“Räuber... Banditen... Lumpenpack und Gesindel.“, so waren die Worte der “Kleinen Schwester”.
Ein “Königshappen” sollte es sein, etwas ganz besonderes. Doch wie soll man eine Delikatesse im Abschaum finden? Als könnte man Perlen im Schweinetrog finden. Oder Gold in der Latrine. Oder eine besonders schmackhafte Seele für den Meister unter nichtswertigen Verbrechern.
“Vater” hat sie Ihn genannt. Wenn ich überlebe, was auch immer sie mit mir vorhaben, darf ich Ihn auch so nennen. Ein wundervoller Gedanke.
Doch waren der Worte genug gewechselt als die nachtblau gewandete Gestalt sich von den kalten Stufen der Nimmerruh erhob und ihre kaum hörbaren Schritte in Richtung der dichten Wälder lenkte. Weg von hier. Zu einem Ziel, von dem noch nicht bekannt war, wie es überhaupt aussah.
Als die Blätter des Wildpfades leise raschelten, weckten sie auch eine schlafende Erinnerung.
Eine Erinnerung an ein altes Leben. Ein anderes Leben.
So weit entfernt und nun doch irgendwie ... wieder so nahe.
Der seit mehreren Wochen andauernde Schlafmangel tat sein übriges als die schwarz umrahmten Augen mit jedem Schritt in der aufkommenden Kälte der nebligen Wälder von Schattenwinkel damit kämpften, den Körper am funktionieren zu halten. Der Todessang war nun fort... er hat ihn geraubt. Und es fühlte sich mit einem Male wieder so... frei... an. Doch war diese Freiheit wirklich das, was sie wollte? Alles fühlte sich so mühselig an. Und so einsam.
Kurz wurde alles schwarz. Doch sind nur die Lider zugefallen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Die Augen auf den Weg gerichtet. Voran.
Jedes Geräusch war zu hören, als wäre es hundertfach verstärkt und doch in Watte eingehüllt. Das Knacken eines Zweiges. Das Rascheln der Blätter. Das Knarzen der Stiefel. Der eigene Atem. Wie ein Traum.
Erneut wurde alles schwarz. Die Schwäche fühlte sich immer schwerer an, wie bleierne Ketten die überall auf ihr lagen und trügerisch flüsterten, sich doch einfach hinzugeben und die Schwärze einfach gewähren zu lassen. Jeder Atemzug fühlte sich an wie eine überlebensgroße Aufgabe. Und es blieb schwarz.
***
Erneut öffnete sie die Augen. Die Insel Lameriast im Frühling des Jahres 255.
... und so entliess er sie.
Der Fürst verwendete nicht viele Worte um sein Anliegen auszudrücken. Er brauchte es auch nicht, denn es war ihr bewusst, dass er Menschen verachtet, denen man alles zweimal erklären muss. Und sie gehörte garantiert nicht zu diesen, sie, als seine treueste Dienerin.
Es war ein sonniger Nachmittag im Frühling. Draussen zwitscherten die Vögel der Insel Lameriast das Lied vom erwachenden Frühling, angenehme Wärme lag auch spürbar in der Luft und ein herzerwärmender Duft nach nassem Gras in der Sonne, Blumen und einer leichten Meerbrise, welche von Neuhaven mit einem Nordwestwind hierher getragen wurde, erfreute die Sinne vieler Lebewesen.
Nicht jedoch ihre, als sie gedankenverloren durch die kühlen Gänge der Burg Eisenwart lief und sich die Worte des Fürsten nochmals genau einprägte und mit ihren eigenen wiederholte:
"Geh heute Abend nach Varuna, Shessidyr. Dort wirst du beim Brunnen am Marktplatz einen Mann namens Ludwig Kannath treffen. Er wird dir sagen können, wo du den Flüchtigen finden kannst. Er wird dir auch seinen Preis nennen. Enttäusche mich nicht, Shessidyr!"
"Enttäusche mich nicht, Shessidyr", sagte er. Sie wusste, was er damit meinte. Würde sie versagen, wäre es an ihr, seine schrecklichste Seite kennenzulernen - die des grausamen Meisters, der mit Genugtuung Schmerzen zufügt. Nein, das wollte sie nicht, wirklich nicht.
Ludwig Kannath und der "Flüchtige" starben grausame Tode. Der eine verlor im wahrsten Sinne des Wortes bei lebendigem Leibe sein Gesicht... der andere wurde gefunden und als Opfer eines Wolfsrudels deklariert, so verstümmelt war sein Körper.
