"Vermaledeit noch eins!"
Ging es ihm durch den Schädel. Noch vor einer halben Stunde war er samt der Kameradschaft und einiger Versprengter am reichhaltigen 'Essensbuffet' am Regimentshof gesessen, dass der Feldwebel so liebevoll auf der brutzelnden Glut des Grills angerichtet hatte. Und nun? Nun stand er schon wieder in gerüstetem, glänzendem Rot-Gold des Regiments im fahlen Sonnenlicht herum. Den Schildarm locker aber diszipliniert entlang der dazugehörigen Körperseite hängend, den Hellebardenstab umklammert.
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Es war eigentlich ein spontaner Abend, meinte Jolanda zu ihm. Spontan, ja? Angenehmes Ereignis, wenn man die Vorkommnisse der letzten Wochen und Monate so betrachtet, war es tatsächlich eine der eher ruhigeren, wohltuenderen Situationen. Wenn man wie er nachts schweißgebadet und von Erinnerungen gejagt aufwacht, die ersten Sekunden lang immer noch das Dröhnen des Kampflärms, der abrupt verhallenden Schreie im Hinterkopf. Er hatte es tatsächlich geschafft, sich zu entspannen. Ja selbst der Feldwebel hatte den Rekruten hier den 'lockeren' Umgang erlaubt - zumindest was den Wortaustausch anging. Und dann? Nie ist das Genussvolle von langer Dauer.
"Ich wurde ausgeraubt! Helft mir bitte!"
Plötzlich stand da diese Frau in graublauem Kleid und verstörtem Gesichtsausdruck. Man hätte fast meinen können, Temora gäbe diesen Recken tatsächlich immer nur eine Minute Verschnaufpause, bevor sich das kirre Rad der Welt wieder unaufhaltsam weiterdreht. Ihre Gesten waren so wild und unvorhersehbar, dass der Rest der Mannschaft es gar nicht bemerkt hätte, wäre er schon aus kluger Voraussicht aus dem Stuhl gesprungen. Eine ausgeraubte Dame, ja? Der ideale Zeitpunkt, dem Feldwebel einen Vorgeschmack auf seine tadellose Ermittlerarbeit zu geben.
"Ausgeraubt wurdet Ihr, ja? Ich brauche Euren Namen, den Tatort sowie die Uhrzeit des Diebstahls, eine Beschreibung der gestohlenen Objekte sowie der Diebe und in welche Richtung sie verschwunden sind."
Verflixt und zugenäht. Wieder war Wachtmeisterin Salberg schneller. Ohnehin hätte er aber wahrscheinlich in Anwesenheit der Höherrangigen nicht einfach so das Wort ergreifen dürfen; Befehl nach Dienstvorschriften unter akribisch genauer Aufsicht des Feldwebels. Es war schwierig. Wie beschreibt man einen Raub, wenn man gleichzeitig damit zu fürchten hat, das eigene Leben für ein paar Schmuckstücke lassen zu müssen?
"Es... es waren eine Frau. Und ein Mann! Sie hatte ein weißes Kleid an. Mehr weiß ich nicht. Sie haben mir ein Falcon gestohlen! Es war ein Geschenk von unermesslichem persönlichen Wert! Oh bitte, Ihr müsst es mir zurückbringen!"
Irgendwie amüsant; wie ein kleines, für viele bedeutungsloses Schmuckstückchen für eine einzelne Person so eine Verwüstung darstellen konnte. Doch die Dame verstand es, mit ihrem wilden Herumgefuchtel dieser Sache noch mehr Bedeutung zu schenken. Amüsant, aber auch irgendwo Besorgnis erregend, nicht wahr? Ein Gaunerpaar, das am helligten Tage eine Ladenbesitzerin in Junkersteyn überfällt, sich dabei nur eine sonst vollkommen wertlose Sache schnappt und ungesehen nach Süden verschwinden kann? Ohne weitere Zeugen? Ohne Spuren? Und nur der Hinweis eines 'weißen Kleids'?
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"Du sahst so liebreizend aus in Deinem Kleid."
Seufzte er zur Seite zu Jolanda, die ihm ein sanftes Lächeln schenkte, während er gedanklich der Erinnerung nachweinte. Wie sollte man so einen Geist aufspüren? Er war jetzt mit Jolanda den gesamten Süden abpatroulliert. Schwingenstein, Alderklamm, Berchgard und Kronwalden, ja sogar das Grenzgebiet zu Bajard. Nichts. Keine Hinweise. Keine Spur. Keine Menschenseele die irgendetwas unauffälliges oder gar beschriebene Dame gesehen hätte. Er hatte schon so das Gefühl, gemessen an dem nachdenklichen Gesichtsausdruck des Feldwebels während des Rückmarsches, dass hinter dieser Sache etwas mysteriöseres stecken musste, als ein einfacher Strauchdieb...