Vermaledeit!
Sie waren nun schon viele Minuten unterwegs; der Sonnenuntergang am hellorange schimmernden Firmament erkennbar, das Zwitschern der Vögel nachgelassen so man sich sicher sein konnte, dass selbst die tagaktive Tierwelt langsam das Bettchen sucht und auch der wäldliche Duft, der mit stetig sanfter Brise durch die Baumkronen in die Nasenhöhlen von Wanderern getragen wird, hatte abgenommen. Alles schien sich der Nachtruhe anpassen zu wollen, wäre da nicht das leise, beständige Stapfen der vier Füße auf dem Erdreich entlang der Waldstraße. Er sah auf und linste leicht zur Seite. Sanfte, weiche rosa-hauttönerne Gesichtszüge gerahmt von wallendem, rotem Haar sahen zu ihm herüber und schenkten ihm ein verträumtes Lächeln, ehe seine Augen wieder einen zufälligen Punkt am Boden suchten. Sie und er hatten sich den Abend nach dem Dienst reserviert und waren ausgebrochen. Weg vom ständigen Alltagstrott der Uniform. Weg von den ernsten, kontrollierten Mienen. Weg von eiserner, militärischer Disziplin. Auch wenn all dies sein Leben seit seiner Jugend prägte und es geradezu schon wie ein Gefühl von Heimat war, war es doch eine willkommene Abwechslung etwas gefunden zu haben, was eine Konstante dazu lieferte. Schließlich wurden Ihre Bewegungen langsamer und die ohnehin gemächliche Schrittgeschwindigkeit nahm ab, als er sanft aus den Gedanken gerissen wurde und sich die smaragdgrün schimmernden Gucker wieder auf die Umgebung fixieren sollten. Stille. Eine solche Pracht hatte sein in die Jahre gekommenes - für den eine müde, für den anderen erfahren - wirkendes Antlitz noch nie erblicken können. Ein um die 10-Fuß breiter Wasserfall, dessen ränderne Erscheinung von in prächtigen Farben blühenden Ranken und Pflanzen umrahmt war, und wessen Schlund sich weit nach unten geöffnet hatte, nur um in einen weiteren, etwa 20-Fuß breiten Wasserfall überzugehen, gerahmt von großen spitzen, und kleinen schmalen Steinvorsprüngen die allesamt wie ein wild gewürfeltes Schauspiel entlang aus dem Wasserspiegel ragten, gefolgt von einem kleinen Bächlein wodurch sich die elegante Wasserzunge schlängelte und sich irgendwo im Wald verlor. Und etwa leicht oberhalb des mittleren Wasserfalls eine kleine Plattform aus Grün und Grau, wie ein schmaler Vorsprung mit Höhlendecklein um sich im Rauschen des Wassers zu verlieren. All dies erreichbar durch eine schmale Brückenanlage gefertigt aus dunklem Bambus mit seilernem Geländer an den Seiten zum Schutz vor unbedachten Schritten. Dann, das Gefühl eines leichten Ziehens, als hätte sein innerstes Verlangen ihn näher an das Spektakel heranführen wollen, wanderten die Blicke auf den Ursprung dieser Empfindung. Es waren die weichen, filigralen Finger seiner Begleitung, welche sich sanft um seine eigene, linke Hand geschlungen hatten, während Ihre halb geschlossenen, aus einer Schräglage des Kopfes liebevoll bräunlich schimmernden Augen seine Lippen fixiert hatten. Es sollte eine eine fürsorgliche Bitte sein, um ihn zum folgen zu animieren. Und sie war von Erfolg gekrönt, wäre er Ihr doch überall hin gefolgt, ganz gleich der Intention, wenngleich die nächsten Schritte sehr bedächtig, schwang mit jeder Bewegung nämlich auch der lose, hölzerne Untergrund wie eine Feder so sanft im Rythmus der beiden Körper. Doch es sollte das Pärchen nicht davon abhalten, die frisch nach Tau und wehendem Schilf riechende Plattform zu erreichen, auf der auch ein mittelgroßer Holzstamm ruhte und ganz offenkundig seine Gäste dazu einlud, sich auszuruhen und zu entspannen um das Grün zu nutzen, von welchem aus sich die Schönheit der Szene erst so richtig entfalten sollte: fahles Mondlicht, dass nun vom Himmelszelt aus auf die ständig in Bewegung scheinende Wasseroberfläche traf und sich dort in tausend Funken spaltete, rötlich-gelb blühende Rosen und Blümchen zwischen den Wassergräben und Ranken welche ihren Weg von ganz oben vom ersten Wasserfall hindurch durch's seichte Blau gebahnt hatten und nun um die emporsteigenden Steinkanten schlängelten. Ein Glitzern umschlang diesen Ort, wie man es nur aus Geschichten kannte. Jetzt saß er nun hier, mit Ihr. Es hatte den Hauch einer surrealen Situation, vergliche man noch die Umstände in denen er vor seiner Ankunft auf Alumena steckte mit der Veränderung, die sein Leben jetzt brachte. Und doch hatten sie die auf sie wirkende Magie dieses Fleckchens zum Anstoß genommen, um sich etwas besser kennen zu lernen. Während die Augenpaare beider also so über die erhellte Wasseroberfläche streiften, legte er seinen linken Arm behutsam um Ihre Hüfte, während Sie Ihren Kopf sanft gegen seine Schulter lehnte und so in Gedanken verloren von der Heimat sprach. Familie, Landschaft, Werdegang, Essensangewohnheiten; vielerlei Dinge die man sich gerne einprägt, wenn einem der Gegenüber mehr bedeutet, als nur ein beiläufiges Nicken. Momente des Einklangs waren vergangen, als Sie schließlich das Köpfchen ein Stück weit aufrichtete und ihn nun mit großen, zugänglichen braunen Augen anschaute...
