Hauptmann Soren Dumar, dessen Militärstiefel den Klang der Schritte verursachten, eilte sich den Weg vom Westflügel des Palastes in Richtung des Thronsaals hinter sich zu bringen. Lediglich als er die Palastwachen an den Treppen passierte, verlangsamte er seinen Schritt, begradigte seine Haltung und erwiderte ihren Gruß in aller Korrektheit. Es war einer der Momente in denen er sich wünschte, wie die Palastwachen, eine Maske tragen zu können die seine Gedanken und Gefühle vor der Welt verbergen konnte. Nun war ihm nur all zu bewusst, dass die Gardisten genau darüber im Bilde waren was vor sich ging. Sie wussten wohin er zu so später Stunde eilte. Er konnte förmlich spüren wie die Wachen, wann immer er sie passiert hatte, Blicke austauschten. Geprägt von Unsicherheit. Geprägt von Zweifel. Es war nicht die erste ruhelose Nacht im Palast, dieser Tage. Es würde nicht die letzte bleiben, das war Soren klar. Kaum hatte er die letzten Wachposten passiert und war in den Gang in Richtung Thronsaal eingebogen, ging er in den Laufschritt über. Das Gebrüll einer tiefen, wiederhallenden, von etlichen Echos begleiteten Stimme drang aus dem Saal den Gang hinunter und Soren schloss für einen Moment die Augen. Soll es das gewesen sein? Die Frage kam ihm jedes Mal in den Sinn, wenn er sich dieser Situation in den letzten Wochen näherte.
Soren wurde unwirsch aus seinen Gedanken gerissen, als ein heftiges Scheppern vor ihm seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine der Palastwachen rutschte noch ein Stück weit über den Boden, die getragene Hellebarde aus der Hand verloren. Soren biss die Zähne zusammen und stieg mit einem langen Schritt über den Palastwächter, gab diesem mit der Hacke seines Stiefel einen kleinen Stoß in den Gang hinein. "Raus!" zischte er dabei dem perplexen Wächter zu. Sein Blick wandte sich auf die Palastwache an der gegenüberliegenden Säule des Saales. Ohne darüber nachzudenken und mit der eindringlichsten Kasernenhofstimme, die er in Erinngerung hatte, steckte er einen Arm zur Korridor deutend aus. "Raus! Sofort!" brüllte er sein Kommando der noch stehenden Wache zu. Es dauerte keinen Herzschlag, bis der Wächter Sorens Befehl nachkam und hektisch den Rückzug antrat, seinen noch immer am Boden liegenden Kameraden am Brustgurt mit sich ziehend, als würden beide ein Schlachtfeld verlassen.
Während Sorens Blick einen Moment lang auf dem Korridor und den kleiner werdenden Schatten der Wächter haftete, ließ ein anderer, weitaus dunklerer Schatten ihm keinen Augenblick zum Durchatmen. Soren spürte den dumpfen Schmerz, noch bevor er etwas sah. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst und sein Kopf ruckte nach vorn. Ein Schlag von außerordentlicher Stärke hatte ihn mitten auf die Brust getroffen. Er prallte mit dem Rücken an die gegenüberliegende Säule und rutschte an dieser hinunter um nun selbst auf dem Boden aufzuschlagen. Eine Hand fest an seine Brust gedrückt versuchte er hektisch Luft in seine Lungen zu ziehen. Benommen lag sein Blick starr auf dem Zwielicht des Thronsaals. Das Bild eines jungen Mannes, ein Kind beinahe noch, mit seinem roten Barett auf dem Kopf schoss ihm in Gedanken durch den Kopf. Ist es das wofür sie kämpften? Während Soren sich langsam erst auf den Bauch drehte, dann mühevoll auf alle Viere hochdrückte , spürte er beinahe ein Kribbeln in der Umgebung. Pure Energie, pure Macht die in der Luft lag. Seine Nackenhaare stellten sich auf und er schloss die Augen. Seine Fäuste ballte er zusammen, biss die Zähne aufeinander als tiefe Wut in ihm aufstieg.
