Garde - Füreinander einstehen

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Darna von Hohenfels

Garde - Füreinander einstehen

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Auf Biegen und Brechen

Warum hatte er seinen Brief an Graf Arthur de Arganta mit Nennung seines Hauptmannranges unterzeichnet? Das war jetzt der zweite schwere politische Patzer, den er sich innerhalb kurzer Zeit zuschulden kommen ließ.
Darna hatte bewusst ihre Position schräg hinter Adrian stehend gewählt, während Graf de Arganta neben ihm saß. Hudgarr Amarth, frisch ernannter Hauptmann der Garde, stand vor dem Tisch im Büro seiner Hoheit - und um nichts in der Welt hätte sie gerade in seiner Haut stecken mögen. Hudgarr schien in seinem Ansehen, Rafaels Ruf unbedingt verteidigen zu wollen, so stur verbissen, daß sogar schon seine Hauptmannsschärpe hingeworfen auf dem Tisch landete.
Gütige...
Der Familienstreit der de Argantas drohte nun also schon, daß die inneren Stützen des Reiches sich selber demontierten? Ihr wurde schlecht - schlecht vor Angst. Äußerlich zur Statue erstarrt harrte sie der kommenden Dinge. Es war alles zu instabil. Adrians Position angegriffen. Es gab genügend Personen um ihn herum, die nun eigenmächtig begannen, dies und jenes zu tun - aus sicherlich edlen Beweggründen, doch unkontrolliert und sich um mögliche negative Konsequenzen nicht scherend. Nein, es war nicht die Zeit, jetzt auch noch irgendwas selber in die Hand zu nehmen. Ihr Dienstherr würde nun mehr denn je ein Instrument brauchen, auf dessen Funktion er sich unerschütterlich verlassen können musste. Was sie über Graf Arthurs Handeln dachte... hatte derzeit vollkommen gleichgültig zu sein.

"Da Euch meine Sicherheit so am Herzen liegt", sprach Adrian gerade zu Hudgarr, "solltet Ihr Euch um jenes bemühen, das in Euren Händen liegt, Eure Ausbildung zu vollenden und die Euren entsprechend auszubilden und zur Verantwortung zu bringen, stets wissend wo ihre Pflichten liegen so wie die Euren. Und die Entscheidungen, die Ritterschaft und Familie betreffend überlasst jenen, die es angeht.
Ist dies in Eurem Haupte verständlich angelangt?"
"Jawohl, Eure Hoheit."
Endlich. Sie bezweifelte, daß Hudgarr bereits wirklich verstand, doch vielleicht begann selbst er gerade zu spüren, wann es besser war, die Klappe zu halten. Ihr schmeckte dieser scharfe Wind, der hier gerade wehte, nicht. Er wurde hier zur Demut gezwungen, auf seinen Platz zurückgewiesen, um die äußere Form wieder herzustellen, Ruhe zu schaffen - damit man sich daran machen konnte, wieder echte Ordnung herzustellen. Und echten Respekt zu ermöglichen.
"Dann macht es Euch sicher keine Mühe, es zu wiederholen.. Hauptmann Amarth", mischte sich Graf de Arganta ein.
Darna schloß die Augen.

"Wir sprachen über Authoritätspersonen und Respektspersonen?", sollte sie später Adrian Greif fragen. Was erhoffte sich in diesem Moment Rafaels Vater von einer merklich uneinsichtigen Person? In diesem Moment war das nichts weiter als eine Demütigung.
Ohnmächtig und weiter zum Zusehen verdammt beobachtete sie die Reaktion, die zu erwarten gewesen war. Adrian musste das ganze Gewicht seiner Anweisungskraft in die Waagschale legen, um zu verhindern, daß nun die Garde schon wieder ohne Hauptmann wäre - für sie war Hudgarr der vierte, den sie in ihrer Dienstzeit miterlebt hatte. Höhen und Tiefen hatte sie mit durchgemacht. Mit Erschrecken wurde ihr erneut bewusst, daß sie überhaupt die Dienstälteste in dem ganzen Haufen war.
"Denkt nicht, daß ich es Euch so leicht mache, junger Hauptmann", sprach seine Hoheit scharfen Tons und stockernst, "Euer Rücktrittsgesuch ist abgewiesen."Als ich Euch in Euer Amt erhob, war uns beiden bewusst, daß Ihr hineinzuwachsen habt. So erkenne ich nun durchaus meine Fehler, doch wird es dem Reich kaum zu Genüge sein, schon wieder einen Wechsel herbeizuführen, welcher die Garde noch mehr verwirrt."
Mit winzigen Bewegungen der Kiefer knirschten ihre Zähne aufeinander. Es hatte Stimmen gegeben, die sie als Hauptmann forderten - sie hatte das nie gewollt und würde es auch weiterhin nicht wollen. Sie war in erster Linie Ritter und erst in zweiter Gardemitglied. Das reichte nicht für einen Hauptmann und würde sie in dem Bemühen, beidem nachzukommen, zerreißen. Aradans Beispiel hatte sie das eingängig gelehrt. Adrian wusste es.

"Indes kann ich nicht weiterhin dulden, daß wir täglich solche Gespräche wie dieses führen", führte seine Hoheit weiter aus. Gütige bewahre... sie war ja immernoch am Grübeln, wie das leidige Thema um die bajarder Begegnung mit dem Ahad abschließend aus der Welt geschafft werden konnte. Yarin von Wolfenfels würde immernoch der Meinung sein, daß ein Eintritt für ihn unter Hudgarr als Hauptmann indiskutabel wäre.
Ein Kadett hatte Eifer zu zeigen.
Ein Gardist hatte Dienst zu leisten.
Ein Korporal hatte erlerntes praktisches Wissen weiterzugeben.
Ein Leutnant hatte die Form zu wahren.
Ein Oberst-Leutnant hatte stellvertretend Verantwortung zu übernehmen.
Und ein Hauptmann hatte auf politische Notwendigkeiten Rücksicht zu nehmen und in allem ein Vorbild zu sein, der für alles verantwortlich war.
Hudgarr hatte noch viel zu lernen.
"Die Garde ist für meine und der Grafschaft Sicherheit zuständig und sie sollte dies nie vergessen und sich selbst sicher sein, dies zu können - stetig hieran arbeiten!
Ihr werdet im Range des Hauptmannes belassen bleiben, aber die Grafschaft wird bis auf Weiteres eine Neuerung erlangen, die Garde auf den rechten ihr würdigen Punkt zu weisen."
Darna spitzte die Ohren. Neuerung. Was nun schon wieder?
"Ritterin von Elbenau, mit sofortiger Wirkung werdet Ihr bis auf Widerruf in den Rang eines Oberst erhoben und ihm vorgesetzt. Ihr werdet ihn in allen dem Reiche gegebenen Pflichten und Rechten unterweisen und jeden Schriftverkehr aus seiner Hand prüfen, bevor es auf den Weg gebracht wird - ihn auch hierin in Fehlern unterweisen und weisen wie es korrekt wäre."