"Ich habe Dir nun etwas über mich erzählt. Jetzt möchte ich etwas über Dich erfahren."
...schwang es wie ein zartes Whispern im leisen Rauschen des Blau's über Ihre Lippen. Er guckte auf, und die füreinander Symphatie empfindenden Blicke trafen sich, wenngleich sich daraufhin Uneinigkeit auf seine Züge mogelte. Es war wie das Kapitel eines Buches, das er bei jedem Öffnen des Wälzers gerne einfach überblätterte. Doch er wusste, er war es Ihr in irgendeiner Form schuldig. Sie hatte sich ihm geöffnet, hatte ihn hinter die Fassade der starken, entschlossenen Frau schauen lassen. Vielleicht war dies der Zeitpunkt, endlich abzuschließen. Neue Wege zu gehen - Veränderung zuzulassen. Vom eisernen, durch Drill und Disziplin, durch Härte und Verlust geprägten Dasein. Sollte er tatsächlich hier jemals die Gelegenheit bekommen, seinen Wert für den Ritterschlag zu beweisen, musste er ohnehin endlich lernen, loszulassen. Nie konnte er den Menschen ein Lächeln schenken. Nicht, weil er es vielleicht nicht wollte. Viel mehr, weil in seinem innersten Sein ein Splittern wie eine Blockade herrschte. Eine Trostlosigkeit; eine Verlorenheit gar einer Resgination. Er drückte mit seiner Schildhand zärtlich in Ihre linke Körperseite, um Ihr seine Zuneigung auszudrücken, ehe er die Lippen benetzte. Die Zeit war gekommen, sich Ihr ebenso zu öffnen. Sie sollte erfahren, welche Entscheidungen der in die Jahre gekommene in seinem langen Leben bisher zu fällen hatte. Letztendlich räusperte er sich leise, die Stimme suchte nach Kontrolle, ehe die Smaragdgrünen sich wieder auf einen Punkt auf dem Wasserspiegel fixierten und er etwas zögerlich das Wort erhob...
"In Ordnung. Du möchtest meine Geschichte hören? Ich werde sie Dir erzählen. Doch wie Deine handelt sie nicht von Ruhe, schöner Kindheitserinnerungen und einem wohligen Dasein inmitten der Familie... viel mehr handelt sie von Verbitterung, von Selbstzweifeln und Trostlosigkeit."
...wenngleich seine augenscheinliche Aufmerksamkeit auf dem funkelnden Blau des Wassers lag, konnte er im Augenwinkel erkennen, wie sich Ihr Gesichtszug langsam verhärtete. Eine Mischung aus Mitgefühl und Sorgnis. Doch sie hingegen schmiegte sich etwas fester an den Soldaten, denn es sollte die Entschlossenheit und Hingabe ausdrücken, sich seiner Worte, gar seiner Seele anzunehmen und für ihn einzustehen. Er kannte, zumindest den Schein, dieses Gefühls, wenn man in seinem Gegenüber eine Person gefunden hatte, dessen Ausdruck auch mit Ernsthaftigkeit beseelt war, und so verschwand sein zögernder Unterton, die Tonlage wieder so gefestigt, wie Sie es von ihm gewohnt war. Er schnaufte einen Augenblick durch, denn es sollte eine Geschichte werden, wie sie noch nie zuvor erzählt wurde...