"DAS IST VERRAT!" dröhnte die basslastige, von Echos untermalte Stimme dicht am Ohr des Hauptmanns und jagte ihm einen Schauer über den Rücken. "Wie könnt ihr es wagen euch einzumischen! WIE KÖNNT IHR ES WAGEN!" gerade wollte Soren das Wort ergreifen als er den Griff eines Panzerhandschuhs an seinem Hinterkopf spürte. Ein stechender Schmerz drang durch seinen Kopf. War er mit dem Hinterkopf gegen die Säule geschlagen? Er wurde an den Haaren wieder in den Stand hinauf gezogen wobei Soren mit den Händen eilig nach der Säule hinter sich tastete, als suche er deren Halt. Die Augen weiterhin geschlossen, spürte er wie dicht der Alka seinem Gesicht nun war. "Wer bin ich, Dumar?" die Stimme vor seinem Gesicht glich mehr einem Grollen, einem Knurren als tatsächlichen Worten. Instinktiv keuchte Soren die Antwort sogleich heraus, wobei er sich des eisernen Geschmacks in seinem Mund gewahrt wurde "Der Alka ... Eure Heiligkeit." Mit einem Ruck löste sich der Griff aus den Haaren des Hauptmanns, der möglichst unscheinbar ein Stück nach hinten zurückwich um seinen Rücken gegen die Säule zu lehnen. "Ihr erinnert euch also doch noch. Gut ... sehr gut. Es wartet Arbeit auf euch..." Erst jetzt öffnete Soren die Augen und hob den Blick zu Isidor an. Alka des heiligen alatarischen Reiches, Auserwählter des All-Einen selbst. Sorens Atem ging schnell doch sein Blick erfasste, ganz seiner Natur nach, jede Nuance der Gestalt ihm gegenüber. Etwas hatte sich verändert.
Während Gebrüll und Geschepper aus dem Thronsaal nun einer unheilvollen Stille gewichen waren, hatten sich von Alka und Hauptmann unbemerkt ein Dutzend der Palastwächter im Korridor vor dem Thronsaal versammelt. Keine gerade Haltung, keine disziplinierte Ausstrahlung ließ jetzt noch auf ihre eigentliche Stellung im Palast schließen. Sie hatten sich im Halbkreis versammelt, die Hellebarden gesenkt. Der Schutz ihrer Masken gab ihnen den Mut, in diesem Moment einander anzublicken. Obgleich keine sichtbare Regung oder Mimik ihre Gedanken verriet, teilten sie einen kurzen Moment schweigsamer Einigkeit. Nur langsam lösten sie die Blicke voneinander und richteten sie wieder auf den dunklen Korridor, an dessen nicht sichtbarem Ende sie eine dröhnende Stimme vernahmen, die deutliche Worte diktierte.
=== AM NÄCHSTEN TAG ===
Eine dichte Rauchschwade löste sich aus Cordovans Mundwinkel. Der neue Hauptmann der Garde Rahals saß auf einem kleinen Baumstamm der zur Sitzgelegenheit umgebaut wurde. Das erste Licht des neuen Tages erhellte die Stadt Rahal, über die sich eine dichte graue Wolkendecke gelegt hatte, die doch keinen Schnee preisgeben wollte. Mantel und Überwurf hatte Cordovon sich eng über die Schulter gelegt. Er wusste diese seltenen Momente absoluter Ruhe zu schätzen. Genoss sie, wann immer es ging, mit seiner Pfeife im Mundwinkel. Gerade die ersten Morgenstunden hatten für ihn oft etwas magisches an sich. Als würde die Welt für einen Augenblick inne halten, einen tiefen Atemzug nehmen, bevor sie zu neuen Taten schritt. Nocheinmal setzte er das Mundstück der Pfeife in seinen Mundwinkel und zog daran, während das Pfeifenkraut kurz aufglimmte.
"Hast du dich in der Garde einfinden können?" klang Sorens Stimme heiser durch die bis hier hin anhaltende Stille des Tagesanbruchs. Soren, der neben Cordovan auf dem zweiten Sitzstamm saß, hob eine Hand und drückte vorsichtig gegen seine Brust, was ihm ein schmerzvolles Zischen abrang bei dem er die Mundwinkel verzog. Cordovans Kopf drehte sich langsam zur Seite während dichter Qualm unter seinem breiten Hut gen Himmel drang.
