And these children that you spit on
As they try to change their worlds
Are immune to your consultations
They're quite aware of what they're going through
Ch-Ch-Ch-Ch-Changes...
David Bowie, Changes
As they try to change their worlds
Are immune to your consultations
They're quite aware of what they're going through
Ch-Ch-Ch-Ch-Changes...
David Bowie, Changes
[img]http://fs1.directupload.net/images/180327/zwcumr82.jpg[/img]
„Spieglein, Spieglein an der Wand... wer ist diese Person, sie ist mir unbekannt!?“
Wahrscheinlich lag es nicht zuletzt an der Seuche, die ganz Gerimor für wenige Wochen in Angst und Schrecken versetzt hatte und auch ihr den Schlaf, sowie ein klein wenig Kraft, geraubt hatte. Noch lagen leichte Schatten unter den Augen und setzten sich von der blassen Haut des Mädchens ab, das Gesicht wirkte weniger rund und kindlich als zuvor, doch dafür hatte es nur ein paar Tage voller Lenzensonnenschein gebraucht, um die Sommersprossen auf Wangen, Nasen und auch der Stirn sprießen zu lassen. Im Tageslicht, wenn sie mit halbgeschlossenen Augen der Sonne entgegenblinzelte, hatte sie die Veränderung nicht wirklich bemerkt und sowieso war es nicht ihre Art in den Spiegel zu sehen und sich lange dabei in der eigenen Eitelkeit zu suhlen. Doch jetzt, einige wenige Momente vor dem sechzehnten Wiegentag, der für sie eine immense Bedeutung hatte, wollte sie sich dem eigenen Anblick mit all seinen Metamorphosen stellen.
Der flackernde Schein einer einzigen Kerze spielte mit den Schatten in der Verkaufsstube und jagte abwechselnd diese oder rotorangene Lichtzungen über die noch immer etwas fremd wirkenden Züge. Dass ihr Haar wieder ein gutes Stück gewachsen war, hatte sie bereits vor kurzem bemerkt, als der Zopf, den sie beim Appell trug, irgendwie immer länger wurde und die ein oder andere Strähne nun schon sehr vorwitzig wieder über die Schultern nach vorne rutschte, sobald sie das Haupt neigte. Auch schienen sie nicht mehr so glatt wie noch vor einem Jahr, sondern struppelten am Morgen in alle Himmelsrichtungen, ließen sich schlecht bändigen und kringelten sich im Nacken. Es wirkte fast ein wenig so, als hätte der kupferfarbene Schopf auf ihrem Haupte beschlossen, dass die Pubertät im Hirn darunter nun abfärben musste und Widerspenstigkeit ganz groß im Kommen wäre. Na, danke auch!
Dabei war der Schopf hier tatsächlich ein klein wenig spät dran, denn die Tücken des Heranwachsens hatte sie schon vor gut drei Jahren kennengelernt und selbst wenn sie sich sicherlich auch mit dem neuen Lebensjahr nicht vollends erwachsen oder gar fraulich fühlen würde, so tobten doch nicht nur unreife, kindische Gedanken oder Dramagänschenmomente in ihrem Kopf. Vor wenigen Stunden erst saß sie plaudernd und unbefangen neben dem Mann, der vermutlich wirklich vor etwa einem Jahr die erste Liebe einer kleinen Rotzgöre gewesen war. Nunja, die Zweite, denn ihren Vater verehrte sie bis heute innig, wenngleich das auch eine ganz andere Art der Liebe war. Vertrauter, ungefährlich und rein wie Schnee. Sie kannte das Herzgeklopfe, das Gesteche der Eifersucht und die kreischenden Momente der Peinlichkeit bis dato also nicht und umso unbeholfener und wirklich saudämlich ging sie damit um. Es endete in gekränktem Stolz und heißen, heimlich geheulten Kleinmädchentränen, inklusive einem gebrochenen Herzen. Doch wer jung und schnell liebt, der heilt auch rascher – eine Erkenntnis, die sie nur ahnte und noch nicht wirklich von Erfahrung sprechen konnte. Im Moment war es nur gut, dass die wenigen männlichen Wesen, die ihre Gedankenwelt erobert hatten, dort nicht mit amourösen Anwandlungen geistig verknüpft waren.
Nein, zur Zeit fehlte ihr diese Art der Liebe nicht. Wohl aber die Familie und ohne es wirklich zu wissen, hatte sie bestehende Bilder über die vertrauten Gesichter des Alltages gestülpt. In den meisten Fällen hätte es besagte „Opfer“ sicher nicht erfreut zu erfahren, dass einem die Vaterrolle oder die der Brüder in Linnets emotionalem Gefüge zugesprochen oder gar zugestempelt worden war. Sie selber war sich dessen aber nicht einmal wirklich bewusst, ahnte nicht, wie sehr sie ihr alle fehlten... bis auf Riah. Riahs Verschwinden tat weh, sehr grässlich weh. Es war ein wenig dunkler und ein bisschen kälter geworden, die Herzenssonne des Veilchens fehlte und daran konnte nicht einmal der Lenz etwas ändern. Auch die Spatzen waren still geworden und so kam es eben, dass sie nun alleine den letzten Momenten bis zum sechzehnten Geburtstag entgegen wartete.
Sechzehn – neue Schritte in eine alte Welt, die aber plötzliche mit anderen Gassen und zuvor versteckten Zielen aufwarten konnte. Sie hatte jene bereits aus der Ferne betrachtet und sich vielleicht ein wenig zu viel vorgenommen aber irgendwann musste es sich ändern. All das, was in den letzten Jahren vermasselt worden war, all die kläglich gescheiterten Versuche etwas zu erreichen, aufzubauen und all die Augenblicke in welchen sie sich kurz gewünscht hatte, Glasgaoth, die Insel ihrer Familie, nie verlassen zu haben... eine Zeitreise zurück in die unbeschwerte Zeit der sehr frühen Kindheit.
Sie schüttelte langsam den Kopf und sorgte mit der Bewegung für einen weiteren Flackerschauer des Kerzenlichts. Nein, das war zwar bequemes aber auch unglaublich feiges Denken. Sie war Linnet, das zu klein und zu flach geratene, beinahe sechzehnjährige, sture, bissig-spöttische, mit Sarkasmus gesegnete, große Wörter liebende, nicht auf den Kopf gefallene Gör, mit all den dazugehörigen Stärken und Schwächen eben nur, weil ihr Leben bisher so verlaufen war, wie es der Herr ihr nun einmal zugespielt und sie dann darauf reagiert hatte. Na, und hätte ihr Weg sie nicht nach Gerimor geschickt, so hätte sie auch nie all die Personen kennengelernt, die ihr ihr jetzt gerade, abgesehen von der eigenen Familie, fehlten.
Fehlten, weil es schwer war diesen letzten Schritt in einen neuen Lebensabschnitt alleine zu gehen.
Vor allem, wenn man diesem so viel Bedeutung und Hoffnung zugesteckt hatte.
Tja, selber schuld.
Ein schiefes Lächeln zog einen Mundwinkel weiter nach oben und der Blick aus dem Fenster bestätigte ihr das, was sie bereits geahnt hatte:
Von wegen letzter „Schritt“ zu gehen, man hatte sie bereits in den neuen Abschnitt bugsiert!
„Nundenn, alles Gute für deine weitere Zukunft, Linnet, mach was draus...“
Dann holte sie Luft und löschte sanft pustend die Kerze.