***
Eine Sekunde der Unachtsamkeit. Ein lautes Rascheln. Sie riss die Augen auf. Es war nur ein Wachtraum. Doch einer, der eindringlich an das erinnern sollte, was vor ihr lag: Erneut gab es einen Meister, der nach Erfolg verlangte. Und erneut würde Versagen nicht akzeptiert werden.
“Räuber... Banditen... Lumpenpack und Gesindel.“ schien der Wind zu flüstern. Oder war es nur ihre durch die Übermüdung geschundene Vorstellung? Die Worte der "Kleinen Schwester" brannten glühenden Eisen gleich in ihren Ohren. Wie Musik aus der Tiefe der Seele selbst.
Ein "Königshappen". Also etwas Besonderes. Somit schieden Räuber und Gauner, die Reisenden auf den Wegen auflauerten, bereits aus, da sie diesen in ihrem geschwächten Zustand sowieso nicht einmal annähernd Herr werden könnte und diese ihr vom Gefühl her zu... "unköniglich" seien.
Doch was wäre ein angemessenes finales Filetstück für den Meister? Eine Frage, auf die es keine befriedigende Antwort gibt, da das Wissen, nach dem sie suchte, von den Rabenpriestern eifersüchtig gehütet wurde wie die eigene Keuschheit von einem temorianischen Priester.
Also war sie nun bei dieser Suche völlig auf sich allein gestellt. Nur sie, ihr geschwächter Leib und die übermüdete Intuition. Die Intuition, die ihr schon oft die Haut rettete. Die Intuition, die Lügen und Hochmut sich selbst enttarnen lassen. Die Intuition, die darauf besteht, dass die Lösung dieser Frage in der Heiligen Stadt Rahal selbst liegen könnte. Die Intuition, die ihr verrät, dass sie sich dort vorerst besser nicht sehen lassen sollte.
Und so geschah es in der Nacht des 22. Searums, dass ein fleischgewordener Alptraum wieder auf der Insel Gerimor wandeln sollte, als in einem düsteren Gewölbe in Schattenwinkel präzise und geheimnisvolle Arbeit durchgeführt wurde:
Rostrote Haare wichen einer strohblonden Färbung und wurden zu einem Zopf gebunden...
Eine abgetragene Robe wurde abgestriffen und der narbenübersähte spindeldürre Leib bedeckt von einem sauberen braun-grünen Reisekleid...
Die wettergegerbte Färbung der Gesichtshaut wurde fein säuberlich überschminkt um die Illusion einer elfenbeingleichen Haut zu erschaffen...
Selbst Duftwasser wurde dezent aufgetragen um die Erscheinung der jugendlich-naiven Frau mit der hell-klaren Stimme und den großen Augen zu perfektionieren...
"Emma" war somit wiedererweckt worden. Auch wenn der Todessang nun fern war, so konnte sie sich noch gut daran erinnern, wie sie gemeinsam diesem junge Mädchen nach und nach das Leben herausschnitten. Sie hat so wundervoll gesungen. Und nun... bin ich sie.
Durch die Veränderung der Machtverhältnisse im alatarischen Reich würde sich höchstwahrscheinlich niemand mehr an die Bluttat erinnern, die vor etwa einem Jahr Junkersteyn bis ins Mark erschütterte. Somit wäre das junge naive Mädchen, das auf dem Markt Äpfel kaufen will, sicher von keinerlei Interesse für die imperialen Truppen.
Eine Tür fiel leise ins Schloss und nicht minder leise Schritte verließen das spätnächtliche Schattenwinkel in Richtung des Osttores der Heiligen Stadt.
Als der Morgen dämmerte kam das Ziel der Reise in Sichtweite. Wie erwartet war es weniger streng bewacht als das stolze Haupttor Rahals. Zwar weniger bewacht, aber nicht minder schwer befestigt als das Haupttor. Doch das sollte eine weitere Zivilistin nicht weiter stören die an diesem Tag die Heilige Stadt "auf der Suche nach passender Nahrung" betrat.
Das Leben in Rahal hatte sich nicht groß verändert. Die neue Verwaltung des Senates sorgte effektiv dafür, dass trotz des Risses und der welterschütternden Ereignisse das Leben einen relativ normalen Gang nahm. Kaufleute priesen ihre Waren an, Templer ließen gelegentlich Passanten verhaften, die die Gebote des All-Einen nicht korrekt aufsagen konnten, Soldaten beäugten das Ganze misstrauisch aber gelangweilt und ein Gefühl der allgegenwärtigen Beobachtung war nahezu überall präsent. Es hat sich wirklich nicht viel verändert.
