28. Cirmiasum im Jahr 261, Gegenwart
Die Welt sah zu, wie sich Sonne und Mond in ihrem ewigen Kreislauf von Licht und Schatten die Hand gaben, als sei das Spielbrett von Eluives Schöpfung nichts weiter als eine Münze, von einem findigen Taschenspieler in einer fernen Spelunke zur Erheiterung seiner Zuschauer kunstvoll in Rotation versetzt.
Riordan hatte sich seit seiner Ankunft stets Zeit genommen, um dem Übergang beizuwohnen, dem riesigen, roten Feuerball zugesehen, wie er in der Endlosigkeit des Ozeans verschwand, nur damit der Mond sein silbrig-fahles Licht auf die Welt schicken und Gerimor das Zwielicht schenken konnte. Das Mondlicht im Wald, es hatte auch heute noch eine magische Bedeutung für den aus Werlental stammenden Mann. Auf den Schwingen der Nacht kam die Freiheit, die er als Kind erstmals gespürt und gekostet hatte, die sich in seiner Hand entfaltet hatte, wie ein junger Spatz, der im Schutze seiner Hand seine Schwingen auszubreiten begann und zu seinem ersten Flug ansetzte. Er hatte seit diesem Tag das erste mal einen Blick in die Welt erhalten, den er bis dahin weder gekannt hatte, noch in seiner ganzen Konsequenz begreifen konnte, als er erstmals vom Nektar gekostet hatte, der in Absenz zu Mulmul Merat gebraut worden war.
Gerimor war bis seither ein Geschenk gewesen. Das Eiland entfaltete sich vor Riordan Vincent Merat in seiner ganzen Schönheit und bescherte ihm erstmals in seinem Leben etwas, das man Unbeschwertheit nennen konnte. Der Wald teilte seine Gaben mit ihm, wenn er ihrer bedurfte und der Kontakt zum Rest seiner Sippe war schneller hergestellt, als er dachte. Für diesen Fall hatte Riordan sich zwar ein Konzept zurechtgelegt, hatte aber kaum damit gerechnet, dass er sich so schnell zwischen die Reihen der Fanras’ und Merats drängen konnte, wie es am Ende geschehen war. Er schätzte ihre Gesellschaft mit der Ausnahme einiger weniger nicht besonders, wollte aber um jeden Preis vermeiden, dass der alte Mulmul es vermochte, ihn über den nach Gerimor ausgeworfenen Arm der Familie ihn in irgendeiner Form zurückzuholen. Wie sich erfreulicherweise herausstellte, hatte die Skepsis, die der Rest der Familie gegenüber seinem Vater hegte, auch die Überfahrt überstanden. Das war nicht nur beruhigend, sondern erleichterte es ihm auch, eine gewisse Distanz zur Familie zu wahren. Wer auch immer das Familienschwert finden würde - es war Riordan im Grunde gleich. Hier, inmitten der Wälder der Königsinsel, inmitten der Harmonie die ihn so liebevoll umschmeichelte, wie es der Leib einer Frau nie gekonnt hätte, verloren derlei Zwiste ihre gesamte Relevanz für ihn. Die Natur dieser so einzigartigen Insel war für ihn nicht nur die Krippe seines Wohlergehens, sondern vor allem auch Zufluchtsort. Bis zuletzt sorgte das ameisenhafte Wimmeln der Menschen bei ihm dafür, dass er sich diesem unüberblickbaren Haufen an Menschenleibern entziehen wollte, keinesfalls von ihrer Mitte kosten und erst recht nicht in ihrer Menge baden wollte. Es war ein unbestimmtes Unbehagen, was ihn stets von den großen Orten abtrieb und die Ruhe der Wälder umso erstrebenswerter wirken ließ. Den Markt in Berchgard hatte er darob auch nur überstanden, indem er zunächst in endlosen Zyklen um den Marktplatz gewandert war, bis er am Ende doch an einem Stand etwas erstand - der Umstand, dass die Thyrin Hekja ihm zuvor bekannt gewesen war, erleichterte ihm das Unterfangen unendlich, wenngleich er das Weite dennoch so rasch suchte, wie es ihm möglich war.