Seine Korrespondenz prüfen... Himmels willen, erst gestern Abend vor diesem Treffen nun hatten sie privat miteinander geredet und sie hatte Hudgarr in aller Freundschaft auf sein Bitten hin angeboten, eben so etwas zu tun - sie zogen auch in Erwägung, Julias Erfahrung zu nutzen, um entsprechendes für den dienstlichen Schriftverkehr zu leisten.
Und jetzt sowas... auf Anordnung.
"Gestern übte ich noch den Spagat, Ritter und Korporal zu sein, während ein verdienter Gardist an mir vorbei befördert wurde, seit heute bin ich der an ihm vorbeibeförderte 'Oberst' und lege den Spagat hin, auf Befehl bei aller Freundschaft Hudgarr zurechtstutzen zu müssen" - so sollten später ihre Worte gegenüber Adrian Greif lauten.
Jetzt, hier, im Büro des Grafen und einem Kamerad, Freund und neuem Vorgesetzten selber als Vorgesetzte nun vor die Nase gepflanzt, sah sie Hudgarr an, als ruhe eine Schwertspitze an ihrer Kehle.
Jetzt auch noch bevormundet... Gütige, konnte irgendeine Beziehung dieser Art so etwas aushalten?

Als dann das Thema auch noch auf Lady Angelina schwenkte, drohte die nächste Eskalation.
"Wenn Ritterin von Elbenau genauso gewissenhaft ist wie Euer Hauptmann, Graf von Hohenfels.. alle Ehre", knirschte Graf Arthur wütend. Darna zog flüchtig die Brauen zusammen. Für welche der drei Beleidigungen sollte sie ihm nun den Handschuh vor die Füße werfen? Dafür, daß er "ihren" Hauptmann ein weiteres Mal beleidigte? Dafür, daß er von ihr als Ritterin ähnliche Verfehlungen erwartete wie von Hudgarr? Oder überhaupt, daß er sie ohne Kenntnis ihrer Person in einen abfälligen Kontext stellte?
Der bloße Gedanke an ein Handeln, daß sie sich in diesen Momenten keinesfalls erlaubt hätte, brachte die gewünschte Entspannung und sie verharrte ruhig.
"An der Ritterin Vermögen, ihre Arbeit in angemessenster Weise durchzuführen, bestand nie der geringste Zweifel Graf de Arganta", widersprach Adrian diesen Vorwürfen an ihrer statt - bei nächster Gelegenheit würde sie ihm dafür danken.
"...doch mögt ihr sie prüfen nach eurem Gutdünken", fügte er hinzu. Sie versteifte sich. Nein, sie würde ihm doch nicht danken.
Arthur wandte nicht mal den Blick zu ihr. "Unter Umständen werde ich Euer Angebot nicht ausschlagen."
Sie würde Adrian stattdessen gepflegt vor's Schienbein treten, beruhigte sie sich mit Gedankenspielen erneut.

Hudgarr wurde rausgeschickt - und sollte auf sie warten, um gleich die erste "Lektion" um die Ohren gehauen zu bekommen. Die Folter war noch lange nicht zuende - weder für ihn, noch für sie.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Unangenehme Pflichten

"Nun.. sicherlich brennt Ritterin von Elbenau darauf, dem jungen Hauptmann die angemessenen Lektionen zu erteilen, wie er darauf brennen dürfte, sie zu erhalten...", ergriff Graf de Arganta erneut das Wort - welch wahre Ironie... "Mit Eurer Erlaubnis werde ich Ritterin von Elbenau nun begleiten."
WAS?!
Hudgarr sollte nun auch noch vor seinen Augen weiter runterputzt werden? Ihr sollte jegliche Chance genommen werden, behutsam mit ihm zu reden, stattdessen sollte sie diese widerwärtige Aufgabe, derer sich die beiden Grafen bereits gewidmet hatten, fortführen, Hudgarr von oben herab gerade noch halbwegs stilvoll zur Schnecke zu machen?! Ihr wurde jetzt auch noch befohlen, sich sofort bei all den erhitzten Gemütern zum Buhmann zu machen? Gütige im Himmel!
Sie hätte schreien und sofort den nächsten Aufstand proben mögen.
Ruhig! Nerven bewahren. Noch war nicht alles verloren, nicht alle Hebel ausprobiert... Und sie hatte die Form zu wahren, egal, was de Arganta tat. Keine Angriffsfläche bieten. Höflich bleiben.
"Ich ersuche Euer Erlaucht aus Gründen der Rücksicht darum, mir dieses zu erlassen - bis vor wenigen Minuten war ich in gutem Einvernehmen die Untergebene des Hauptmanns, wenngleich dies stets in Respekt voreinander verblieb - ich ersuche darum, mir den diplomatischen Spagat zu erlassen, ihn nun vor den Augen einer höhergestellten Person maßregeln zu müssen."
"Nun dies soll durchaus auch hierin eine Lehrstunde sein, Ritterin, doch möge der Graf seine Meinung hierüber äussern", erwiderte Adrian zunächst. Damit gab er die Bahn für Arthur frei - und wandelte den Wunsch eines Adligen, der nicht ihr Dienstherr war, in einen seiner eigenen Befehle um, zeigte Arthur nun keine Gnade. Die Hoffnung schwand.
"Ich bin der gleichen Ansicht.. Graf von Hohenfels.. eine gut gelernte Lektion vergisst man nicht."
Schachmatt. Tot. Sie handelte auf Befehl. Wie sollte sie das Hudgarr erklären? Vor allem, wenn Arthur nun dabei blieb?

