schon viel zu spät für einen Rabenvogel des Zwielichts und der Tagesstunden, die Eulenzeit war angebrochen und mit dieser hatten die Schwarzfedern nichts zu tun. Eigentlich war es auch zu klamm und peitschend feucht, zu salzig die Luft hier an der Küste, Möwengebiet im Grunde und nicht Terrain der Totenkrächzer. Eigentlich war es hier zu unsicher, zu gefährlich und viel zu dreckig, der Pier und die gossenartigen Gassen daneben, dort herrschten schmutzige Tauben und nicht die Weisheit der Kohleaugen.
Eigentlich – und doch saß die kleine Nebelkrähe seit Stunden bereits still und unbewegt unter dem hervorstehenden Giebel des windschiefen Schindeldachs und starrte in die Schmuddelwelt des Hafenstädtchens hinab. Es roch nach einer Mischung aus menschlichem Unrat, bitterem Schweiß und abscheulich süßer Sünde. So intensiv, dass das Vögelchen sich schaudernd aufplusterte und doch keinerlei Anlass sah, sich zu erheben und in die tröstliche Decke der tiefblauen Nacht zu entschwinden. Nein, genau hier war die kleine Nebelkrähe richtig, denn die Seelen, die sie suchte, blühten im Dunkel solcher Gegenden auf, wie der giftige Nachtschatten im kalten Mondlicht. Sie musste nur Geduld haben, Ekel und Abscheu hinunterwürgen und warten, bis...
Ein Geräusch ließ sie den possierlichen Kopf ruckartig schräger legen und sie begann zu lauschen. Es klang nach einem scharfen, jankenden Schrei. Nicht aus der Kehle eines Menschen, nein, doch lag die verzweifelte Pein eines gequälten Wesens darin und sie ahnte, dass ihre Suche ein Ende hatte. Die pechfarbenen Flügel wurden geschmeidig und leise entfaltet, dann der Flug, ein fast lautloses Rauschen, beschwingte Höhe, dem wimmernden Gejaule entgegen. Was sie zu sehen bekam erstaunte sie nicht, doch ließ es sie aus mehreren Gründen auch nicht kalt: ein geschundener Straßenköter und ein betrunkener Mann – welch ungleiche Kräftemessung. Er trat nach dem Tier, das sich bereits ängstlich in die Ecke einer Bretterverschlagwand drückte und dessen dunkle Augen geweitet und panisch nach einer Fluchtmöglichkeit suchten. Jene konnte die Nebelkrähe geben und so stimmte sie einen krächzenden Choral an, wohlwissend dass der Kerl aufsehen und der Hund im selben Moment türmen würde. Ja, selbst den Steinwurf, der danach in ihre Richtung driftete, hatte sie berechnet und wich ihm flatternd aus. Hinter einem Schornstein lauschte sie dem lallenden Fluchen des betrunkenen Schlägers und erst, als sie die stolpernden Schritte in der Gasse vernahm, setzte sie ihre Verfolgung erneut fort. Sie ahnte längst, dass er den aufgestauten Zorn nicht an einem Stück Holz oder Stein auslassen würde und als er einige Minuten später in ein kleines Hüttchen am Rande des Hafens wankte, die Türe fest hinter sich schloss und das weinende Schreien, diesmal ganz und gar menschliche Laute, im Inneren erneut begann, da wusste die Nebelkrähe sicher, dass sie gefunden hatte, wonach sie gesucht hatte. Es war an der Zeit, den Soll wieder zu begleichen.
„Um diese Uhrzeit?“
„Um diese Uhrzeit sollte man nicht durch Wälder gehen, da man in andere Menschen hineinlaufen könnte, die hier ebenfalls einen Mitternachtsspaziergang einlegen?“
„Es hat gar den Anschein, dass dem so sein könnte, ja. Dabei sollten junge Damen, wie Ihr, um diese Uhrzeit längst Zuhause und in der Obhut ihrer Väter sein. Und nicht alleine... im Wald...“
„Ich bin stets in der Obhut meines Vaters...“
Part 2: Der Mann
In einer Stadt, die irgendwo zwischen Alltag und Bedeutungslosigkeit versumpft, ist es unabdingbar eine Strategie zu entwickeln, die einen aus diesem Morast zerrt. Ein rettender Ast vielleicht, nach dem man bei Bedarf greifen kann, wenn man wieder einmal bis zu den Waden in dem farblos-grauen Schlick versinkt. Nur, wer solche Kniffe entdeckt und einen derartigen Ast sein Eigen nennen konnte, der erlag nicht der Verzweiflung und dem Trübsal. Wer wusste, wie man das Leben pulsierend und frisch in den Adern weckte, der konnte hier bestehen und er hatte seine Lösung längst gefunden. Sie lag in der Entladung der Muskeln, die den Funken in jedem Zoll seiner Glieder weckte oder in anderen Entladungen seiner männlichen Kraft, am besten in der Kombination aus beidem! Wann immer ihn also der Sumpf der Gosse zu packen drohte, wählte er die Bauernopfer für seine Strategie aus. Mal schlug er Katzen und anderes Kroppzeug tot, mal suchte er die Hurenhäuser auf und genoss die Macht des zahlenden Kunden oder, wenn der Geldbeutel zu schlaff aber die Lenden stramm waren, besuchte er die, die dank eines Eheversprechens nach wie vor an ihn gebunden war. Er fasste dabei keinerlei festen Plan, sondern beließ die Wahl ganz und gar in des Schicksals Händen, dessen Rad sich zu drehen begann, wenn die Tavernentür hinter ihm zuschlug und er ins Freie wankte. Waren noch genug Münzen in seinen Taschen? Fand er einen Straßenstreuner? Führte es ihn ohne Umwege in die heimische Hütte? Es blieb immer wieder spannend und er ergötzte sich bereits an dieser Scheinwahl, welcher er auch an diesem Abend entgegen hechelte, als er die Spelunke hinter sich ließ und in die Küstennacht gespuckt wurde.