"Mein Name ist Orban Sirgen, aus dem Hause mit dem Wappen derer von Singfeld. Es ist ein schlicht verziertes Wappen - ein Schild mit darauf abgebildeter Faust dessen Seiten von weit emporragenden Greifenflügeln gerahmt werden. Unser Erbe ist das Gründungshaus meines Heimatdorfs in sechster Generation, welches nordwestlich gesehen vom alumenischen Reich, weit über dem großen Meer liegt. Es gehört zum Festland, zu einem der Herzogtümer angrenzend an den Inselkontinent Gerimor. Meine Eltern sind Tham und Ilona Sirgen, meine Großeltern Ulic und Beatrix Sirfalt. Meine Eltern hatten eine recht durchschnittliche Ehe. Wenn Sie streiteten, dann nur über Dinge mit wirklicher Bedeutung. Nie über Kleinigkeiten. Allerdings hielt sich die Zuneigung und Fürsorge welche sie mir entgegen brachten immer sehr in Grenzen. Meine Mutter war eher zurückhaltend; sie kümmerte sich um die Ernährung und das kleine Beet draußen im Garten. Ich selbst bin ein Einzelkind, weißt Du? Was wahrscheinlich auch erklärt, weshalb mein Vater immer besonders eisern und streng in seiner Erziehung zu mir war.
Er war ein Militär am Hofe des ansässigen Ritters, Sir Hadric Eisfels - 'der Eisberg'. So nannte man ihn im gemeinen Mund. Unser Dorf wurde einst von einem Bürgermeister verwaltet, bis er kam und seine Burg errichten ließ. Er hatte den Ruf, symphatielos zu sein, mit einem etwas zu ausgeprägten Ego und präziser Kühle. Er war gerecht, aber gab nicht viel auf die Meinung der 'kleinen Leute'. Mein Vater bekleidete in seiner Burg keine sonderlich hohe Stellung, er war ein einfacher Infanterist. Allerdings hatte er eine gewisse Art an sich, einen gewissen Charme gegenüber Außenstehenden - die er im Familienkreis nie zu Tage brachte, ich habe ihn seit Kindestagen an immernoch als den rastlosen Einzelgänger in Erinnerung, der er war - was ihn irgendwie das Wohlwollen des Sir's einbrachte. Demzufolge hatte ich es in der Kindheit schwierig, Anschluss zu finden. Ich hatte keine oder sehr wenige 'Freunde', denn vielen Leuten bereitete das relativ gute Verhältnis meines Vaters zu diesem Mann Unbehagen. Die anderen Dorfkinder wollten kaum etwas mit mir zu tun haben, denn es machte früh im Ort die Runde, dass ich als Page auf den Hof des Ritters kommen könnte. Und dieses Wissen ruft Neider und Zweifler auf den Plan, wie Du Dir sicher vorstellen kannst. Zu wissen, dass man sein eigenes Leben in ärmlichen Verhältnissen ohne wirkliche Aussicht auf Veränderung zu fristen hat, während der Nachbarsjunge 'eingeladen' wird, als Bediensteter in der ritterlichen Burg zu dienen, wo Gold und Silber nur so von den Wänden protzt. Zweifelsohne eine Titanenaufgabe, für die mein Vater Jahre des Schuftens und des 'Bettelns' hingelegt haben musste. Heute kann ich erkennen, wieviel meinem Vater dieser Schritt wert gewesen sein muss. Er wollte mir zu einem guten, ehrbaren Leben verhelfen, das ich mir damals nichtmal im Traum vorstellen konnte. Ich hatte kaum Sozialkompetenzen, hatte meinen eigenen Kopf. War oft blind vor Sturrheit oder Kurzsicht, hatt' ich mich einfach nur gesehnt nach einer blühenderen Erziehung wie die von Dir.
Kurz nach meinem zehnten Geburtstag lernte ich früh von meinem Vater die 'Grundzüge' des unbewaffneten Kampfes und der Grundstellung der Beine im Einhand- und Schildkampf, denn außerhalb der Burgmauern war es den Leuten strikt untersagt, Waffen mit sich zu führen oder gar zu benutzen, schließlich hatte die Burg einen eigenen Trupp an Fußsoldaten, die für den Schutz des Dorfes abgestellt war - sehr kurzsichtig, wenn man bedenkt, dass die Siedlung ohne brauchbare Verteidigungsanlagen und nah an zwei verschiedenen Waldlichtungen samt Bergstraße gebaut war. Unnötig also zu erwähnen, dass es für Landstreicher ein gefundenes Fressen gewesen wäre, im Fall der Fälle - aber sei's drum. Wenn ich mich zurück erinnere, fällt mir oft ein, wie ungeschickt ich mich mit Ihm immer angestellt hab'. Meinen Vater machte das oft wütend. Er hatte kaum Geduld und war schwierig im Umgang. Letztendlich, eines Tages - ich glaub' ich war zwölf Jahre alt - nahm mich mein Vater mit zur Burg des Ritters. Ich glaube, er hatte dabei einen psychologischen Hintergedanken. Ich sollte sehen, was mich 'erwarten könnte', sollt' ich mich nur besser anstrengen und endlich 'klar im Kopf' werden, so hat er es immer ausgedrückt. Heute weiß ich, dass er einfach nicht anders konnte. Es war sein Wesen so mit mir umzugehen. Doch damals als kleiner Junge hätt' ich einfach nur ein Lächeln von Ihm gewollt, mehr nicht.