Sie dachte fieberhaft nach, auch noch, während sie vor dem Durchgang ins Schloß auf Hudgarr traf. Direkt schräg neben ihr blieb Graf de Arganta. Sie konnte Hudgarr nichts zuflüstern, nicht mal lautlos Worte formen. Schon ein verständnisloser Blick konnte sie verraten. Daß einst in Rahal erlernte Paranoia mal solche Früchte tragen konnte...
Sie brauchte Zeit. Und die Möglichkeit, Raum zwischen sich und Arthur zu bringen. "Ich denke, ein Aufsuchen des Kastells wird am sinnvollsten sein", deklarierte sie nüchtern.
Auf dem Weg zum Kastell keine Möglichkeit - Hudgarr folgte ihr und dem Grafen. Und dann gab makabererweise blanke Höflichkeit den winzigen Moment Luft, den sie brauchte...
"Nach Euch, Euer Erlaucht", meinte sie höflich und öffnete ihm die Tür zum Besprechungssaal. Er trat ein. Sie blieb ein paar Herzschläge an der Tür, drehte sich um. Hinter ihr stand Hudgarr.
"Es tut mir entsetzlich leid, bitte - ich will das hier nicht..."
Sie legte alles Flehen, alle Entschuldigung für alles, was kommen mochte, in diesen Blick.
"Nach Euch", sagte er nur. Keine Deutung möglich. Ihr Herz raste, hätte es irgendwas geholfen, sie wäre liebend gern in eine gnädige Ohnmacht gesunken. Ohnmächtig fühlte sie sich im wahrsten Sinne des Wortes sowieso schon.

Doch sie musste das Spiel aufnehmen. Die Rolle lag ihr ohnehin nicht wirklich, doch sie hieß nun "Böser Oberst" und man hatte sie hineingezwungen. Sie konnte Hudgarr nur noch schützen, indem sie alles so sachlich wie möglich hielt.
"Setzt Euch, Hauptmann Amarth", zwang sie ihre Stimme zur Ruhe und in der darauffolgenden Sekunde fiel ihr halb Nilzadan vom Herzen.
"Jawohl, Lady Darna", anwortete er und neigte spürbar respektvoll den Kopf vor ihr. Respekt...
für einen Moment hätte sie heulen mögen. Dann legte sie alle störenden Emotionen ab.
Arthur begann eine stille, gemächliche Wanderung durch den Saal und ersparte ihr immerhin direkte Aufmerksamkeit gegenüber den Geschehnissen. Doch mit Sicherheit lauschte er jedem Wort. Genauso behielt sie ihn mit der Übung einer Wache im Blick, die so zu tun hatte, als sähe sie nur geradeaus und trotzdem alles in ihrem näheren Umfeld zu registrieren hatte - ein gegenseitiges Umkreisen, Belauern... Irgendwann trat er ans Schachbrett und zog in vermutlich eher symbolischen Zügen denn einem wirklichen Spiel ein paar Figuren.
War sie selber eine, dann...
hatte sie sich noch nie aus kalten Kalkül heraus so benutzt gefühlt. Es widerte sie an.

"Uns sind beiden die entsprechenden Vorschriften bekannt, doch sicherlich hat seine Erlaucht keinen näheren Einblick in diese internen Belange...", setzte sie bedächtig an und legte sich den möglichst gleichen Tonfall zu, wie sie ihn während der Unterrichtseinheiten in der Garde benutzte. Dienstfresse. Unpersönlich. Einzig unterschwellige Botschaften sprachen hier noch Bände - sie hatte sich zunächst von Arthur zu distanzieren, wollte sie trotz dieser ganzen verfahrenen Lage an Hudgarrs Seite bleiben.
"Er ist kein Gardemitglied, aber wir beide sind es."
Das vertrackte war, daß Hudgarr auf dem Ohr für unterschwellige Botschaften noch reichlich taub war - Arthurs Sinne waren für all das mit Sicherheit deutlich geschärfter. Sie musste vorsichtig sein, verdammt vorsichtig. Keine Übertreibungen. Keine Unwahrheiten. Keine Anklagen.
"Würdet Ihr also bitte Dienstvorschrift Acht zitieren, Hauptmann?"

Sie begann ihr Spiel. Sie betrat ihr Terrain. Sie kannte die Vorschriften nicht nur auswendig, sie packte damit ihre Figuren aus. Arthur musste sie beweiskräftig vorführen, daß hier zwei Gardisten saßen, die über ihre Rechte und Pflichten informiert waren. Die ihren Job verstanden hatten. Gleichzeitig war es nicht so, daß das hier alles unnötig war... Hudgarr kannte die Vorschriften, doch er hatte sie mit Gewißheit noch nie aus einer politischen Warte heraus betrachtet. Er musste lernen, über den Tellerrand hinaus zu sehen - über die Mauern des Kastells und der Stadt hinaus. Und er musste begreifen, welche Grenzen ihm der Dienst in der Garde auferlegte.
"Die Garde ist dem Schutz der Bevölkerung, dem Dienst am Königshaus, vertreten durch den Grafen, und seiner ehrenvollen Repräsentation verpflichtet."
"Wiederholt den letzten Teil dieser Vorschrift bitte." Sie legte etwas mehr Strenge in ihren Ton. "Öffne deine Augen. DA ist gerade der Punkt!"
"...seiner ehrenvollen Repräsentation verpflichtet."
"Du repräsentierst sie aber nicht ehrenvoll, wenn ein landesfremder Graf sich berechtigt über den Hauptmann beschweren kann!" Es war zu früh, ihm das reinzuwürgen. Und vor allem musste er das selber begreifen. Sie musste mehr zeigen. "Öffne deine Augen.

"Zitiert bitte auch Dienstvorschrift Dreizehn."
"Befehle sind im Dienst immer auszuführen, gibt es dazu Beschwerden oder Anmerkungen, werden sie danach in einem ruhigen Gespräch und nach Möglichkeit unter vier Augen vorgebracht", begann Hudgarr zu zitieren. Darna wandte nicht den Blick von ihm, doch in ihrem Wunschdenken durchbohrte er den Grafen: "Unter vier Augen, hast du das mitgekriegt?!"
"...In kritischen Situationen...", sprach Hudgarr.
"...so wie jetzt...", dachte Darna.
"ist zudem auf den Befehl des Vorgesetzten zu warten, eigenmächtige Handlungen sind zu unterlassen!"
Arthur hatte erzählt, daß auch Quarius ihn angeschrieben hatte. Darna wünschte sich gerade, diese Vorschrift wäre noch ein paar mehr Leuten geläufig. Zur Handlungsunfähigkeit verdammt zu sein, war ein sehr zweischneidiges Schwert, von dem meist nur eine Schneide gesehen wurde.
"Überlass das Handeln und Entscheiden denen, die das Recht haben, zu handeln und zu entscheiden!", lautete die zu vermittelnde Botschaft.
Es war doch immer das gleiche Spiel - diejenigen, die das Heft der Handlung an sich rissen, waren stets der Meinung, damit nur das Beste zu wollen.
Funktionierte das - entstanden so Helden.
Funktionierte das nicht - entstanden so Trottel.

