ich erinnere mich sehr gut an unsere Gespräche im Hause des Rudels der Hyänen. Auch daran, dass ich damals schon sehr unzufrieden mit dem all zu selbstbestimmenden und sturen Verhalten einiger meiner Cousinen war, dich, liebe Mina, mit inbegriffen. Ihr habt alle noch kaum oder gerade erst das 20. Lebensjahr erreicht, seid ledig und habt, gemäß unserer langen Volkstradition des Patriarchats keinerlei Erfahrungen darin, eine Familie mit Weitsicht und der nötigen Strenge zu leiten. Allein das war früher, und ist auch heute Grund genug dafür, dass ich als ältester Anaan's Azeezah die Leitung des Rudels übernehme und entsprechende Konsequenzen ziehe, wenn meine damit einhergehende Autorität von irgendjemandem untergraben wird. Die Zeiten, in denen den Natifahs Menek'Urs unter der weisen Herrschaft des jüngsten Erhabenen Abbas Wakur aus dem ersten Hause Omar bessere Aussichten auf leitende Positionen gewährt wurden endete mit seiner Abreise im vergangenen Jahr. Wer oder was gibt dir also das Recht, dich als diejenige darzustellen, die mich prüft und beurteilt, mir Bewährungsmöglichkeiten bietet sowie entscheidet, ob sie mich als ihr Oberhaupt akzeptiert oder nicht? Ich frage dich das völlig ernst gemeint und mit dem nötigen Respekt, der dir als Prehaatim und Teil meiner Familie, gar Blutsverwandtschaft gebührt.
Wir kennen uns nun schon seit 4 Jahresläufen, aber aus oben genannten Gründen sehe ich weiterhin keinen Bedarf darin, meine Zeit und Mühen darauf zu verwenden, mich vor dir insbesondere zu behaupten. Ich bin für jedes Mitglied des Rudels gleichermaßen da und jedem Anaan sowie jeder Natifah des Rudels ist es gleichermaßen frei gestellt, mir zu folgen, mich davon zu überzeugen besser für diese Position geeignet zu sein als ich oder aber sich von der Familie ab- und sich damit der fraglichen Entscheidungsfreiheit, die uns die Suktir vorleben, entgegen zu wenden, auf Kosten der eigenen Ehre, und nicht zuletzt auch auf Kosten des Ansehens der geschätzten Verwandtschaft. Denn gerade wir Azeezahs sind dafür bekannt zusammen zu halten und einen überaus ausgeprägten Gemeinschaftssinn zu besitzen. Welches Licht würde es also auf das eigene Blut werfen, wenn sich jemand von jenem abwenden und die Hauslosigkeit dem Schutz und Wohlstand der eigenen, anerkannten Großfamilie vorziehen würde?
Ich möchte dir nicht unterstellen, es so weit kommen lassen zu wollen, würde es auch keineswegs begrüßen. Doch mir ist wichtig, dass du dir deiner Rechte und Pflichten sowie Möglichkeiten der Entscheidung genauso im Klaren bist wie jedes andere Rudelmitglied auch. In diesem Sinne stelle ich dir nun höflichst noch einmal meine Frage aus dem vorangegangenen Schreiben: Akzeptierst du mich als unser Oberhaupt und wirst du dich bescheiden, wie es sich für eine gut erzogene Natifah aus unserem Blute gehört im Rollenverständnis unserer Heimat einordnen oder nicht?
Stets Wasser und Schatten mit dir. Ma'Salema!
gez.
