... es waren diese beiden Blätter, die ihr immer und immer wieder in den Sinn kamen, als sie den knisternden Raum um den dunkler gewordenen Kristall betachtete. Vielleicht, weil Mikael das Kartenspiel kurz vor dem Vorfall mit dem Kristall eines Nachts aus der Kommode gezogen hatte und grinsend, wie der Windkobold, der er nun einmal war, auf der Decke des Bettes ausgebreitet hatte.
"Wir können auch darum spielen, wer zuerst aufstehen muss und das Frühstück vorbereiten darf."
Sie hatte geschnaubt, geächzt und sich dann träge aus den Laken geschält, denn bei Kartenspielen - und dessen war sich dieser kleine Quälgeist bewusst - verlor sie... eigentlich immer. Pech im Spiel aber Glück in der Liebe, ja das Sprichwort hatte man irgendwo auf sie zugeschnitten, denn die Liebe umfing sie, wohin sie nur ging und war Balsam für die Seele, die darunter gedieh.
Mikael war eine der Kernzutaten des besagten Balsams und der frische Aufwind, der ihr das Leben versüßte, nicht zuletzt hatte ihr das der Besuch der Hochedlen von Salberg wieder gezeigt, als das Gespräch auf die Hochzeitskleider und damit verbundenen Gefühle kam.
Doch hörte das Band der Zuneigung und wohligen Umfangenheit nicht mit der Ehe auf, sondern griff weiter. Familie und Freunde, liebe Nachbarn und Bekannte wurden hier miteingeschlossen und auch da gab es noch keine Grenze, nein, es erschlossen sich neue Verbundenheiten, mit welchen sie noch vor fünf Jahren nicht gerechnet hatte. Damals war sie nur ein verlorenes Fräulein gewesen, deren Träume von Verlobungen und Liebeszauber geplatzt waren und sie sich nach Gerimor statt dem Elternhaus gewandt hatte. Nichtsahend, dass neben neuen Freunden und einer neuen Liebe auch zwei weitere Institutionen ihr eine Heimat bieten würden.
Die Schwesternschaft auf der einen Seite und diese Zuneigung war tiefer als es die Bände des Blutes ausrichten konnten, denn hier verband sie ein uralter Schwur aus dem Beginn der Weltgeschichte und ein Versprechen, dass sie sich einander gegeben hatten. Besiegelt durch die Gabe Eluives und die enge Partnerschaft mit den Elementen selbst. Jene, die hier mit im Bündnis standen, die Bruderschaft des Waldes, die Schamanen der Thyren und auch Shala mit ihren Vertrauten waren ein Zugewinn, den man zusätzlich mit keinem Gold der Welt aufrechnen konnte.
Aber selbst als die Schwestern ihre kleine Welt komplett machten, hatte sie nicht mit der nächsten Erfüllung durch die Welt der Magie gerechnet. Es war damals nur der Wunsch nach Verständnis gewesen, der sie in die Academie Arcana gelenkt hatte und die Hoffnung durch die Unterweisungen seitens Konzilisten, Arkorither und Arcana-Magier zu erfahren, wo der gravierende Unterschied zu finden war, der eine Zusammenarbeit mit den naturmagischen Traditionen so oft vereitelt hatte. In Rahmen dieser Suche nach dem Fehler, den sie ausbügeln und die beiden Seiten wieder näher aneinander bringen wollte, hatte sie Unterrichtseinheiten absolviert, Prüfungen gemeistert und zuletzt den Lehrstuhl der Verwandlungsmagie inne, welche ihr so nahe und vertraut war, wie zuletzt die Strukturen der Akademien selbst.
Sicherlich, nach wie vor fand sie ihre Grenzen in manchen Regelungen oder Gegebenheiten, doch gerade die Kooperation mit den Eledhrim und "ihren" geliebten naturmagischen Freunden bestätigten sie in dem was sie hier vollbringen konnte.
Und nun?