"Sie wissen wie man ordentlich grüßt." Die Feststellung Cordovans klang nüchtern und trug doch eine Spur Sarkasmus in sich die Soren schon all zu lange und zu gut kannte. Einen Moment herrschte Stille zwischen den beiden Männern, bevor beide die Mundwinkel zu einem Schmunzeln anhoben. "Ordentliche Soldaten, voller Tatendrang. Dieser Delaran ist wie ein junges Pferd. Kaum im Zaum zu halten. Das ist gut, das wird das Reich noch brauchen." Ein Nicken beendete Cordovans Satz, ehe er sich mit der Zungenspitze über die Lippen strich. Sein musternder Blick lag wieder auf Soren, der bei den Worten recht gedankenverloren durch den kleinen Garten blickte, der hier nahe des Südosttores der Stadt Rahal ihr Rückzugsort war. Wieder war es Cordovan, der die Stille unterbrach. "Manchen von ihnen scheint es noch wichtiger zu sein, das Diensthandbuch zu fressen und Zeilengetreu wieder auszuspucken. Aber ich habe Hoffnung." Wieder setzte er die Pfeife an seinen Mundwinkel, diesmal ohne daran zu ziehen. Cordovans Blick lag starr auf seinem Gegenüber.

"Wer kanns ihnen verdenken" sagte Soren, der seine Aufmerksamkeit nun wieder auf den anderen Hauptmann legte. "Es gibt weniger Ärger, wenn man sich immer nur exakt an die Vorgaben hält." Ein tiefes, zustimmendes Brummen von Cordovan bestätigte Sorens Aussage.
"Aber wir beide sitzen nicht hier weil wir uns immer an die Vorgaben halten, oder?" fragte Cordovan, der sich nun mit einer Hand über den sauber gestutzten Bart strich.
Soren presste die Lippen zusammen und es herrschte vorerst Stille, die er nur widerwillig brach. "Er will den Kampf. Koste es was es wolle. Gegen meinen ausdrücklichen Rat. Und er wird jeden Mann, jede Frau, jedes Kind und jeden Greis in die Schlacht schicken, selbst wenn sie alle dabei umkommen. Er würde Rahal der Vernichtung preisgeben, wenn er nur seine Vergeltung bekommt. Seit gestern ... habe ich keine Zweifel mehr daran" Sorens Feststellung klang wie ein neutraler Bericht am Kartentisch der Feldherren, doch konnte er die Bitterkeit in seinem Ton nicht verbergen.
Cordovan zog abermals an seiner Pfeife und stieß den Qualm mit einem tiefen Atemzug ein Stück weiter in die Ferne, in Richtung des kleinen Teiches der vor ihnen lag. "Dann kämpfen wir jetzt für seine Rache?" sprach er erst nach einem Moment der Stille. Es dauerte noch einen weiteren, langen Moment ehe er seinen Blick in Sorens Augen richtete. Beiden Männern war bewusst, was diese Worte in anderer Runde für Auswirkungen gehabt hätten. Doch die Blicke die sich trafen zeugten vom Bewusstsein beider für das, was sie tatsächlich zu bedeuten hatten.
"Wir werden für das Richtige kämpfen" war Sorens leise, doch deutliche Antwort.
"Wir haben keine Ahads auf der Insel, Soren. Das macht die Sache umso komplizierter." Cordovans Stimme haftete noch immer ein rauher, kratziger Unterton an. Wie jeden Morgen nach dem Erwachen. Erst die ein oder andere Pfeife half ihm dabei den kratzenden Hals zu beruhigen.
"Er wird seine Gründe haben, warum er ihnen Aufgaben fern von hier zuwies. Doch so fehlt uns ihre Stimme. Vielleicht gerade deswegen? Aber wir haben zwei Ritter. Beide noch recht frisch in ihrer Position, aber erfahren im Wesen. Die wissen was Sinn macht ... und was nicht. Einige Templer auch, aber ich kenne sie nicht gut genug um sie einschätzen zu können" Soren hielt inne in seinen Worten und setzte eine Miene auf, als erwarte er ein Donnerwetter, als er weiter sprach "Es wird dich freuen zu hören, dass die Erhabene Dolvarn nach ihrem Treffen mit seiner Heiligkeit wieder erwarten doch hier..." noch bevor Soren seinen Satz beenden konnte, fiel ihm Cordovan ins Wort.
