Der Amsel erster Flug

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Hjall Bunjam

Der Amsel erster Flug

Beitrag von Hjall Bunjam »

Aus der Ferne trug der Wind Klang von Stimmen und Musik über das Wasser, die sich zu einem wundervollen Klang miteinander vermischen als wolle die Dame selbst jeden ihrer Jünger zu ihrer Insel locken. Eine Vielfalt aus Freude, Hoffnung, Trauer, Sehnsucht und Stolz, der Hochgesang auf das Leben in all seinen Formen.

Es war das achte Mal, dass Hjall diesen erhebenden Moment erleben durfte und unbewusst treibten seine Arme die Ruder des Bootes an. Sein Blick fiel auf die beiden älteren Kinder Thrails vor sich, sein gealterter Meister Gilfur und dessen Weib Esja saßen vor ihm und auch ihnen war trotz ihres Alters eine gewisse Aufregung anzusehen. Die Lachfalten des Alten kamen deutlich zum Vorschein, obwohl er konzentriert wirkte und Erla, und das mochte Hjall stets an ihr, bewahrte sich eine fast schon mädchenhafte Freude, war der Anlass dazu gegeben. Die Jahre, die er nach Verlassen seines elterlichen Dorfes bei ihnen zur Lehre verbrachte, waren sie ein wenig wie seine Großeltern für ihn geworden

Es war das achte Mal, dass er zu dem jährlichen Treffen der Skalden vom Amselbund reisen durfte. Zwei davon außerhalb der Hierarchie und die letzten vier als anerkannter Schüler und wenn die Dame es so will, würde er sie als Skalde wieder verlassen.

Dem Ziel näherkommend konnte er bereits ein größeres Boot ausmachen, das an einem Steg anlegte, und beobachten wie kleine Personengruppen sich grüßten und gestikulierten. Auch wenn sich viele der Anreisenden nur einmal im Jahre und seltener sehen, so glich der Empfang einem ausgelasseneren Familienfest. Alles in Vorbereitung auf den Tag, an dem die Ältesten dann den offiziellen Beginn des Treffen ausruften und man zu einem strikten Ablauf, geregelt durch Tradition und Sitte, übergingen.

Es war üblich nur sein Mann oder Weib mitzubringen, so man verhandfastet wurde und, falls vorhanden, seine Schüler oder die, die es werden wollten. Selbst die Kinder, so sie nicht noch an der Brust der Mutter hingen, werden daheim in der Obhut des Rudels gelassen.
So waren von den weit über hundert Anwesenden vielleicht nur dreißig oder vierzig Skalden des Bundes, darunter aber auch eine Anzahl an Besuchern aus anderen Bünden oder Traditionen. So ließen Wanderskalden es sich nicht selten nehmen, wenn sie in der Nähe waren, das Treffen ebenfalls aufzusuchen. Seltener kam es auch vor, dass einer von ihnen seine Künste unter Beweis stellen wollte um ihnen beizutreten. So ist der Bund jedem Skalden gegenüber offen, gilt es doch den wertvollsten Schatz der Thyren zu hüten: Ihre Geschichten und Traditionen. Wieviele ihm aber angehörten wussten nur die Skalden, die damit beauftragt waren die Namen, Herkunft und Leistungen jeden Mitglieds auswendig zu erlernen und beim Ablegen einer Prüfung zu rezitieren.

Als er das Boot an den Steg heranführte, warf man ihnen bereits die ersten Begrüßungen und kurz darauf ein Seil entgegen. Mit geübter Hand zog er das Boot an den Steg heran und kletterte heraus um zu befestigen. Dann wurde den Älteren aus dem Boot geholfen und sein Blick wanderte an den Gruppen der Thyren vorbei. Der Landungsbereich war farbenfroh geschmückt, so sah man neben den vielen bunten Stoffstreifen auch die Banner der Clans und natürlich das Symbol des Bundes, die schwarze Amsel auf einem himmelsblauen Hintergrund.

Im Glauben des Bundes ist die Amsel ein niederes Totem, dass von der Dame damit beauftragt wurde ihr Lied und Lobpreis durch das Erdenreich zu tragen, weshalb diese Vogelart auch soviel Zeit auf dem Boden verbringt und sich auch nicht vor Dörfern scheut.
Der Weg bis zur Lichtung im Herzen der Insel war eine Abfolge von Begrüßungen und kurzen und freundlichen Unterhaltungen. Viele hatten bereits ein Trinkhorn in der Hand, besonders die Älteren, während viele der Jüngeren sich dem Anschein nach zurückhielten. Wahrscheinlich nahm ihnen die Anspannung den Durst, so ist der erste offizielle Tag derjenige, an dem die Welpen sich beweisen müssen um als Schüler anerkannt zu werden und am zweiten wurden die Schüler zu Skalden geprüft. An vielen Stellen konnte man die Jüngeren auch beobachten, wie sie sich gegenseitig Gedichte rezitierten oder mit ihrem gewählten Instrument spielten und austauschten.
Dieses Jahr würde er ausgelassener mitfeiern, zwar spürte er ebenfalls den Druck der Prüfungen aber seine Zeit würde erst am zweiten Tag kommen und trotz dieser besonderen Feierlichkeiten spürte er, dass eine gewisse Sicherheit und Routine eingekehrt war.
So dauerte es nicht lange, der Meister hatte sich zu den anderen älteren Mitgliedern zum Gespräch zurückgezogen, da hatte auch er ein Trinkhorn in der Hand. Alte und neue Gesichter aufsuchend strichen die Tages- und Abendstunden erfüllt von allerlei Tratsch und Darstellungen der Künste dahin.

