[Für jene die keine Zeit/Lust haben die ganze Geschichte zu lesen und nur die
Kerninformation suchen ist diese am Ende des Textes in oranger Farbe zusammengefasst]
- Schattenwinkel in der Nacht des 24. Goldblatt 263 -
Die Kälte des mit eiligen Schritten hereinbrechenden Herbstes hatte die kleine Stadt am Westhang des Nilzadan eingenommen. In der Dunkelheit hatten vor nicht all zu langer Zeit noch die kleinen Lichter in den kunstvoll verzierten Fensterrahmen Sicherheit und Wärme versprochen. Davon war nicht viel geblieben. Nur einzelne Häuser waren noch bewohnt, das Licht ging nun von einer anderen, wenig Wärme versprechenden Quelle aus. Die Soldaten der Legion des Alatarischen Reiches standen im Zug des eiskalten Windes auf den Zinnen der Festung mitten in Schattenwinkel. Wohin ihr Auge auch ging, die Fenster blieben dunkel.
Gowan, Gardist der Legion, hatte seine Kapuze über seine Glatze gezogen. Isina, die Stallmeisterin der Festung stand neben ihm auf den Zinnen und lächelte verschmitzt. Sie blickte aus dem Augenwinkel zu ihm herüber. Nur leise vernahm Gowan ihre Stimme.
"Rasier dir die Haare ab, dann kann dir im Kampf keiner dran ziehen", äffte sie ihn amüsiert nach.
Gowan brummte und zog die Brauen zusammen. Dass der kahle Kopf ihn umso deutlicher frieren ließ, wollte er sich nicht anmerken lassen.
Beide wandten ihren Blick wieder nach Norden, die lange Straße entlang, die sich im Wald Richtung Rahal verlief. Früher vermochten sie gerade einmal bis knapp hinter die Kutsche zu blicken, bevor der Weg im Wald verschwand. Nun jedoch konnten sie dessen Verlauf bis zur Küste nachvollziehen. Ein unheilvolles, rotes Leuchen zog sich quer durch das Dickicht, selbst Rahal in der Ferne war gut sichtbar. Gleich einer Kuppel aus rotem Licht wurde der Ostteil der Stadt von den Kristallen erleuchtet, die den Tempel zu Fall gebracht hatten.
Still lagen die Blicke der beiden auf dem fernen Leuchten über Rahal. Lediglich der Wind zog über die Festung, hinterließ hier und dort ein leises Pfeifen oder klappernde Fensterläden. Nichteinmal das Nachtgetier hatte sich in die Nähe von Schattenwinkel gewagt. Eine bittere, bedrückende Stille die sich langsam in Gedanken und Herz der beiden fraß, so wie das Leuchten. Wie glitzernder Schnee in der Ferne. Verlockend, verführerisch, wunderschön, einem rot schimmernden Sonnenuntergang gleich. Dem Gefühl der Bitterkeit folgte eine unwirkliche Ruhe. Der Herzschlag wurde langsamer, die Atmung flacher. Die Welt schien kleiner zu werden. Die Stille angenehmer. Das Lächeln auf Isinas Gesicht verging, es blieb nur der monotone, emotionslose Blick in die Ferne.
"Kaum vorstellbar, hm?" durchbrach Isinas leise Stimme die Stille. Sie blickte nicht neben sich und auch von ihrem Kamerad folgte keine Regung. "Dass der Tempel nur noch Schutt ist und ... all das hier". Sie hatte eine Weile nach einer Beschreibung für all das gesucht. Doch immer wieder wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie sich nicht auf Zeiten in der Geschichte des Reiches oder gar der Welt berufen konnten. Sie konnten nicht in Büchern wälzen und nachlesen, welche Helden bereits größere Gefahren bewältigt hatten. Gowan atmete tief durch und schloss die Augen. Seine Brauen zogen sich deutlicher zusammen. Ob es Isinas Worte oder die Tatsache war, dass er die Kristalle nicht mehr anblickte, konnte er nicht ausmachen. Doch sein Herz begann wieder schneller zu pochen, die Sorge kroch sein Rückgrat herauf und manifestierte sich als tiefes Unwohlsein in seinen Gedanken. Ein lautes, kristallines Knacken drang durch die Stille nach Schattenwinkel. Lauter als die Tage und Nächte zuvor. Gowan riss die Augen wieder auf und sah, dass Isina mit ausgestrecktem Arm in Richtung Rahal deutete, ihre Lippen geöffnet, doch schwieg sie.
Das vormals unbewegte rote Leuchten auf der Straße in Richtung Rahal war in Bewegung geraten. Viele der kleinen Lichtquellen schwärmten durch den fernen Wald und schienen sich dem Osttor der Stadt zu nähern.
