Ehrbarer Bürger eines kleinen Küstendorfes (jedenfalls dahingehend, dass er sich hier nichts zu schulden hatte kommen lassen) und stolzer Hausbesitzer. Das waren ungewohnte Attribute, mit denen er sich plötzlich konfrontiert sah. Eigenschaften, an die er sich noch würde gewöhnen müssen. Im Augenblick sah es damit noch nicht so glorreich aus. Mit den grob zusammengenagelten Kisten, in denen er sein Hab und Gut verstaut hatte, der ausgebreiteten Strohmatte auf dem Boden, die ihm als Schlafstatt diente, und den herumstehenden – oder liegenden – Flaschen, sah sein Haus eher wie ein provisorisches Warenlager oder ein Räuberversteck aus, nicht wie ein ordentliches Zuhause. Kein Wunder, immerhin war es schon eine ganze Weile her, dass er das letzte Mal eigenen Boden unter den Füßen gehabt hatte. Wenn man es genau nahm, dann war wohl sein Elternhaus sein letztes Zuhause gewesen und das war nun wirklich schon lange her. Seitdem hatte er sein Leben immer nur in Provisorien verbracht, in alten Hütten, in Absteigen, unter Bäumen oder in Höhlen. Überall eben, wo man Unterkunft finden konnte und wo es sich aushalten ließ, solange man nicht zu lange bleiben wollte. Selbst mit seiner schwindsüchtigen Frau hatte er nur ein Zimmer in einer Absteige bewohnt. Einen besseren Ort zum Sterben hatte er ihr nicht bieten können. Man besaß Gold immer zur falschen Zeit. Damals hatten sie keines gehabt, jetzt hatte er mehr als genug. Ein kleine, zynische Neckerei des Schicksals.
Der Anblick seines Hauses – im Grunde war es immer noch nicht viel mehr als ein Zimmer, aber es hatte zumindest vier eigene Wände – entlockte ihm regelmäßig einen Seufzer. Man sah dem Raum einfach an, dass er es nicht mehr gewohnt war sesshaft zu sein. War er es überhaupt ? Es stand vermutlich zu hoffen, dass ihn wirklich ein Anfall altersbedingter Sesshaftigkeit ergriffen hatte und er seinem Leben fortan ruhigere, besonnenere Züge beimessen würde. Aber noch hegte er seine Zweifel. Diese Höhlen- und Schuppenstimmung, die ihm sein mit Kisten verstelltes Haus vermittelte, erinnerte ihn eher an das unstete Leben eines Tagelöhners, der in der Scheune zwischen Geräten und Vieh seine nächtliche Schlafstatt fand und nur auf die Auszahlung des Lohnes wartete, um weiterzuziehen. Er hatte ja noch nicht einmal ein Bett, geschweige denn einen Schrank. Die meisten Sachen lagerten immer noch im kleinen Bankhaus des Dorfes und dort würden sie vorerst wohl auch bleiben. Zur Zeit lag er dösend auf seiner Strohmatte und betrachtete die wundervoll natürliche Maserung der Decke, während er sich innerlich darüber ärgerte, dass seine Pfeife zu Bruch gegangen war. Die Lage des Dorfes hatte wieder einmal angefangen ihn zu beschäftigen, zumal sich das Örtchen dieser Tage wieder so bewegt und kauzig ausnahm, wie man es von ihm schon gewohnt war. Fräulein Aylen, die Magd des Hofes und nicht zuletzt eine der wenigen Bürgerinnen Bajards, die man auch einmal zu Gesicht bekam und die sich an den Vorgängen ihres Dorfes auch interessiert zeigte, hatte ihn am gestrigen Tage gleich mit einem ganzen Bündel an Beunruhigungen überrascht und dabei partiell bestätigt, was er schon vermutet hatte, während er es im Gegenzug wenigstens zeitweise geschafft hatte sie in noch mehr Aufruhr zu versetzen. Ihr Gespräch drehte sich dabei vor allem um das Verhalten und die Zusammensetzung der "Bürger"wehr, um die Absichten Rahals und um die Abwesenheit der Bürgermeisterin. In dem kleinen Raum seines Hauses, auf schiefen Hockern und brüchigen Kisten untergebracht und umgeben von Werkzeug, Brettern und Flaschen, mutete ihre kleine Versammlung fast schon wie eine Verschwörung an. Anderen wäre es vielleicht als ein Armutszeugnis erschienen, dass sich gerade ein älterer Herr und eine Magd darüber unterhalten mussten, was in diesem Dorf so vor sich ging. Etwas seltsam war die Lage Bajards derzeit eben schon, bei kaum interessierten Bürgern, bei einer abwesenden Bürgermeisterin, es wusste nicht einmal jemand zu sagen, ob sie für Vertretung gesorgt hatte, bei dem forschen Auftreten Rahals und bei der Befürchtung, dass die Verfügungsgewalt über Bajard wieder einmal in die Hände einer Wehr fallen würde, die sich bei genauerem Hinsehen vielleicht nicht viel besser ausnahm, als es die Söldner damals getan hatten.
