Eine Ambivalenz zur Welt der Menschen war durchaus nachvollziehbar, nein verständlich, denn er umgab sich bereitwillig mit ihnen, lief sicher über den schmalen Grat zwischen den Wurzeln des eigenen Volkes und der Mischgemeinschaft, die sich durch den Glauben an den Vater, an Alatar, nun einmal ergab. Vielleicht hatte das Spuren hinterlassen? All die Glaubensgespräche, Messen und Unterweisungen in Verbindung mit der gefühlsduseligen Rasse der Menschen? Ja, mit Sicherheit war dieser Aspekt in den letzten Jahren keineswegs spurlos an ihm vorbeigegangen aber war hier auch der Grund für die innere Unruhe, die sich bis weit in den Schlaf und die Träume der letzten Wochen und Monde fraß, zu finden? Nun, dies wiederum wagte er zu bezweifeln und haderte unstet, als ihm ein ganz anderer Grund in den Sinn kam...
… Vater hatte sie geprüft, hatte ihr den essentiellen, glorreichen Unterschied zwischen den verkümmerten, goldenen oder grünen Vettern gezeigt und noch während er ihr die Augen öffnen konnte, musste sie doch einmal fast in die Rolle der verhassten Verwandten schlüpfen, taumelte nahe an der Grenze zwischen Silber und Gold, bis sie die Kraft tief in sich fand, die neue Stärke der Letharen in dieser seltsamen Verbindung zu entdecken. Nie hatte er Zweifel am Willen seiner Mentorin gehabt, nie geglaubt, sie würde hier scheitern und zu einem weichen Häufchen Lichtgefühl werden und doch... ja, doch waren ihm Szenen der Zeit ihrer Prüfung so fest und glühend in den Geist gezeichnet, dass er sie nicht vergessen konnte. Schlimmer, er begann diese heimlich zu betrachten, sinnierte darüber, verband etwas damit, was tiefer in der Brust eine hässliche, kleine Saat gesetzt hatte, die nun keimen wollte.
Ihr Blick, so seltsam, so falsch aber dennoch... schön? Ein einziger Blick nur, entstellt durch die geistige Vernebelung der Prüfung und doch galt er ihm. Sein Blick, ein kleiner Moment nur, ein Blinzeln und es war vorbei aber auf ewig bewahrt in den tiefen Schubladen letharischer Erinnerung.
Ihr Lächeln, so zart, so irritierend aber trotzdem... faszinierend? Dieser winzige Augenblick, in dem sich die Mundwinkel hoben und kein Hohn die Lippen kräuselte, kein sarkastisches Zähnezeigen, sondern ein seltsam sanfter Hauch darin wogte, der tief in seinen Geist schwappte und ebenfalls nicht vergessen werden konnte.
Ihre Berührung, so kurz, so fürsorglich aber auf jeden Fall... ihm gewidmet. Ah, er wusste, dass sie in dem Moment den Mael'Qil sah, nicht ihn. Er war nur Gestalt, doch sein Gesicht hatte sie nicht wahrgenommen, dachte sie würde nach einem Anderen haschen aber dennoch glaubte er selbst jetzt, wo er sich die längst vergangene Szene vors geistige Auge führte, die schlanken Finger kühl und weich an seinem kahlrasierten Schädel zu spüren und ein zorniger aber auch milde verzweifelter Laut entwich der Kehle knurrend.
Ekelhaft – eigentlich!
Sie hatte ihn im Stich gelassen und der Mael'Qil ebenfalls. Sie beide waren aus seinem Umfeld verschwunden, hatten ihn mit all den Menschlingen und ihren verweichlichten, wirren Gefühlsregungen zurück gelassen, die nun abzufärben begannen, in ihn hineinätzten wie schwache aber beständige Säure, die seine Erinnerungen langsam zu pervertieren drohten und neben dem Zweifel auch Schuld aus ihm herauspressten. Schuld, weil sie das Weibchen des Mael'Qils war und seine Rune trug. Schuld, weil sie seine Mentorin war und all das ohne diese menschliche Verdrehtheit nie passiert wäre! Schuld, weil er sie und den Mael'Qil verloren hatte!
Er griff sich an den Kopf, wollte Haare raufen, die aufgrund seiner perfektionistischen Ader nicht einmal mehr im Ansatz dort zu finden waren.
Nach einem Ausbruch der blanken Wut und schwelendem Zorn, übermannte ihn die Müdigkeit, doch graute ihm vor dem Schlaf und den Träumen, die ihn heimsuchten.
Träume vom emotionalen Dasein eines Menschen...
Wie konnte der Junglethoryx auch nur erahnen, dass seine Prüfung bereits seit geraumer Zeit begonnen hatte, dass goldorangene Blicke Nacht für Nacht tief in seine Verwirrungen und Verzweiflungen starrten und dem, den er voller Inbrunst „Vater“ nannte, selbst zu denken gaben.
Ah, die Motivation eines Gottes zu ergründen, steht nicht einmal einem Erzähler zu und doch ist es wohl sicher zu sagen, dass der Strudel des Wandels, in welchen die Welt Alathair mit Beginn des Himmelsriss' gezogen wurde, auch - oder erst recht - die Götter selbiger Sphäre alles Andere als unberührt ließ. So entschied sich Alatar, der nachtschwarze Panther, der freie Gedanke Alathairs, seinen passend gedanklichen Anstoß für den Junglethoryx' mit einem resoluten Hieb der Tatze auch noch zu unterstreichen:
Tief in den verschlungenen Traumpfaden wandelte ein Letharf halbverirrt durch den Dschungel an Emotionen zweier Völker und sah die Schwäche darin, begann ihr zu fliehen, bis sie ihn wie klebriger Treibsand langsam aber geduldig einholte. Schneckenartig legte sie sich um die Knöchel, wanderte daran empor und begann seinen Körper geduldig und doch unbarmherzig einzuhüllen. Als er die Augen schließen musste und sich mit all der noch verbliebenen, sturen Gegenwehr auf ein fulminantes Ende vorbereitete, da sickerte es plötzlich durch die Poren hindurch, drang tiefer, fraß sich gierig durch Fleisch, Sehnen und Knochen, bis es eine Ebene fand, die Geist, Wesen und Seele verborgen hielt. Hier erst blühte es auf, durchbohrte ihn so jäh und schmerzhaft, dass etwas splitterte und Veränderungen verursachte. Grauenvolle Veränderungen. Ächzend, nach Luft schnappend und dennoch in den Gefühlen ertrinkend, musste er mitansehen, wie seine spitzen Ohren zusammenschrumpelten, runder wurden, die scharfen Zähne stumpfer, braver und gerader schienen, ja, sogar seine Haut die stolze, mystisch dunkle Farbe gegen ein helles, verletzliches Braunrosa tauschte. Einzig das intensive Smaragdgrün seiner Augen blieb ihm und mit Entsetzen starrten diese Augen panisch in den Gefühlsdschungel, schrien stumm nach Hilfe.
Dann riss ihn etwas aus dem unvorstellbaren Grauen des Traumes und noch ehe er zitternd die Lider heben konnte, raunte eine samtig dunkle, ewig vertraute Stimme leise und nicht ohne den neckenden Anflug von süßlicher Ironie:
„Wie gut, dass es nur ein Traum war, mein Kind... nicht wahr?“