"Schlag leisen Alarm. Weck alle auf, Bewaffnen und bereit halten. Lasst ein Tor offen, falls jemand in die Festung fliehen will. Und schick den Botenreiter zur Festung der Bruderschaft, sofort!" militärische Härte und instinktive Reaktion hatte Gowan wieder zu Sinnen kommen lassen. Nun griffen all jene Reflexe, die er in der Ausbildung, vor allem aber in seiner Zeit auf Gerimor verinnerlicht hatte. Isina starrte weiterhin auf das rote Schimmern und wurde erst von einem heftigen Stoß gegen ihre Schulter wach gerüttelt. "Jetzt!" blaffte Gowan sie an. Isina brauchte einen Moment um zu realisieren was geschah, bevor sie rasch nickte und sich im Laufschritt auf den Weg, die Zinnen herab machte. Erst als sie weg war, griff Gowan zum Fernrohr, das neben ihm auf den steinernen Zinnen lag.
In der Ferne war reichlich Bewegung. Der Blick zum Tor verriet, dass selbige auch dort nicht verborgen geblieben war. Fackeln versammelten sich auf den Torzinnen. In den letzten Tagen hatte es immer wieder kleinere Angriffe auf das Tor gegeben, doch sie konnten stets leicht zurückgeschlagen werden. Mittlerweile wurde dafür kein Alarm mehr geschlagen, vor allen nicht Nachts. "Eins ... zwei, drei ... vier ... fünf ... sieben ... zwölf ... vierzehn ..." zählte Gowan leise hauchend die einzelnen Bewegungen durch, die er meinte in der Ferne erkennen zu können. Vor seinem Mund bildeten sich kleine Rauchwölkchen in der Kälte und er bemerkte wie sein Atem wärmer wurde. Er kannte dieses Gefühl nur zu gut, das Gefühl kurz vor dem Kampf.
Gowan nahm das Fernglas herunter und trat über die Zinnen seitlich des Haupthauses um einen Blick in den Hof der Festung zu werfen. Die Gardisten waren wach und versammelt. Einige legten sich ihre Rüstung an, andere verteilten Armbrüste und Wurfspeere. Unwillkürlich biss er sich auf die Unterlippe, so fest dass es weh tat. Sein Blick huschte umher und er beugte sich über die Zinnen vor. "Isi! ISI!" zischte er so laut er konnte doch im Flüsterton in den Burghof. Als die junge Stallmeisterin ihren Blick erschrocken zu ihm hoch wandte, wobei ihre langen braunen Locken über ihre Schultern flogen, deutete Gowan mit ausgestrecktem Arm auf die Balliste im Hof und schließlich zum Tor der Festung. "Aufstellen und bereit ma..." seine Worte wurden von einem alles überschallenden Knacken und Bersten von Stein übertönt.
Als Gowan wieder an den nördlichen Zinnen angekommen war und außer Atem das Fernglas vor ein Auge hielt, da waren die Fackeln am Osttor Rahals verschwunden. Es brauchte sie auch nicht mehr, denn die Mauer konnte er nicht mehr ausmachen. Keine Atemwölkchen bildeten sich mehr vor seinen Lippen. Lediglich rotes Schwärmen breitete sich vor dem Osttor der Stadt aus.
- Rahal in der Nacht des 24. Goldblatt 263 -
Die Straßen Rahals waren menschenleer zu dieser Zeit. Schon seit dem Beginn, dem Fall des Tempels, mieden die Bürger die Stadt. Lediglich vom Hafenviertel waren durch die schmalen Gassen bisweilen noch Gelächter und Stimmen zu vernehmen, wenn die Dunkelheit einbrach.
Cajetan, einer der Gardisten die seit Tagen Wache an den Palisaden hielten die das Tempelviertel abriegelten, wanderte durch die Straßen. Er lauschte dem Geräusch, das seine beschlagenen Stiefel auf den Steinstraßen hinterließen. War es das vierte, fünfte oder sechste Mal, dass er von Palisade zu Palisade schritt, die engen Gassen entlang? Er hatte den Überblick verloren. Seit die Anzahl und Statur der Kreaturen, die aus dem Tempel drangen, größer wurden, hatte er eine Unruhe in sich, die kaum etwas besänftigen konnte. Vor zwei Tagen erst, hatte ihn die Bruderschaft zu den Vorgängen befragt und er gab Auskunft, so wie er es gelernt hatte. Die Wesen hätten die Palisaden längst mit Macht überrennen können. Sie hatten sich mehrfach an den Zäunen des Friedhofs gezeigt, diese verbogen und den ausgerufenen Alarm abgewartet. Und immer war ES dort. Eine grobe, riesige Kreatur aus leuchtendem Kristall, einem Koloss gleich, derer einige mittlerweile auf dem Tempelvorplatz eingetroffen waren. Dieser war anders. Das was sein Kopf sein sollte hatte keine Augen, keine Nase, keine Mimik. Nur geschliffener Kristall. Doch hatte Cajetan stets das Gefühl, dass eben diese Kreatur ihn und die anderen anstarrte. Kristallwesen ähnlich riesigen Skorpionen, die 'Springer', wie sie sie getauft hatten, riesige Wesen mit mächtigen Klauen, alle schienen in Alarmbereitschaft zu sein, wann immer sie sich dem Zaun näherten. Sie wirkten bedrohlich und aggressiv. Doch dieser Kolloss stand einfach dort, vollkommen reglos. Dieser Koloss starrte zu ihnen herüber. Ohne Augen, doch Cajetan hatte stets das Gefühl, dass der Blick des Wesens auf ihnen lag.