Den beiden gesprächigen Bajadern blieb freilich im Großen und Ganzen nur Gelegenheit Spekulationen zu formulieren und ihrer eigenen Unwissenheit Ausdruck zu verleihen, denn eigentlich wusste keiner von beiden, was in ihrem Dorf eigentlich wirklich vor sich ging. Das war Grund zur Beunruhigung genug, gerade wo derzeit offensichtlich war, dass eben wirklich eine Menge vor sich ging. Gerade das Fehlen der Bürgermeisterin machte ihm im Augenblick Sorgen. Es fehlte jemand der Einblick in die Dinge hatte und für Bajard eingreifen konnte. Derzeit macht wohl erst einmal jeder was er wollte – oder zumindest das, was er seiner Meinung nach tun sollte. Aber die Bürgermeisterin war eben der Kern der Sache. Bei ihr liefen alle Fäden zusammen und solange sie fort war, blieb man ziemlich ratlos zurück. Da war es nicht verwunderlich, dass Lairja geäußert hatte, dass sie manchmal doch lieber fortgehen würde. Auch er hatte darüber oft genug nachgedacht. Aber jetzt hatte er sich schon aufgerafft hier ein Haus zu erwerben, da würde er auch erst einmal bleiben. Nur irgendwas tun müsste man, falls die Bürgermeisterin nicht zeitig wieder auftauchen würde. Allein schon um der paar Bürger willen, die nicht gewohnt waren, dass es hier so ruppig zuging. Und wie hatte ein zufälliger Gast an der Taverne so schön gesagt: „Hier treibe ich keinen Handel mehr.“
Eine kauzige Situation
- Beldan Scherenbrueck
- Beiträge: 4
- Registriert: Dienstag 1. September 2015, 12:52
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Lairja Scherenbrueck
- Beiträge: 12
- Registriert: Donnerstag 1. Mai 2014, 11:42
So langsam kam Lairja zu dem Schluss, das Bajard zu einem Sammel-und Treffpunkt für die absonderlichsten Menschen mutierte. Das es jedem frei stand, hier zu tun und zu lassen, was er wollte, sich aufführen konnte, als hätte er die einzig wahre Weisheit und das Recht für sich gepachtet. Sie begann am Verstand von einzelnen zu zweifeln und kam immer mehr zu dem Eindruck von, in ihren Augen, "Ver-rückten" umgeben zu sein. Denn das was sich hier, in einem angeblich friedlichen Fischerdorf, abspielte, das war schon lange nicht mehr in irgendeiner Norm. Das war weitab gerückt von allem, das in Lairs doch manchmal recht einfaches Weltbild passte, das in ihren Augen überhaupt in irgendein Bild passte.
Und das Gespräch mit Herrn Beldan, hatte ein Übriges dazu getan, sie fast endgültig aus ihrer gewohnten Bahn zu werfen. So recht beruhigt war sie nicht, nein eigentlich noch unsicherer, ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zuging. Nicht genug, das dieser Herr Leith immer noch hier am Hof war, sie ihm vorzugsweise aus dem Weg ging, das Niathael immer merkwürdiger wurde und zum krönenden Abschluss alle Fenster vernagelt hatte, nein da tummelte sich draussen auf den Strassen ein Sammelsurium an den merkwürdigsten Menschen, mittlerweile bevorzugt in der Bürgerwehr. Hier in diesem Dorf verlor alles, das sie bisher als Unverrückbar und gegeben erachtet hatte, seine Bedeutung. Seit dem Tag, als Rahal vor den Toren von Bajard stand und das Dorf nieder brennen wollte, war für Lairja alles, was von dort kam, das verkörperte "Böse", das es zu meiden galt, wie die Pest. Keinen schien es zu stören, das diese Stadt immer mehr ihre gierigen Finger nach dem kleinen Fischerdorf ausstreckte, ein Handelshaus direkt vor dem Holzwehr, eine Festung nahe dem Dorf wurde wortlos hingenommen und in dem ehemaligen Anwesen von Valion taten sich auch merkwürdige Dinge. Die Mauern wurden höher gezogen, sogar kleine Türme gebaut. Niemanden störte es oder nahm Anstoss daran. Niemand stimmte ja nicht so ganz, zumindest Herr Beldan teilte ihre Zweifel.
