Renne dem Licht entgegen

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Sophie Meshun
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Registriert: Montag 31. Dezember 2018, 13:10

Renne dem Licht entgegen

Beitrag von Sophie Meshun »

"Was fällt dir ein dich an meiner Geldkatze zu schaffen zu machen?" Die Hand des grobschlächtigen Kerls wischte durch die Luft, und warf den Kopf der zierlichen Blondine zur Seite. Der rot glühende Abdruck brannte auf ihrer blassen Wange, als das Mädchen benommen zurück taumelte bis ihr Rücken Halt an der Wand fand. Kaum das sie wieder klar sehen konnte, das sie wieder wahrnahm was um sie herum geschah spürte die junge Frau seine Pranke um ihre Kehle.
"NNRG" Alles Zappeln war hoffnungslos, der Griff des bärtigen Mannes hielt den Hals fest umschlossen als sei die Hand ein Joch aus härtestem Stahl.

Die Farben der Welt verblassten und Nebel von schwarzen Wolken legten sich über die Szene in der kleinen Fischerhütte. So viele Worte hatten sich in der Kehle Sophies aufgestaut, Hilfeschreie und Flehen an ihre Mutter gerichtet, die teilnahmslos beim Ofen saß, die halbvolle Buddel mit Rum noch in der Hand. Ihr glasiger Blick schien als würde er widerstandslos durch den Körper der nahezu bewusstlosen Blondine hindurch streifen. Dann schwanden dem zierlichen Mädchen die Sinne. Für diesen Moment war es mehr Erlösung als Strafe in die Schatten der Ohnmacht hinab zu gleiten.

Ob es Stunden waren oder gar Tage, wusste das Mädchen nicht. Um sie herum war nur kühle Finsternis durchzogen von modrig feuchter Luft. Und auch wenn sie die Hand vor Augen nicht sehen konnte wusste sie wo sie war. Vergeblich versuchte sie aufzustehen. Doch alles was sie vollbrachte war, dass die dünnen faserigen Seile sich ein wenig tiefer in ihre Handgelenke schnitten und dabei leise knirschten als würden sie ihr zuflüstern, sie solle es lieber lassen. Sie hasste den Keller unter dem Haus, auch wenn dies der Vorratsraum war, auch .. wenn sie hier unten immer etwas zum Essen abzweigen konnte. Dieser Ort bedeutete für sie nur Hilflosigkeit. Sie konnte nicht mehr zählen wie oft sie hier unten gesessen hatte, wie oft er sie im Suff verprügelt hatte wegen Schandtaten die er sich einbildete. Sophie musste trotz ihrer Lage lächeln, natürlich hatte sie ihm immer wieder Geld aus seiner Geldkatze gestohlen, aber nicht an den Tagen wo er sich einbildete sie hätte es getan.

Die Luke wurde aufgerissen und beleuchtete die schmale Treppe die hinab führte zum Vorratskeller der Schatten in dessen Rücken die morgendliche Sonne stand, trug einen Rock und ein Kopftuch. Die Blondine traute weder ihrem Vater noch ihrem Bruder solch einen Aufzug zu und so stahl sich Erleichterung in ihre Gefühle.
“Du solltest ihn nicht immer reizen.“ Sophie wollte widersprechen, doch tief drinnen wusste sie, dass ihre Mutter es nicht böse meinte. Mehr als einmal war der Besuch umgekehrt verlaufen und Sophie hatte sie losbinden müssen. Seit sie angefangen hatte ihren Bruder und ihren Vater zu necken, hatte Mama kaum noch blaue Flecken . In monotoner Stille löste ihre Mutter die Seile und gab Sophie sogar einen Krug mit kühlem Wasser darin. Der Blick der zierlichen Blondine hing an den einfallenden Sonnenstrahlen.

Gab es dort draußen eine bessere Welt? Irgendwo? Sie müsste nur rennen, hinein in das Licht.
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Sophie Meshun
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Re: Renne dem Licht entgegen

Beitrag von Sophie Meshun »

