Hand in Hand mit der Hoffnung auf ein weiteres Feentreffen, auf ein Wiedersehen mit "Veilyallys" und den anderen Bewohnern dieser regenbogenbunten Welt, ging die Sehnsucht nach jenen, die sie damals begleitet hatten und nun nicht mehr im Kreise der Schwesternschaft weilten.
Liska...
... deren Gesichtsausdruck, als sie sich in der Anderswelt wiederfand, sie noch so deutlich vor dem inneren Augen sah, wann immer sie nur die Lider senkte und diesen Teil der Erinnerungen betrachtete. Ach, gute Liska, wie rasch sanken die Brauen herab bei all dem Schabernack, dem scheinbar sinnbefreiten Gebrabbel, den aberwitzigen Aufgaben und schwer nachvollziehbaren Problemen der Feenwesen. Eine durch und durch sowohl kindliche, als auch kindische Welt, die es rasch schaffte einen besonderen Nerv der Herbstwindschwester zu treffen und diesen bohrend zu drücken. Dennoch hatte sie lediglich innerlich gegrumpelt, ein wenig biestig geknurrt und ansonsten alles nur in ihrer Macht erdenkliche getan, um den damals frisch entbrannten Streit innerhalb der Anderswelt zu lösen. Schmerzlich wurde nun ihre Kraft, Rat und vor allem dieser nimmermüde Beistand vermisst, den selbst so manche blutsgebundene Geschwister so innig nicht erbringen konnten.
Doch war da in Liskas Fall der beständige Trost, dass es ihr gut ging, sie mit Fidelias und dem Kind sicher am Festland verweilte. Ein rückversichernder Griff und Blick hinab zum Bernsteinanhänger um ihren Hals bestätigte den Eindruck. Im Einklang mit ihrem Lebensatem pulsierte das Lichtlein darin beständig und so kräftig, wie der wilde Herbstwind, der Jahr um Jahr die Gedanken an eine Zeit mit Liska verstärkte.
Ja, sie lebte, im Gegensatz zu...
Ziris...
... war ein fester Bestandteil des Hains geworden, denn die kleine Weißbirke, die in Gedenken an die hellhäutige, verträumte Schwester mit den bläulich-weißen Haaren gepflanzt war. Das schlanke, großgewachsene Fräulein Krin hatte selber ein wenig einem Baum geglichen, lange konnte sie Gedanken nachhängen und wirkte so nicht gerade selten ein klein wenig langsam oder träge im Geist. Eine absolute Fehleinschätzung, wenn man erst begriff, wie groß und umsichtig dieser Gedankengang vollführt wurde, was Ziris alles schon im ersten Ansatz in ihre Überlegungen miteinband und wie weit sie planen oder sehen konnte. Ja, wie ein Baum, der aus einer deutlich höheren und zeitlich ganz anders eingefassten Perspektive über die wuselige Welt der Mitmenschen lugte. Ähnlich reagierte sie auch auf das noch deutlich emsigere Gewimmel der Feen: mit einem sanften Lächeln, schweigend erst einmal beobachtend, ohne auch nur den Hauch von Stress oder gar angesteckt von der flippigen Natur der Andersweltbewohner. Dennoch strahlte Ziris ein bisschen Ewigkeit aus und fand so eine beinahe natürliche Symbiose zu den Feen. Die ganze Zeit über wirkte es stets so, als wären beide Parteien der selben Welt entsprungen, würden trotz verschiedener Geschwindigkeiten und Dialekte ein und dieselbe Sprache sprechen und gerne ließ Ellys sich von Ziris friedlicher Entspannung anstecken, wenn das Feengewusel eigentlich das innere Feuer des Flämmchens aufflackern ließ.
Jetzt war sie fort und da zugleich - in jedem Baum schien eine kleine Ziris zu stecken, die sanft herabflüsterte und dem Feuerfuchs ein weiteres Mal Beistand zusicherte.
Fest umklammerte diese die Sammelkiste und merkte zuerst nicht, wie jeder Schritt durch den Hain die frauliche Gestalt ihres Körpers veränderte, verschleierte, zusammensinken ließ und Farbe nahm, bis einem Irrlicht gleich die Erscheinung eines geisterhaften Mädchens hin zum Gemeinschaftshaus huschte.