Nun galt es nur noch, eine Delikatesse für den Meister zu finden. Einzige Voraussetzung: Es durfte nur niemand sein, der in dem Kristall-Konflikt noch von Nutzen sein könnte. Keine leichte Aufgabe. Im Nachhinein betrachtet vielleicht sogar eine völlig bescheuerte Idee, in der streng bewachten Hauptstadt des Alatarischen Reiches jemanden finden zu wollen, der diese Anforderungen erfüllt. Aber vielleicht würde sich die Intuition ja einmal wieder als zuverlässig herausstellen.
"Jemand, der entbehrlich ist. Ein Verbrecher. Jemand, der der Gesellschaft nicht nützt." sagte sie sich immer wieder einem Mantra gleich auf und hoffte auf ein plötzliches Ende ihrer Suche als die silbergrauen Augen denen einer Katze gleich alle möglichen Ecken und Gassen beobachteten während das tollpatschig wirkende Äußere gelegentlich über Gegenstände stolperte und alltägliche Dinge wie Holzschalen oder Löffel bewunderte.
Und es musste wahrlich erst Abend werden als alles wieder so geschah, wie es wohl geschehen sollte.
Es stellte sich langsam als mühselig heraus, die Tarnung des tollpatschigen jungen Sonnenscheines aufrecht zu erhalten und der Gedanke, dies noch für mehrere Stunden tun zu müssen, sorgte, höflich ausgedrückt, für Unwohlsein.
Doch riss sie urplötzlich eine Hand, die aus einer Seitengasse heraus nach ihrer Schulter griff und sie gewaltsam zu sich heranzog, aus ihren Gedanken und rief den Reflex des Überlebenskampfes hervor. Verdammt, sie hatte für einen kurzen Moment nicht aufgepasst! Und diese elendige Müdigkeit hat sie noch träger gemacht, als sie es jemals tolerieren würde.
Aber nun war es zu spät. Es galt nun an erster Stelle, die Tarnung aufrecht zu erhalten. Daher würde sie erst einmal beobachten, was geschieht.
"Was macht denn so ein süßes Ding wie du noch so spät hier... Hast du dich verlaufen, Kleines?" fragte eine rauchige tiefe Stimme selbstüberzeugt als ein starker Arm sie an die kalte Wand der Seitengasse drückte.
Unter normalen Umständen hätte sie jedem Kerl, der es wagt, sie so widerlich anzusprechen, bereits ohne Vorwarnung etwas ganz bestimmtes abgeschnitten. Doch dieser hier war irgendwie... anders. Ein Räuber hätte bereits seine Waffe gezogen, ein Vergewaltiger wäre schon tot und ein Menschenhändler hätte sie schon versucht, bewusstlos zu schlagen. Da er keinen wirklich aggressiven Eindruck machte, beobachtete sie ihn nun genauer.
Sie sollte Recht behalten, als sie nach der Geschwindigkeit und Festigkeit des Griffes auf einen jüngeren Mann schätzte: Die vor ihr stehende breitschultrige aber drahtige Gestalt war vielleicht gerade einmal 25 Jahre alt. Das Gesicht mit dem dreisten schurkenhaften Schmunzeln wurde von einem groben Dreitagebart und nachtschwarzen verwuschelten Haaren auf halber Schulterlänge eingerahmt und bot mit den tiefen dunklen Augen ein Kunstwerk erster Güte.
Die elegante aber sehr leger getragene Kleidung roch nach Tabak und Wildkraut während ein leichter Hauch nach Rum das Gesamtbild abrundete und dem zugegebenermaßen hochattraktiven Äußeren nur zuspielte.
"Nicht sonderlich gesprächig, hm? Brauchst aber keine Angst zu haben, Kleines. Ich tu dir nix, wenn du die Klappe hältst." waren seine Worte, bevor er seinen festen Griff etwas lockerte.
"Denn ich hab hier genau, was du suchst."
Sie war sich sicher, dass das nicht der Fall sein könnte, aber ihr gespieltes Äußeres sah den jungen Mann unsicher und verängstigt an, als dieser sein Hemd aufknöpfte und eine kleine Schachtel herausholte, die er zuvor an einer beeindruckenden Tätowierung, die die halbe Brust bedeckte, vorbei führte.
