Die Arme des Waldes

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Aethain Indren´va

Die Arme des Waldes

Beitrag von Aethain Indren´va »

Mit ruhigen Blicken sah er über die weite Lichtung, anfangs, doch je länger
er schweigsam an dem Stamm der großen Kiefer gelehnt verweilte, desto
schmerzlicher wurde ihm der Anblick. Die Ruhe wich einem Unwohlsein,
das mehr und mehr der aufgewühlten und verletzten Landschaft vor ihm
glich. Einst stand hier zwischen Gebirge und Wald die Festung Grimwould,
in welcher der stolze Clan der Hinrah lebte, nun aber waren sie fort, zu
neuen Ufern aufgebrochen und ihre Feste war verschwunden,
zurückgeblieben bloß die kahle Erde, aufgerissen vom Abtransport des
Holzes und mit tiefen Furchen versehen.
„Es war ihr Schicksal“, dachte er bei sich „und kein vergebliches. Viele
Jahre hat der Clan im Einklang mit dem Wald gelebt und manchen
Gefallen hat man sich gegenseitig erwiesen. Doch der alte Wald ist kein
Ort für die Edain, kurz mögen sie verweilen und manch tiefe Weisheit
durch ihn ergründen. Mae, das vielleicht...“

Mit wohl gesetzten Schritten wandelt er langsam über helles Gras und
dunkle Erde. Seine Hände streckten sich dem Boden entgegen, schlossen
kleinere Wunden und spendeten Leben, wo das Auge es nicht mehr fand.
„Keine Schmerzen noch sollst du haben“, flüsterte er einer jungen Lilie zu,
deren Stengel halb gebrochen da lag. Mit einer Berührung seiner Finger
richtete sie sich wieder auf, ihre Blüte zum Sonnenlicht streckend.

„Es wird manche Kraft kosten, aber auch hierher soll der Wald
zurückkehren und seine breiten Arme von einem Gebirge zum anderen
erstrecken. Es wird die Hilfe des Lindil brauchen, um diesen Zauber zu
beginnen.“

Er dachte noch lang darüber nach als er sich durch die Tiefe des Waldes
zurück nach Ered Luin begab. Am Abend, so nahm er sich vor, würde er
zu seinen Brüdern und Schwestern im Walde gehen und sie um Rat und
Beistand fragen, keinen Zweifel hatte er, dass auch sie schon über sein
Anliegen gedacht hatten. Gewiss würde es noch Jahre dauern und viele
schwierige Rituale erfordern, aber es war eine verheißungsvolle Aufgabe.
Ein Lächeln spielte um seine Lippen als er die letzten Schritte zum
verborgenen Eingang der Stadt ging.