"Elysa?" ein Nicken von Soren bestätigte den Einwurf während er Cordovan noch immer beobachtete als säße er vor einem wilden Bären. "Ich dachte, sie wäre ..." Cordovan brummte nach einem tiefen Einatmen leise "Ich werde nicht zu ihr gehen... Egal. Wird sie helfen können?"
"Dessen bin ich mir nicht sicher. Ich habe meine Finger immer aus den Angelegenheiten der Templer und der Bruderschaft herausgehalten, also..." Soren unterbrach sich und öffnete die Lippen, sprach jedoch erst nach einigen Herzschlägen weiter "es gibt ... vielleicht noch eine andere Möglichkeit" er führte den Satz nicht weiter fort. Lediglich seine Brauen zog Soren ein Stück weiter zusammen und sah zum Teich. Dabei bemerkte er nicht, dass Cordovan ihn ohne Unterlass weiter anstarrte. Erst ein Grollen riss Soren wieder aus seinen Gedanken.
"Verdammt ich hasse es wenn du diese Geheimniskrämerscheiße durchziehst!" die rauhen Worte Cordovans ließen Soren wieder zu ihm blicken. Es hatte Soren schon immer gewundert, wie ein Mann wie Cordovan, der von seinem äußeren Erscheinungsbild durchaus in jeden Adelspalast des Königreiches Alumenas gepasst hätte, derart grob und geradeheraus sein konnte. Womöglich war Cordovan deshalb im Reich deutlich besser aufgehoben als auf irgendeinem Bankett in einem lächerlich dekorierten Palast.
Langsam richtete Soren sich wieder auf und warf einen Blick in den noch immer wolkenverhangenen Himmel. "Weißt du, wann deine Schwester eintreffen wird, Cordovan?" bei den Worten richtete sich Sorens Blick nochmal zu dem noch immer sitzenden Hauptmann, dessen Augen nun unter der Hutkrempe verborgen waren.
"Früher als uns beiden lieb ist. Sie ist aufgebrochen als die Weisung seiner Heiligkeit eingetroffen ist." langsam hob Cordovan den Kopf an um unter der Hutkrempe zu Soren zu blicken. Dieser nickte lediglich nachdenklich und doch zeigte sich zum ersten Mal an diesem Morgen wieder das spitzbübisch verschlagene Schmunzeln auf seinen Lippen.
"Ich habe das Gefühl ihre Reise wird sich verzögern bis das hier vorbei ist. Wir brauchen sie danach ... entweder hier ... oder im Reich, falls hier nichts mehr ist" Soren vollzog einen ordentlichen Salut gen Cordovan mit den Worten "Macht und Stärke!"
Cordovan öffnete die Lippen um etwas zu entgegnen, wurde jedoch von Sorens plötzlicher Wende überrascht als dieser sich auf den Weg zum Stadttor machte. Hasting sprang der Hauptmann auf und blickte um die Mauer. "Verzögern? Was hast du ... Ich habe das Gefühl mein Fuß trifft gleich deinen Arsch! Wo willst du hin?!" rief er Soren so laut hinterher, dass seine Worte zwischen den Nahen Wänden hallten.
Soren hingegen hob nur die Mundwinkel ohne nochmals über die Schulter zu blicken und ohne seinen Weg zu unterbrechen. Stattdessen hob er eine Hand an in der sich eine versiegelte Pergamentrolle befand. "Ich bin nun Postbote und überbringe einen Brief! Seinen Segen!" antwortete er noch, als er auch schon hinter der Ecke verschwunden war.
Cordovan erwiderte zunächst nichts und starrte nur die Ecke an. Ihm wäre danach gewesen einen Fluch auszustoßen oder Soren hinterher zu laufen. Doch er wusste, dass es beinahe aussichtslos war aus Dumar offene Worte hervor zu holen solange er nicht von selbst bereit dazu war. So waren es nur leise, doch eindringlich gesprochene Worte in die kalte Morgenluft die Cordovan für seinen Freund noch hatte. "Möge er seine wachende Pranke über dich halten .. und über uns alle ... verdammter Lumpenhund..."




