Vom Osten und Westen - ein Irrgarten

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Mathilda Mandelbaum

Vom Osten und Westen - ein Irrgarten

Beitrag von Mathilda Mandelbaum »

Obwohl es schon spät war, lag sie noch lange wach, auf dem Heuboden der Stallung von Bajard und dachte über den vergangenen Tag nach….


Mutig stapfte Mathilda auf die Schneiderstube zu, ihren Beutel vor sich fest umklammert. Sludig Rattler hatte sie nirgendwo gefunden und Fräulein Merat war die einzige, die sie außer ihm bisher in Bajard kannte und sie war ja auch so nett gewesen und Mathilda war ihr etwas schuldig. Also, lieber wäre ihr gewesen, wenn sie erst gewusst hätte, was in der Kiste wäre, die sie statt eines Fisches aus dem Hafenbecken gezogen hatte. Denn, sie wollte Fräulein Merat eine Freude machen und sich erkenntlich zeigen, für die schönen Kleider. Mit denen nämlich könnte sie sich nun endlich bei den Höfen der näheren Umgebung vorstellen.

Ein beherztes Klopfen und Fäulein Merat öffnet ihr lächelnd die Tür zur Schneiderei. Mathilda fühlte einen Moment der Erleichterung. Den ganzen Tag hatte sie kaum jemanden getroffen, geschweige denn ein längeres Gespräch geführt. Mathilda trat ein und sah, dass die Schneiderin einen Gast hatte. Einen Moment war ihr ihre eigene Naivität peinlich. Was hatte sie erwartet? Der Laden hatte geöffnet und Fräulein Merat musste doch arbeiten. Sie hatte gewiss keine Zeit für einen Plausch und ihre kindlichen Ideen.
Nun stand sie aber mitten in der Schneiderstube mit ihrer Kiste und musste was sagen, was blieb übrig? Also erzählte Mathilda die Geschichte mit der Kiste und schenkte diese Fräulein Merat. Der Herr, der sich als Seyar vorstellte, konnte behilflich sein, das alte verrostete Schloss zu öffnen. Einige vom Salzwasser verfärbte Steine und Münzen befanden sich darin. Als Fräulein Merat deutlich machte, dass die Münzen weitaus genug für die Kleider ausreichend wären, gab sie Mathilda noch Steine, die nach kurzer Politur wohl wieder im Glanze erstrahlen würden. „Als Augen für eine Vogelscheuche“, hatte Fräulein Merat gesagt. Witzig war sie auch noch und immer so adrett. Mathilda mochte sie wirklich gerne. Alles schien hier so einfach und freundlich, hier in Bajard.

Doch ein merkwürdiger Sturm breite sich im kleinen Stübchen aus, umso später der Abend wurde. Mathildas Wunsch nach einer Anstellung und ihrem Traum einst die besten Pferde des Landes zu züchten, entfachte ihn. Unschuldig hatte sie Herrn Seyar und Fräulein Merat ihre Träume offenbart. Doch wie sich herausstellte, erzürnte Fräulein Merat der Vorschlag des Herrn Seyar zutiefst. Dieser bot ihr an, sie im Westen einem Gehöft vorzustellen, welches sich ganz außerordentlich mit der Zucht erstklassischer Pferde auszuzeichnen schien.
Von da an nahm der Abend seinen Lauf und Blitze und Donner türmten sich immer wieder zwischen den beiden auf. Nicht mal Fräulein Merats Dienstmagd Fräulein Winterhain, die dazukam, konnte zur Beruhigung betragen. Wobei Mathilda dünkte, dass auch sie den Westen als dunklen Fluss der Verdammnis betrachtete. Mathilda hingegen verstand von den stetigen Schlagabtauschen nur die Hälfte. Herr Seyar war ein freundlicher junger Mann, der ihr scheinbar wirklich nur das Beste wollte. Er gebar sich höflich und dennoch lag ein Schatten über ihm. Nähe und Mathildas überschwängliche Art schienen ihn zu stören, zumindest zu irritieren. Und dennoch… Er war geduldig mit ihr und bezeugte sein großes Interesse an ihren Zukunftsplänen, die einen Mann wie ihm doch gleich sein konnten. Sie vertraute aber Fräulein Merat, die unmissverständlich zu verstehen gab, dass der Westen Mathildas Untergang, gar Tod bedeuten konnte. Und wie das Fräulein das tat! Ihre Zunge war schärfer als jede Klinge und dennoch brachte sie kaum etwas aus der Ruhe. Und Herr Seyars Zunge konnte dem gut entgegenstehen. Beide lieferten sich gewitterartige Wortgefechte ohne einen Moment die Fassung oder ihren Stolz zu verlieren.

