Wasser und Feuer
Neugierig musterte sie den Brief. "Ich soll meinen an die 'Bruderschaft der Schwarzen Klaue' abliefern." Sie grinste. "Klingt eigentlich sympathisch, aber ich glaube kaum, daß Brankhan auch hier bekannt ist.
Wohin soll dein Brief?", fragte sie Weigori.
"An die Armee Rahals."
Sie sah sich in Bajard um. "Kleines Nest", so hatte der Kapitän es bezeichnet, und es schien auch zu stimmen. Vier Gesetze. Wobei... eigentlich erfüllten sie schon fast ihren Zweck.
Wenn es jetzt noch sympathischerweise aufhören würde, zu regnen...
Als Weigori das große Holzbrett, auf dem die Gesetze standen, eher skeptisch musterte, musste sie grinsen. Er hatte ja noch nie so wirklich was von Obrigkeit gehalten, obwohl er ihre Regeln achtete.
"Das Brett ist bestimmt nützlich", versuchte sie es attraktiver zu machen, "Ich könnte es zum Beispiel nehmen und mir über den Kopf halten, um nicht weiter nass zu werden."
"Du meinst dieses Brett, auf dem draufsteht, daß Diebstahl verboten ist?", entgegnete er ruhig zurückfragend.
Na schön, Punkt für ihn. Manches änderte sich nicht so leicht, sie lachte einfach - und verstummte rasch, als ein irgendwie etwas wichtiger aussehendes Mitglied der Bürgerwehr hinzutrat und die beiden Neuankömmlinge musterte.
Weigori in einer dieser Roben, die sie immernoch unmöglich fand und sie schlicht wie ein begossener Pudel - inzwischen suchte sich der Regen durch ihren Pony eine Bahn und rann über ihr Gesicht, daß sie dauernd blinzeln musste. Scheiß Wetter.
"Kriegerinnen aus Erestain jammern nicht."
"Lass uns eine Taverne suchen", murrte sie.
Sie schienen Glück zu haben. Beldan, ein älterer Mann der wohl schon länger in diesen Landen zu leben schien, hatte ihnen für ein spendiertes Bier sagen können, daß die Bruderschaft ihren Sitz in Rahal hatte. Er hatte ihnen auch freundlicherweise gesagt, wo die Stadt lag und daß ein Weg zu Fuß dorthin nicht ganz ungefährlich wäre.
Immerhin, es schien hier ja sympathische Menschen zu geben. Und hübsche Kleidung. Sie musterte die eintretende Frouwe kurz. Hätte sie gewusst, wie das Zeichen der Bruderschaft aussah, hätte sie sie bestimmt sogar angesprochen, doch so folgte sie Weigori aus der Tavernentür raus.
"Hübsches schwarz", kommentierte sie draußen leise, "nur zu 'schurkig'."
Sie grinste. Weigoris alter, lächerlicher Aberglaube, daß Vertreter des Bösen dauernd komplett in schwarz rumliefen - oder blutrot vielleicht noch dazu... als wenn's so einfach wäre...
So machten sie sich auf den Weg in dieses unbekannte Rahal. Was hatte Meister Beldan eigentlich damit gemeint, daß er das Gesprächsthema "nicht erquicklich" finde? Ach - sicher nicht so wichtig.
Drinnen sah Beldan auf den Krug Bier und zu seinem Gegenüber. "Ob wir es ihnen hätten sagen sollen?"
Es regnete immernoch, aber man sollte allem was Gutes abgewinnen:
"Wenn Rahal eine Armee hat, haben die da bestimmt auch Rüstungen", vermutete sie zuversichtlich und Weigori schloß sich dieser bestechenden Logik an.
Ein klein wenig abseits des Weges war eine kleinere Lichtung, durch den Regenschleier zeichnete sich grob ein verfallenes Gemäuer ab. Aber daß da so verlockend ein Apfelbaum stand, schien weit interessanter. Und Pfirsiche...
Der Feuerelementar, der sich bei den alten Mauern aufhielt, fand den Pfirsichbaum auch interessant - weil da zwei Figuren rumliefen, denen man Feuer unterm Hintern machen konnte.
"Weigori!", schrie sie erschrocken.
Heldenmutig, wie er war, hatte ihr Blutsgefährte das aggressive Wesen von ihr abgelenkt - so gründlich und selber nicht schnell genug, daß sie jetzt nur noch aus halbwegs sicherer Distanz sah, wie sich sein Rücken samt versengter Robe vom regennassen Gras abhob. Vielleicht war der Elementar wegen des Wetters sauer - sie war wegen des Elementars sauer.
Sie schnappte sich ihr Schwert und den Holzschild... Holzsch... sie sah die magische Flammenkreatur an. Mist. "Warte, bis wir gerüstet sind, dann wirst du das büßen, du elendes wildgewordenes Lagerfeuer!"
Sie musste irgendwie zu Weigori, ihn aus der Gefahrenzone bringen! Und über ihren Blutsgefährten stand jetzt auch noch jemand gebeugt - ein Dieb? Der sollte ja seine Griffel von ihm lassen, was sie dem Unbekannten auch fleißig mitteilte.
Sie wusste gerade leider nicht so ganz, wem sie mehr Aufmerksamkeit schenken sollte - dem Räuber, der sowieso nicht zu klauen an Weigori finden würde, oder den Elementar, der sich nicht von der Stelle zu rühren schien.
Der Elf hob den Kopf, sah zu ihr herüber und trat von dem gefallenen Krieger fort, nachdem festzustellen gewesen war, daß er noch lebte.
Und alles wegen ein paar Pfirsichen...
Tenrya rieb eine der Früchte, die der Elf ihr gegeben hatte, sauber, während sie mit etwas mulmigem Gefühl dem Gespräch zwischen ihm und Weigori lauschte. Elfen waren für sie immer seltsam geblieben. Weigori hatte durch seine Freundschaft zu zweien ein paar Wörter aufgeschnappt.
Weil sie wusste, wie die Begrüßung lautete, aber Weigori einmal erklärt hatte, daß an ihrem "Saniasalat" irgendwas falsch ausgesprochen war, hielt sie sich lieber weitestgehend zurück.
Man sollte allem sein Gutes abgewinnen - der Regen hatte verhindert, daß Weigoris Robe lange gebrannt hätte. Der Regen war auch nicht so schlimm gewesen, als daß ihr auf diesem Gebiet ein wenig geschulter Blutsgefährte nicht ein trockenes, lauschiges und sogar anheimelndes Plätzchen im Wald hätte finden können... seine "Lehrer", die Elfen waren ja dafür bekannt, selbst im unheimlichsten Forst noch eine kleine bemooste und mit Blumen übersäte Lichtung mit schützendem, weichen Dickicht zu finden...
Leider war es schon dunkel, als Weigori zu suchen anfing, und das war durchaus schlimm genug. Zumindest für Weigori, der im Dunkeln auch nicht besser gucken konnte als seine in Wildnisdingen lausig begabte Blutsgefährtin. Es blieb bei einem umgestürzten Baum mit ein paar trockenen dürren Farnen.
Man sollte allem sein Gutes abgewinnen - er war schön warm, regelrecht aufgeheizt, und vorwitzig nutzten ihre Hände die Brandlöcher in der Robe, um ihm ein bißchen auf die Pelle zu rücken, bevor sie ihm Wärme klauend einschlief.