"Da drin ist die Erfüllung aller deiner Wünsche, komm, probier mal." Waren seine Worte, als er die Schachtel öffnete und kleine sorgsam aufgereihte Kügelchen darin zum Vorschein kamen.
Sie nahm eine der Kügelchen. Und schluckte sie. Auf ihre Frage, ob er sie dann gehen lässt, folgte nur ein raues Lachen.
"Jetzt haben wir doch schon so viel Spaß... nein. Die Dinger sind aus gepresstem Wildkraut und Visionspilzen. Du wirst gleich merken, dass du nicht mehr gehen willst, meine Süße"
Viele Menschen in dieser Situation wären wohl nun in eine Falle ohne Rückfahrschein gegangen, doch befand sich das kleine Drogenkügelchen nicht in ihrem Mund sondern in ihrem Ärmel als sie ihm vorspielte, wie sie immer lockerer und heiterer wurde, sich gar näher an ihn heranschmiegte und den eigenen Körper schwerer und träger machte.
Sie konnte den siegessicheren Ausdruck auf seinen Zügen sehen, als er sie stützte und immer weiter, tiefer in die dunkle Gasse mitführte.
"Wo wir jetzt hingehen, habe ich noch mehr davon. Du wirst nichts anderes mehr haben wollen. Wir werden so viel Spaß haben, Kleines." waren seine letzten Worte, bevor er sie in eine winzige Bretterbude hinter der Hafenmauer führte und die Tür verschloss.
Die aufkommende Nacht wurde von Alkohol begrüßt. Hartem Alkohol. Und Wildkrautstängeln. Und vielen weiteren Rauschkugeln, die er ihr verabreichte und sie jede einzelne artig schluckte. Zumindest war es das, was sie ihm vorspielte. Je mehr Alkohol und Rauschmittel der junge Mann in sich hatte, umso leichter wurde es auch, ihm vorzuspielen, harten Alkohol zu trinken oder diese verflixten Kügelchen zu schlucken. Zwar spürte sie auch seine immer enthemmter werdenden Hände auf ihrem Körper und dieses Gefühl widerte sie so unendlich an, doch war es ihre Intuition, die ihr sagte, dass diese genau die Ereignisse sind, die zum Ziel führen werden, da er immer gesprächiger wurde.
Die Nacht wurde lang und die größte Herausforderung war es den jungen Mann zu überzeugen, dass sie sich ihm noch nicht hingeben würde aber dabei gleichzeitig mehr und mehr Informationen aus ihm herauszubekommen.
Und als die Sonne dann endlich aufging, lag der junge Leckerbissen in tiefem Schlaf an sie gekuschelt. Und sie hatte es tatsächlich geschafft, ihre Kleidung anzubehalten. Auch wenn der linke Ärmel nun voller Rauschkügelchen und die Kissen hinter ihr vom Alkohol nur so getränkt waren.
Zumindest wusste sie nun, dass der junge Mann den klangvollen Namen "Javier" trägt und in Rahal bereits seit einigen Wochen die Sehnsucht vieler nach kurzweiliger Vergessenheit befriedigt.
Vielleicht war es wirklich auf irgendeine groteske Art von Vorteil, dass der Meister ihr seit ungezählten Tagen finstere schwarzgefiederte Träume schickt. Denn die schlaflosen Augen vermochten auf diese Art selbst im Wachen zu schlafen. Und so war er immer hier. Verwirrende Träume von Rabenschwärmen, die sich zerteilten, über die fremdartige Landschaft flogen und sich wieder zusammenfanden um dann mit einem Male ein Gesicht zu bilden. Das Gesicht der "Kleinen Schwester". Der Schwarm bewegt sich und zerberstet in dutzende, nein, hunderte Raben. Alle krächzen. Laut. Und alles wird weiß. Das Krächzen wird leiser und weicht einem penetranten Pfeifen im Ohr.
Sie muss eingeschlafen sein. Denn sie befand sich wieder in der windigen Bude im Rahaler Hafenviertel und in ihren Armen lag Javier, der Drogenhändler. So schwach, so verletzlich. Sie könnte ihm nun das Leben aushauchen für all die Berührungen der gestrigen Nacht. Ja, es wäre so einfach. Ein Stich hier. Ein Schnitt dort. Und... er wacht auf!
Sie musste sich erst ins Bewusstsein rufen, dass sie nicht Shessidyr, das "Zweigmädchen", wie Bruder Ars sie poetisch nannte, war sondern Emma, das naive Dummchen.