Mathilda versuchte sich aus all diesen Informationen ein Bild zu machen. Adoran, Rahal, Bajard… eigentlich nur Städte. Ost und West… eigentlich nur Himmelsrichtungen. Krieg und Frieden… Wut, Enttäuschung, Angst.

Kein Licht ohne Schatten, kein Schatten ohne Licht!

Dabei saßen hier doch zwei Menschen aus Ost und West beisammen, die sich auf ihre Art irgendwie ähnlich waren. Es hatte fast etwas, als ob zwischen ihnen ein Funke Leidenschaft strahlte, denn jedes Thema wurde zum erneuten Anlass genommen, um wieder anzufangen, sich gegenseitig die Blitze zuzuwerfen.

Schlussendlich hatte Mathilda schon ganz zu Anfang angeboten, sich um Herrn Seyars Pferde hier in Bajard eine Woche lang zu kümmern, um ihm zu zeigen, wie wichtig der richtige Umgang mit den Tieren war. Natürlich wollte sie ihn auch von ihren Fähigkeiten überzeugen. Und bei ihrem Wort blieb sie.

Sie hatte Pläne! Umso mehr Menschen ihr vertrauten und sich ihres guten Umgangs mit den Pferden überzeugt hatten, desto mehr treue Kunden würde sie in einigen Jahren haben, wenn ihre Lehre vorbei und ihre Pferdezucht aufblühte! Nun gut… Zunächst einmal musste und wollte sie auch das Bauernhandwerk von der Pike auf lernen, denn das war notwendig. Nur Pferde zu halten reichte nicht. Es musste das richtige Futter für jedes einzelne Tier sein, es musste ausreichend Platz geben und es bedurfte vieler guter Kontakte, Sattler, Schmiede, anderer Bauern….. Und, so wusste Mathilda, ein Handwerk musste in allen Facetten erlernte werden, um es in Perfektion einst zu beherrschen….

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlummerte sie endlich langsam ein… Das letzte Bild waren Fräulein Merat und Herr Seyar, wie sie mit Mathildas edlen Pferden über eine grüne Wiese um die Wette galoppierten….
Zuletzt geändert von Mathilda Mandelbaum am Sonntag 26. August 2018, 11:25, insgesamt 1-mal geändert.
Mathilda Mandelbaum

Beitrag von Mathilda Mandelbaum »

Sie hatte im Westen eine Anstellung gefunden und fühlte sich fast auf Anhieb heimisch. Fräulein Xardel brachte ihr jeden Tag eine Menge bei und gab ihr doch viele Freiräume, um sich selbst auszuprobieren. Demian hatte etwas Väterliches. Er kümmerte sich rührend um sie und stand ihr mit Rat und Tat beiseite. Auri hatte sie schon fest in ihr Herz geschlossen und nicht mehr vor, sie wieder loszulassen. Shianna war ihr offen und beinahe freundschaftlich begegnet und selbst die Statthalterin, Frau Crain, war hilfsbereit und wies keinerlei Attitüden auf, die Mathilda verunsichern könnten. Natürlich gebar sich Mathilda möglichst höflich, um ihrer Stellung Respekt zu zollen. Sowieso waren alle ihr schon ans Herz gewachsen.

Alles schien schon nach einigen Tagen wie von gewohnter Hand zu gehen, einzig der Ackerbau bereitete ihr Kopfschmerzen und ließ sie manches Mal sehr verzweifeln.