Die Menschen. Die Anderen. Sie alle wollten schliesslich etwas von ihm. Ihre Fragen drangen auf ihn ein, zwangen ihn zur Selbstoffenbarung und verloren sich in der Belanglosigkeit des Miteinanders. Wie Riordan derlei hasste. Ob nun durch die Harmonie der Wälder bestärkt, durch die innere Ruhe, die ihm treuer Begleiter geworden war, oder nur aus der Laune einer plötzlich auftretenden Güte heraus, hatte er die Silhouetten einiger Menschen kürzlich nicht einmal gemieden, als sie im Unterholz auftauchten, sondern sich ihnen vielmehr sogar noch genähert. Wie sich am Ende jedoch zeigte, weckte Freundlichkeit widerum auch Begehrlichkeiten und wo er sich um Verständnis und Einträchtigkeit bemühte, begann die Zeit sich zäh zu biegen und ihn mehr und mehr mit der Welt derer zu belasten, die sich im Drama das Miteinanders sonnten, sich Probleme schufen und anschließend von anderen Hilfe erwarteten. Aus einer Stunde, einem Nachmittag, einem Abend erwuchsen sich Ansprüche, die Riordan fremd gewesen waren und auf die er mit wachsender Irritation und bald schon mit Distanz reagiert hatte und bereitwillig dem Ruf der Einsamkeit gefolgt war, wenn das Drängen der Menschen zu groß wurde. Der Merat-Abkömmling hatte sich zunächst gefragt, ob der Preis der Freiheit, die er hier wie eine süße Droge zu schätzen gelernt hatte, eben jener war, dass man sich nicht an das Miteinander binden durfte.
Für die Tierwelt galten hier freilich andere Regeln: Zunächst war ihm nur ein streunender Hund aus Adoran gefolgt, offenbar in der Hoffnung, dass ihn am Ende von Riordans Weg eine Mahlzeit erwarten könnte - und die Persistenz des Tieres wurde in der Tat belohnt. Dies war ein Konzept, welches er ebenfalls auf Gerimor wohl erlernt hatte: Tiere kannten ehrliche Dankbarkeit. Sie übten sich nicht in Niedertracht, Lüge oder überraschenden Erwartungen. Sie waren mitunter wahrhaftiger als die Menschen, weshalb der Merat bald schon die Einsamkeit des Waldes in beständiger Regelmässigkeit gegen die Besuche der streunenden Hundetiere eintauschte, sich an ihrer Gesellschaft erfreute und beschloss, dass die am Himmel vorüber ziehenden Wolken, seinen Leib in eine Bucht aus caninen Fellträgern gebettet, der Inbegriff der Perfektion waren.
Diese Eintracht verließ Riordan mittlerweile nur noch mit gutem Grund - so auch an diesem Tag. Der Entschluss, vor dem Silberfall der Nacht noch an die Ausläufer Varunas zu reisen, in der Hoffnung für eine bestimmte Tinktur Grabmoos beschaffen zu können, führte den Merat unter der Nachmittagssonne zunächst bis nach Bajard, wo er ein noch ausstehendes Geschäft mit einer Dame zweifelhaften Rufes erledigen konnte - zumindest ließ die Natur dessen, was sie von ihm auserbeten hatte, darauf schließen. Der Handel jedoch versprach eine lohnende Münze für wenig Aufwand und wo es nicht der Sog der Mitmenschen war, die ihm seine neu gewonnenen Flügel mit ihrer Gesellschaft stutzen konnten, war es mithin ein Mangel an Zahlungsmitteln, der einen Zaun um seinen Aktionsradius bestimmen konnte. Und dieser war heute etwas gewachsen. Was die Freiheit kosten mochte, bemaß sich also mithin auch in einer Menge geprägter Münzen. Er hatte Bajard schnell erreicht, weshalb er die Redseligkeit seiner Gegenüber gleichwohl nicht verstreichen ließ - wenngleich wenig erstrebenswert, hatte die Erfahrung gezeigt, dass so manch’ geliehenes Ohr anderntags eine Tür öffnen konnte, die sonst verschlossen geblieben wäre. Darüber hinaus hatte das Fräulein sich die Gesellschaft eines Rabentieres erschlichen, für Riordan also durchaus ein Grund, einen Blick in das Fenster der Mitmenschlichkeit zu werfen. Er bewunderte die Intelligenz dieser glanzvollen Tiere, wenngleich die ihnen nachgesagte Nähe zum Seelenfresser stets ein Grund war, ihnen nicht zu sehr zum Freund zu sein. Es gab einen Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube - das wusste Riordan und in Bezug auf die Rabenvögel hatte er noch nicht vollends entschieden, auf welcher Seite das schwarz-gefiederte Tier stand. Auch an diesem Tag lag in den Augen des tiefschwarzen Tieres eine Tiefe, die einem Bannspruch gleichkam, einem Sog den man um seine Beine spürt, wenn man durch hüfthohes Gewässer watet und nur schwer gegen die Strömung angehen kann.