Ich erinnere mich noch an die Burg, als wie wenn es gestern gewesen wäre. Es war das Fantastischste was ich bis dahin je gesehen hatte: die schmale Kieselstraße die zu den Burgtoren führte war gepflegt und geradlinig, ganz anders als die Wege im Dorf. Die waren mit Löchern übersäht, ungerade und überall lag Dreck herum von den Tieren, die sich die Leute in Ihren kleinen Gärten vor den Türen hielten. Ich blickte auf, hinauf zu den Toren. Mächtige, bedrohliche Zinnen strahlten in den Himmel, und dazwischen die Schießscharten, an denen prunkvoll gerüstete, uns mit stählernen Blicken musternde Schützen postiert waren. Ein Wall samt Wachturm, geschmückt mit Bannern und so dick, dass man zwei Triboks nur für eine Gerade brauchte. Und ein Zugtor aus dickem, hellen Holz. Alles wirkte sehr majestätisch und ich dachte mir, wenn die ersten zehn Meter schon so atemberaubend sind und wir noch nicht einmal das Tor passiert hatten, was würde mich dann wohl nur im Inneren erwarten? Schließlich kamen wir ans Burgtor, an denen zwei in prächtiger Eisenmontur gerüstete Wachleute standen. Ihre Mimik war so kontrolliert, so regungslos, dass es mir einen Schauer durch meine kleinen Knöchlein jagte, als Ihre eindringlichen Blicke mich trafen. Wäre mein Vater nicht dabei gewesen, hätt' mich die Furcht gepackt. Er aber blieb ruhig, ja sogar locker. Er sprach mit ihnen, als wären sie guten Kameraden, so vertraut klangen Ihre Stimmen. Wir erreichten den Innenhof, und ich musste mich dazu zwingen, weiter zu gehen. Er war rießig und... sprach' verschlagend. Wenn man hinein kam, war über die gesamte rechte Seite eine Bestallung gezogen, und in deren Stallboxen waren Rösser, jedes majestätischer als das andere. Jedes einzelne war in Eisenbeschlag gerüstet, welche verziert waren mit dem Wappen Sir Eisfels', umschlungen von sich ausbreitenden, in Goldstaub gefasste Rankierungen. Die Innenhofecken waren mit Statuen von gerüsteten Rittern ausgestattet, wovon jeder eine andere Waffe in der Hand hielt. Etwa mittig des Innenhofs war ein kleiner Trainingskreis, welcher ganz offensichtlich für Übungszwecke zwischen den Infanteristen, oder den Knappen genutzt werden sollte. Ich war mir nicht sicher. Schwer vorstellbar, dass hier so ein Reichtum herrschte, das angrenzende Dorf aber weiterhin in Ärmlichkeit leben musste. Mein Vater zog einmal energisch an meinem rechten Oberarm, um mich wieder aus dem Staunen zu reißen, ehe wir weitergingen nach links, richtung Eingangsbereich. Die Wachen, die dieses Tor bewachten, waren nicht weniger militärisch als die vorherigen. Einer musste wohl sofort meine wertlose Seele erkannt haben, denn er betrachtete mich so argwöhnisch und mit zusammengekniffenen Augenbrauen, dass es mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Doch mein Vater schliff mich weiter, ins Innere der Burg und somit die Eingangshalle. Nach allem, was ich im Innenhof schon bestaunen durfte, traute ich mich fast nicht, mich umzusehen. Nur meiner grenzenlosen Neugierde verdanke ich es, noch so klare Erinnerungen daran zu haben. Es war... unvorstellbar. Die Dörfler hatten recht. Es war eine langgezogene Halle, die Decke gestützt durch vier zu jeder Seite in jeweils zehn Meter Abstand zueinander gehaltenen Pfeilern aus dickstem Stein, von denen prunkvolle Wandteppiche herunterfielen, auf jedem einzelnen das breitgefächerte Wappen des Ritters in filigralem Gold und Silber eingearbeitet war. Spätestens hier war mir klar, dass Sir Eisfels' in der Tat viel Wert auf ein ästhetisches Äußeres legen musste, wenn allein seine Burg einem schon so den Atem verschlagen konnte. Während mein Vater diese Halle beschritt, als wäre es sein zweites Esszimmer, wurden meine Schritte immer kleiner und vorsichtiger. Ich hatte soviel Angst, etwas nur durch mein bloßes Hinschauen zu entehren, dass ich letztendlich an Ort und Stelle festgewurzelt war. Immerwieder sah ich zu meinem Vater auf, der akribisch genau darauf achtete, mir keine Erwiderung meiner Blicke zu gönnen. Aber ich konnte auch aus meiner kleinen, schäbigen Seitenposition erkennen, wie stolz sein Gesichtsausdruck war diese Hallen betreten zu können.