"Und nun nennt noch den letzten Satz aus Dienstvorschrift Achtzehn."
Es war gefährlich, Sätze aus ihrem Kontext zu reißen. Doch es ging hier gerade nicht um einen Gang in die Taverne, diese falsch Assoziation wollte sie gar nicht erst vermittelt wissen.
"Jeder Gardist, der erkennbare Insignien der Garde trägt, repräsentiert die königliche Garde zu Varuna und ist somit für den Ruf der Einheit verantwortlich!"
Sie atmete durch und machte sich bereit für die nächste Runde. Würde er begreifen?

"Ihr habt den Brief an seine Erlaucht mit der Nennung Eures Ranges als Hauptmann unterzeichnet." Darüber gab es keine zwei Meinungen. Und da lag eigentlich auch schon die Basis des Fehlers.
Er als Privatperson konnte von Rafaels Vater halten, was er wollte. Doch der Hauptmann leitete die Executive des Grafen. Nicht mehr, nicht weniger und sonst gar nichts.
"Jawohl, da er ihn sonst womöglich nicht lesen tut und ich der Meinung war, er sollte mal erfahren, wie wichtig sein Sohn ist, da er dies wohl nicht weiß."
Die nächste Beleidigung, dem Graf Unwissen über seinen eigenen Sohn derartig offen vorzuwerfen. Sie fühlte sich, als wäre sie gerade gegen eine Wand gelaufen. Holzweg. Ganz falsch. Wenn sie jetzt darüber herumdebattierte, würden ihr die Zügel entgleiten.
"Schweigt." Streng, knapp. Sie hätte sich nie träumen lassen, so mit Hudgarr "reden" zu müssen.
Ja, es war eine schmerzhafte Lektion, für sie nicht minder als für ihn. Sie musste diese Sturheit umgehen, aushebeln.
"Was geschah in dem Moment, in dem das Wort 'Hauptmann' in dem Brief zu lesen ist, Bezug auf Dienstvorschrift 18 nehmend?"
Erst schwieg er sie demonstrativ ihrem vorigen Befehl gehorchend an. Sie hätte irgendwo den Kopf gegen die Wand schlagen mögen - wahlweise ihren oder seinen.
"Erklärt." Wenn das Spiel jetzt so weitergehen würde, würde sie zusammenbrechen, davon war sie einen erschreckenden Moment lang ziemlich überzeugt. Ihr Spiel?
"Es war unkorrekt, da ich es zu einem Gardeschreiben machte. Somit habe ich wohl dem Ruf der Garde geschadet."

Endlich...
Wie ein erster, einsamer Tropfen Nieselregen auf verdörrten Boden schien der Widerstand zu brechen. Durfte sie hoffen?
"Ich hätte das Schreiben nicht als Hauptmann aufsetzen dürfen - habe ich schon verstanden."
"Warum nicht?", hakte sie nach.
"Weil es nicht die Sache der Garde ist, jemandem die Ehrenhaftigkeit seinen Sohnes zu erläutern."
Sie atmete nicht nur auf, weil genau dieses Faktum richtig war - mit einem innerlichen amüsierten Braueheben fragte sie sich, ob dieser weitere und diesmal indirekte Seitenhieb gegen den immernoch anwesenden Grafen auch so von Hudgarr bewusst gewollt gewesen war - wenn ja, lernte er schnell...
Doch als im Kasernenhof Rafael erschien und nach Endurael diesmal unüberhörbar die Meldung verbreitete, daß vor Berchgard ein Rahalritter gesichtet worden war, Hudgarr rausstürmte, Arthur später darauf folgte, da...
gerieten sie ein weiteres Mal vom Regen in die Traufe.

Es tat ihr weh, sowohl Kadett Toberen als auch Kadett Greif mit ihren Berichten regelricht abzufertigen und sie schlicht und ergreifend mit neuen Patrouillebefehlen für mindestens eine halbe Stunde wieder aus dem Kastell zu jagen, doch das Letzte, was jetzt noch sein musste, waren Kadetten, die dem argant'schen Familienstreit hinter ihr zusahen und lauschten...
Es tat ihr weh, Rafael vor seinem Vater verzweifeln zu sehen. Sie wischte sich den Regen aus den Augen.
"Es hat leider schwerste Konsequenzen, wenn 'gewöhnlicher' Familienstreit auf höchster Ebene stattfindet", stellte sie in einem kurzen unbehelligten Moment gegenüber Hudgarr fest, als Rafael fort und Graf Arthur wieder ins Kastell marschiert war.
"Aber es hat immernoch nichts mit der Arbeit der Garde zu schaffen... behaltet das bitte vor Augen, Hudgarr."
"Zum Glück gibt es ehrbare Menschen wie Euch und Sire Rafael und seine Hoheit", erwiderte er, "sonst wäre ich besser Luu gefolgt."
Ein Lob - und ein Schlag ins Gesicht. Gütige, was stand hier alles auf dem Spiel...
"Beenden wir diese Farce", sagte sie und schritt wieder hinein.
"Aye", nickte er und hielt ihr die Tür auf.