Cajetan riss sich aus seinen Gedanken und hob die Fackel um durch ein Fenster in eines der leeren Häuser zu schauen, die hier an den Tempelvorplatz grenzten. Nichts war zu sehen. Leise atmete er durch, nur eine kleine Last die von ihm abfiel, bevor er den Weg fortsetzte. Zwei Tage zuvor erst war die Bruderschaft am Ort des Geschehens gewesen. Die Ahad hatte klare Befehle gegeben und zu wissen, dass sie dort waren gab ihm und den anderen Sicherheit. Ein wenig Halt in dieser völlig verworrenen Situation. Der Feind war für ihn immer klar gewesen. Irgendwo am anderen Ende der Insel, oder auf einem anderen Kontinent. Eine Schlacht führte man im Feld, vor Schwingenstein oder an der alten Angurenfestung. Doch nicht hier. Nicht mitten in Rahal. Nicht in der heiligen Stadt des Alatarischen Reiches. Nicht gegen etwas, das man weder mit Überzeugung noch mit Argumenten widerlegen konnte.
Unbewusst waren seine Schritte schneller geworden und als er um eine Ecke bog, wurde er von zwei weiteren Gardisten angeblickt die mit Fackeln nahe des Glaubenshauses in Rahal standen. Kein Wort wurde gesprochen, nur jeweiliges stummes Nicken zeugte davon, dass die Situation ruhig war. So ruhig man sie eben einschätzen konnte. Seit zwei Tagen, seit dem Gespräch mit der Bruderschaft und den Befehlen die er erhalten hatte kam es ihm so vor, als würden die übrigen Gardisten ihn anders behandeln. Sie hatten alle den gleichen Rang inne und doch schien es so, als würden sie auf sein Wort warten oder von ihm erhoffen, mit den Worten der Ahad die Lösung der Situation in sich zu tragen.
Gerade wollte Cajetan sich umwenden während er den dicken Wollumhang dichter über seine Schultern zog, als er in den Gassen die sich rasch bewegenden Fackellichter erspähte. Sie waren auf dem Weg zum Osttor. Abermals, wie in den Nächten zuvor. Schon hörte er hinter sich das Klacken einer einrastenden Armbrust. Er wandte sich herum und hob still eine Hand, den beiden Gardisten Einhalt gebietend. "Positionen halten. Kein Alarm. Wir haben unsere Befehle. Ihr wisst, was zu tun ist", flüsterte er den beiden zu, die nickten als hätten sie einen Befehl von einem Vorgesetzten erhalten. Auch Cajetan ließ sich nicht anmerken, dass der übliche Wachgang keiner mehr war. Er wusste, dass sie ihre Augen überall hatten und mit Sicherheit gerade jetzt einer von ihnen im Gebälk des Glaubenshauses saß und sie beobachtete.
So langsam und gelassen es nur möglich war wanderte er wieder zurück, verschwand hinter einer Hausecke und begann zu rennen. Jetzt verfluchte er die schweren Stiefel, die im Feld so praktisch waren und doch hier auf dem steinernen Boden deutlich das Geräusch seiner schnellen Schritte wiederhallen ließen. Durch die Gassen konnte er sehen, dass die übliche Mauerbesatzung ihre Posten eingenommen hatte, wie in den Tagen zuvor. Nicht mehr, nicht weniger als sonst bei den wiederkehrenden leichten Angriffen auf das Osttor. Seine Schritte wurden langsamer und er schwenkte seine Fackel in eine der vielen Seitengassen. Hätte er nicht gewusst, dass sie dort sein sollten, so hätte er sie gewiss nicht gesehen. Doch hier, unweit des Tores in einem kleinen Garten der von hohen Mauern umzäunt war standen sie, zwei Dutzend schwer gerüstete Soldaten. Die Reserve die sich mittlerweile stets bereit hielt einzuschreiten wo der Alarm auch immer gegeben wurde. Diesmal rückten sie nicht sofort aus sondern hielten sich im Hintergrund, wie geplant.