Ich machte mir ständig Gedanken: "wenn nun der Ritter kommen sollte... ich weiß nicht wie ich Ihn ansprechen muss. Ich weiß nicht, wo ich hinschauen darf." Es war, als würde mich mein innerstes Selbst verrückt machen. Doch ehe ich eine Antwort darauf fand, packte mich mein Vater an meiner rechten Hand und zerrte mich wieder aus der Halle hinaus in den Innenhof. Sein stolzer Gesichtsausdruck war verschwunden. Er war eisern geworden, geradezu mürrisch und zornig. Für Außenstehende muss es lustig ausgesehen haben: ein Ausgewachsener der ein kleines Balg wie einen Sack Kartoffeln hinter sich her schleifte. Doch für mich war es... eine Erniedrigung. Selbst in so jungen Jahren. Wie würden mich die Truppen dort in der Burg in Erinnerung behalten, sollte ich jemals dorthin zurückkehren? Als das kleine, plärrende 'Etwas'? Ich musste es über mich ergehen lassen. Schußendlich kamen wir vor den Zugtoren zum Stehen und mein Vater ließ meine Hand los. Enttäuschung zeichnete sich auf seiner Miene an. Ich erinnere mich noch, was er zu mir sagte, draußen vor der Burg:
'Hier könntest Du einmal leben. Du könntest etwas aus Dir machen! Aber was machst Du? Bist unnütz, hast Flausen im Kopf! Scherst Dich nicht um die Mühe die ich mir gebe um Dir etwas beizubringen!'
Ja, ich erinnere mich noch genau daran. Es traf mich wie ein Stich ins Herz. War das, was man seinem zwölfjährigen Sohn als Anekdote mit auf den Weg gab? Alles was ich damals wollte, war, dass mein Vater mich akzeptiert. Mir ein Lächeln schenken würde und mir Mut und Zuspruch geben würde. Er sich verhalten würde wie... wie ein Vater. Doch er wendete sich nur ab und ließ mich vor den Toren stehen. Ich traute mich nicht einmal mehr, mich umzusehen zu den Torwachen denn ich wusste genau, was ich in Ihren Gesichtern erblicken würde: Schelm und Verachtung. Zurückdenkend öffnete es mir die Augen. Ich wusste, ich war nicht unnütz, wie doch mein Vater von mir dachte. Ich handelte mir auch nie Ärger ein, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Doch ich hatte kein Ziel in meinem Leben. Nichts, worauf es sich in meinen damaligen Augen gelohnt hätte, hin zu streben. Ich war in einem Nebel der Einsamkeit und der Selbstzweifel gefangen. Ich steckte die Hände in meine Taschen und senkte den Kopf auf dem Heimweg, sodass niemand meine Traurigkeit erkennen könnte. Immerwieder schweifte mein Blick links und rechts des abfallenden Wegrandes der zur Burg hinauf führte ab, als könne ich dort meine Vernunft finden. Ich ließ mir extra Zeit mit dem nach Hause kommen, so lange, dass es zwischenzeitlich das regnen begann und meine Mutter sich wohl vor Sorgen in den Schlaf weinte. Aber ich scherte mich nicht darum. Auch nicht um meine durchnässte Kleidung oder die matschbesudelten Stiefel. Ich brauchte die Gelegenheit, meinen Kopf frei zu bekommen, mich zu fokussieren. In einer Sache hatte mein Vater diesbezüglich damals Recht: ich gab mir keine Mühe für seine 'Hilfestellungen'. Ich wollte mich bessern. Wollte ihm besser zuhören, wenn er mir etwas über den Kampf oder das Soldatendasein beibrachte. Tief im Inneren hatte ich ohnehin schon damit abgeschlossen, ein 'normales' Kindheitsleben zu führen. Väterlicherseits war das Wappen der Singfelds schon immer ein Militärtum. Ich fand auch oft Gefallen an den Gedanken an das Waffen- und Rüstungstum, nur wusst' ichs nie einzuordnen. Letzten Endes fand ich den Weg zurück durchs Dorf zu unserem Haus, doch die Lichter waren längst erloschen. Mein Vater wollte sich die Blöße nicht geben, dass er wartet bis sein einziger Sohn heil zu Hause ankommt, und meine Mutter... die hielt sich lieber aus den Angelegenheiten Ihres Ehemanns heraus. Aber abgesehen davon, wollte ich in dieser Situation Ihr Mitleid auch überhaupt nicht. Es brannte in mir wie der Trotz, meinem Vater zu beweisen, dass er Unrecht hatte. Ich wollte, dass er eines Tages vor mir steht. Doch nicht in seiner typischen, herunterspielenden Art, nein. Er sollte dort sein als Zeichen seiner Anerkennung. Dieser Ausflug, dieser Abend, dieses Verlangen trieb mich so sehr an, dass es mein Leben verändern sollte."