"Es gibt keinen Sire Rafael!", brüllte Graf de Arganta, als Hudgarr vor ihm weiter diese Titulatur benutzte.
Sie erschrak - und fühlte sich unendlich müde. Es war nicht nur die Wut... es war auch die Verletztheit, die in solchen Worten ruhen musste, wenn ein Vater sie so über seinen Sohn aussprach, wenn er auf eine Lappalie derartig reagierte, wenn zwei Worte so weh tun konnten...
Hatten alle den Verstand verloren? Mussten ihr alle leid tun?
"Ihr könnt Euren weiteren Pflichten nachgehen, Hauptmann Amarth", bekräftigte sie ruhig die schon zuvor durch Arthur ausgesprochene Entlassung aus dem Gespräch.
"Jawohl, Lady Darna."
Sie sah nachdenklich auf ihren Umhang, der über der Lehne hing und konnte trotzdem keinen klaren Gedanken fassen.
"Treibt ihm die Anspielungen aus.. auch meine Geduld hat ein Ende."
Wut wallte in ihr hoch. War es das, was er wollte, ja? Daß sie die Drecksarbeit für ihn erledigte, ihm widersprechende Stimmen mundtot zu machen? In den Staub, wo sie ... 'hingehörten'?! zu drücken, bis sie nicht mehr aufzumucken wagten? Ihr Blick wurde hart. "Nicht mit mir."
"Er hat auf offene Worte bereits angefangen, zu verzichten, Euer Erlaucht."
Das war in ihren Augen schon schlimm genug. Sie fuhr fort: "Ich hege nicht die Absicht, irgendeinen meiner Schutzbefohlenen zu brechen, Erlaucht."
Sie sprach erstaunlich ruhig, hielt sogar Trotz aus der Stimme heraus - eher wäre dies alles auch zum Heulen gewesen.
"Schreib dir das hinter die Löffel, Euer geheuchelte-Großmütigkeit... wenn ihr mich schon zum Vorgesetzten von Hudgarr macht, dann legst du dich ab jetzt auch gefälligst mit mir an, wenn du ihm ans Leder willst..."
Es verschaffte ihr eine gewisse Genugtuung, zu beobachten, wie in Arthurs sich rötendem Gesicht die Ader an der Schläfe hervortrat. Sie wappnete sich gegen das kommende Donnerwetter - und es würde sich an seinen Worten jetzt entscheiden, ob sie dabei Baum oder Halm bliebe.

"Ich habe nicht verlangt, Euren Schutzbefohlenen zu brechen, Ritterin von Elbenau... ich denke, so ich mich nicht in Euch getäuscht haben sollte, wisst Ihr meine Worte recht gut zu deuten."
Er musste sich ziemlich in ihr getäuscht haben. Was verlangte er von Untergebenen? Diese rückgratlosen Jasager? Aber er wollte nicht einsehen, was man ihm von seinem Sohn mitzuteilen versuchte, er spielte auch nur seine Rolle, und letzten Endes...
Hier spielte doch gerade alles verrückt. Traurig. Einfach nur traurig. Für einige Momente war ein Punkt erreicht, an dem sie sich ausgelaugt fühlte. Momente, in denen es sie nicht mehr zu berühren vermochte. So klang ihre Antwort auch dementsprechend - gleichgültig.
"Bedaure, so muß ich um Verzeihung bitten, das Wort 'austreiben' aus Eurem Munde mißgedeutet zu haben, Euer Erlaucht."
"Sowas aber auch... wie kann das denn bloß passieren...? Merkst du eigentlich noch irgendwas, Graf?"
"Ich wünsche informiert zu werden, wann das nächste Gespräch hier stattfinden wird."
"Sehr schön, dann unterhalte ich mich einfach nicht hier mit ihm?"
Sie war niemand, der nur auf solche Lücken lauerte - es verdrehte den Sinn der Worte. Doch es war gerade außerordentlich verlockend.
Leider fiel das auch ihm auf:
"Natürlich auch, wenn es nicht hier sein sollte."
Mist.
"Sehr wohl, Euer Erlaucht."

"Und nun wünsche ich Euch einen erholsamen Abend, Ritterin von Elbenau... ich möchte nicht versäumen, Euch zu sagen, daß das, was ich von euch hörte... bislang zu meiner Zufriedenheit ist."
Vielleicht war das sogar ein schlicht freundliches Lob, doch nie zuvor hatte ihr sowas derartig den Buckel runterrutschen können wie jetzt. Dieses Zuckerbrot konnte er - gleich neben die Peitsche, die er sonst so meisterlich führte - sich sonstwohin stecken, wo keine Sonne schien.
Letzteres dachte sie natürlich nicht - dafür war sie zu gut erzogen.
Darna von Hohenfels

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in zivil

Die verkrampft gehaltenen Schultern sackten langsam nach unten. Scheißjob. Sie starrte auf die mit blauem Überzug lackierte Steintischplatte. Willkommen in der Garde, Frau Oberst...

Sie hörte die Tür, ein paar Schritte. Mit dem Registrieren straffte sich ihre Haltung, als nähme jemand das Kreuz der Marionette Darna von Elbenau wieder auf. Sie fixierte den "Eindringling" - Kadett Greif.
"Das nächste Mal klopft Ihr an." Sie hätte es vielleicht gern etwas schärfer ausgesprochen, doch ihr Motivationsgrad für sowas lag grob so unterhalb der unteren Teppichkante.
"Verzeihung, Frau Korporal."
Selbst, wenn sie die Falschheit der Anrede gerade wirklich registriert hätte, hätte sie keine Lust gehabt, ihn zu korrigieren. Für diese Schachfigur, die gerade mit ihr geschaffen worden war, gab es nicht mal Rangabzeichen...

Sie war müde. Sie fing schon an, durcheinanderzubringen, wer was über Berchgard berichtet hatte. Murrend schüttelte sie über sich selbst den Kopf.
"Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?" Adrian sah sie, weit entfernt am anderen Ende des langen Tisches stehend, fragend an. "Ein warmer Tee? Abwiegelung von Besuchern? Den Raum verlassen und still sein?"
Kurz war sie müde und traurig-amüsiert zugleich.
"Und wer Euch dient, Milady, hat oft nicht mehr zu geben als genau dies...", hallte ein Fetzen Gespräch mit Eileen durch ihren Kopf.
Fast neidete sie der Garde Adrian. Im nächsten Herzschlag wünschte sie ihrer Einheit, daß er sich in der Garde als ebenso wertvoll erweisen würde, wie er es inzwischen für sie war.
"Das klingt alles nicht nach Gardedienst, Kadett..."
"Ich nehme den Leitsatz 'füreinander einstehen' wahr."
Zischend atmete sie mißbilligend aus und sah beiseite, denn ihre Verstimmung galt einmal nicht Adrian.
"Tiefergreifende Probleme?"
"Ja", murrte sie, "Vorschrift 13 steht in Widerspruch zu 20."
Sie hatte Befehlen ihres Vorgesetzten zu gehorchen und diese stellten sie gegen einen Kameraden. Beziehungsweise, was als Rückenstärkung für Hudgarr gedacht war, wurde durch Graf de Arganta zu einem Spießrutenlaufen pervertiert.
"Eigentlich nicht... nein", war Adrians beneidenswert ahnungslose Einstellung dazu. Und im Grunde hatte er ja sogar recht.
"Es sollte nicht - tut es aber gerade." Mißmutig musterte sie das Schachbrett. Scheißspiel. "Beziehungsweise...", korrigierte sie behutsam, "Es ist gerade für mich enorm schwer, beides miteinander zu verbinden."
Gab sie gerade Schwäche vor einem Untergebenen zu?