Doch dort auf einem Felsen liegend wartete ein großer, grauer Wolf.
Aethain war verwirrt, hatten die Wölfe doch sonst nicht die Gewohnheit so
nah der Stadt zu verweilen. Der Wolf blickte ihn aus tiefen schwarzen
Augen an. Sein Maul öffnete sich, wie zu einem gemächlichen Gähnen und
der Elf muste ob des Anblicks schmunzeln. Als er gerade vorüber gehen
wollte, sprang der Wolf mit einem Satz hinunter vom Stein und landete
vor des Elfen Füßen, wo er sich auf seine Hinterläufe setzte und ihm den
Kopf entgegen hob.
„Was ist es mit dir?“, flüsterte der Elf, offenbar überrascht über das
ungewöhnliche Gebaren des Wolfes. Er ging in die Hocke und streckte
langsam eine Hand nach dem Haupt des Tieres aus, aber jenes begann
nur leise zu knurren und wiegte den Kopf zur Seite, nur um einen
Augenblick darauf wieder seine tiefen Augen auf den Elfen zu richten.
Dieser verengte seine Augen etwas und besann sich auf eine Lektion
seines Lehrers, stimmte sein Seelenlied auf das des Wolfes ein, näherte
sich ihm mit allen Sinnen und lauschte auf jedes Knurren, jeden flüchtigen
Gedanken und jede Regung. Mit der Zeit verstand er, was das Tier wollte.
Nicht ganze Sätze oder klare Aussagen sprach es, aber der Elf spürte,
dass dieser Wolf eine ungewohnte Schläue und Klugheit besaß. Er hatte
am gestrigen Tag bereits gejagt und ein junges Reh gerissen und nun war
er satt, nur auf seine übrigen Instrinkte und friedliche Ruhe bedacht, das
konnte der Elf verstehen, aber dann sah er verschwommene Bilder aus
der Erinnerung des Wolfes. Zwei Gestalten, die in den Wald gingen, der
Geruch von Blut und Krankheit, die dem Wolf in die feine Nase gestiegen
waren, der Geruch von Menschen. Aethain sah zum Himmel hinauf, dem
Stern der Edhil, der über den Wald wachte und sein Geist erkannte
tatsächlich zwei Menschen, die nahe der großen Felder in den Wald
gekommen waren und dort umherirrten. Zurück schaute er zu dem Wolf
und dieser knurrte nur leise. Anfangs verstand der Elf nicht, doch mehr
und mehr glaubte er, dass diese beiden Menschen dem Wolf hier im
Walde nicht gefielen, ja, er verstand es. Und dann, mit einem Satz, war
auch der Wolf wieder fort, das geistige Band zwischen den beiden
getrennt.

„So, zwei Edain, die sich im Walde verirren wollen, krank und verletzt...“,
sagte er bei sich und ging dann in jene Richtung, in die der Stern in führen
würde. Er brauchte manche Stunde, ehe seine feinen Sinne in einiger
Entfernung das laute Getrampel der beiden Menschen wahrnahmen. Sie
waren laut, für seine Begriffe, aber kamen nur langsam voran. Im
Übrigen war es ihm, als hätten sie seit dem Moment als er ihnen entgegen
gegangen war kaum eine halbe Meile tiefer in den Wald geschafft. So war
er der Nebelwald, ein Irrgarten für die, die ihn nicht kannten und sie bloß
ein Spielzeug für seine uralten Launen.

Aethain nahm Platz auf einer großen Wurzel, an der die beiden Menschen
sicher vorbeikommen müssten. Seine Hände lagen in den Ärmeln gefaltet
und seine Augen ruhten in der Ferne. Dann endlich sahen sie ihn, ein
schwacher Lichtstreif, der durch die Blätter kam, ruhte auf seinen
Schultern und spielte mit seinen feinen Gewändern zu anmutigen Tänzen
auf. Die Menschen, eine junge Frau und ein Mann, waren wie befangen
von seinem Anblick und wußten für einige Zeit nicht, ob sie näher
kommen dürften oder entfliehen sollten. So blieben sie stehen und
Aethain tastete behutsam nach ihren Melodien, um zu finden, was der
Wolf ihm gezeigt hatte.

Es war die Frau, die an einer eitrigen Wunde litt und stark fieberte. Der Elf
wunderte sich, wie sie in diesem Zustand den weiten und anstrengenden
Weg durch den Wald geschafft hatte. Nach kurzer Überlegung forschte er
tiefer in der Melodie, suchte die Wunde selbst, die unreinen Klänge und
alles, was die Frau körperlich noch vom Ursprung des Liedes entfernt
hatte. Was ihm Rätsel aufgab, verglich er mit altem Wissen und dem, was
der gesunde Körper des männlichen Menschen ihm noch verriet, und bald
schon war kein Makel mehr an ihrem ehedem kranken Leib zu erkennen.
Die Stille hatte angehalten, doch dann trat der Mann einen Schritt vor,
sich vor jene Frau schiebend, um mit rauher, aber zitternder Stimme zu
sprechen: „Ich suche... den Clan der Hinrah... Ich brauche die Hilfe... ihr
Heiler... Sie ist so schwer krank, ich fürchte... sterben...“
In diesem Moment unterbrach ihn der Elf und sagte mit süßer,
glockenheller Stimme: „Nein, nicht dieses Mal.“
Dann richtete er sich in einer fließenden Bewegung auf, den Arm in
Richtung des Waldrandes ausstreckend.
„Geht jetzt!“

