Yousra hatte sich verändert. Nicht so, dass man meinen könnte, sie sei nicht mehr dieselbe. In einigen Situationen konnte man immer noch genau erkennen, dass sie sich ihrer Rolle und Position als Natifah bewusst war. Je selbstsicherer und bestimmender Ahmad auftrat, umso mehr wurde ihm genau das von ihr signalisiert. Er bemerkte jedes Mal, wenn sie beschämt den Blick senkte, weil sie ihm wieder einmal ungewollt ins Wort gefallen war oder etwas Vorschnelles gesagt hatte. Dass sie an manchen Tagen den Sitz ihres Schleiers fünf Mal korrigierte, und keines Mal davon aus einer erkenntlichen Not heraus, sah er, kommentierte es aber nie. Ihre Hände suchten fast immer eine Beschäftigung. Sei es in Form von Arbeit, dem Zubereiten und Anrichten von Speis oder Trank, dem Glätten ihrer Kleider, dem Festhalten ihres eigenen Getränkes oder nur dem still auf ihrem Schoß Verweilen. Die Kraft, mit der ihre wohl klingende Stimme an seine Ohren drang, wechselte von Tag zu Tag, manchmal sogar mitten im Gespräch immer wieder. Mal war es der Klang einer verhaltenen Natifah, die sich viel mehr zu wünschen schien, in einem Loch zu verschwinden oder schlichtweg nicht selbst reden zu müssen. Dann war es eine klare Stimme, die offen mit ihm sprach und nicht scheute, die Erlaubnis zu einen ehrlichen Kommentar oder einer neugierigen Frage zu erbitten. Und selten war es auch die Stimme einer heiteren, aufgeschlossenen Natifah, die nicht einmal mehr darüber nachzudenken schien, dass sie zuweilen die gesellschaftlichen Grenzen der Höflichkeit zu überschreiten drohte, wenn sie mit Ahmad über Privates redete oder gemeinsam mit ihm lachte.
Letzteres wurde in den letzten Tagen häufiger. Ob es damit zu tun hatte, dass er sich auch häufiger einfach mal fallen ließ? Sie hatte ihm gesagt, dass sie seine Bemühungen wohlwollend bemerkte und zu denjenigen unter den Hazar's Durrah gehörte, die sich über seine Art freuten. Was, wenn ihr Verhalten ein Spiegel seines eigenen Verhaltens war? Nach seinem fluchtartigen Rückzieher vor mittlerweile ungezählten Tagen hatte sie ihn durch ihr zunehmend reserviertes Verhalten an ihren Brief erinnert, in dem sie ihm ursprünglich zugesichert hatte 'sein Revier zu meiden'. Sie widersprach sich aktuell, aber er konnte es ihr nicht verübeln. Vor allem wollte er es auch nicht.
"Ich beneide Alia."
"Wofür?"
"Sie schaut dich an. Ganz offen, ohne etwas falsch zu machen."
"Du.. also ich verbiete es dir nicht, mich anzusehen.. Falls du das meinst.."
"Neda, davon bin ich nicht ausgegangen. Also... glaube ich. Es ist nur... für mich neda einfach. Und bei Alia sieht es so.. einfach und selbstverständlich aus."
Alia und Zada waren ihm auch zwei Kandidaten. Mirah im Doppelpack auf insgesamt acht Beinen. Was sie verband? Alia tat was sie wollte, sobald Ahmad nicht genau hinsah und Zada war ganz gut darin patzig zu reagieren oder einfach nur nicht aufs Wort zu hören. Was sie unterschied? Die beiden Hyänen schafften es, in Ahmad das Herz aus der Reserve zu locken. An dem Abend, als er die Beiden durch Menek'Ur geführt hatte, damit sie die Stadt und ihre Bewohner kennenzulernen, war das Trio auf Yousra getroffen und hatte folglich ein paar schöne Stunden miteinander verbracht. Lachen, Kuscheln, Tratschen und liebevolles Tadeln hatten den Abend bestimmt. Zada hatte mit ihrem ungestümen Temperament und ihrer aufgeschlossenen Art gegenüber Yousra für einen ungalanten Kniefall Ahmads vor der Falah Blüte gesorgt und Alia brachte die Salzschürferin immer wieder zum Lachen, wenn Ahmad von der Hyänen Dame geneckt wurde. Über den gemeinsamen Umgang mit Tieren schienen tatsächlich so einige Hemmungen wegzufallen. An der ursprünglich als romantischem Kitsch abgestempelten These schien etwas dran zu sein. Ob auch etwas daran war, dass Tiere viel eher spürten, was Hazar's Durrah erfolgreich vor den Leuten, die sie umgaben zu verheimlichen vermochten?
"Ich gestehe dir allerdings auch, so es mir gestattet ist... Es fühlt sich neda richtig an, wenn es dir neda gefällt."