"Frau Korporal?" Er nahm wieder Haltung an.
Sie wandte sich zurück, wischte die Nachdenklichkeit halbwegs aus dem Blick. Dienstfresse. Altes Spiel. Sie registrierte, daß er sie schützte, indem er sie durch eigenes Verhalten unmißverständlich, aber indirekt daran erinnerte, wo sie war. Dabei trug sie gerade nicht einmal Uniform - sie achtete auf diesen Unterschied, wann sie konnte, aber zu oft ließ man ihr nicht mal Zeit zum Umziehen, so wie heute wieder. Sie war eben immer im Dienst.
"Ja, Kadett?"
"Alle Befehle wurden ordnungsgemäß ausgeführt. Bitte darum, meinen Dienst für heute beenden zu dürfen."
Sie nickte. "Erlaubnis erteilt, Ihr dürft wegtreten, Kadett." Der ordnungsgemäße Salut... es hätte eher bewusste Mühe gekostet, ihn anders auszuführen. Diesen Schlendrian, den man älteren Offizieren oft ansah, hatte sie bei sich nie einreißen lassen, höchstens war die Geste mal in ihrer Dauer knapp gehalten.
Er löste seinen Schwertgurt. Sie sah darauf. Sie trug ihres immer. Ihr Schwert. Immer im Dienst. Ihre Gedanken drohten, abzuschweifen, hin zu Traumbildern, die seit einer Weile verstummt schienen...
"Nun gibt es keine Dienstvorschriften mehr, die Ihr wahren müsst."
Sie hätte darüber lachen können, daß er also durch seinen eigenen Dienstschluß den Zwang von ihr zu nehmen gedachte - im Grunde gab er ihr damit Feierabend - süß.
"Davon könnt Ihr ausgehen, wenn Ihr in zivil gekleidet seid."
Dienstvorschrift Achtzehn...
Er quittierte es und ging sich ganz umziehen.

"Schwerwiegende Probleme?", fragte er erneut, als er in seiner üblichen schlicht weißen Kleidung vor ihr stand. Sie sah sich im Raum um und ein kaltes Schaudern lief ihr über den Rücken.
Nein. Nicht hier. Sie musste raus hier.

Sie verließ die Stadt - sie hätte auch das Schloß jetzt nicht ertragen, und ebensowenig die Öffentlichkeit einer Taverne. Es waren diese Momente, in denen sie die Nähe eines Schreines brauchte wie ein Fremder auf Fuachtero ein Lagerfeuer.
Es waren Momente der Schwäche, in denen die Mächte des Brudermörders am gefährlichsten zuschlugen... aus den Schatten einiger Gebüsche heraus löste sich die schwarze Kreatur und warf sie mit ihrem Gewicht fast um, als die Krallen ihr die Brust zu zerfetzen suchten. Darna riß ihr Schwert heraus, während Adrian verfluchte, daß er seine Waffe abgelegt hatte. Wie aus dem Nichts war der Panther aufgetaucht und hatte zielstrebig der Ritterin an die Gurgel gewollt.
Sie stieß das Tier mit dem linken Arm von sich, die blockende Geste, als hinge ihr Schild an seinem gewohnten Platz, doch die an sich unangebrachte Handlung reichte aus, die Raubkatze so weit von sich zu stoßen, daß die nächste Bewegung ihr Schwert einmal durch schwarzes Fell, Fleich und Knochen bohrte.
Adrian starrte sie an, sie starrte den toten Panther an. Unachtsam. Sie war unachtsam gewesen. Absurderweise dachte sie an Farion, den sie in der Kirche übersehen hatte, weil er oben von der Empore aus ihr Gebet - mal wieder - beobachtet hatte. Was von ihm kein Vorwurf gewesen war, hätte hier ihr Tod sein können.
Taubes Gefühl breitete sich unterschwellig an ihrer Wahrnehmung in den tiefen Rissen aus, die die Klauen verursacht hatten. Blut begann, Hemd und Weste zu tränken.

"Schock", diagnostizierte ihr Begleiter vermutlich, als er der Ritterin Blässe, Verletzung und starren Blick auf die Überreste des Raubtiers zusammenfasste - und lag wahrscheinlich richtig.
Sie ging auf ein Knie, besser gesagt, das letzte Stück sackte sie einfach nach unten. Die Schwertspitze stützte sie gerade neben der Katze auf der Erde auf.
"Ritterin? Geht es Euch gut?"
Sie schloß die Augen und spürte nur kurz darauf, wie Adrian versuchte, sie auf die Seite ganz zu Boden zu befördern. Unwirsch, stur hielt sie dagegen. Er begriff nicht.
"Es mag sein, die Welt ist alt." In fast verurteilend anmutendem Ton begann sie, ernst zu sprechen. "Missetat und Mißgestalt sind in ihr gemeine Plagen. Schau dir's an und stehe fest...", rezitierte sie entschieden die Strophe des Gedichtes. Sie hätte gerade nicht benennen können, warum ihr diese so unabdingbar richtig vorkam. Sie brauchte Stärke, Kraft... durfte sich nicht unterkriegen lassen! Durfte sich hiervon nicht geistig angreifen lassen!
"Ihr sprecht in Rätseln... steht auf, das Kloster ist nicht mehr weit, da kümmert man sich um Euch."
Nein. Er verstand nicht. Die Hilfe würde in ihr sein.
Seltsam reflektierte die golden diamantene Klinge das diesige Tageslicht, daß das Schwert aus sich heraus zu funkeln schien... ihren Körper füllte Wärme, die bis zu Adrian strahlte...
"Nur, wer sich nicht schrecken lässt...
darf die Krone tragen", schloß sie und senkte den Kopf. Würdevoll stand sie auf, ihrem Äußeren keine Beachtung schenkend - sie wusste, die Blutungen waren versiegt.
"Und es geht sicher wieder?"
Sie nickte ruhig.