[img]http://home.arcor.de/aethain/FesteBilder/ImWald.jpg[/img]

Dem Mann bebte das Kinn und er wandte sie zitternd zu seiner Frau, aber
als er bemerkte, dass ihrem Antlitz jedes Zeichen von Fieber gewichen
war und sie mit heller, rosiger Haut vor ihm stand, ging er in die Knie und
dankte Temora von aller Angst befreit für dieses Wunder, bis ihm seine
Frau die Hand entgegen streckte und sanft über seine Wange strich. Als
sie sich beide nach der Gestalt umsahen, die noch eben mit ruhiger
Stimme zu ihnen gesprochen hatte, war nichts mehr zu sehen, selbst der
helle Lichtschein, der durch die Blätter gebrochen war, war verschwunden.

Aethain hatte sich längst auf den Rückweg gemacht und sann nun darüber
nach, was diese Begegnung für eine tiefere Bedeutung hatte. Schließlich
gehörten auch die Menschen mit all ihren Makeln zu der Schöpfung und
wenn sie auch oft genug Schuld auf ihre Schultern luden, so war ihm
dennoch, als seien manche von ihnen frei von bösen Gedanken und
Absichten. Und wenn nicht das, so doch zumindest in der Lage sich zu
bessern, wenn man ihnen nur einen Weg zeigte. Diesen beiden hatte er
den Weg gezeigt, hinaus aus dem Wald, und er hoffte nur der Wald würde
sie nun gehen lassen, aber er vermochte auch nicht zu sagen, warum der
Wald sie noch länger behalten wollen würde.
Zurück in seinem Haus suchte er vorerst nur Ruhe, aber allmählich keimte
ein neuer Gedanke in ihm auf, der sicher manch redlichen Nutzen für den
Wald, seine Bewohner und auch die Menschen hätte.
„Es ist nicht ganz schlecht, dass die Lichtung im Wald noch leer steht. Mae,
vielleicht gelingt mir ein Kunststück. Wenn die Edain nur dort hin gingen
und nicht durch den ganzen Wald, um Hilfe und Rat zu empfangen... Doch
wie...“, sprach er noch immer in Gedanken aus, als der Abend gemächlich
hereinbrach. So machte er sich nach einer kurzen Mahlzeit auf zu den
Elfen des Waldes, um mit ihnen über das zu sprechen, was ihm im Kopf
umher ging.
Und morgen würde er in der Bibliothek nach Antworten suchen.
Aethain Indren´va

Beitrag von Aethain Indren´va »

In dieser Nacht war Aethain mehr als sonst mit sich zufrieden. Sowohl der
Besuch bei den Waldelfen hatte seine Früchte getragen, als auch seine
Nachforschungen in der alten Bibliothek im Tal. Er hatte viele der Antworten
gefunden, nach denen er forschen wollte, und sah nun die Lösung für sein
Ansinnen klar vor sich liegen.
Umso größer war seine Erwartung, da auch der junge Neth Ithron Ithorellain
seine heutige Lehrstunde mit großem Verständnis verfolgt hatte und so fiel es
ihm zu in dem Zauber, den er nun mit allerlei Übungen und vorgefertigten
Melodien einstudierte, einen kleinen Teil zu übernehmen. Er war wahrlich in
einer gehobenen Stimmung als er diese Nacht seine Forschungen beendete,
alle dafür nötigen Utensilien vorsichtig in einem schweren Rucksack
verpackte und zu Bett ging.

Der Tag, er kam näher.
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