“Ich hole eben das, was ich euch schulde.” verhallten die Worte seiner Handelspartnerin im Nirgendwo der Welt, während Riordan das Tier betrachtete, welches seinerseits seinen Blick so starr erwiderte, als seien ihre Augäpfel Gestirne, die man auf eine Konstellation gesteckt und sie in perfekter Einigkeit angeordnet hätte. War das Fräulein noch da? War sie schon gen Bajard gegangen? Riordan wusste es nicht, waren doch diese nachtschwarzen Brunnen ewiger Weisheit in den Augenhöhlen des Rabenvogels so vereinnahmend, dass das Umfeld in den Hintergrund getreten war, ehe sie ihn eintauchen ließen, der schwarze Spiegel des Raben sich teilte und zahllose, gewaltsame Tode aus den Augenbrunnen plätscherten als hätte jemand an der Förderkurbel mit besonderer Vehemenz gedreht. Sterbende Menschen, in Qual und Pein vergehend, panisch und verzweifelt, purzelten aus der Unruhe der tiefen, schwarzen See in das Augenband von Rabe und Mensch, gleich einem Hammerschlag, der einen Dorn der Gewalt in den Kopf des Mannes getrieben hatte, dessen Interesse für das Rabentier zunächst nur unverfänglich und nun der Hilflosigkeit preisgegeben war. Noch ehe der Geist so recht begreifen konnte, was er sah, führte die Welt Riordan so schnell wieder zurück in die Umwelt, wie er ihr entrissen worden war und ließ ihn zurück mit der Frage ob das, was er soeben durchlitten hatte, real gewesen war. Der irritierte Blick des Fräuleins zu seiner rechten schien ein vager Hinweis darauf, dass nur er gesehen hatte - oder zu sehen geglaubt hatte - was ihn plötzlich so konzeptlos erscheinen ließ.
Ein weiterer Blick zum Raben, der nun wieder wie das harmlose aber weise Tier wirkte, für das er anfangs gehalten wurde, machte die Situation nicht besser und Riordan beschloss, dass es Zeit war, schleunigst das Weite zu suchen - denn soweit es ihn betraf, gab es keinen Grund, diesen Gedankenbildern weiter nachzuspüren - nicht einmal im Ansatz. Zur sichtbaren Verwunderung des Fräuleins suchte Riordan rasch das Weite und überdachte bei der folgenden Kutschfahrt noch einmal den Gedanken, am späten Tage die Grabstätte bei Varuna aufsuchen zu wollen. Am Ende war es die Erkenntnis, dass er nun schon beinahe am Ziel war und es Verschwendung wäre, nicht zumindest einen Blick zu riskieren.