...seine Smaragdgrünen erhoben sich langsam wieder vom Wasser zurück zu der nun still gewordenen an seiner Seite. Mittlerweile stand der Mond so tief, dass er nicht mehr die Wasserfälle und das Gespiele dort befeuerte, sondern nurnoch ein kleines Stückchen des Bächleins und der übrig gebliebenen Baumkronen im Dickicht des Waldes. Seine Stimme musste die Umgebung aufgeschreckt haben, denn man hörte kein Zirpen mehr, keinen Gesang der Vögel. Das Leben rundherum der Beiden musste zum Stillstand gekommen sein. Er linste zur Seite, um die Andeutung Ihrer Erscheinung zu erspähen, doch sie klammerte Ihren rechten Arm fester um seinen Oberkörper und drückte Ihre Wange an seinen linken Oberarm. Und mehr noch: Sie lockte ihm sogar ein schwaches, doch von Herzen kommendes Lächeln auf seine Lippen. Es war, als hätte Sie die Blockade, diese ständige Unfähigkeit eine ernstgemeinte Emotion zu zeigen, umgangen - Er war mittlerweile ja weithin bekannt als jemand, der recht kontrolliert im Umgang mit der Art und Weise wie Menschen seine Gesten oder Gesichtszüge interpretieren, von Sprach- und Tonart ganz zu schweigen. Verglichen mit der Jugendzeit, war er doch angenehm ruhig, geradezu gelassen und objektiv geworden. Natürlich, eine stählerne Manier die einen immerzu seit der Kindheit begleitet läßt sich nicht einfach abschütteln, doch es war ein Anfang. Bestimmt auch eine dieser Nebensächlichkeiten die hohes Alter so mit der Zeit mit sich bringt - Er schnappte nochmal nach frischer Luft, wollte er sich jetzt sammeln um die Rekonstruierung fortzuführen. Ihre ungeteilte, mitfühlende Aufmerksamkeit hatte er zumindest...
"Es vergingen drei Jahre, bis zu meinem Fünfzehnten. Ich war mittlerweile ungefähr einen Meter und sechzig Zentimeter groß, hatte kurze aber wilde Haare und begann durchs anhaltende Training schon zu spüren, wie meine Muskulatur sich langsam entfaltete. Meine Erwartungen an mich selbst hatten sich in der Zwischenzeit gefestigt, und ich wusste genau, wohin ich kommen wollte. Mein Vater schien das immer öfter bemerkt zu haben, denn seine raue, forsche Art mir gegenüber hatte zumindest größtenteils nachgelassen und er suchte sogar von Zeit zu Zeit das Gespräch mit mir, oder wollte mir spezielle Schritte zeigen die er sich so über die Jahre im Kampf angeeignet hatte. Ich glaube, er sah wirklich Potential in mir als zukünftigen Soldaten und hatte vielleicht auch die Hoffnung, dass seine 'Übereinkunft' mit Sir Eisfels' Früchte tragen würde, würde dieser nur sehen, zu was sein zukünftiger Knappe fähig wäre. Schlußendlich ist es das, was Kämpfer am meisten schätzen: Ehrgeiz, Finesse und Kampftauglichkeit.
