Glaubensfindung und Sinnkrisen

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Niathael Carrtha

Glaubensfindung und Sinnkrisen

Beitrag von Niathael Carrtha »

Es war schon spät nachts, es war eigentlich immer spät nachts - der Bursche konnte sich gar nicht mehr daran entsinnen wann er einem geregelten Rythmus das Letzte mal nachkam. Ständig war Etwas zu tun, ohne wirklich um Kundschaft bemüht zu sein - auch war es weniger die eigentliche Arbeit als viel mehr die ein neuartiges Beschäftigtsein ...

In rastlosen Gedanken schwelgend lag er da - mitten im Maisfeld des Gutshofes - die Augen gen Sternenzelt gerichtet, die Ohren vernahmen eine gleichsam taktvolle Melodie des Bauernhoforchesters. Die Kühe schnauften als kollapierten sie jeden Moment vor Luftmangel, die Schaniere des alten Hintertürchens quietschen bei jedem Windstoß und das Blattwerk der prächtigen Apfelbäume raschelte als Untermalungsmusik. Grillen zirpten, die Pferde tappelten unruhig in ihren Stallungen, vereinzelt gackerte eine Henne weil sie sich durch die viel zu dicht neben sich schlafende Leidensgenoßin bedrängt fühlte. Der Himmel zeigte sich in einem samtschwarz, die Sterne wie Abziehbilder in einer ganz bestimmten Konstellation daran angebracht, ringsrum nur vereinzelt rauchgraue Wolkenschleier.

Vor Jahren war Alles noch so einfach gewesen, so als unbescholtener, kleiner Junge. Als wäre es gestern gewesen ... *eine verhungert wirkende Hand, geballt zu einer schwächlich-zittrigen Faust deren Fingerknöchel nun an die hölzerne Gutshoftür klopfen* Da stand sie dann - Leanne. Der erste Mensch in seinem Leben bei dem er das Gefühl hatte sich heimisch zu fühlen. 'Gu-Guten Tag, mi Lady' entgegnete er ihr damals nahezu im Wisperton, sofort ein herzliches Lächeln der Hofherrin bekommend. Obwohl es nie ausgesprochen wurde und eigentlich auch nie zur Debatte stand, war sie in seinen Augen für ihn wohl ähnlich einer Mutter zu einem Sohn. Auch mit Julia, Lairja und Silwen verband ihr nur gute Erinnerungen. Es war eine herrliche Zeit sich in ein Gefüge hinein zu entwickeln das so vollkommen war - und das war Es, jedenfalls für ihn.

Irgendwas schien ihm jedoch zu fehlen. Er hatte schon vor Wochen mit Lairja am Küchentisch gesessen, sie ausquetschend über ihre Glaubensansichten. Irgendwie schien er Talent zu haben die junge Magd völlig zu irritierten, andererseits zog er immer einen sehr großen positiven Effekt aus diesen Dialogen - Nachdenklichkeit! Lairja hielt sich wahrscheinlich für eine einfache Person, zwar nicht wortkarg aber ziemlich weltfremd und trotzdem waren ihm ihre Worte stets von großer Bedeutung.

Er war nie religiös erzogen worden, .. doch schnell war ihm klar was für einen Einfluß auf das Wertgefüge die verschiedenen Glaubensansichten der Menschen in seinem unmittelbaren aber auch weitreichenderen Umfeld hatten. Während man ihm oft vorlebte wie einfach es war Alles in ein altbekanntes Schema nach Gut, Neutral und Böse einzuteilen, schein es dem Jungen aber gar nicht so leicht zu fallen sich selbst einzuordnen. Seiner Meinung nach war er Gut. Er war insofern Gut, das er nie einem Menschen willentlich was wirklich Böses tat, noch hatte er viele Feinde oder die Hang zu klischeehaftem Sadismus. Und trotzdem - er hatte keinen Bezug zu Jenen die das Gute darstellten, ganz im Gegenteil, er kannte nun nichtmal wirklich praktizierende Leute dieser Partei.

Dann irgendwann schlief er wohl ein, ... mitten im Maisfeld, neben ihm ein Buch pechschwarzen Einbands. Der Wind schlug die Seiten hin und her, blätterte mal hie mal da, es war kaum möglich zu eruieren auf welcher Seite er stehen geblieben war, doch nehme man sich einen Moment länger Zeit es genauer zu studieren würde man wohl das ein oder andere Eselsohr an prägnanten Seiten erkennen, nämlich über Rahal, seine Gesellschaft, die Glaubensansäßigen und Letharen.
Niathael Carrtha

Beitrag von Niathael Carrtha »

Sasyka's Worte hatten sich tief in sein Gedankenkonstrukt eingehämmert: 'Es gibt zwei Lager - das eine hat Macht und das andere unterliegt dieser Macht. Es liegt an Jedem selbst seine Wahl für sich zu treffen.'