Cajetan löschte seine Fackel. Wieder wurde er aus der Dunkelheit angeblickt. Diesmal aus den Sehschlitzen vieler Helme in der Finsternis. Als erwarteten sie nur ein Handzeichen. Alle blieben still, schweigsam, lauschten den Geräuschen vom Tor. Armbrustbolzen zischten in der Ferne durch die Luft, hier und dort vereinzelte Rufe.
Ein leichtes Beben ging durch die Erde. Cajetan hob die Hand, deutete jedoch Gemach und Stille an. Ein Wink und der gesamte Trupp machte sich mit möglichst leisen Schritten auf den Weg durch die Stadt nach Osten, keine Fackel, keine Laterne die den Weg erhellen würde. Lediglich ein lauter Schrei vom Osttor durchbrach die Nacht. "ACHTUNG!" hallte es aus voller Kehle. Kurz darauf folgte ein schwerer Einschlag der das gesamte Tor erzittern ließ. "Absetzen! Falle lösen!" hallte es hinterher. Weitere Einschläge auf das Tor und die Mauern folgten die dröhnend prophezeihten, was geschehen sollte. Kaum hatte sich der letzte Gardist vom Tor zurückgezogen, brach nicht nur das Torhaus in sich zusammen sondern auch der daneben stehende Turm. Etliche Felsbrocken hagelten von dem nahen Berghang ins Tal herunter und schlugen auf dem Boden auf. Kristall splitterte, Stein barst, Metall schlug auf dem Boden auf und eine dichte Rauchwolke erhob sich über dem Osttor.
Von dem Getümmel angeheizt hatte sich auch der Pulk an Kreaturen auf dem Tempelvorplatz wieder in Rage versetzen lassen. Sie drückten gegen die Palisaden, die nur von wenigen Gardisten gehalten wurden. Riesige Skorpione begannen, die eisernen Zäune des Friedhofs zu verbiegen und als sie erkannten, dass keine Verstärkung kam, traten selbst die Kolosse auf die Abgrenzungen zu, alle bis auf einen.
Der erste Koloss hatte den Zaun gerade erreicht, als aus der Finsternis der Gassen ein anhaltendes, nicht enden wollendes Surren durch die Luft ging. Dutzende Bolzen und Pfeile sausten aus allen Richtungen auf die Kristallinen Wesen zu, zerschlugen die kleineren unter ihnen. Beine, Arme, Körperteile splitterten ab und sorgten für ein eiliges Zurückweichen der Kristallwesen. Zum ersten Mal kam Regung in den sonst so erstarrten Koloss, der all dies beobachtete. Der Kopf drehte sich, als würde er suchen. Sein augenloser Blick fand Cajetan, der als einziger sichtbar an einer Hausecke im Schein einer Laterne Position bezogen hatte.
Trotz der Angst, trotz der bohrenden Ungewissheit, trotz der Wut, die seinen Körper zittern ließ, verharrte Cajetan still an Ort und Stelle. Er starrte den Koloss an als wäre es eine Art Rache für all die Male in denen es umgekehrt war. Sein Atem ging schnell, rasend und er klammerte sich mit beiden Händen Halt suchend an seinen Waffengurt. Recht rasch hatten die kristallinen Wesen ihren Ausbruchsversuch beendet und sich wieder in den Tempel zurückgezogen. War es die Situation? Die Anspannung? Der Überfluss an Angst, Adrenalin und Bereitschaft zu kämpfen? Cajetan wusste nicht was es war, doch er begann leise zu lachen. Diesmal war es der Koloss der sich abwandte und den 'Blick' brach.
Wenig später war schneller Hufschlag auf dem Kopfsteinpflaster der Hauptstraße Rahals zu hören. Der Botenreiter hatte eine eilige Abschrift der Vorgänge in seiner Depeschentasche und trieb das Pferd so schnell es nur ging in Richtung Düstersee zur Festung der Bruderschaft. Für diese Nacht war es in Rahal wieder still geworden.
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In den frühen Morgenstunden des Tages hatten Gardisten Rahals vorläufig Position im Inneren der Stadt hinter dem Osttor bezogen. Der Angriff, der in der Nacht von den Kristallwesen auf das kleinere Tor der heiligen Stadt Rahal geführt wurde konnte zurückgeschlagen werden, doch das Torhaus war schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und nahezu eine Ruine. Vor der Ruine außerhalb der Stadt breitete sich das rote Leuchten der Kristalle seit der Nacht immer deutlicher aus.