Doch, nein, er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn das Schicksal an diesem Abend offenbar glühend verehrte und er weder lange suchen musste, noch sich einen derartigen Prachtfang je in seinen kühnsten Träumen erdacht hätte... diesmal handelte es sich nicht um ein Bauernopfer, sondern um eine Königin, die ihm in die Hände gefallen war.
Im Nachhinein war er sich nicht sicher, was genau es schaffte, seine Aufmerksamkeit durch den trüben Nebel des Suffs zu erhaschen – nicht, dass ihn diese Frage lange beschäftigt hätte - , doch sah er genau zum rechten Zeitpunkt vom Steg herab zum rechten Fleck zwischen dem grauen Strand und den schwarzen Felsen, um eine schneeweiße, zarte Gestalt dort verloren wandeln zu sehen. Weiblich, schwach, alleine. Ein staunendes Grunzen entwich seiner Kehle und zeichnete den passenden Ausdruck auf seine geröteten Züge, ehe dieser einem breiten, dunklen Grinsen weichen musste. Es war an der Zeit, nach dem Ast und der schneeweißen Königin darauf zu greifen.
„Welche Augenfarbe hat er? Du hast nicht darauf geachtet, sondern versucht zu lauschen und die Lippen angesehen, hmn? Es ist die Farbe von Smaragdgestein.
Hell und braun, wie Haselnüsse, so warm und lebendig – hell und grün, wie der Frühling in den ersten Blättern der jungen Zweige – dunkel und tiefgründig verborgen, wie der Smaragdstein in den Tiefen der Berge – orangebraun und zugleich gülden, wie das unruhige Feuer des Bernstein – grau, wie der Küstenwind und zugleich so hellblau, wie das frische Eis des ersten Winters...“
Part 3: Das Mädchen
Kohlefarben schwarz, erleuchtet nur vom matten Grünstich einer fernen Erinnerung an Schiefertafeln, entzündet vom stetig glimmenden Span der lodernden Emotionen oder des fiebrigen Wahns, welcher sie in solchen Nächten ganz und gar in seinen unseligen Strahlenkranz hüllte. Sie lehnte an dem Anthrazitgestein und lauschte weder den knirschenden Sandschritten des herantappenden Unholds, noch dem Geplapper des unförmigen Steckenklopswesens, das sich aus den Tiefen ihrer geistigen Umnachtungen an die Oberfläche gewunden hatte, um wieder einmal über Katerworte zu philosophieren, sondern dem Rauschen des Meeres. Dort, im Wispern der Wellen, hörte sie die Geschichten der letzten Abende, sah Gesichter und roch Enttäuschungen. Jene, die sie hatte beobachten müssen, als ein Soldat nicht aus seiner Haut konnte und ein noch so unschuldiges Mädchenherz einen fast hörbaren Riss abbekam. Jene, die sie hatte erfahren müssen, als sie realisierte, dass manche Scheinfreundschaften eben nur dies waren und sich darunter etwas Dunkleres pochend verbarg. Jene, die sie sich selber hatte zuschreiben müssen, als die eigenen Worte das aussprachen, was sie doch schon länger wusste. Er, der sie befreit und vor einem Schicksal bewahrt hatte, welches ihre Seele zerrissen hätte, verlangte den Ausgleich dieser Schuld und in seiner Gnade hatte er ihr jegliche Wahl freigestellt. Sie hatte die vollkommene Entscheidungsgewalt, zu jeder Zeit, so fest in der Hand, wie den schlanken, beidseitig geschliffenen Stoßdolch unter dem Mantel. Es war ihm ganz gleich, wer oder was seine Kraft nähren würde, solange der Fluss selbiger nicht unterbrochen wurde und die Zeit des Müßiggangs war vorbei, hier und jetzt, sofort. Ein Keuchen drang an ihr Ohr und sie tauchte geschmeidig unter dem Wirkungskeis einer grabschenden Hand hinweg, drehte sich in der Bewegung, um zum ersten Mal direkt in das Gesicht des vermeintlichen Verfolgers zu blicken. Rotblondes, ausgeblichenes Haar, Sommersprossen im rauschgezeichneten Gesicht, unrasierte Stoppeln an den Wangen und dem Kinn – Augen in der Farbe später Oliven, ein Hauch träger Herbstsonne auf saftigen Berghängen, der Geruch von staubiger Erde und halbverdorrten Kräutern, der monotone Klang des Zikadenorchesters. Sie würde auch diesen Eindruck mitnehmen, in die Tiefen des Traumwaldes, in den Leichenbrunnen der Erinnerung, unter die Decke des Nebels, wo das Grauen wartete. In dem Moment, in welchem sein Schrei den finalen Punkt auf der letzten Seite seines Kapitels setzte, würde er ein Teil ihrer Welt werden und die Augenfarbe sie in die Rabennächte begleiten. Es war an der Zeit, die Feder anzusetzen.
„Sie sollen mit einem Schrei gehen und mit starrer Angst in den Augen.“
„Was kümmert dich, ob sie Angst haben?“
„Weil es jene sind, die sie verdient haben. Weil sie nehmen und nehmen und es ihnen egal ist, was sie zurücklassen. Sie hören die Schreie der Anderen nicht, sie erfreuen sich an Ängsten, an so vielen, vielen Facetten von Gewalt und haben ihren grausamen Spaß damit! Ihnen ist es egal, wenn Andere schreien, denn sie suchen die verdammte Angst darin und da sollen sie sie bekommen!“



