» Vergebung und Abschied «
Ich hörte euer Lachen im Rauschen des Meeres,
Der Wind trug eure Namen über die Berge,
Sah in den Sternen noch immer die Gesichter.
Lauschte euren Worten im Flüstern des Regens
Sah' die Spuren auf all meinen Wegen.
Doch ein Teil von mir,
wird immer bleiben,
ganz nah bei euch - bei dir.
Einhundertdreiundneunzig Jahre. Eine Ewigkeit für einen Tala, nur ein Bruchteil eines Lebens für einen Lindil oder Fenvar des Elfenvolkes. Völlig makellos waren die Jahre an der jugendlichen Waldelfe vorbeigezogen, zumindest wenn man sie rein äußerlich betrachtete. Auch eine Veränderung ließ sich kaum erkennen, denn noch immer trug sie die waldenen Schatten, die Blätter, durchschienen von der Morgensonne hinterließen, nach Außen und hinterließ den Eindruck, als würde der Frühling zum Teil in ihrem Leib geboren. Die dunkle, schimmernd und glatte Haut kennzeichnete sie deutlich als eine Eledhrim des Nuya'tan, von Eluive gezeichnet um der Natur ihren ganz eigenen Schutz zukommen zu lassen. Umgeben war sie, von den türkisen Wellen des Meeres, welche bei jedem Schritt um ihre Hüfte wankten, begleitet von den silbernen Augen ihres Vaters, Rolargra, dem Silberwolf. Nichts davon und auch ihre eigenen Wurzeln hatten sich nie verändert - sie war, wer und was sie war. Sie hatten dazu beigetragen, zu welcher Art Charakter sie sich entwickelt hatte. Sie alle hatten es, ihre Eltern und auch ihre Geschwister, welche immer einen Teil ihres waldenen Herzens in Anspruch nehmen würden. Yalhaniir, Parth'cuilei, Fey'sadriel, Eglacairwen, Celeg'glin, Lamentinu, Gwanion, Lethalon, Lu'araiel, Elu'beth, Miw', Arvinul.. Fuinor. Geformt wie ein Stück Lehm, welches erst zu wahrer und wahrlicher Form geführt werden würde, begleitet und beschützt, wie die Ricke auch ihr Kitz beschützte. Was blieb übrig von einem großen Lindilherz, wenn man es vergab und Teile davon mit den Geschwistern fort, oder zu Phanodain zurückzogen, als fester Teil ihrer selbst. Hatte Eona einen Teil ihrer Vettern, den Gram, für sich beansprucht und ihm Einlass in ihren Körper gewehrt? - es gab eine einfache Antwort darauf, denn das hatte sie. Wut, Ärger, etwas das äußerst untypisch für ihr Volk war und dennoch, sie hatte es empfunden, ebenso wie Trauer, Enttäuschung, Sehnsucht und Einsamkeit.
An dieser Stelle der Geschichte war es jedoch Zeit loszulassen, denn kein Herz dieser irdischen Welt würde diese Prozedur weiterhin aushalten. Es galt zu Verzeihen und Abschied zu nehmen. Abzuschließen und die letzten Teile des eigenen Herzens loszulassen, aufdass es sich erholen und genesen konnte, in der restlosen Freude der Welten und des Waldes. Der Fenvar ihres Herzens war erneut und auch das letzte Mal von ihr gegangen. Wie konnte man es jemandem nachtragen, dessen Sehnsucht ihn an einen anderen Ort, zu anderen Dingen und zu anderen Mittelpunkten zog. Andere Prioritäten, andere Vorstellungen, andere Wege. Siebzig Jahre ihres Lebens hatten sie miteinander geteilt, eine Zeit die Tala der Erfahrung nach nicht einmal im Ansatz ausgehalten hätten, weil sie sich langweilten oder es erst garnicht überlebten. Eona jedoch, hatte siebzig Jahre mit dem Gegensatz ihrer eigenen Selbst gelebt - güldene Haut, kämpferisch, zielstrebig, kühl und rational. Sie hatte gelernt und sich weiterentwickelt, Erfahrungen gesammelt und war an ihnen gewachsen.
Und nun war sie hier, der Wald und auch die Umgebung hatten sich keinesfalls verändert, nur die Augen und Gesichter in die sie dieser Tage blickte und die auch sie ansahen - doch sie war.. Zuhause. So fremd und doch so vertraut, geborgen. Der Wald und auch ihre Geschwister hatten ihre Arme wohlwollend geöffnet und sie abermals in ihren Reihen empfangen, denn das würden sie immer, und die Lindil war gänzlich dankbar für den neuen Halt in ihrem Leben, der Freude in ihrem Herzen, die langsam wieder glomm und ihr gepeinigtes Innerstes umschmeichelte um es zu heilen. Ihr altes Selbst kehrte mehr und mehr zurück, wuselig, hibbelig, himmelhochjauchzend und erfüllt von Glück und Gemeinschaft. Ja, loslassen fiel manchmal viel schwerer als an etwas festzuhalten, und dennoch war es kein endloser Schmerz mehr, sondern er war endlich und würde mit den nächsten hundert Jahren verblassen und verheilen, sodass man sich irgendwann in stiller und gewünschter Einsamkeit der abendlichen Ruhe an etwas zurückerinnern konnte, dass nicht mehr weh tat, sondern ein Spiegel des eigenen Lebens war, welcher nicht zerbrochen, sondern nur den ein oder anderen Kratzer bekommen hatte, welcher ihn nur umso wertvoller und einzigartiger machte.
Ihr seid die Sonne, die im Osten erwacht,
das Mondlicht und erhellt meine Nacht.
Ihr lebt für immer in jedem Element,
ihr seid das Licht, das in mir brennt.
Das Leben ist ein Kreis und wir bleiben eins.