Lairjas Welt war einfach strukturiert, es gab zwei Seiten, eine "Gute" und eine "Böse" und dazwischen gab es keinen Raum, um sich zu tummeln. Man konnte und man durfte nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Das war nicht ehrlich, so etwas war eindeutig gelogen. Zumindest hatte sie das bisher immer geglaubt. Aber hier konnte sie jeden Tag sehen, wie biegsam doch alles und ein jeder war, solange es nur irgendwie zum eigenen Vorteil gereichte.
Manchmal, da wünschte sie sich zurück auf den kleinen Hof ihrer Eltern. Das Leben dort war ruhig, beschaulich, für andere sicher langweilig. Aber so Worte wie Ehrlichkeit, Respekt, Anstand waren nicht nur leere Hülsen, wurden nicht nur vom Andren verlangt, sondern man brachte es demjenigen auch entgegen. Da zählte ein gegebenes Wort noch. Hier in diesem Dorf verlor alles an Bedeutung, was sie bisher kannte. Ein jeder konnte tun und lassen, was er wollte, die wenigen Gesetze die hier galten, denen brauchte man, so machte es zumindest den Anschein, keinerlei Beachtung schenken. Das Zauberwort, um all das zu rechtfertigen, hiess 'neutral', das es zu einer Spielwiese für alle aus der Umgebung machte, egal aus welcher Richtung.
Und das Gespräch mit Herrn Beldan, hatte ein Übriges dazu getan, sie fast endgültig aus ihrer gewohnten Bahn zu werfen. So recht beruhigt war sie nicht, nein eigentlich noch unsicherer, ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zuging. Nicht genug, das dieser Herr Leith immer noch hier am Hof war, sie ihm vorzugsweise aus dem Weg ging, das Niathael immer merkwürdiger wurde und zum krönenden Abschluss alle Fenster vernagelt hatte, nein da tummelte sich draussen auf den Strassen ein Sammelsurium an den merkwürdigsten Menschen, mittlerweile bevorzugt in der Bürgerwehr. Hier in diesem Dorf verlor alles, das sie bisher als Unverrückbar und gegeben erachtet hatte, seine Bedeutung. Seit dem Tag, als Rahal vor den Toren von Bajard stand und das Dorf nieder brennen wollte, war für Lairja alles, was von dort kam, das verkörperte "Böse", das es zu meiden galt, wie die Pest. Keinen schien es zu stören, das diese Stadt immer mehr ihre gierigen Finger nach dem kleinen Fischerdorf ausstreckte, ein Handelshaus direkt vor dem Holzwehr, eine Festung nahe dem Dorf wurde wortlos hingenommen und in dem ehemaligen Anwesen von Valion taten sich auch merkwürdige Dinge. Die Mauern wurden höher gezogen, sogar kleine Türme gebaut. Niemanden störte es oder nahm Anstoss daran. Niemand stimmte ja nicht so ganz, zumindest Herr Beldan teilte ihre Zweifel.
Lairjas Welt war einfach strukturiert, es gab zwei Seiten, eine "Gute" und eine "Böse" und dazwischen gab es keinen Raum, um sich zu tummeln. Man konnte und man durfte nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Das war nicht ehrlich, so etwas war eindeutig gelogen. Zumindest hatte sie das bisher immer geglaubt. Aber hier konnte sie jeden Tag sehen, wie biegsam doch alles und ein jeder war, solange es nur irgendwie zum eigenen Vorteil gereichte.
Manchmal, da wünschte sie sich zurück auf den kleinen Hof ihrer Eltern. Das Leben dort war ruhig, beschaulich, für andere sicher langweilig. Aber so Worte wie Ehrlichkeit, Respekt, Anstand waren nicht nur leere Hülsen, wurden nicht nur vom Andren verlangt, sondern man brachte es demjenigen auch entgegen. Da zählte ein gegebenes Wort noch. Hier in diesem Dorf verlor alles an Bedeutung, was sie bisher kannte. Ein jeder konnte tun und lassen, was er wollte, die wenigen Gesetze die hier galten, denen brauchte man, so machte es zumindest den Anschein, keinerlei Beachtung schenken. Das Zauberwort, um all das zu rechtfertigen, hiess 'neutral', das es zu einer Spielwiese für alle aus der Umgebung machte, egal aus welcher Richtung.