Die Augen des jungen Mannes öffneten sich und er war verwundert, dass sie noch hier war. Es war absurd, aber sie log ihm in diesem Moment vor, dass sie sich wohl in ihn verliebt habe und nicht gehen will. Und noch absurder war, dass er es ihr scheinbar glaubte. Tatsächlich machte ihn dieser unerwartete Ausdruck sprachlos, sorgte aber dafür, dass er seine Wachsamkeit nun völlig über Bord warf und in ihr mehr sah als ein leichtgläubiges Dummchen. Sie würde diesen Unsinn nie verstehen, doch funktionierte es nahezu jedes Mal so reibungslos.
Und so verbrachte sie einen langen Tag damit, einem nicht enden wollenden Schwall an Erzählungen zu lauschen und ihm immer wieder vorzuschwärmen, was sie an ihm alles bewundert. Und nahezu unbemerkt wurde eine weitere Flasche Alkohol geöffnet. Und ein weiteres Rauschkügelchen hervorgeholt. Und die Erzählungen wurden immer ... interessanter.
So erfuhr sie, dass Javier bis vor einigen Monaten noch einer der Straßenräuber der südöstlichen Wälder war und dann um seine Beute betrogen wurde, obwohl er viele der besten Überfallpläne anfertigte und sich darum kümmerte, dass viele Wachsoldaten und Beamte angemessen bestochen waren. Doch er war zu intelligent für dieses Umfeld und so war er "entbehrlich" geworden. Als Dank ließen sie ihm das nackte Leben und zehn Minuten Vorsprung. Ein schwacher Trost.
In Rahal angekommen wurde ihm bewusst, dass der Riss am Himmel und alles Chaos in der Welt einen gewaltigen Bedarf an Rauschmitteln erzeugt haben, da die Menschen auf alle möglichen Arten versuchten, sich von diesen bisher nie gesehenen Schrecken abzulenken. Und hier kam seine Erfahrung mit Tinkturen und Kräutern nun nahezu gelegen.
Immer mehr Bürger kauften von ihm. Und alles führte er in Eigenregie durch. Denn der Verrat saß noch tief und die Menge an Geld, die er verdiente, würde bald den nächsten Verrat hervorrufen. Denn eine Krone für eine Rauschkugel war ein stolzer Preis. Der jedoch bereitwillig von vielen gezahlt wurde. Und in der Bretterbude standen noch ungezählte Kisten.
Sowieso hatte er bald ausgesorgt, denn er hat einen großartigen Auftrag an Land gezogen. Durch einen Kunden hat er eine Verbindung in die Alatarische Armee bereitet und unter dem Deckmantel einiger Offiziere und Soldaten würde er eine große Menge dieser Rauschmittel in die Kasernen und Lager verkaufen können. Hunderte. Und da er der einzige ist, der sich auf so einen riskanten Handel einlässt, wird es auch keinerlei Konkurrenz geben.
Wie eine Offenbarung wurde ihr am Ende des Tages nach diesen Erzählungen klar, dass ihre Intuition sie auch dieses Mal nicht betrogen hatte und Javier, der Drogenhändler, den sie in Gedanken noch "Leckerbissen" nannte, wirklich einer sein würde. Für den Meister. Für Vater. Für Kra'thor.
"Javier, ich habe da ein paar Freunde, die ich dir gerne vorstellen würde..." waren die Worte, die ein Schicksal besiegeln sollten. Es ging um eine wilde und versteckte Feierlichkeit junger Leute aus reichen Familien, zu der diese Rauschkugeln sicher sehr gut ankämen.
Und so machten sich noch an diesem Abend ein großer attraktiver dunkelhaariger Mann mit einer schweren Tasche und eine kleine blonde Frau, die ständig ganz nah an dessen Seite verweilte, auf den Weg in Richtung Südosten.
Über die Brücke.
Durch Schattenwinkel.
Über die Furt.
Durch den Wald.
Über den Bergpfad.
Bis zu einem Punkt, als das Letzte, die Javier an diesem Tag hören sollte
"VORSICHT, HINTER DIR!!!!" waren und nach einem dumpfen Schmerz am Hinterkopf ihn gnädige Ohnmacht übermannte.
Die Nimmerruh würde nun einen weiteren Bewohner haben.
Sein Name ist Javier.
Und er ist ein Leckerbissen. Ein Königshappen.
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