Veilya...
... war es, die in solchen Momenten in den Erinnerungen lebendig lebte und so spürbar wie warmer Atem auf nackter Haut neben Ellys wandelte, unsichtbar für die Augen, doch mit dem Herzen deutlich zu erkennen, hatte ihr diese Form indirekt vermacht und als kleines Geschenk zurückgelassen. Grundlegend hätten Veilya und Ellys verschiedener nicht sein können. Die etwas reifere, tiefgründige, dunkelhaarige, elegante Schönheit und der noch gänschenhafte, temperamentvolle, pummelige Kupferschopf vom Lande. Wasser und Feuer und doch hatten sie einander rasch lieben gelernt. Schwestern ja und dann und wann hatte den Feuerfuchs das Gefühl beschlichen, dass sie sogar so etwas wie Zwillinge waren. Sie konnten einander beruhigen, stützen, benennen und definieren, wie es sonst nur die Wahlelemente selbst vermochten. War das Wasser dunkel und trüb, so brach sich der Flackerschein des Feuers darauf vielfach funkelnd, bis das Leben nur so erwachte. Schien das Feuer aufgebracht und fauchend, so half die kühlende Umarmung des Wassers die Flammen wieder in klare Bahnen zu lenken und zu fokussieren.
Gemeinsam hatten sie sich in die Schulen der Akademiemagie gewagt, gemeinsam die Reise in die Träume der jeweils Anderen vollbracht und gemeinsam die Anderswelt betreten, um einer Fee, die ihrer beider Namen zum eigenen verschmolzen hatte, zu helfen.
"Vellyalys...", der Name huschte über die geisterhaft farblosen Lippen des Gespensterwesens und es kostete sie einen Moment unangenehm viel Mühe und Konzentration, um den eigenen Körper im Liedgewirr aus Erinnerungen und Gefühlen wieder zu finden, doch zuletzt war es Ellys' weiche, warme Hand, die nach dem Griff der Türe haschte. Eilig floh sie aus der Winterkälte in die Gemeinschaftshütte und dankte innerlich der guten Xunire, die das Feuerlein im Kamin bereits angeschürt hatte.
Genau dieses Feuer oder genauer gesagt die Fliese daneben war das Ziel, denn hier sollte das Kistchen platziert werden, mit dem der nächste Schritt hin zum Bündnis über die Welten hinaus getan werden musste.
In just diesem Augenblick wusste sie nicht einmal, wer die Idee zuerst geäußert hatte. Hatte Majalin den Gedanken gezündet, als sie sich zuletzt gesehen und besprochen hatten oder war er Anats Ideenreichtum entsprungen? Vielleicht hatte aber Nephele ihn so sanft und weich einfließen lassen, wie frischen Schneefall? Es könnte aber auch an dem Abend der Besprechung selbst Selinas Geistesblitzen entnommen worden sein - zumindest waren sich die Schwestern einig gewesen, dass es einen Versuch wert war, die Feen zu kontaktieren und zu befragen.
Kontakt durch lockende Gaben, Geschichten durch Geschenke, Glitzer und Glanz. All das, was die kindlichen Naturen herbeirufen würde und die Spiegeltore zur Anderswelt öffnen könnte.
Mit einem weichen, kleinen Lächeln blickte der Feuerfuchs in den Kamin, während der Zeigefinger die schlecht geschnitzte Feenfigur im Kistenlid nachzeichnete. Es würde gelingen, dies spürte sie tief in der Brust, denn sie war auch diesmal nicht alleine. Jene, die nicht unmittelbar an ihrer Seite stehen konnten, trug sie dennoch stets mit sich und die, die weiterhin mit Fleisch und Blut greifbar Teil des Schwesternbundes waren, stützten sie so sicher wie das Rund der Elemente.
Und dann waren da noch helfende Hände, die sich ohne Hintergedanken und Zögern ihr entgegenstreckten. Naturmagische Traditionen, akademische Liedwirker und der Mann, in dem sie das Ziel aller Suchen gefunden hatte.
Der Schritt hinter die Spiegel wurde nicht alleine gewagt!



