Ungebetener Gast

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Gislaug Bunjam

Ungebetener Gast

Beitrag von Gislaug Bunjam »

Lautlos waren die Schritte der schwarzen Raubkatze. Anmutig schlich sie auf eine riesige Pforte zu und ein kleines Knurren, dass Gislaug in der Entfernung kaum vernehmen konnte, brachte die Tür in Bewegung. Während sich die Flügel des mächtigen Tores langsam öffneten, wandte der Panther seinen Blick auf seinen Gast. Rot glühende Augen, in denen Flammen zu tanzen schienen, durchbohrten die Gestalt der Thyrin. Ihr Puls stieg und der Griff um ihre Sax wurde so fest, dass die Fingerknöchel ihre Farbe verloren. Sie wusste was kam und das machte ihr Angst. Nichts sollte ihr Angst machen. Umso wütender machte sie dieser Fakt. Wie immer würde sie sich nicht kampflos ihrem Schicksal ergeben, auch wenn dass das Ende nicht beeinflussen würde. Die Türangeln krachten und aus dem Tor trat ein monströses Dämonenwesen, dass ohne Umschweife Tempo aufnahm und auf die Kriegerin zuhielt. Mithilfe seiner Schwingen brachte sich der Balron in die Höhe und ließ seine Faust auf sie niederhämmern. Der Wolfsinstinkt in ihr übernahm und ohne nachzudenken tauchte sie seitlich ab und ließ ihre kurze Klinge am Bein des Wesens entlangstreifen. Effektlos dieser kleine Streich, genauso wie ihre Bemühungen. Den zweiten Schlag erahnte sie hinter sich, doch noch ehe ihre Augen diese Ahnung bestätigen konnten, traf der Hieb sie am Kopf und die Welt um sie herum wurde schwarz.


Diesen Traum durchlebte sie unzählige Male. Vor ihrer Ankunft in Wulfgard und auch in den ersten Nächten unter den Clannern der Sturmheuler. Erst als sich das Schwert der Bunjam dazu überwinden konnte, ihre Pein mit der Ahnenruferin zu teilen, kam etwas Licht ins Dunkel. Die Schamanin konnte erspüren, was mit ihr nicht stimmte. Die Geister zeigten ihr die Hinweise, die diesen elenden Albtraum endlich zu erklären vermochten.
Als sie vor einigen Wochen den Keiler mit ihrem Jagdspieß niederstreckte, dabei allerdings von einem seiner Hauer verletzt wurde, konnte sie nicht ahnen, welchen Einfluss das auf ihr Leben haben sollte. Der Keiler war überdurchschnittlich groß und hatte seltsam gefleckte Borsten, schien darüber hinaus allerdings nicht ungewöhnlich für ein Tier seiner Art zu sein.
Doch offenbar war da mehr. Das Tier hatte eine blutige Vergangenheit und ihm wohnte eine dunkle Präsenz inne, die er mit dem seinem letzten Atemzug an Gislaug übertrug. Als Ketiley den Lebensfluss in ihr zu steuern begann und die Geister um Mithilfe bat, dieses Wesen aus ihr zu bannen, konnte sie ihre alte Wunde deutlich spüren. Das Blut hinter ihrer frischen Narbe schien sich zu erhitzen und der Druck auf ihr machte deutlich, dass da etwas herausgepresst werden sollte. Doch der Keiler ist zu stark, wehrt sich heftig und hält jene in Ketten, dessen Leben er nahm. Die Schamanin sagte, er habe das Leben etlicher Thyren genommen und ihre Geister hält er gefangen - verwehrt ihnen den Aufstieg nach Anundraf. Gislaug würde einen Weg finden müssen, ihn selbst zu bezwingen. Ihn zu überlisten oder irgendwie nach draußen zu bekommen, auf dass die Schamanen das Wesen gemeinsam nach Helheim schicken können. Doch für ein einfaches Schwert, dass nicht sonderlich viel von den Geistern oder derartigen Wesen verstand, erschien die Aufgabe schier unlösbar. Sie hatte Zweifel und Angst. Angst vor der nächsten Nacht und der Gefahr, wieder keinen Schritt weiter zu kommen. Nun war klar, dass es nicht mehr nur um sie selbst ging.
Gislaug Bunjam

Beitrag von Gislaug Bunjam »