Riordan erreichte bald schon darauf die dunklen Überreste der einst großen Stadt, die bereits aus der Ferne das Schaudern aufwallen ließ, das er auch stets in Mulmuls Anwesenheit verspürt hatte. Mit den Jahren war es weniger präsent, kontrollierbarer geworden und doch umwehte diese Ruinen der gleiche Hauch von Verdorbenheit, den Riordan auch im Kern von Markus Umbresius Merat stets vermutet hatte. Die Tatsache, dass er an dem Ort, den er aufzusuchen gewillt war, auf wandelnde Tote treffen würde war mittlerweile zu einer bitteren Normalität geworden, ohne dass es dadurch weniger akzeptabel wurde. Das Fräulein Silberfall hatte Tage zuvor noch von den Rabendienern und Krathor gesprochen, ein Thema, welches Riordan dazu veranlasst hatte, ihre Anwesenheit zunächst zu meiden. Es gab zwar keine Hinweise darauf, dass sie mit diesem Pack im Bunde stand, doch war er der festen Überzeugung, dass alles schlechte den Weg zu einem leichter fand, wenn man nur oft genug darüber sprach. Und im Falle des Seelenfressers hatte er wenig Interesse daran, über den Inhalt von Schauermärchen hinaus mit seinen Dienern Bekanntschaft zu machen. Ein kurzer Gedanke flammte im Zwiedenken auf, ließ ihn an den Raben vom Lagerfeuer denken, als er den Friedhof betrat. Vielleicht war es am Ende doch nicht so abwegig, dass die gefiederten Tiere die Boten des Seelenfressers waren. Umso schneller überführte Riordan also die wandelnden Toten, die sich ihm näherten in einen Zustand vieler Einzelteile, eingeläutet durch das Seufzen und Schmatzen der zerfallenden Körper, von zu vielen Wunden und Schnitten ihrer Stabilität beraubt. Angewidert und mit Ekel im Blick wischte Riordan die Klinge ab und wollte soeben die Gräber nach dem begehrten Moos absuchen, als das sonst so lebhaft in seinen Adern pulsierende Blut förmlich rückwärts zu fließen begann.
“Ah, ein Gast. Willkommen in meinem Heim, Fremder.”
Da war sie wieder, die Dunkelheit, die er in seinem Rücken spürte, die Kälte, die ihm in die Glieder kroch und der lange Schatten des unbestimmten Bösen, dem eine Form gegeben wurde. Der Stab mit Rabenikone sah ihn so starr und unbestimmt an, wie es die schwarzen Rabenaugen zuvor getan hatten und die behelmte und berobte Figur hüllte sich in einen Mantel irritierend-wahnsinniger Gastfreundschaft, welche die Freundlichkeit der gesprochenen Worte so perfekt in eine Todesdrohung zu verdrehen wusste, dass sich Riordan der Magen umdrehte. Der Blick wanderte über die möglichen Fluchtwege derer sich zu diesem Zeitpunkt nur wenige boten: Hinab in die Gruft - oder, die weniger erstrebenswerte Variante: Kämpfen.
“Seid versichert, dass Euch von mir keinerlei Gefahr droht …”
Der Teil von Riordan, der nichts weiter wollte, als diesem Ort zu entfliehen, der einem scheuen Reh gleich fürchtete, dass er - ohne es zu wissen - zur Schlachtbank getrabt war, sah der behelmten Kreatur entgegen. Gab es eine verdrehte Logik in diesem Wesen? Eine, die am Ende die dritte Alternative war, die ihm seine durch die Finger gleitende Freiheit zurückgab, wenn er nur lange genug durch hielt? Hoffnung, du ekelhafter Sporn, du Verführer.
“Ich möchte Euch als Gastgeber nicht im Vorgarten stehen lassen.”
Die kalte Hand wies zur Gruft, deren Stufen Riordan wie in Ketten gelegt erklomm, am Ende weder über den Mut verfügend, sich der schwarzen Kreatur zu stellen, noch auf flinke Beine vertrauend.
“Nur ein kleiner Schritt. Bei nächster Gelegenheit, nehme ich die Beine in die Hand.” dachte sich Riordan Vincent Merat, erstmals ohne einen Ausweg seit seiner Ankunft auf Gerimor.