Wieder das leidige Thema der Palastdame. Yousra hatte lange davon geträumt, einmal im Palast ausgebildet zu werden und, warum auch immer, nach einem kurzzeitigen Begraben ihres Traumes, eben diesen Gedanken doch wieder aufgegriffen. Vor ein paar Tagen hatte sie schon wissen wollen, ob es ihm etwas ausmachte, wenn sie tatsächlich Palastdame würde. Nach reiflicher Prüfung der Wirkung seiner Antwort hatte er, aufrichtiger weise, mit
"Neda." geantwortet. So kurz und bündig wie sie es haben wollte. Aber sie hatte, so schien es, wieder falsch interpretiert. Nur weil es ihm etwas ausmachte, hieß das nicht, dass er was dagegen hatte. Das sagte er ihr auch. Aber er konnte ihr einfach nicht erklären, was an der ganzen Sache ihn denn dann überhaupt zu seiner verneinenden Antwort verleitet hatte. Irgendetwas musste es geben, dass ihm die Sache wichtig erschienen ließ. - Natürlich. Das hatte Yousra richtig erkannt. - Aber er konnte ihr doch schlecht sagen, dass es ihm wichtig war, weil er sie liebte. Wie hätte er ihr im nächsten Moment erklären sollen, dass er sich gleichzeitig dann so dämlich anstellte und immer wieder emotional auf Abstand ging? Sie war eine Natifah. Sie würde erwarten, dass er auf sie zu ging und sich ihr öffnete, wenn er sie doch liebte. Aber er konnte es nicht. Er hatte es Adal insgeheim versprochen, als dieser ihm ein Werben um Yousra verboten hatte.
Ahmad war nicht auf den Kopf gefallen. Würde Yousra zur Palastdame ausgebildet werden, so ginge die Verantwortung der Entscheidung, wer wann um sie werben durfte an den Emir. An den Anan's Durrah, der Ahmad genau einen Tag vorm Gespräch mit Yousra noch in bester Kasernenmanier angebrüllt, im Laufschritt durch Menek'Ur geschickt und auf sämtliche Wissens- und Aufmerksamkeitslücken im militärischen Bereich aufmerksam gemacht hatte. Mit Abstand der Anan's Durrah, vor dem Ahmad wohl am meisten Respekt hatte. Würde Yousra unter dem Erhabenen in eine Ausbildung zur Palastdame gehen, hätte er nicht nur noch einmal die Überwindung vor sich, einem anderen seine irrationale Seite zu offenbaren, sondern auch noch einmal die Sorge eine Ablehnung zu erfahren.
Aber nein, das würde er Yousra _definitiv NICHT_ beichten!

Es war mitten in der Nacht, als Ahmad gedankenverloren durch die Durrah streifte. Sein Glück war wohl, dass die Monster dieser Lande in jener Nacht scheinbar Besseres zu tun hatten, als einen nicht gerüsteten Anan's Durrah anzugreifen und damit schmerzhaft in die Realität zurück zu reißen. So konnte der Azeezah sich darin verlieren, den vorletzten Abend Revue passieren zu lassen.
"Hudad, kommentiere meine folgenden Worte neda, aiwa?"
"Versprochen." Er hatte geahnt, das es ihm nicht das Angenehmste werden würde, dieses Versprechen zu halten. Aber er hatte auch gewusst, dass Yousra nicht ohne Grund auf das Anhören seiner Meinung verzichtete. Zu oft hatte sie ihn in der Vergangenheit gar darum gebeten, ehrlich zu kommentieren. Also wollte er ihr dieses Mal mit seinem Schweigen einen Gefallen tun. Sie hatte ihre Stimme abgesenkt, als sie vor ihm am Fenster ihrer Schmiede gestanden und in Richtung Fußboden gesprochen hatte...
"So nah bei dir zu stehen fühlt sich so an, als würde ein warmer, feiner Regen über mich nieder nieseln. Wenn das Gesicht gerötet ist und die Hitze deutlich spürt, ist es ein angenehmes Gefühl, den kühlenden, streichelnden Regen auf der Haut zu spüren."
Auf einmal wechselte sie das Thema. Wie er es vermutet hatte - Sie hatte scheinbar wirklich Sorge, er könne sein Versprechen, wenn auch nur ungewollt, brechen. - Stattdessen hatte er aber seinen Blick vor dem ihren vorsorglich verborgen gehalten, indem er seinen Kopf abgewandt gehalten hatte. Seine Haltung hatte er ganz bewusst keinen Millimeter verändert, damit Yousra ja keine Rückschlüsse hatte ziehen können. Gesprochen hatte er auch nicht. Selbst, als sie bereits das Thema wieder gewechselt hatte, hatte er noch gezögert seine Stimme zu erheben. Zum Ende hin war sein Atem ein wenig fester gegangen. Möglicherweise ein einziger kleiner Anhaltspunkt für die Falah Blüte, um zu erraten, was sie ihm mit ihren Worten angetan hatte, während sein Herz zwar zu bersten gedroht hatte, aber nach außen hin natürlich nicht zu bemerken gewesen war.
Ihre Worte waren positive, schöne, wie er sie stets von ihr kannte. Aber wie die erste Flasche Wasser nach einem langen Marsch durch die trockene Durrah, taten sie so gut, dass sie eine enorme Bedrohung für sein darauffolgendes Wohlbefinden darstellten. Zu viel, zu schnell, zu gierig aufgenommen. Er hatte alles gehört und jedem Wort intensiv gelauscht, um sie nicht miss zu verstehen. Er hatte sich später erst seinen Teil dazu denken wollen und hatte dafür gar jedes Wort innerlich abgespeichert. Doch nun, wo er tatsächlich darüber nachdenken konnte, tat es weh. Viel mehr noch, als zu dem Zeitpunkt, an dem er befürchtet hatte, diese nachdenkliche Einkehr würde bald kommen. Denn nun wusste er, dass nicht nur sie mit dem Ausbleiben eines Kommentars leben musste, sondern auch er. Er musste seine Antwort auf diese Worte in sich behalten und zum ersten Mal in seinem Leben wollte er genau das nicht.
Sein nächtlicher Spaziergang endete mit dem Gedanken:
<<Anweisung ist Anweisung. Du hast deine Aufgabe erfüllt. Vergiss es, blicke nach vorn!>> Fraglich, ob er seinen Kopf immer noch mit solchen gewohnten Phrasen überlisten konnte...