Sie lud ihn ein, ihr zu dem Ort zu folgen, an dem sie nachdenken wollte.
"Ihr zwingt mich, in klaren Bahnen zu denken", lautete die schlichte Feststellung, doch gab sie auch ihrer Dankbarkeit Ausdruck, daß er sie begleiten wollte. Sie hatte ihr Handeln kritischst zu hinterfragen, denn es schmeckte ihr nicht, von Zufriedenheit konnte keine Rede sein.
Ihr Dienstherr brauchte sie jetzt aber, mehr als je zuvor, und ihr Befinden würde direkte Auswirkungen auf ihn haben. Er bewies bereits alle Stärke, die er aufbringen konnte, trotzdem war er angegriffen und geschwächt - sie durften jetzt nicht beide schwach sein. Musste sie diesmal Rückhalt geben, wenn er sich beugen musste.
Kurze Zeit später fand sie ihren Rückhalt - im wahrsten Sinne des Wortes - am Podest des Schreines der Gerechtigkeit, nachdem sie sich ehrfurchtsvoll vor dem Symbol der Waage verneigt hatte.

Sie sah auf's Meer, ließ die von kühlem Wasser schwere Luft in ihr Gesicht wehen. Es kam ihr gerade vor, als gelte es, weit mehr als nur zwei Waagschalen im Gleichgewicht zu halten.
"Nun, Ritterin...was plagt Euch?"
Sie rieb sich müde die Stirn.
"Ich hab mir eine Beförderung anders vorgestellt." Oh ja, und wie...
"Was seid Ihr denn nun?"
Sie bediente sich mal seiner Art, unbequeme Wahrheiten in unbeschönigende Worte zu kleiden:
"'Oberst', um dem Kind einen Namen zu geben, daß der Hauptmann nach zwei groben Schnitzern einen in Diplomatie versierten Aufpasser braucht."
"Und da seid Ihr ja quasi prädestiniert... als diplomatisches Ass."
Hatte Rafael nicht mal wütend bekundet, er würde sie nie wieder Verhandlungen führen lassen? Sie schmunzelte unbegeistert.
"Ob ich das so wirklich bin, wird gerade auf eine härtere Probe gestellt, als ich sie mir je hätte ausdenken können..."

Es tat irgendwie gut, einfach erzählen zu können, was aus ihrer Sicht geschehen war, was gerade los war.
"Autsch", war der durchaus zutreffend quittierende Kommentar von ihm.
"Offiziell wurde vorhin das beschlossen, was Hudgarr und ich in aller Freundschaft bereits gestern Abend einander angeboten hatten...", sie schüttelte leicht den Kopf. Arthur de Arganta übte Druck auf Dinge aus, die sich bereits von selbst regelten. Narretei. Kraftverschwendung. Konzentration auf Unwesentliches. Sie hatte gerade keinerlei Mitleid mehr für all diese Dinge übrig.
Mit gewisser Genugtuung hatte sie vernommen, wie bei Berchgard kurz nach dem Auftauchen des rahaler Ritters ein Mann in goldener Rüstung gesichtet worden war - Farion, wie sie vermutete. Wenn das zutraf, funktionierte alles vollkommen zufriedenstellend. Es galt, die eigenen Kräfte nicht aus dem Blick zu verlieren.

"Ich habe nun auf seine Korrespondenz aufzupassen", erklärte sie weiter, "Bin ihm als in diesen Dingen weisungsbefugt übergeordnet worden."
"Und wo ist der Unterschied zu sonst?", fragte Adrian nüchtern, "Ihr seid doch sowieso so etwas wie der zweite Hauptmann. Niemand organisiert die Garde wie Ihr..."
Schmeicheleien lagen Adrian nicht, so wie sie ihn kannte. Und es klang auch überhaupt nicht so. Er stellte fest, was Hudgarr und sie kurz nach seiner Hauptmannsernennung größtenteils unausgesprochen vereinbart hatten, als sie ihm offen erklärte, anhand ihrer Ritterpflichten einen Abschied aus der Garde in Betracht zu ziehen. Sie tat der Garde keinen Gefallen damit. Sie tat Hudgarr keinen Gefallen damit. Und schließlich hatte sie sich selber fragen müssen, was denn auch so verkehrt oder ungewöhnlich daran gewesen wäre, eben die Stütze in zweiter Reihe zu bleiben - herrje nochmal, das war doch sowieso ihr Job.

Und jetzt, wo es kriselte, wurde sie wie ein Schutzschild hervorgezerrt und präsentiert - dabei war sie sowieso schon da gewesen, eine möglichst dezente Hilfe, wenn es eben irgendwo mangelte. Jetzt sollte sie offiziell den Karren aus dem Dreck ziehen. Verbunden natürlich mit entsprechend höheren Ansprüchen, obwohl das Ergebnis vermutlich das Gleiche bleiben würde. War es das, was sie ärgerte?
"Ich organisiere doch gar nichts mehr - ich bin froh, daß seine Hoheit richtig bemerkt hat, daß ich neben allen Aufgaben im Grunde gar nicht angemessen Zeit für die Garde habe."
"Und trotzdem sieht man Euch immer, wenn etwas anliegt.. aber das wisst Ihr ja sicher selbst."
Seine nüchterne Art tat gut - es ersparte ihr einen inneren Dialog und damit die Notwendigkeit, zweimal über alles nachzudenken. Nur registrierte sie kritisch, daß sie ihr Handeln hatte hinterfragen wollen, stattdessen erhielt sie kompletten Zuspruch. War es tatsächlich so einfach? Durfte sie diese Brücke betreten?
"Ich stehl mir irgendwie die Zeit, wenn was Spezielles anliegt, für die Routine habe ich aber keine Luft mehr."
"Dafür habt ihr doch nun den Hauptmann. Ihr seid ja nur für Spezielles da."
Es schien wirklich so einfach. Es wollte ihr irgendwie nicht in den Kopf, aber sie nahm es wohl besser erstmal hin.