Die dunklen Korridore der Krypta vor Varuna empfingen den Merat mit der Trostlosigkeit der rastlosen Toten, die darin wohnten. Uralte Gänge vereinnahmten seine Sinne mit der feuchten und modrigen Luft, durch welche der Diener Kra’thors Riordan wie einen Fremdenführer geleitete. Die vermutlich nur gespielte Noblesse eines Hausherren, der einen geliebten Gast empfing, wirkte so verdreht, so fernab dessen, was der Verstand von Riordan kannte - kennen wollte - so dass es mit jedem Schritt schwerer wurde, die vermeintlich höfische Freundlichkeit, die Glorifikation dieses tiefen Übels, was hier unten wohnte, zu ertragen. Der Diener Kra’thors erging sich in der Geschichte über Varuna, den Fall der Stadt und die darunter begrabenen Toten, die sie noch immer bewohnen. Was für den Rest der vernunftbegabten Welt eine furchtbare Tragödie, war für diesen verdrehten Mann offenbar nichts weiter als eine neue Gelegenheit, schlicht eine andere Seite des Buches der Existenz. Riordan spürte erneut Übelkeit in ihm aufsteigen, während die Hoffnung sich immer weiter zu einem schwachen Flackern im dichter werdenden Nebel vertaner Gelegenheiten reduzierte, je weiter er sich dem Ausgang entfernte. Das Klackern und Schmatzen der rastlos ins Widerleben geschlagenen Leichen und Skelette hörte sich indes an, wie das Lachen derer, die schon lange vor ihm in die gleiche Falle der Hoffnung getappt waren und dafür bezahlt hatten.
“Kommt, ich zeige Euch meinen Garten.” lockte die Stimme des Mannes, der sich einem der schlimmsten Übel unserer Welt verschrieben hatte. Ein Garten. Riordan schöpfte erneut, naiv und in völliger Unkenntnis, die Hoffnung, in einem grünen Garten aufzuwachen, während sich die dunklen und feuchten Gänge nicht nur um ihn selbst, sondern um seinen Geist zu wölben drohten. Die Krypta mutete an, wie die Innereien eines übermächtigen und uralten Kolosses, durch dessen Lebensadern er wider freien Willens geführt wurde, bis sie schließlich in der Tat an so etwas wie einem Garten Halt machten, einem verdrehten, feuchten Ort, aus dem Pilze wie golemgleich empor gewachsen waren und ihm inmitten dieses Strudels aus Totenwahn am Ende doch zunächst ein Hoffnungsanker waren: Die Natur besteht selbst in dieser tiefen Dunkelheit, in diesem Meer aus Widernatur - zumindest klammerte sich Riordan an diese Hoffnung eben solange, bis der Rabendiener ihm erklärte, wie er diese eigentümlich-prachtvollen Gewächse gezogen hatte.
“36 Leichen brauchte es, bis die Sporen einen Pilz dieser Größe hervorbringen konnten.” drang das Echo des Wahnsinns an den Geist des Mannes, dessen eigentliches Ansinnen, nur für ein wenig Moos nach Varuna zu reisen, völlig aus dem Verstand getilgt war. Galle kratzte an seinem Gaumen, während er zwischen dem aus Tod geborenen Pilz und dem fauligen Atem eines wandelnden Toten in seinem Rücken den Weg in die Normalität suchte. Er fand ihn nicht.
“Kommt, ich zeige euch die große Halle.”
Wie ein Kunstmäzen, der einem Interessierten die Wunder eines begabten Werkmeisters zeigt, erging sich der Rabendiener in allerlei bunten und gleichsam verstörenden Einzelheiten über den Fall Varunas, dessen Begeisterung so abartig wie ekelerregend war - und doch war das Kitzeln im Rachen, das Aufsteigen der Übelkeit mit jedem weiteren Detail, mit jeder weiteren Information dabei abzuebben - weniger aus Sympathie und schon gar nicht aus Akzeptanz, sondern weil Riordan, nun bereits seit Stunden in diesem Labyrinth aus dunklem Gestein und Verwesung, mit einer Sache vollständig abgeschlossen hatte: Seinem Leben. Dieser Diener des Seelenfressers würde ihn nicht mehr entkommen lassen, sondern ihn langsam seinem eigenen Leben entheben, seine Seele von seinem Körper trennen und ihn sich dienbar machen, wie er es offenbar mit den Kreaturen in dieser verwinkelten Ebene des unmittelbar Bösen schon oft getan hatte. Trostlosigkeit schlug Hoffnung, wenn die Keule nur groß genug war.
Die Ausführungen des in Dunkelheit gehüllten Dieners endeten damit, dass er ihm von dem Fürsten Varunas erzählte - einstmals entweder ein großer und gütiger Mann oder die Ursache für den Fall der einstmals prachtvollen Stadt.
