"Ellys, wach auf... du hast geträumt. Alles gut, es war ein Traum. Schhschh, wieder der Traum, hm?" Jetzt waren die Arme da, die sie sanft zu schaukeln begannen und eine Stimme, die vage immer wieder eine Wiegemelodie summte. Durchaus liebevoll und beruhigend. Geborgenheit gebündelt mit dem schmerzlichen Wissen, dass der Verlust umso echter war, denn hier außerhalb des Albtraumes war Veilya bereits seit Monden nicht mehr...
Es war schon dunkel, als sie den Pfad entlangwanderte und aufgrund des einsetzenden Bodennebels weniger euphorisch vor sich herstolperte. Mikael hatte den Kopf geschüttelt und versucht, sie zum Bleiben zu bewegen. Nicht an diesen Ort, nicht um diese späte Zeit und nicht an diesem Tag... oder besser dieser einen Nacht, die sich vom Goldblatt in den Rabenmond wandelte und somit in den Samhain hinein.
Zwar war er kein besonders abergläubischer Mensch, doch ein Magier wusste, dass es genug Phänomene zwischen Zauber und Glaube gab, die man eben doch nicht erklären konnte und dieser eine Magier wusste auch, dass die Frau an seiner Seite zu einem Bereich der ewigen Magie gehörte, der alt und für ihn teilweise so diffus war. Ein Bereich, in welchem die Natur und all ihre Geister einen festen Bestandteil hatten. Dennoch sorgte er sich nicht um fleischgewordene Nachtalben und Schatten, die sie in jener Geisternacht heimsuchen konnten, sondern eher um das Seelenheil seiner Ellys. Ihn störte noch nicht einmal wirklich der Ort oder die Zeit an sich, sondern der Grund... aber das konnte er ihr schwer vorhalten.
"Ich muss sie kontaktieren, sie wird mich hören."
"Ellys, sie ist tot. Lass sie ruhen, hm?"
"Du verstehst nicht - da ist ein ewiges Band zwischen ihr und mir, sie war mein Spiegelbild, mein Gegenstück, mein Wassertropfen zur Flamme!"
"Doch, das verstehe ich schon aber du kannst sie nicht zurückholen."
"Ich weiß aber... Mika, sie fehlt mir so. Ich vermisse Veilya wie... wie eben einen Teil von mir. Ich bin nicht mehr komplett!"
Wie argumentiert man da?
Welchen Grund bringt man als akademisch ausgebildeter Magier noch hervor um die Liebste davon abzuhalten etwas zu veranstalten, was man selber nicht erfassen konnte? Oder noch simpler ausgedrückt: Wie konnte er sie von dem Versuch abhalten, ihre Schwester zu sprechen? Er selber kannte Veilya nicht annähernd so, wie Ellys und doch war sie auch ihm gegenüber ein besonderer Begriff. Sie hatte sich ihm als Schwester gezeigt und ihn miteingeschlossen, wofür er dankbar war. Gerne war er mit ihr und Ellys durch die Höhlen gestriffen und hatte sich sehr gefreut, als sie ein Mitglied des Nachtvolks wurde. Doch dies war nur wenige Monde vor ihrem Ableben geschehen und auch hier wurde sie nach wie vor schmerzlich vermisst. Ja, wenn selbst er den Verlust immernoch spürte, wie konnte er Ellys davon abhalten, sich an den Strohhalm der Samhainnacht zu klammern? Genau - GAR NICHT!
Und somit wanderte sie durch den Nebel, die Nacht und das Unterholz an die Stelle, an welcher man erst so viel später den Körper gefunden hatte.
Die Brandung der Wellen vernahm sie, noch bevor sie aus dem letzten Waldstreifen trat und mit dem Rauschen wurde der Nebel verscheucht, wie ein lästiger Geselle. Die alte Eiche auf der kleinen Anhöhe stand einzeln und mächtig, wusste ein klein wenig von der endlosen Zeit zu berichten, die das Meer mit sich brachte und doch war selbst dieser uralte Baum nur ein winziges Kind angesichts der Ewigkeit der Gezeiten.
