"Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe."
Elias Canetti
Schlüssel, Fragmente, Bruchstücke...
Seit Tagen saß sie schon ausdauernd mit ihrer jungen Cousine Abinayah in der Tempelbibliothek und durchforstete neue und alte Schriften über die Lehren des Glaubens, der Traditionen und der Geschichte ihres Volkes; sie studierten Fabeln, Märchen, Legenden und auch poetische Werke.
Die Hinweise waren so zahlreich wie Sandkörner in der Durrah - Schemen, Vergessen, schattenhafte, dunkle Gestalten, Fragmente, Schlüssel, Feinde der freien Harmonie...
Das waren doch sehr unspezifische Begriffe, die in nahezu jeder Erzählung, egal ob überlieferte Fakten oder fiktive, unterhaltende Literatur, auftauchten.
Es war mühsam zu eruieren, was man mit welchen Texten anfangen sollte.
Es war ebenso möglich, dass sich alte, damals wörtliche Überlieferungen in jüngeren verfassten Schriften wiederfand, so dass man sie nicht kategorisch ausschließen konnte. Hatten Hinweise überlebt? Oder waren sie nur in klerikal gesicherten Truhen vor dem Vergessen sicher? Wie subtil müssten solche Hinweise gestaltet sein, damit das Vergessen sie nicht auf sie aufmerksam wird? Wie achtungsheischend mussten sie hervorgehoben sein, damit sie nicht übersehen werden?
Was sind die Fragmente? Materiell?
Alte Artefakte, die Jahrhunderte überdauerten?
Doch würden solche Gegenstände nicht selbst so recht rasch in das Zentrum einer Kultur rücken? Und wenn sie versteckt wären und das Wissen um sie nicht prägnant genug war, drohte ihnen dann nicht das gleiche Schicksal wie zu banale Hinweise in Texten oder Überlieferungen?
Die Prehaatim sinnierte, ob ihr Gegenstände bekannt waren, die entweder seht alt oder sehr bekannt waren...
Etwa 1600 Jahre.
Ihr fiel auf Anhieb keiner an.
Einzig bekannte, die deutlich zu jung waren, wie das Schwert Temoras.
Städte? Einige, doch jede wurde entweder von Kriegen oder Unruhen nicht erst einmal erschüttert. Wer wusste, ob dort etwas in den Ruinen schlummerte, wie die wieder gefundene Bibliothek der Elfen...
Die Zeit des Wandels hatte die Welt zwar umgeformt, doch der heilende Gesang der Mara hatte dabei nicht alles Alte vom Antlitz der freien Harmonie entfernt.
Immateriell? Da wäre man wieder bei Wissen, Texten und gesprochenen Wort.
Gar ein Funke, der in den Lebewesen selbst überdauert hat und durch das Blut weitergegeben wurde?
Sehr unsicher, bedenkt man, dass es kaum konsistente Blutinien gibt, die alt genug sind - Erben der Elentari? Erben des Propheten? Die Linien der königlichen Menschengeschlechter zu jung. Das Königtum unter dem Berge zugunsten eines Rates erloschen...
Was war alt und beständig? Die Götter selbst?
Hatte der General gleichsam die Fragmente in sie gelegt, wie er sie vergessen ließ? Doch selbst die Götter existierten nicht ewig, wie der Sternenfall des Horteras bewies...
Wie kamen die Rabendiener überhaupt an das vergessene Wissen - erinnerte sich Kra'thor wieder? Nur er, oder auch die Götter?
Schlummerten sie in den Aspekten der Mara? Einer von beiden wurde vom Schwarzgefiederten berührt, doch auch dies war kaum ein paar Jahre her und schied daher aus, auch wenn das Aufteilen seiner selbst an das Vorgehen des Generals erinnerte...
Vielleicht ruhten die Fragmente auch abseits der 'Wiege der Schöpfung', abseits Gerimors und dem Berg der Geburt...
Ihr fiel dann doch etwas ein, was auf Gerimor verweilte:
Als gesegneter Samen von der Mutter an die Tochter übergeben, gedeihend im Lichte, geschützt von kalurischen Runensteinen.
Er wäre alt genug, er wäre beständig und stets geschützt und auch präsent.
Der Baum des Lichts.
Ihre rastlosen Gedanken kamen wieder etwas zur Ruhe.
Hoffentlich fanden sie bald einige Hinweise, die die Möglichkeiten etwas einengte.