Nun traten sie alle an die Grenzen dessen, was sie sie gemeinsam erträumt hatten und diese Grenze begann da, wo ein einst klarer, fast weißlich heller Kristall nun von Tag zu Tag in ein Rot driftete, dass sich mit der Herzblutfarbe der Arcana nicht vereinbaren ließ. Sie stellten gemeinsam die Front gegen das stachelige, spitze Karo-Rot des Vergessens und dem Schatten, den Phanodain einst im Kristall der Trinitas Magicae eingeschlossen hatte, dar und doch schien dieses Herzass im Ärmel, welches aus den Mitgliedern der Academia Arcana, den Ithryn der Eledhrim, deren Faernestor und Maemagor, dem Beistand durch die Bruderschaft des Waldes und eben ihren liebsten Schwestern bestand, nicht auszureichen gegen die Kräfte des Weltenverschlingers.
Als hätte man ihre Gedanken vernommen, zischelten die dräuenden Blitze über ihren Kopf hinweg, ließen die Luft seltsam statisch knacken und bestätigten ihr bitter den nahenden Untergang eines Stückchens Weltgeschichte. Die Erkenntnis hatte sie vor zwei Tagen bereits getroffen, doch drückte es das Herz schmerzlich zusammen und sie schluckte schwer als sie Nelrims Anwesenheit bemerkte. Der ältere Veneficus mit der heimlichen Liebe zum Glücksspiel und hübschen Frauen fand am heutigen Tag keinen Funken Schalk in seinen Augen, als er die Stimme räuspernd hob:
"Ich habe es Rya und dem Personal ausgerichtet, Venefica... die Beurlaubung beginnt heute und nur noch Ihr und die Venefica Verlain ist zugegen. Die Bücher... all das Wissen muss gesichert werden, nicht wahr?"
Sie nickte schwer und wandte sich vom Anblick des Kristalls langsam ab.
"Ja, ich werde in den Kellerräumen beginnen und ich nehme an, dass die Venefica in ihrer Aufgabe als stellvertretende Leitung die Räume der Matriarchin soweit sichert?"
Diesmal war es an ihm zu nicken.
"Dem ist so und ich werde mich dann wohl der Bibliothek widmen, Venefica Fuchsbaum..."
Er sah ihren Einspruch, noch ehe sie die Stimme fand und hob die Hand rasch.
"Keine Widerworte, ich bin derjenige von euch allen, der in diesen Hallen schläft, wohnt und in seine Aufgabe als Verwalter so hineingewachsen ist, wie in den passenden Steinthron da an meinem Pult, hah... ich werde mich nicht von Euch oder einem anderen weisen Küken der Academia Arcana fortsenden lassen. Nein, wenn sie untergeht, meine Heimat, dann bin ich an dem Tag vor Ort..."
Waren das Tränen, die sie in seinen Augen blitzen sah? Kurz nur, dann erwachte das dünne Lächeln auf den Lippen des älteren Mannes mit dem erwürdigen Bart.
"Aber noch, Venefica, noch sind wir da nicht - noch stehen uns so viele zur Seite, die den Kampf gegen diese verdammten Schatten noch nicht aufgegeben haben. Wartet ab, das letzte Wörtchen ist noch nicht gesprochen und ich hoffe, dass das... Ding da im Inneren ein wenig zittert vor dem, was es hier zu erwarten hat. Das Rot der Arcana steht im vermeintlich letzten Kampf nicht alleine..."
Damit stapfte er davon und ließ sie staunend stehen.
Wer hätte gedacht, dass dieser alte Zausel, der stets einen feinsinnig-sarkastischen Spruch auf den Lippen hatte, so tiefsinnige Wahrheiten in sich trug. Wahrheiten, die ihr das dünne Lächeln wieder schenkten und die Last auf der Brust erleichterten.
Ja, sollte es kommen, das Ende, doch kampflos würden sie ihm nicht begegnen! Herz gegen Karo.


