(Helmuth von Moltke )
Tränen, die sicher nicht die ersten waren und noch weniger die letzten sein würden, liefen über schmutzige und sicher nicht ganz rosige Wangen des Kindergesichts, perlten ohne Gnade aus rotgeweinten Augen, liefen wie kleine Sturzbäche an der schniefenden kleinen Rotznase vorbei und trieften ohne aufgehalten zu werden in den Saum des abgetragenen, jedoch sauber geflickten Hemdchens, wo sie sich vom hellen beige abhebende Flecken bildeten, Zeugnisse der grenzenlosen Trauer des Kerlchens. Das Leid in seiner ursprünglichsten aller Formen, im Mantel des Verlusts, hatte vor wenigen Stunden, vielleicht sogar Minuten, an die bereits ein wenig rissige Türe geklopft und war, nach einem nur kurzen Intermezzo mit den beiden Familienangehörigen der windschiefen Hütte ebenso rasch von dannen gezogen, den dunklen Mantel des Schweigens um sich gebreitet.
Tag 1
„Mama…“, fragend, bittend hallte das leise Stimmchen durch die abendliche Stille, prallte von den Wänden mit den wenigen sauberen Töpfen und Tellern, die wie die Bilder jener reicher Menschen, die sich Tand im Überfluss leisten konnten, auf schmalen Regalbrettern zur Schau gestellt waren und waberte geisterhaft hohl wie ein übers Wasser klingendes Echo zurück zu der gedrungenen, neben dem Bett kauernden Gestalt eines Kindes. „Ma…ma…“. Diesmal noch zögerlicher, letzter Versuch mit der auf dem Strohlager liegenden zweiten Person Kontakt aufzunehmen. Gerade eben noch musste es gewesen sein dass die sanfte Hand sich zum Kopf des Jungen aufgemacht hatte, um darüber zu streichen, ein Atemzug, nicht mehr, konnte vergangen sein, dass ein ersticktes Husten das bleiche Fleisch zum Zittern gebracht hatte, doch die Stille, die sich wie eine Decke bei Nacht über Pademian ausbreitete wusste es besser, wusste dass es wohl mehr als nur der Moment eines Blinzelns ins Land gezogen war. „Ma…“ Nicht mehr genug Kraft in dem einen Wort, das für ihn die Welt bedeutete, sich ausbreitende Stille, die alles ohne Widerstand einnahm. Pademians verheultes Gesicht hob sich über den hölzernen Bettrand, schob sich langsam bis zum schmalen ausgezehrten Ellenbogen der noch jüngeren Frau auf dem Bett vor und stieß wie ein Hund die Nase gegen die noch immer warme Haut, rissig und rau von der vielen Arbeit im Hafen des Armes. Ein letztes Aufflackern, der noch dem Körper innewohnende Lebensfunken, der erst langsam, nach und nach den toten Körper verlässt, veranlasste das Kind sich mit dem ganzen Gesicht an den Brustkorb zu schmiegen, sich darin wie in einem sicheren Hort zu vergraben. „Mama…“, ein Flüstern in den groben Stoff des blauen Kleides hinein, ein Wispern in das Schweigen der sich nicht mehr weitenden Lungen. Die Lippen aufeinanderpressend richtete sich der verwuschelte helle Schopf auf, griff ein wenig hastiger als nötig nach der wollenen Decke und zog sie langsam und so, wie es die Mutter sonst beim Kinde tut, über den auskühlenden Körper. Tastend und als traute er dem Frieden nicht, krabbelte er hinterher, ließ sich zögernd erst auf der äußersten Kante nieder, ehe er schließlich doch den Kopf an ihre Schulter bettete, sich neben sie legte wie all die Nächte seines Lebens, an die er sich erinnern wollte. Ein Hauch der zu stark riechenden Seife lag noch in der Kleidung obgleich der Körper bereits seinen ureigenen Duft ausgeatmet zu haben schien.
Still an die Leiche gepresst, die kleinen Arme um sie geschlungen schloss er die grauen Augen und versuchte das kleine bisschen zu bewahren das von ihr noch präsent zu sein schien. Seine Gedanken schwammen wie aufgeschreckte Fische davon und ließen sich im Netz der Welt aus träumen und Erinnerung einfangen bis von ihm ebenfalls nur ein scheinbar schlafender Kinderkörper übrig war.
Erinnerung
„Du wirst sehen, mein kleiner Pad,“ mischte sich die weiche Frauenstimme der Mutter in den Geruch aus kochenden Bohnen, Fleisch und einer Nase voll Kräutern die ein freundlicher Händler ihm am Morgen für seine Hilfe geschenkt hatte. „auf der Wiese gibt es Blumen in allen Farben und Formen. Kleine, die so blau sind wie der weite Himmel und prachtvolle in einem leuchtenden Rot. Und Bienen surren dir da um die Ohren…echte Bienen die Pollen sammeln um daraus Honig zu machen, dass daneben die Goldsäckel der reichen Bagage aus den noblen Vierteln wie Katzengold wirken.“
Der gerade mal 6 jährige kleine Blondschopf nickte und begann wie ein Honigkuchenpferdchen zu strahlen. Er liebte Mamas Geschichten von der fernen Welt, die er nie kennengelernt hatte, von Menschen die wohl seine Familie waren, die er aber noch nie hatte treffen können, weil sie seinen Vater nicht mochten. Aber von all den Worten hörte er am liebsten die über die große Wiese mit all ihren Wundern die ihm im tristen Grau des Hafenviertels mit dem stets umher wehenden Geruch nach Fisch wie das größte aller Wunder vorkam. Die große Wiese…ein ewig währender Ort des Friedens, der, selbst im Winter mit all seiner Kälte ein Platz der Hoffnung auf ein besseres Ende war… das Paradies eines kleinen Jungen.