Der Winter hatte eingesetzt. Die kalte, klare Luft schlich sich wo sie nur konnte durch Ritzen in den Wänden und Risse in der Kleidung. Ihr Atem kondensierte kaum das er ihre zarten Lippen verlassen hatte. Wenigstens war es im Hühner Verschlag sicherer als drinnen. Sie tranken wieder, wenn man das noch trinken nennen konnte. Eigentlich war es ein Abend wie jeder andere sie versteckte sich bei den wenigen Kleintieren im Stall und ihre Mutter musste dringend auf den Markt oder in den Wald Holz sammeln.
Der Geruch des, Hühnerdung durchtränkten Heus, machte ihr schon nichts mehr aus. Es war bei weitem nicht so schlimm wie sein Atem wenn er wieder mal handgreiflich wurde. Trotz allem war es schwer für sie, ihren Vater zu hassen. Angst ja, die wand sich durch ihren Körper wie ein Dämon und verwandelte ihren Bauch in hunderte kleiner Knoten. Ihre zierlichen Finger glitten über die Holzwand an jenem Spalt vorbei der sich nun in prachtvollem orange präsentierte und somit verlauten ließ, dass die Sonne im Begriff war, sich zurück zu ziehen.

Noch einmal schloss sie für tiefe und lange Atemzüge ihre Augen. Als sie sich schlussendlich aufdrückte in den Stand gackerte eine dürre braune Henne noch einmal ungehalten und hupfte mit flatternden Bewegungen in eine andere Ecke. Ihre Schritte zur Türe waren zögerlich. Nein sie wollte eigentlich nicht ins Haus. Irgendwann würde es jedoch unvermeidlich. Es waren noch vier Schritte bis zur Türe ihr Herz schlug so laut das man es bis drinnen hören musste. Dann erklang etwas, dass ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war kein wildes Tier, dafür waren sie zu nahe am Stadtrand, zwar außerhalb aber nahe genug. Es waren die Stimmen ihres betrunkenen Vaters und ihres Bruders.
„Dann sollten wir das unnütze Ding erst mal mit seiner neuen Aufgabe vertraut machen. Der alte Kerl ist ziemlich gierig auf junge Mädchen.“ Auf die Worte ihres Bruders folgte ein lautes Klatschen und ein Rumpeln als wäre einer der Stühle umgekippt. Doch diese Geräusche wurden von einer dumpfen Stimme grollend übertönt.
„Wenn du deine kleine Schwester anrührst schneide ich dir die Eier ab und verfütter sie an die Fische. In vier Monden hat sie ihren achtzehnten Sommer gesehen, dann schaffen wir sie zum Hof des Alten und lassen ihm die Freude sie zu erziehen. Bis dahin passt du mir auf das sie unschuldig bleibt, IST DAS KLAR?“

Die kalte Luft umfing Sophie und hielt sie, bebend in der Starre von Angst, gefangen. Augenblicke verstrichen, vielleicht sogar eine Stunde, doch von drinnen Erklang nur das füllen von Bechern und das Gluckern wenn die Kerle diese leerten. Aber jene Geräusche vermochten nicht die schockierte Blondine zu befreien. Ihre seidigen Haare wehten, von eisiger Brise getragen, zur Seite.
„Vielleicht wäre es besser, nicht rein zu gehen.“ Die Hand ihrer Mutter auf der Schulter ließ das Mädchen zusammen zucken.
„Geh in den Keller, hinter dem Fass mit Pökelfleisch findest du ein Bündel, nimm es und renne nach Osten soweit du kannst.“
Sophie sah zu ihrer Mutter rauf, ihr Mund öffnete sich um etwas zu sagen... doch kein Ton verließ ihre zitternden Lippen. Es war eine sehr kurze, innige Umarmung welche das vorerst letzte Zusammentreffen der beiden Frauen besiegelte. Mit wehendem Haar lief Sophie zum Keller. Ohne es genauer zu besehen griff sie nach dem Bündel ehe sie wieder die Stufen hinauf hetzte. Aus dem inneren des Hauses hörte sie wieder einen der Wutausbrüche ihres Vaters. Sie musste hinein, sie musste ihrer Mutter helfen. Doch schon nach dem ersten Schritt stockte sie. Würden die Männer sie sehen.. das Bündel sehen.. sie würden es ahnen. Nein! Sie würden es wissen und dann würden weder sie, noch ihre Mutter jemals wieder einen Fuß aus dem Haus setzen dürften. Aber... aber... konnte sie ihre Mutter hier zurück lassen?

„Mama...“ erklang es sehr leise, als wäre das Wort von ihren Lippen gefallen, wie ein Tautropfen von einem sich biegenden Grashalm. Die letzten Worte ihrer Mutter verklangen abermals in ihren Ohren.
'Renne nach Osten soweit du kannst!' und Sophie rannte los. Solange bis die Muskeln in ihren Beinen vor Schmerz zitterten und ihre Lungen brannten. Weg.. sie musste Weg. Sie musste dem Licht entgegen rennen.
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