Hier hatte man sie gefunden, als habe sie dem Rauschen wie einem Wiegelied gelauscht, als wäre sie friedlich eingeschlafen. Einzig die grässlichen Wunden, deren der Lebenssaft entflossen war, berichteten von der Endgültigkeit des Todes.
Ächzend, die Tränen längst wieder fließend, nahm sie neben dem Baum Platz und glaubte beinahe die Seelenschwester dort am Stamm erblicken zu können. Obwohl sie sich mehrfach eine Heulsuse schalt, konnte sie die aufkeimenden Schluchzer nur schwer unterdrücken und eilig pfriemelte sie die Taschenkordel auf. Wenn sie jetzt nicht handelte, dann wäre die Magie dieser einen Nacht vergeudet.
Kreidebeutel, diverse Fläschchen und Flakons mit dunkler Füllung, duftige Kräuterbündel, ein Rauchgefäß... wo war es? Sicherlich ganz unten, ohja, da! Sie schüttelte das Leder fester und klappernd fiel ein Kästchen mit wertvollem Inhalt zuletzt aus dem Ranzen, das Kabinett, geweiht mit all jenen, die sie erst komplett machten - nur, dass diese eine, das Veilya, nun fehlte. Hastig öffnet sie es und legte es sich zurecht, ergriff den Kelch... wenn nicht heute, dann würde der Kontakt niemals mehr gefunden werden können!
Ach, hätte sie doch nur damals schon im Ansatz gewusst, wie das Ritual, wie sämtliche folgende Versuche enden würden, so hätte sie sich im Feuereifer gebremst, denn zuletzt antwortete: NEMAND. Sie hatte NICHTS erreicht, als sich das Zwielicht bereits dünn am Horizont breitmachte und obwohl das Lied rauschte und flirrte war NIRGENDWO auch nur ein kleiner Tropfen Veilya zu spüren.
Mit der plötzlich eintönig wirkenden Brandung der stoischen Wellen, brach da all die Wut, Verzweiflung und der Schmerz wie ein Vulkanausbruch aus ihr heraus und gellte zuerst fauchend durchs Lied, ehe sie auch im Diesseits brüllend dem Meer entgegenschleuderte:
"Wieso hast du mich verlassen? Warum bist du gegangen? Wie konntest du uns alle alleine lassen? Hörst du, WIE?!"
Albern und kindisch hätte es auf Andere wirken müssen, doch die einzigen Beobachter ihres Ausbruchs, der in einem wilden Sandgetrommel gipfelte und einem jaulenden Schluchzkonzert, das jeden Gossenhund verjagt hätte, waren einige frühe Vögel, die sich das flennende Menschenwesen nicht lange genug ansehen wollten, da es den Wurm zu fangen galt.
So blieb sie zurück, bis der explosive Feuerurschrei im Lied längst verklungen war und der Wutausbruch genügen Kraft gekostet hatte, um ein einziges Häufchen Elend mit wild klopfendem Herzen zurück zu lassen.
Poch, poch, poch, poch...
Sie erhob sich, räumte fahrig alles zusammen und raffte sich zum Gehen auf. Das Herzklopfen rauschte im Innenohr.
Poch, poch, poch, poch...
Wieder eher stolpernd und nun eiliger als gedacht hastete sie die Anhöhe hinauf und auf den Wald zu.
Poch, poch, poch, poch...
Mit dem Wissen wieder nichts erreicht zu haben und dem einzigen Wunsch sich ein weiteres Mal in dieser Nacht in Mikas Armen zu verstecken.
Poch, poch, poch, poch...
Nicht wissend, dass das Klopfgeräusch ihr tatsächlich folgte.
Poch, poch, poch, poch...


