Adieu
(Lenzing 262)
Wenn ich nicht gehe,
kann ich nicht zurückkommen.
(Walter Ludin)
Schon wieder. Worte, die in dem kleinen Kopf herumsprangen und deren Bedeutung sie doch erfassen konnte. Schon wieder saß sie auf dem Arm ihres Vaters, hatte die Arme um seinen Hals gelegt und beobachtete, wie das Schiff am Horizont immer kleiner wurde. Meistens mochte sie Schiffe, liebte es, sie zu beobachten, wenn sie denn mal Gelegenheit dazu hatte. Es war spannend, es war aufregend und es war etwas von ihrem Vater, was ihr so nahe war. Sie wusste einiges über Schiffe und Boote. Kannte ein paar Namen, wusste, wo links und rechts war, back und steuerbord, so hieß das auf Schiffen. (Lenzing 262)
Wenn ich nicht gehe,
kann ich nicht zurückkommen.
(Walter Ludin)
Meistens liebte sie sie. Nur heute nicht. Heute fand sie Schiffe richtig, richtig blöd.
"Tha gaol agam ort, Niamh." Die letzte Umarmung war schwer, wenn man nicht loslassen wollte und doch wusste, dass man musste. Und auch wenn die Umarmung direkt in den Schutz der Arme führte, die immer da sein würden, war es so schwer, die Tränen zurückzuhalten. Sicherlich sah man dem kleinen Gesicht alles an, den lavendelfarbenen Augen die Tränen, die darin schwammen, aber nicht herauskullern sollten, der kleinen Stirn die Falten, die dort nicht hingehörten, aber vor Anstrengung trotzdem da waren und dem kindlichen Mund das Beben, das die Gefühlswelt nur allzu deutlich spiegelte.
Es war Gewohnheit, dass ihre Mutter viel zu tun hatte, es war Gewohnheit, dass sich die Welt ihrer Mutter nicht nur um sie drehte. Das war meistens in Ordnung, denn sie kannte ja die Aufgaben und verstand so einigermaßen, warum es so war. Manchmal fand sie das alles ziemlich blöd, aber nörgeln und quängeln nützte nichts. Bittere Tränen auch nicht. Außerdem musste sie ja jetzt sowieso auf Papa aufpassen, bis Maman wieder da war. Wenn man aufpasste, durfte man nicht weinen. Und sowieso weinten Piraten nicht. Und Ahads auch nicht. Sie standen noch eine ganze Weile schweigend, als das Schiff am Horizont schon längst nicht mehr zu erkennen war. Erst kleine Ewigkeiten später drückten die kleinen Arme noch einmal fester zu, als sie genauso fest gehalten wurde. Hier war sie sicher. Hier konnte ihr nichts passieren und doch rüttelte etwas an ihrer kleinen Welt.
„Papa, j’aimerais bien jouer maintenant.“
Ihr Wunsch wurde auch recht schnell erhört, so wie eigentlich immer in den folgenden Tagen und sogar Wochen. Sie verbrachte die meiste Zeit damit, zu spielen und genoss die viele Zeit, die sie mit ihrem Vater verbringen konnte und in denen sie jegliche Dummheiten lernte, die ihnen beiden so einfielen. Da war zum Beispiel der Wettbewerb, wer Kerne am weitesten spucken konnte. Oder der Kampf darum, wer die Angel, die nicht einmal eine war, sondern ein krummer knorriger Stock mit einer daran geknoteten Schnur und einem selbst gebastelten Köder, am besten auswerfen konnte. Auf Mauern balancieren oder auf Bäume klettern gehörte auch dazu. Manchmal lagen sie nach den kleinen Schwertkämpfen einfach im hohen Gras, wo niemand sie sehen konnte, auch Deirdré nicht, und beobachteten die dicken Wolkenformationen, die der Wind voran trieb und immer wieder zu neuen Abbildern formte, und dachten sich dazu Geschichten von Piraten und Schiffen und von Rittern und Ahads aus.
Die übrige Zeit verbrachte sie mit ihrer Tante, Caoimhe, die so anders war, als ihre Mutter. Manchmal lauschte sie einfach ihren ruhigen Worten und saß an ihrer Seite über Büchern, um weiter lesen zu lernen. Sie hatte nicht so lustige Bücher wie Gabriella. In den meisten waren Zeichnungen von Blumen und Kräutern mit vielen schweren Wörtern. Aber sie mochte Caoimhe. Sie war lieb und geduldig und schaffte alles mit ihrer Ruhe, ohne zu schimpfen oder laut werden zu müssen.
Und wenn Caoimhe keine Zeit hatte, weil sie Heilerin und Ärztin war und ihren Patienten helfen musste und auch Jean nicht greifbar war, dann verbrachte sie einfach die Zeit mit Deirdré in der Küche. Sie war laut und oft ganz ganz streng zu Jean. Manchmal drohte sie ihm sogar mit dem großen Holzlöffel, mit dem sie eigentlich sonst die dicken Eintöpfe umrührte. Sie hob ihn dann an und wedelte mit ihm bedrohlich in der Luft. Ganz bestimmt bekam Jean den auch ab und zu ab. Niamh dagegen verfiel jedes Mal, wenn der Holzlöffel durch die Luft zischte in ein helles Kichern – er wurde ja aber auch nie wegen ihr geschwungen, sondern immer nur wegen Jean, selbst wenn Niamh an der vermeintlichen Übeltat beteiligt war. Deirdré war ihr, abgesehen von ihrem Vater, hier der liebste Mensch. Laut und nett und lustig.
Trotzdem fehlte etwas. Jemand.