Abschied und Neuanfang – Tag 1
Milered war ein beschauliches Hafendorf. Etwas mehr als 100 Seelen lebten dort. Den Ort zu verlassen, der einem Zeit Lebens eine Heimstatt war, fiel nicht leicht, aber es gab dort keinen Platz mehr für Graham. Zerwürfnisse mit dem Arbeitgeber machten es ihm schwer, vor allem aber war es ein Ding der Unmöglichkeit eine neue Anstellung zu finden in einem so kleinen Ort, wo jeder jeden kannte und jedes Paar Hände seinen Platz hatte. Jedes Paar, außer Grahams, der zwar vom Wesen her ein weitestgehend friedfertiger Geselle war, aber ebenso seine Meinung kundtat, wenn ihm fehlende Wertschätzung und fehlerhafte Arbeit auffielen. Das mochte nicht immer gefallen, schon gar nicht dem Hofherrn, der zuweilen im Suff so seine Fehler hatte und beging. Der erste Fehler war bereits die Sauferei, dem folgten unweigerlich Weitere, und so kam, was kommen musste: Streitigkeiten zwischen Herrn und Knecht über Wochen und Monate hinweg. Irgendwann aber war es dem Herrn genug und warf den Knecht hinaus.
Da das Örtchen am Meer lag und sogar einen kleinen Hafen besaß, kaufte sich Graham von dem letzten Gold, das er besaß, eine Passage über das Meer. Dem Maat erklärte er nur, dass er woanders hinwollte, fort von hier, dahin, wo auch Landsleute zu finden waren, und eventuell Anstellung für einen guten und tüchtigen Knecht. Im Gepäck hatte er die Rezeptur für den Anbau und der Kelterei von gutem Shevanorer Wein. Als das Schiff ablegte, blieb sein Blick auf dem sattgrünen, furchtbaren Landstrich mit seinen Weinhängen ruhen, bis es nicht mehr zu sehen war. Wer wusste schon, ob er Shevanor noch einmal wiedersehen würde. Zurück ließ er eine Menge Erinnerungen, aber nicht viel mehr.
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Die Reise verlief ereignislos und ruhig. Trotz der späten Jahreszeit blieben sie von den berüchtigten Herbststürmen verschont und legten sicher im Bajarder Hafen an. Das Fischerdorf erinnerte Graham ein wenig an Milered. Auch hier gab es einen Hof, nur wenige Seelen lebten dort und im ersten Moment war er fast versucht, dort zu bleiben, fand aber schon bald heraus, dass die Zukunft für ihn mit Sicherheit woanders lag. Viel Gepäck trug er nicht mit sich herum, so dass er es problemlos in die Verwahrung geben konnte. Es galt zunächst etwas zu verdienen und den Brief des Kapitäns abzugeben. Die Zuverlässigkeit unter Beweis stellen wollend suchte er die nächste Schneiderei am Hafen auf und erkundigte sich, wo er den Brief abzugeben hätte. Nach einem freundlichen Gespräch und einem ebenso freundlichen Austausch sowie kleinem Handel verließ er die Stube wieder, um eine gute Reuse reicher, die ihm sicherlich noch von einigem Wert sein würde. Es ging sich gut an in der neuen Heimat.
Die ersten Bekanntschaften schloss er ebenfalls bereits am ersten Tag. Obwohl er erschöpft von der Reise war, besorgte er sich gutes Holz. Es war leichter, wenn etwas Gold in der Katze war, also ging er dem Auftrag nach, den er erhalten hatte. Zwar war das nicht gerade seine Haupttätigkeit, aber Anstellung finden, bedurfte eben der Zeit und ein wenig Geduld. Er hatte bereits eine Empfehlung im Gepäck und wollte es dort zuerst versuchen. Aber bislang hatte er niemanden antreffen können. Also musste er sich behelfen. Selbst während er arbeitete, lernte er jemanden kennen. Einen Mann von äußerster Neugier getrieben, nicht unfreundlich, aber doch jemand, dem er allzu viel nicht direkt erzählen mochte. Nicht, dass er sich für so ungemein spannend hielt, oder Geheimnisse hatte, aber Fremden gleich sein ganzes Leben offenbaren, das war nicht seine Welt. Mochten andere es gerne so halten. Er blieb freundlich, lehnte aber ab einem bestimmten Punkt weitere Auskünfte dann doch ab. Vielleicht ergab es sich mal, dass er ihn wiedertraf. Er hatte sicher nichts dagegen. Sollte sich daraus eine nähere Bekanntschaft entwickeln, war er sicherlich auch auskunftsfreudiger – mit der Zeit.
Gegen Abend zog es ihn schon einmal näher an sein eigentliches Ziel heran. Weitere Bekanntschaften folgten, auch wenn er sich noch nicht sicher war, was er von all dem, was ihm da aufgetischt worden war, halten sollte. Darüber musste er noch nachdenken. Über einen Punkt ärgerte er sich jedenfalls, mehr über sich selbst, als über andere: Er hatte sich direkt am ersten Abend verleiten lassen, sich in Angelegenheiten einzumengen, die ihn absolut nichts angingen. So wurde der Vorsatz gefasst, sich in Zukunft mehr am Riemen zu reißen und zurückzunehmen. Alles in allem schienen es aber Menschen zu sein, mit denen ein Auskommen gut möglich sein könnte.
Erschöpft, gar völlig erschlagen vom Tag, suchte er sich einen Platz in den Stallungen. Noch war es warm genug, um im Heu zu nächtigen, und die Stallmagd hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Zum ersten Mal seit der Abreise empfand er wieder ein Gefühl der Zufriedenheit. Es konnte nur noch besser werden. Davon war er inzwischen überzeugt.