“Ich glaube ein Gast mit solch guten Manieren und so gebildet, wie ihr es seid, dürfte sogar zum Fürsten vorgelassen werden.” setzte der Kra’thorianer seinen wortgewordenen Wahnsinn fort. Riordan versuchte derweil nicht einmal mehr, Widerstand zu leisten und fragte sich lediglich zwischen den Wellen des in ihm aufwogenden Wahnsinns, ob sich damit am Ende das Gleichgewicht auch für ihn einstellte: Alles Gute hatte einen Gegenpart. Und ihm war es zuletzt äußert gut gegangen. Holte sich nun die Welt selbst zurück, was ins Ungleichgewicht geraten war? Hatte er am Ende selbst verschuldet, was ihm widerfuhr?
Mit wachsendem Unglauben musste Riordan beobachten, wie der Diener des Seelenfressers die Überreste zweier Leichname wieder auferstehen ließ. Die eine Kreatur, Überreste eines Kriegers offenbar, seine Wehr von Schlägen und Stichen durchlöchert und verbeult, die Klinge und der Schild alt, verrostet und schartig, erhob sich wie ein aus unheiliger Magie rekonstruierter Gefolgsmann und Riordan glaubte selbst in diesem widernatürlichen Zustand die militärische Strenge des einstigen Inhabers dieses Leibes sehen zu können. Die andere Kreatur, ein Magus vielleicht, mit Fetzen berobt, einen alten, knorrigen Stab in seinen fleisch-fauligen Händen haltend, erhob sich mit gleichem, erzwungenen Enthusiasmus. Beide Kreaturen flankierten Riordan, reihten sich wie Leibwächter aus den Tiefen des Todes an seine Seite, als der Rabendiener erklärte:
”Wenn ihr vor den Fürsten tretet, braucht ihr Gefolge.” Er lachte nicht, doch das Kichern des aufkeimenden Wahnsinns war im Geiste des Merat so hörbar, als wäre es tatsächlich über die Lippen des Rabendieners gekommen.
Riordan hatte bereits vormals bemerkt mit welcher unheiligen Leichtigkeit der Diener des Seelenfressers zwischen den Untoten wandelte und auch hier schritt er an Guhlen und sonstigen Leichnamen einfach vorbei. Ihm hingegen, machten die rastlosen Toten es jedenfalls nicht so leicht. Die Schatten seiner widernatürlichen Eskorte im Schlepptau, näherten sich in diesem Gang einige Leichen sehr zielstrebig. Unsicherheit und das Schwert der Todesangst hingen erneut über Riordan, unschlüssig ob hier und jetzt, in diesem Gang, das Ende der ‘Führung’ eingeläutet würde. Ließ er ihn nun Kämpfen, bis es vorbei war? Der Diener des Seelenfressers schien so unbeeindruckt wie man es nur sein konnte, wenn man sich außerhalb der Welt wähnte, wie die Lebenden sie kannten.
Der faulige Geruch des Toten stieg Riordan erneut in die Nase, die süßlich-käsige Verwesung, welche direkt und erneut wieder dazu führte, dass sein Magen sich nach außen drehte. Die feucht-schmatzenden Arme des Untoten legten sich eben noch um die Schultern des Merat, als sich sein Körper nach hinten bog.
“N.. nehmt es weg..!” keifte Riordan. Doch der Rabendiener tat nichts dergleichen. Er schwadronierte in der Blase seiner eigenen Begeisterung darüber, dass die Bewohner Varunas sich so sehr über Besuch freuten, dass sie der Umarmung eine besondere Bedeutung beimaßen. Die fauligen Zähne, soweit vorhanden, traten aus dem Leichnam hervor als er zum Biss ansetzte und Riordans letzter Widerstand gegen das unlichte Treiben fiel:
”Helft mir!” brüllte er in formvollendeter Hiflosigkeit und mit der Verzweiflung eines Mannes, der im Angesicht des Todes nach jedem Strohhalm greifen würde, um am Ende lebend wieder ans Tageslicht treten zu können. Wenngleich da kein besonderes Band war, keine besondere Bindung zwischen ihm und den Untoten an seiner Seite, sondern nur das Kommando des Rabendieners, ruckte Bewegung in den Skelettkrieger, der den Leichnam mit einem Schildschlag von Riordans Seite prügelte. Das Klackern der Knochen wirkte beinahe schon wie eine Herausforderung an den befohlenen Kontrahenten, der, einzig ein Knecht seiner willenlosen Triebe, dem knöchernen Aggressor entgegentrat und doch am Ende hilflos zusehen musste, wie er, der Leichnam, Hieb für Hieb in Scheiben geschnitten wurde.