Am nächsten Tage durchkämmten die älteren Skalden die Lager und weckten die letzten Schlafenden davon mit besonderem Nachdruck die Trunkenbolde, indem sie belehrende Gedichte rezitierten und hier und da mit einem Kübel Wasser nachhalfen. In gemeinsamen Kreis stärkte man sich vor den offiziellen Trommelschlägen, die den eigentlichen Grund für die Anreise eröffneten.
Auf der großen Lichtung, offen zum Himmel, damit die Dame sie gut und sie auch die Dame hören könnten, wurde ein großes Feuer vor dem Menhir errichtet. Davor saßen die Meister, überwiegend alte Männer und kaum ein Weib. Die Wenigen die diesen Rang erreichten bevor ihnen graues Haar wuchs wurden oft selbst zum Thema von Gedichten und Erzählungen. Auch Schamanen waren natürlich anwesend, um den Teil der Riten zu leiten, in denen man den Geistern und den Ahnen seinen Respekt erwies. So wurden Opfergaben in das Feuer geworfen und duftendes Räucherzeug entzündet um die Mächte gütig zu stimmen.
Die anwesenden Bundmitglieder, abgesehen von den Weibern, waren nackten Oberkörpers. So konnte man einen freien Blick auf die vielen Hautbilder bekommen, bei dem einen waren sie mehr und bei dem Anderen weniger. Die meisten hatten jedoch die Meister. So war es je her Brauch, dass die Schamanen mit ihren Helfern nach den Prüfungen die Bilder unter die Haut brachten. Einem jeden Mitglied oder wissendem Thyren war so es möglich die persönliche Geschichte und den Status in der Hierarchie abzulesen. So sind an den größeren Bildern der Rang, und den kleineren die abgeprüften Künste und gegebenenfalls ihre Meisterschaft zu erkennen. Eine Ausnahme bildeten aber die Weiber, die erst durch eine legendäre Skaldin genügend Anerkennung gewinnen konnten überhaupt erst beizutreten. So war es Solveig, Tochter der Gunhild vom Clan der Bunjam, die dieses Recht erstritt. Nachdem der Bund sich zweimal geweigert haben soll sie aufzunehmen wurde sie beim dritten Mal, fast schon unter Spott, zur Prüfung vorgelassen. Zwölf davon soll sie gemeistert und in der letzten Prüfung die Meister mit einem beißenden Stabreim fast schon bloßgestellt haben. Sie wurde zur Meisterin berufen und den Weibern der Weg geöffnet.
Auch heute noch wird sich aber so gut wie jedes Mitglied der Amseln weigern, einem Weib den nackten Oberkörper zu verzieren. So haben die Weiber sich beholfen, indem sie entsprechend verzierte Gewänder tragen an denen man ihren Rang ablesen kann.

Nach dem Tag der werdenden Schüler, kam der der werdenden Skalden und damit auch Hjalls großer Zeitpunkt. Zum Schüler hatte er sich in der Kunst des Geschichtens erzählen, der rituellen Trommel und des Dudelsacks prüfen lassen. All das würde er heute wiederholen müssen, zusätzlich zu drei weiteren Künsten, damit er sich seine Ehre verdienen konnte.
Er entschied sich für einen einfachen Einstieg mit der Trommel, auch um die Nervosität zu verlieren. So ließ ihn man ihn ein kleines Ritual der Schamanen begleiten, eine Opfergabe an die Ahnen, vorgebracht für die verstorbenen Amseln, wobei er darauf achtete ihn durch die richtigen Rhythmen in seinen tranceartigen Zustand zu versetzen.
In der zweiten Prüfung rezitierte er eine bekannte Parabel, wie der Wolf den Raben überlistete um an Futter zu kommen. Sie soll den Kindern Thrails zeigen, dass auch Gerissenheit und Wort einen an das Ziel bringen können.
Der Dudelsack war, trotz damals bestandener Prüfung, immer eine Herausforderung. Es wurde nicht nur erwartet zu lernen, ein Skalde darf auch nicht vergessen. So trug er sein Stück auf diesem Instrument als dritte Prüfung vor und um die Stimmung aufzuhellen, wählte er eine fröhliche Melodie die zum Tanzen einlud.
Die vierte und damit eine der neuen Prüfung war die Dichtkunst. Er wusste, dass die Meister eine Liebe für Stabreime hatten aber er scheiterte noch oft daran zu bewerten was ein guter und was ein schlechter Stabreim war. Auch waren ihm diese oft zu verkopft, hatten sie mehr mit gewitztem Wortspiel als dem Ausdruck von Gefühlen zutun und so sah er auch mehr als einen Schüler daran scheitern. Deshalb wählte er eine andere Variante zu Ehren seines verstorbenen Dahs, die er unter einem bedächtigen Schweigen der anwesenden Thyren aufsagte.