Wie jede Nacht entzündete sie in einem kleinen Schälchen die Kräutermischung, die sie von der Ahnenruferin erhalten hatte. Der Rauch dieser Kräuter hüllten ihre Ecke in der Weiberhalle in einem erdigen, kräftigen Geruch ein. Er sollte ihr helfen, konzentrierter zu träumen. Die Lösung ihres Problems konnte nicht am Tage gefunden werden. Sie musste wieder in diese andere Welt abtauchen und etwas verändern.
Wieder nur der farblose Kilt und der Sax. Der Gang des Gastgebers war diesmal jedoch anders. Kein geschmeidiges Schreiten, eher ein grobschlächtiges Stampfen. Sie musste ihre Augen engen, war es doch dunkel und man konnte kaum etwas erkennen. Kein Knurren, sondern ein Grunzen. Er zeigte nun also sein wahres Gesicht. Kein Panther mehr. Auch diesmal schwang das große Tor behäbig auf und knarrte dabei laut. Das Wesen, was aus ihm hervor trat, schien sich ebenso wenig verändert haben, wie das Tor selbst. Mit einem mächtigen Satz war es in Schlagreichweite und schwang seine mächtige Faust nach der Thyrin. Die rollte sich allerdings seitlich ab, nahm Tempo auf und steuerte an dem Balron vorbei auf den Keiler zu, der sie mit seinen glühend roten Augen wütend anstarrte. Die Spitze der Sax suchte einen Weg in das weiche Fleisch am Hals des Tieres, dass nur reglos auf sein Ende zu warten schien. Doch das Schwert zerbarst beim Aufprall in tausende Stücke. Verblüffung und Fassungslosigkeit ließen sie erstarren. “Keine Metallspitze vermag das Biest zu durchbohren.” Der synchrone Chor aus Stimme kam vom Tor, aus dem der Dämon trat. Gislaug hatte gerade ihren Blick dorthin gewandt, als sie dich hinter sich den Aufschrei des Torwächters hörte. Dann wurde es wieder schwarz.
Schweißperlen auf der Stirn, leises Atmen der anderen Weiber und der vertraute Geruch der Kräutermischung. Sie war zurück. Da im Tor meinte sie an den Gestalten die Farben der Wikrah, Ulfert und Mandre erkannt zu haben, ganz sicher war sie sich jedoch nicht. Vielleicht war das ein Schritt in die richtige Richtung.
Gislaug Bunjam

Beitrag von Gislaug Bunjam »

Ein Blick hinab. Ihr Kilt trug in dieser Nacht eine hellgrüne Farbe, ihr Hemd ein dem Wald nachempfundenes Braun und um den linken Unterarm fand sie ein Thyrenschild geschnallt, dass mit einer beigen Farbe bemalt war. Das vertraute Gewicht der Sax in ihrer rechten Hand war auch wieder da. Doch von diesem trennte sie sich heute. Die Klinge würde ihr hier keine Hilfe sein. Gegen keines der Wesen, die hier auf sie warteten. Das metallene Echo des Aufpralls hallte in der Dunkelheit wieder und führte zu der gewohnten Reaktion des Gastgebers. Ein Grunzen. Das Tor. Sein Wächter. Die Kriegerin wartete geduldig. Er musste hinauskommen und sich von der Pforte entfernen. Sie durfte sich aber auch nicht zu viel Zeit lassen, denn dann könnte er ihr zu schnell nachsetzen, während sie ihr Ziel ansteuert. Als er die ersten Schritte in die Halle tat, den Gast erblickte und los stürmte, war auch ihre Zeit gekommen. Mit dem Schild voran nahm die Thyrin Tempo auf. Das Angriffsmuster des Dämon variierte kaum. Ein Sprung, ein Fausthieb. Sie duckte sich links weg, ohne viel Momentum zu verlieren und setzte ihren Weg zum Tor fort. Sie fing an zu zählen. 1..2..3.
Der Keiler starrte sie von der Seite mit seinen roten, schimmernden Augen an. Hässlich und bedrohlich, doch rührte er sich kaum. 4..5..6. Sie hatte das Tor fast erreicht und konnte in ihrem Rücken bereits den wütenden Aufschrei hören. 7..8..9. “Mey Ahnenruferin wird ein Speer mitbringen! Nehmt ihn entgegen un bringt ihn mir.” 10. Schwarz.

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