Als die Kreatur scheinbar besiegt war, stellte sich der Skelettkrieger wieder an die Seite Riordans, als falle er wieder in den Schlaf des widernatürlichen Wächters, der er vormals gewesen war. Der Merat indes kämpfte gegen den inneren Schreikrampf an, den seine Vernunft vollführte und der seine Gesichtszüge voll des Unglaubens und der Konsternierung in der realen Welt zurückgelassen hatten. Er hatte soeben etwas befehligt, was keinen Befehl hätte annehmen, geschweige denn, hätte existieren dürfen. Die Tore zum Wahnsinn standen weit offen und Riordan war im Taumel seines Labyrinths nun vollends verloren, während er den Skelettmagier ansah - der über den gesamten ‘Kampf’ hinweg tatenlos geblieben war. Die leeren Augen sahen ihn mit dem Wissen über eine Welt an, die nur Dunkelheit kannte und als hätte das untote Wesen in seinem Blick eine unausgesprochene Frage gesehen, begannen die knöchernen Finger klackernd zu schnippen - und der in Stücke gehackte Leib des Untoten begann aus sich heraus Feuer zu fangen und langsam nieder zu brennen.
Als die Delegation ihren Weg fortsetzte, merkte Riordan erstmals, dass der taube Geschmack von Fäulnis seine Zunge nicht mehr verließ, so oft er auch seine Zunge an den Zähnen rieb. Gab es noch eine Welt außerhalb dieser Krypta und wenn ja, war das noch von Belang?
Am Ende eines weiteren Ganges öffnete sich ein Raum, in dessen Mitte sich ein riesiger Steinsarg befand und hinter dem, so furchterregend wie riesenhaft, ein Skelett von imposanter Größe stand. Mit dem Enthusiasmus eines Emissär stellte er den Untoten Riordan vor, kündigte ihn wie ein der Ewigkeit unterstelltes Adelsgeschlecht vor, das noch über Jahrhunderte, wenn nicht gar Äonen herrschen würde, wenn der Rest der Welt schon längst vergangen war. Mit der Neugier - oder dem Zorn - desjenigen, der unfreiwillig in den Tod überführt worden war, näherte sich das Knochenkonstrukt dem hilflosen und sein Ende mittlerweile sogar herbeisehnenden Riordan, als der Rabendiener dem Geführten noch eine letzte Hilfe zukommen ließ: “Kniet nieder.”
Wo andernorts Widerstand hätte folgen müssen, wo es galt, ein Zeichen gegen die Widernatur zu setzen, wo andere vermutlich lieber starben als sich dem Wahnsinn zu unterwerfen, der Riordan mittlerweile durch die Gänge geschleift hatte wie eine Jagdbeute, brach am das letzte Stück des Damms, der dem Wahn noch einhalt gebieten konnte: Er sank langsam auf die Knie.
“Es ist mir eine Ehre.” hörte er das Echo seiner eigenen Worte an dem fürchterlichen Geschrei, Flehen und Wimmern um Vernunft in seinem Kopf widerhallen, einem Rauschen der Tatenlosigkeit, dessen Ketten ihn am Ende in die Knie gezwungen hatten.
Riordan starb an diesem Tag nicht. Der Rabendiener hielt Wort, denn er entließ ihn wieder aus dem dunklen Labyrinth der Krypta. Der Preis der Freiheit, er bestand an diesem Tag nicht nur aus einer Beigabe an Blut und Haaren. Nein - der wahre Preis wurde damit beglichen, dass er fortan mit dem Wahnsinn würde leben müssen, den er in sein Herz gelassen hatte und von dem er noch nicht wusste, wie er ihn jemals wieder aussperren würde.