"Der Sohn des Hrolf genannt Hallar,
ward einst Schwert des Bunjam Clan,
sein Arm stark und sein Blick glasklar,
ehrvoll ist er nach Andundraf gefahr'n.
Umringt von Feind in hoher Zahl,
fasste sein Herz doch kein' Gram
spürten fünf von ihnen seinen Stahl,
bis ihn der Rabe mit sich nahm.
Für ein wahres Kind Thrails ist dies kein Ende,
so soll jeder lernen von seinem Mut,
brachte sein Opfer doch die Wende,
als Held er nun bei den Ahnen ruht."

Die fünfte und sechste Prüfung legte er gemeinsam ab. Oft bot sich dies an, den eigenen Gesang mit einem Instrument zu begleiten und war eine beliebte Möglichkeit die Kunst des Instruments und der Stimme zur Schau zu stellen. Seine Wahl fiel dabei auf den Favoriten seines Meisters: eine dreisaitige Lyra die mit Rosshaarbogen gespielt wird. Richtig gespielt erzeugt sie ein durchgehendes , ja fast schon meditatives Brummen untermalt von klangvollen Spitzen und Tiefen. Er mochte die Heldendichtung aber das Spiel mit den Emotionen der Zuhörer nicht weniger. Um die Stimmung wieder aufzuhellen stimmte er ein fröhliches Lied an, dass den nahen Frühling herausbeschwören soll.

Als er sein Spiel beendet legte er das Instrument beiseite um den Blick auf die Ältesten zu richten. Er hatte geahnt, dass das letzte Stück nicht jeden von ihnen begeistern würde, gab es auch zwischen ihnen unterschiedliche Meinung wie ernst oder leichtfertig eine Kunst sein darf. Als sie sich kurz zur Besprechung zurückzogen, hoffte er nur, dass der gesamte Eindruck überzeugen würde. Es gab kein striktes Schema in den Bewertungen über die reine Technik hinaus, es oblag den Meistern frei darüber zu entscheiden. Als sie sich zurückzogen konnte er die eigene Anspannung spüren, er hoffte nur, dass er nicht sichtbar zitterte oder zuckte.
Nach einigen Minuten trat die Runde der Meister wieder auf ihre Plätze, nur sein eigener Mentor trat zu ihm vor und legte ihm die Hände auf die Schultern. Als der Alte ihm die Schultern drückte verkündete einer der Meister die Prüfungen als bestanden. Gilurs ernste Miene wurde weicher und löste sich zu einem Lächeln, die Anspannung fiel hinab als würde er einen Mühlstein ablegen. Die alte Amsel wurde umarmt und ein paar engere Bekannte traten heran, um ihm die Schulter zu klopfen oder dagegen zu hauen.
Es dauerte auch die restlichen zwei Tage der Feierlichkeiten, bis es ihm dämmerte, dass dies auch ein neues Leben bedeutete. Nach Abschluss der Lehre verließen sie ihren Meister und zogen in die Welt hinaus um die Traditionen und Geschichten zu erhalten, zu verbreiten und vielleicht einmal selbst in die höheren Ränge ihres Standes aufzusteigen. Zwar diente jeder von ihm seinen Rudel und findet sich dort in der Hierarchie ein aber fernab dessen, einmal pro Weltenlauf, sind sie unter sich und wer weiß die Künste denen sie ihr Leben widmen besser einzuschätzen?
Zum Ausklang der Feierlichkeiten suchte er die Schamanen auf. Einige von den frischen Skalden hatten bereits Vorstellungen wohin sie ihr Weg führt, andere ließen die Runen entscheiden. Er wollte dies der Dame im Wind überlassen und sich in die Welt fortwehen lassen. Von dem Wirken des Schamanen und der Interpretation der Runen verstand er nicht viel aber die Sturmheuler in Wulfgard waren ihm natürlich ein Begriff.
Den letzten Abend verbrachte er gemeinsam mit Gilfur und Esja, zwar würde er sie alljährlich wiedersehen aber der Abschied fiel ihm schwerer als es sollte. Schließlich wusste er bereits einige Jahre, dass er gehen würde. Er entschloss sich dieses Gefühl in seinem Herzen zu verschließen, bis er in der Lage war ein geeignetes Lied oder Gedicht daraus zu machen.

Als der Tag der Abreise kam, wurde er von seinem Meister an eine Gruppe vermittelt, die mit ihrem Schiff nach Sturmouve reisen. Nach wenigen Wochen sollten sie auch, der Dame sei Dank, verschont von den Frühjahrsstürmen dort anlegen.
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