Blieb diese besch...eidene Lage, in die Graf de Arganta sie befördert hatte. Er selber würde bei Hudgarr keinen fingerbreit Land mehr gewinnen, vielleicht wusste er das sogar. Aber dann bediente er sich eben örtlich vorhandener Kräfte, um das für sich erledigen zu lassen. Politisch klug... berechnender Mistkerl.
"Adelige... die würden alles ausnutzen, um ihren verletzten Stolz wieder gut zu machen."
"Genau das ist es, was mich aufregt!", platzte sie raus, "Schon wieder heißt es 'Adlige', nicht wahr! Der Graf legt da ja auch ein Paradebeispiel dessen hin, was man bei aller Korrektheit an sowas verachtet." Sie schnaubte.
"Ihr solltet Euch darüber nicht aufregen... das hat nichts mit Euch zu tun."
Nein. Eine Gleichgültigkeit dieser Art lag ihr gerade sehr fern. "Er pocht auf die Ehre... aber der Weg ist siebenfach", erklärte sie ernst und eifrig. Das hier durfte kein Mißstand sein, der an ihr vorbeiginge. "Er pocht auf Ehre... und mir scheint, er droht, Mitgefühl zu vergessen. Demut."
Mochte man es ihm sogar zugute halten, daß er Partei für Angelina ergriff, das schienen die wenigsten zu tun... doch daß sich das in dieser Form gegenüber seinem Sohn äußerte, war indiskutabel. Und wie er mit Hudgarr umging, erst recht. Er übte keinerlei Nachsicht, setzte mit aller offiziellen Macht seinen Willen durch, sei es gegenüber seiner Hoheit, sei es gegenüber Rafael oder Hudgarr, er reizte alles aus, wessen er fähig war und das machte sie fuchsteufelswild - er zog Unmut um Unmut auf sich, jeden Tag mehr, und je mehr Gegenwind er bekam, desto sturer wurde er.

"Ehre... ich weiss nie, was dieser Begriff wirklich bedeuten soll. Für die meisten ist es nur eine Rechtfertigung, sich für irgendwas rächen zu können. 'Oho, er hat meine Ehre verletzt!'"
Darna winkte ab: "Ja, das ist... die... hohle Form von Ehre. Schal. Leer. Nutzlos. Man kann nicht auf Ehre an sich bestehen, man kann nicht Ehre... 'ausüben'. Ehre ist ein zusammenfassender Begriff für das, was man nach außen zeigt, von innen wahrt, was man... in sich an allen Tugenden verbindet."
Es fiel noch immer so schwer, all das zu umschreiben.
"Es kann die Ehre dieser Welt dir keine Ehre geben..."
"Erklärt das mal denen, die hinter Eurem Rücken auf die Ehre anderer pfeifen."
"Das macht keinen Sinn", erklärte sie ruhig, "Man kann Ehre nicht jenen erklären, die entweder nicht zuhören wollen oder sogar nicht in gewissem Maß von selbst begreifen, was das ist. Man kann Ehre niemandem nahebringen, nicht... 'erklären'. Ehre kommt aus einem selber. Und bei jedem wirkt sie anders."
"Oder sie wirkt einfach nicht", fügte Adrian trocken hinzu, sah sie an. "Aber warum sorgt Ihr Euch darum? Dieser Graf wird Euch wahrscheinlich nie mehr belästigen. Lasst ihn seine niedere Genugtuung bekommen...
Ihr wisst, daß Hudgarr hinter Euch steht. Und er weiß, daß Ihr hinter ihm steht."

Nein.
"Er ist Teil dessen, was ich bin. Er ist Teil des Reiches. Er ist adelig. Wenn ich ihm schon gehorchen muß, um seine Hoheit nicht noch weiter angreifbar zu machen, möchte ich ruhigen Gewissens erklären können, warum - und keine hohle Aristokratenhülle verteidigen müssen. Er darf mir nicht egal sein."
"Ihr seid doch sonst so pflichtbewusst.. und das ist eine Eurer weiteren Pflichten. Ihr seid das beinahe perfekte Bindeglied zwischen uns, dem Volk, und dem Adel. Wir wissen, daß Ihr nur Eure Pflicht tut, wenn wir unsere Rüge von Euch bekommen, ob nun alleine oder vor einem Adeligen."
"Aber daß das, was über mir steht, dabei angefeindet wird - werden muß - tut mir weh", erwiderte sie leiser. "Selbst der Graf tut in einem gewissen Rahmen nur seine Pflicht, hat nicht minder als ich den Regeln seines Standes zu gehorchen. Es tut mir weh, daß das nicht... 'funktioniert', wie es sollte."
Die Kopfschmerzen, die sie bislang ignoriert hatte, waren ziemlich bohrend geworden und sie massierte mit Druck ihre rechte Schläfe, der Ellbogen offenbarte dabei ein angespanntes Zittern.
"Ritterin...kein perfektes System überlebt den Zusammenstoss mit den Menschen. Aber seid Euch bewusst, daß Ihr in diesem System das beste tut, was ihr könnt und seid Euch bewusst, daß das jeder weiß, der Euch kennt. Sorgt Euch nicht um Dinge, die nicht funktionieren... Ihr könnt sie sowieso nicht ändern."

Veto!
"Doch... Ich kann nicht für andere an ihrer statt handeln, doch ich muß und will mich dafür einsetzen, daß Mißstände immer zum Besseren änderbar sind."
"Und das tut Ihr, wie ich Euch kenne, unermüdlich.. aber manches muss man einfach schlucken."
Sie nickte bedauernd. "Momentan... bin ich gezwungen, die Füße stillzuhalten. Alles redet nun auf den Grafen ein, versucht, aus den unmöglichsten Positionen heraus Druck zu entwickeln... und er geht den leichtesten Weg - er schaltet auf stur."
"Vielleicht sollte man ihm einen diplomatischen Berater zur Seite stellen", kommentierte Adrian schmunzelnd.
Sie schnaufte galgenhumorig amüsiert.

War es nicht traurig? Sie zog die Knie eng an sich und schlang die Arme drumrum. "Es ist immer so seltsam zu beobachten, wie die Kräfte der guten Seite anfangen, sich untereinander zu zerstreiten, wenn eine Weile kein gemeinsamer Feind mehr leicht zu erkennen ist..."
"Irgendwas braucht man doch zu tun... und ihr habt sowieso nichts zu tun, warum nicht euch ein wenig Ärger machen?"
Da sprach wieder der außenstehende Rahaler, er nutzte es wohl ganz gezielt.
"Nein...", schüttelte sie den Kopf, "Das ist dieses Mißtrauen untereinander, das Alatar mit Paias Tod in die Welt setzte..."
"Für Mißtrauen braucht es keinen Alatar. Das entwickelt sich ganz von selbst."
"Es hat mit ihm begonnen", beharrte sie ruhig.
"Und selbst die Temoragläubigen tragen es eifrig weiter."
"Inzwischen erweckt es den Anschein, als wär es nicht mehr wegzudenken, ja..." Sie seufzte und stützte das Kinn mit auf die Knie. Unachtsamkeit. Es schien normal, also wurden sie unachtsam.

Und sie? Sie musste die Augen offen behalten, so gut sie konnte. Fleißig wurde sie abgelenkt. Zeit... schlafen zu gehen. Die Folter war noch lange nicht zuende - weder für sie, noch für einige andere.
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