Allerdings zog es sie auch noch manchmal nach Bajard, wo sie Ivit, Fräulein Merat, gerne besuchte. Und merkwürdigerweise war auch Seyar oft dort.
Irgendwas ging dort von Statten, das Mathilda noch nicht begreifen konnte.
Und an jenem Abend,als sie bei Ivit einkehren wollte, um zu sehen, ob sie wohlauf ist, nachdem Seyar einige besorgniserregende Anmerkungen bezüglich Ivitis möglichen Wegen gemacht hatte. Ivit sah wahrlich nicht gut aus. Blass, durcheinander, längst nicht so schlagfertig, aber Fieber hatte sie keines. Sie meinte, sie habe zu viel des Likörs getrunken, den Mathilda am Abend zuvor mitgebracht hatte und sogar welchen auf ihrem Rock verschüttet.. Aber.. konnte das sein? Ivit wirkte immer so kontrolliert und selbstbestimmt. Mathilda konnte sich nicht vorstellen, dass Ivit wahrlich von sich aus zu viel getrunken hatte. Als Herr Seyar dazu kommen wollte, verwies sie ihn, etwas frech, einen Moment draußen zu warten. Sie wollte Ivit beschützen! Ivit glaubte war, dass sie Mathilda beschützen müsse, aber sie irrte sich. Irgendetwas war im Gange und das betraf Ivit höchstpersönlich.
Diese musste oder wollte aber zum Schrein der Temora und somit blieben Seyar und Mathilda zurück, um auf sie zu warten. Mathilda ging weiterhin irgendwie davon aus, dass es geschäftlicher Natur war, weswegen Seyar die Schneiderin aufsuchte. Oder aber…. Er mochten sich…. Was beide natürlich vehement abstritten. Und so ganz konnte sich das Mathilda auch nicht vorstellen. Unterschiedlicher konnte man kaum sein und doch… Gegensätze zogen sich bekanntlich an.

Seyar und Mathilda setzten sich auf die Bänke in der Nähe von Ivits Haus und Mathilda nutze die Gunst der Stunde, um mehr über Krat’hor, den Seelenfresser, herauszufinden. Der Abend wurde lang und die Gespräche nahmen Wendungen an, die nicht vorhergesehen waren… Mathilda lachte oft, doch lachte Seyar auch? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Immerhin lächelte er ab und an und sie war guter Dinge, dass es ehrlich war.

Ehrlichkeit, Glück, Zufriedenheit… Zukunft und die eigenen Ziele. So viele Themen, die Mathilda schon lange auf der Seele brannten und doch hatte sie diese noch nie mit jemanden geteilt. Ein gänzlich verwirrender Abend mit neuen Einsichten, Erkenntnissen und Herausforderungen. Nur selten konnte ihre direkte Art durch seinen Panzer der Kontrolliertheit durchbrechen und wenn es ihr gelang, nur für einen Moment, einen Wimpernschlag… Dabei hätte sie so gerne noch viel mehr von ihm erfahren. Aber vielleicht… eines Tages.

Seyar brachte sie noch bis zum Nordwinkelhof und nachdem sie sich am Tor verabschiedet hatten, schlich Mathilda die Treppen hinauf. Vermutlich war niemand außer ihr hier, aber sie war spät dran, es war schon mitten in der Nacht..

Oben angekommen stieg sie in den Badezuber und genoss das warme Wasser. Ihr hatte eine Zeit lang schon gefröstelt, aber noch mehr Schwächen wollte sie Seyar nicht antun, also hatte sie die Kühle der Nacht tapfer ertragen. Er hatte genug ihrer unkontrollierten Redeflüsse und Gefühlsdarbietungen ertragen…. Mathilda lachte leise auf und tauchte unter.

Abgetrocknet, die Haare frisch gewaschen und geflochten, streifte sie das Nachtkleid über und schlüpfte unter die warme Daunendecke. Der Blick schweifte aus dem Fenster zum Sternenhimmel, wo sie mit den Augen den großen Wagen nachzeichnete. Lange ließ sie den Abend noch einmal in ihrem Inneren vorbei laufen… Zwei Sätze blieben zurück: Glück vermehrt sich, wenn man es teilt und es gibt kein Licht ohne Schatten….
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