Er sah sich vor der Eingangstüre zum Bajarder Guthofs stehen - unter der morschen Holztüre züngelten rauchgraue Nebelschwaden hervor, deren Form an greifende, skelletierte Finger erinnerte. Das Anwesen schien in einer dichten Nebelbank zu hängen und es war ungewöhnlich kalt, nahezu eisig - es fröstelte ihn. Seine Lippen liefen blau an, in den Haaren hing der tauende Frost, Nasenspitze und Wangen waren dezent gerötet. Wie in einem gläsernen Schleier schob es ihn durch die einzelnen Räumlichkeiten. Da saß Silwen, den Köter ein die Speisereste darbietend. Im Hinterzimmer arbeite Julia, einen Schrieb unterzeichnend. Im Innenhof war Lairja am Werk, ein paar Blumentöpfe in das Gemach hinter den Stallungen schaffend. Alle bewegten sich unheimlich schnell. Wie eine Diashow zog es wieder an ihm vorbei. Leanne die gerade dabei war mit ein paar wichtig aussehnden Leuten über den Eßtisch hinweg zu dialogisieren. Lairja die einen kleinen Jungen an der Hand hielt und eine Truhe auf dessen Deckel 'Silwen' eingeritzt war. Alle ignorierten ihn. Keiner schien ihn überhaupt zu bemerken. Wieso sagte Lairja nichts? Und warum widmete ihn Leanne keines Blickes?

Schweiß gebadet riß es ihn hoch! Sofort tastete seine Hand unsicher nach dem Buch. Auf die Unterarme stützend sah er sich paranoiden Blickes um.
Niathael Carrtha

Beitrag von Niathael Carrtha »

Was war denn verdammt nochmal mit ihm los? Er begann energisch seinen Kopf zu schütteln doch die Gedankenlast wollte nicht weichen. Stetig pulsierte ein leises Klopfen im Bereich seiner Schläfen, während er das Gefühl hatte nicht nur sauerstoffarmes Blut krieche seine Venen zurück zum Herzen.

Wieso starrte dieser Mann so? Der Bursche sah auf. Ein mittvierziger saß auf der alten Holzbank zwischen den Feldern. Er kannte den Mann. Bisher hatte er immer gedacht er wäre ein Bekannter von Leanne. Komisch nur das er auch oft da war wenn Alle außer Haus waren. Die mandelbraunen Augen in mitten eine vollbärtigen, zerfurchten Gesichtes. Der Ältere schien gepflegt - sein Gewand war penibel sauber.

Die Tür zum Innenhof verschließend, warf er noch einen Blick über seine Schulter, der Mann sah ihm nicht zu seiner Erleichterung nicht nach. Die Küche war wie immer aufgeräumt - Lairja sei Dank'. Systematisch durchstöberte er die einzelnen Hängeschränke nach Köstlichkeiten, wobei es sehr schwer war sich zu entscheiden, denn es glich einem Lebkuchenhaus in verschachtelter Form. Mit einer Schüssel in der linken und dem Löffel in der rechten bahnte er sich seinen Weg ins Laborzimmer. Wieso roch es hier schon wieder so ekelhaft? Es war der Gestank nassen Hundefells, es fischelte!

Nun war auch deutlich das Bellen aus dem hintersten Zimmer zu hören. Langsam drückte er junge die Türe zum Zwischenraum auf, welcher noch zwischen ihm und dem Köter lag. Ein kratzendes Geräusch von der Innenseite der Zimmertüre. Da wohnte seit Wochen niemand mehr drinnen ...
Niathael Carrtha

Beitrag von Niathael Carrtha »

'Du schon wieder.' - so oder so ähnlich wäre Niathaels Blick in jenem Moment zu deuten gewesen als er den Buben beim Besprechungstisch sitzen sah. Die feuerroten Haare, seine zahlreichen Sommersproßen und diese doofen Hasenzähne paßten irgendwie überhaupt nicht zu dem Kleinen dessen Blick diabolisch auf Nia ruhte.

Du bist ne' echt armseelige Kreatur. zischte Er.
Niathael schwieg.
Deine Eltern war'n bestimmt n' debiler Troll und ne' läufige Füchsin. kicherte Er.
Niathael schwieg.
Du kannst mich nicht ignorieren! brach es aus dem kleinen Balg heraus, dessen Stimme nun ganz und gar nicht mehr der eines etwa zehnjährigen entsprach - sondern einen Ton markierte wie ein fünfzigjähriger, kettenrauchender, alkoholversiffter Prügel.

Rasch wandte Nia um, die Tür zum Besprechungszimmer hinter sich zuwerfend. Sein Herz kletterte langsam seinen Hals hoch, vor der Klippe die seine Zahnreihe darstellte innehaltend um noch einmal tief durchzuatmen bevor es den Sprung ins die ewige Freiheit machte - einem Lemming im Frühjahr gleich.

Völlig erschöpft hangelte er sich an den hölzernen Tischen entlang. Seine Kniegelenke konnte er kaum noch durchdrücken, so schwer fiel ihm jeder einzelne Schritt. Mühsam kroch er die letzten Meter zum pompösen Steinstuhl und bettete seinen Kopf schließlich auf der steinernen Arbeitsplatte. Seine Pupillen wechselten zwischen maximaler Weite und minimalster Enge. Sein Zittern durchfuhr seinen Körper, ehe er sich übergab - den leeren Mageninhalt, entsprechend grünlichem Magensaft.
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