Ich erinnere mich, dass es ein sonniger Tag werden sollte. In den Morgenstunden hatten sich schon fahle, gelb-orange glimmende Strahlen auf den noch im Grün haftenden Tau der Vornacht geworfen. Meine Mutter weckte mich früh, denn sie hatte Kunde von meinem Vater, dass es ein 'besonderer Tag' werden sollte. Wie üblich war das Frühstück eher schmal bestückt. Nicht, dass wir es uns nicht hätten leisten können. Mein Vater hatte durch den Sold in der Burg ein geregeltes Einkommen, doch ohnehin war ich schon immer jemand, der morgens ersteinmal zu sich kommen musste bevor der Magen mitspielt - heut' hätt man gesagt: "Trink 'nen Schnaps, dann kommt der Kreislauf in Schwung!". Ich trat hinaus an die frische Luft und musste die darauffolgenden Sekunden erst meine Augen an die Helligkeit gewöhnen. Mein Vater hingegen stand schon im Hof und hatte Schwert und Schild in der Hand, übte er wohl gerade die Perfektion der Grundstellung des Duellkampfes - Es war eher eine Seltenheit, dass die Theorie in diesem Fall auch in der Praxis angewendet wurde, doch war man auf einem Schlachtfeld und die ersten paar Augenblicke der Unruhe und Verwirrung waren verstrichen, war es keine Seltenheit, dass man sich Auge um Auge mit einem anderen Soldaten im Gefecht stand und der richtige Schritt, das richtige Führen des Schildes über den nächsten Atemzug entschied - und schien vertieft, sodass ich die Gelegenheit hatte, das Treiben ein Weilchen zu beobachten. Es war faszinierend. Immer schon träumte ich seit meiner 'Offenbarung' irgendwie davon, in seine Fußstapfen zu treten, war er als Soldat doch überaus geschickt und diszipliniert. Er hingegen hatte mich allerdings schon lange bemerkt und wollte mir wohl nur nocheinmal eindringlich beweisen, wie meine Zukunft aussehen könnte. Schließlich lockerte er die Haltung, senkte die Bewaffnung, drehte den Kopf zu mir und sprach in fester Stimme.
'Also, Sohn. Heute ist Dein Glückstag. Wir werden zur Burg vom Eisberg gehen, und Du wirst dort den Ritter treffen.'
Seine Stimme hallte wie ein Donnern in meinem Kopf. Nochmal zur Burg? Auch noch den Ritter persönlich treffen? Ich? Ich war starr vor Begeisterung und zugleich Ehrfurcht. Wenn man bedenkt, wieviele 'gemeine Leute' den Ritter höchstselbst antreffen, und ich einer von ihnen sein sollte. Ich hatte mir schon oft insgeheim vorgestellt, wie es denn wäre, Ihn zu sehen. Normalerweiße kennt man solche Persönlichkeiten nur von Pergament und Siegel oder Hörensagen. Gewiss war er nämlich auch keiner, der sich fürs einfache Volk gern zur Schau stellte. Mein stummer Blick ruhte auf den eisernen, unangefochtenen Zügen meines Vaters. Ich war hin und her gerissen, doch mein alter Herr wusste ganz genau, wie er mich zur Vernunft brachte.
'Hörst du mir zu, Junge?! Gnade Dir die Schildmaid, wenn Du Dich nicht benimmst. Und geh zu Deiner Mutter und lass Dir gefälligst etwas anständiges zum anziehen geben! Wenn Dich der Sir so sieht, schmeißt er Dich hochkant in den Burggraben und ich darf es für Dich ausstehen!'
Ich brachte keinen Ton über die Lippen. Nur ein sehr energisches Nicken als ich sofort kehrt machte und zurück durch die Haustür stolperte. Meine Mutter hatte, als hätt' sie die Konversation mitangesehen, schon einige recht annehmbare Kleidungsstücke auf dem breiten Kastanientisch im Esszimmer ausgebreitet. Es war eine einfache Stoffhose in eher dunklerem Farbton und einem kurzärmligen, aber sehr dezent geschnittenen Hemd in weiß. Neben dem rechten Tischbein standen außerdem schlichte Schnürstiefel in dunklem Wildleder. Ich glaube, es war sogar das erste Mal, dass ich keine durchlöcherte, schmutzige Kleidung trug. Ich hatte meine Gedanken immer woanders, als das ich Wert auf ein 'ehrhaftes Äußeres' gelegt hätte. Früher nur bei meinen Sorgen, und dann nurnoch beim Training. Mein Leben änderte sich rasant in den fünf Jahren bis zu meinem Fünfzehnten, um mich in die Laufbahn zu rücken, in der ich heute bin. Doch damals hatte ich darüber keinen Überblick, oder eher gesagt... kein Gespür dafür. Die Art und Weise, wie meine Mutter mittlerweile mit mir umging, war ebenfalls irgendwie herzlicher geworden. Sie kämmte mir die Haare mit einem angefeuchteten Kamm aus Holz zu einem feinen, dezenten Seitenscheitel zurecht und passte die Kleidung formschön an - es war wie ein Traum für einen Knaben in meinem Alter, weißt Du? - Ich sah auch äußerlich zum ersten Mal wie jemand aus, den man nicht auf Anhieb verurteilen würde. Meine Mutter war stolz. Ich war stolz. Mir gefiel der Gedanke immer mehr, eigene Verantwortung übernehmen zu müssen. Sich weiterzuentwickeln. Vom Nebenraum hörte ich schon das Kruschteln meines Vaters in einem der alten Schränke der Großeltern, welches durch dumpfes Knarren und Quitschen der Eisenbeschläge und Hölzer unterlegt wurde. Man wusste sofort, dass er es war, denn die Art und Weise wie seine Stiefelsohlen auf dem Holzboden auftraten, verrieten Ihn. Fest und zielstrebig, ohne Zögern, ohne Zaudern. Schließlich ging die Tür auf und er trat ins Esszimmer. Es war immer ein unbehagliches Gefühl wenn er den Raum betrat. Die Stimmung wurde schlagartig angespannter und kühler. Doch dieses Mal lächelte meine Mutter plötzlich, als Sie zu Ihm schaute. Er hatte einen alten, kleinen Wams aus dem morschen Schrank gekramt, etwa in meinem Brustumfang. Es musste wohl sein eigener Wappenrock gewesen sein, als er in meinem Alter war. Er war edel verziert und sehr feinfühlig gestrickt mit leichtem Grünschimmer und allerhand kleinere Symbole waren auf der Frontseite eingestickt. Die Zufriedenheit sprang Ihm geradezu aus dem Gesicht, jetzt, da die Zeit wohl gekommen war, ihn an mich weiter zu reichen. Und es war ein schönes Gefühl. Das Gefühl, endlich anerkannt zu werden.
'Das hier war mein Wappenrock als ich in Deinem Alter in den Dienst trat. Ab heute wird er Dir gehören. Trag ihn mit Ehre!'
Waren seine Worte. Mit 'Ehre tragen', sagte er. Ich wusste genau, was er meinte. Und ich war bereit, es Ihm zu beweisen. Wir verließen das Haus und machten uns auf den Weg zur Burg. Schon immer verfolgten mich die Blicke der anderen Dorfbewohner mit Argwohn wenn ich Ihr Augenlicht kreuzte, doch an diesem Tag war es der offenkundige Neid der Ihnen in Ihre Fratzen gewaschen war. Doch es war mir egal. Es war mir egal, weil ich wusste, dass Sie Unrecht hatten; das sie mich zu unrecht verurteilten; das ich mich geändert hatte - nicht, dass ich es irgend jemandem von Ihnen hätte je beweisen müssen. Unsere Schritte hinauf zur Burg waren ohne Eile, aber zielstrebig. Wir sprachen nicht miteinander. Nicht, dass es mich gewundert hätte, denn mein Vater war schon immer jemand der nur den Mund aufmachte wenn es sich gelohnt hat. Ein typischer Militär. Drei Jahre waren seit meinem letzten Aufenthalt in der Burg vergangen und doch hatte sich so überhaupt nichts am äußeren Erscheinungsbild davon geändert: der Pfad hinauf zur Burg war immernoch gepflegt und sehr neutral, und auch die Patroullien an den Wehrgängen waren gleich geblieben. Ich hätte sogar schwören können, dass es immernoch dieselben Personen waren, die tag ein tag aus dort Ihren Dienst schoben. Wir kamen an den Zugtoren an und ich spürte, wie die Demut in mir immer stärker wurde, so dass meine Hände sogar das Zittern begannen. Eines jedoch hatte sich geändert, was mir auf Anhieb auffiel: die früher noch eher abweisenden Blicke der Wachleute waren mittlerweile sehr neutral geworden, man hätte fast schon 'freundlich' sagen können. Vielleicht hatte mein Vater Ihnen von meinem 'Werdegang' in den drei Jahren erzählt, oder aber mein Erscheinungsbild würde einfach ein anderes Licht auf mich werfen. Ich hatte keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn ehe ich mich umsehen konnte, mussten wir eintreten. Mein Atemrythmus wurde immer unregelmäßiger, mein Zittern stärker. Und als wir gerade den Innenhof betraten, stand er dort, und es verschlug mir den Atem."
...seine Stimme brach ab, und er musste sich fangen. Die Augen hatten sich indessen wieder von Ihr gelöst und waren bis zur kantigen Spitze des ersten, großen Wasserfalls hinauf gewandert...