Eines von den fertigen Exemplaren nahm ich mir dann direkt heran und beschloss es zu einem Tagebuch für mich umzufunktionieren. Ich hatte eine ganze Weile lang darauf verzichtet meine Gedanken niederzuschreiben und war an einem Punkt gekommen, an dem ich mich mal wieder sortieren sollte und musste. Dafür waren diese Kritzeleien an sich immer ganz gut gewesen, auch wenn ich rückblickend oftmals feststellte, dass ich mich meistens gehörig in diesen Dingern ausgelassen hatte. Zu dem neuen Buch kam also der Vorsatz dazu mindestens drei bis sechs positive Dinge zu allem Wüten und Gemäkel hinzuzufügen. Bestenfalls zu Anfang und zum Ende des Eintrags hin. Vielleicht konnte ich das am Ende meiner Tage sogar bis zu „nur Positives“ steigern. Wobei…
Nein. Wohin sollte ich dann mit meiner Bissigkeit, Direktheit und meinem Sarkasmus? Wäre ja langweilig.
Ich legte das frisch gebundene Buch also vor mich, strich einmal mit der Hand darüber und schlug es dann auf. Als nächstes nahm ich die Feder in die Hand und tauchte sie in das Tintenfässchen und strich die überflüssige Tinte ab, bevor ich anfing zu schreiben, noch immer mit einem Schmunzeln voller Selbstironie auf den Lippen.
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19. Eluviar 259, Schwingenstein – Wohnstube
Ich habe mir fest vorgenommen mit drei positiven Dingen anzufangen und weiteren
dreien zu enden bei meinem Tagebucheintrag. Ganz besonders will ich es bei meinem
allerersten Eintrag versuchen, immerhin ist dieses frisch und von mir selbst gebundene
Buch noch ganz jungfräulich und sauber und soll nicht gleich mit dem Übel meiner
Gedankenwelt beschmutzt werden. Davon wird es noch genug in sich zu tragen haben in
Zukunft.
Die erste positive Sache:
Seit dem Frühlingsfest wird der enervierende Rekrut nun ebenfalls
aufgezählt, wenn es um die Tauglichkeitsprüfung der Neulinge und Interessierten
geht. Damit haben sie mich wirklich überrascht und es hat mich innerlich lächeln
lassen.
Die zweite positive Sache:
Entschieden ist das eigentlich die Erste, auch wenn ich sogar kurz überlegte sie
ganz an den Schluss zu packen, weil es absolut klar auch die Beste ist: Majalin ist
schwanger. Ja, sie mag es nicht, wenn ich es erzähle, weil wir noch in der Pechzeit
sind, wie sie es nennt. Es kann noch so viel passieren, sie könnte es verlieren und
sie hat keine Lust auf die mitleidigen Blicke, sollte es schief gehen. Ich kann sie
ja verstehen, aber es ist trotzdem blöd darüber zu schweigen oder lügen zu müssen.
Selbst Jeremiah weiß es noch nicht, dass er ein Geschwisterchen bekommt.
Die dritte positive Sache:
Jetzt wird es etwas schwieriger, so ganz allmählich. Oh doch, ich habe sogar zwei in
einem im Grunde: Sir Friedolin und Endurael sind zurück. Das ist definitiv einer
Erwähnung im positivem Rahmen und Bereich wert, denn ich schätze sie beide. Ich
gestehe, sicherlich den einen mehr als den anderen, aber ich finde für die ehrbare
und ernst zu nehmende Ritterlichkeit im Reich ist das ein ganz enormer Zugewinn.
Das Negative:
Das anstehende dritte Gespräch zur Frage: Was will Lucien Mareaux im
Regiment, wo er doch sowieso keine Traditionen wie das altbekannte Ha-Roo-Rufen
mitmacht und sich einfach nicht verbiegen lassen will.
Und was will er dort, wo er den Dienst doch so ungemein lax angeht und das
alles scheinbar ja nicht ernst genug nimmt?
Ich habe den ganzen gestrigen Restabend tatsächlich darüber nachgedacht, wo hier
und dort vielleicht persönliche Probleme mit mir liegen. Ich komme inzwischen für
mich auch auf einen Schluss zum Ganzen. Der Fisch fängt für gewöhnlich ja am Kopf
an zu stinken und hört erst am Schwanz damit auf.
Bei aller Überlegung komm ich aber in einem Punkt auf keinen Nenner: Wieso diese
Frage unbedingt wieder gestellt werden muss. Ob ich nun mitbrülle oder nicht, ist
an und für sich völlig belanglos. Es tut weder weh, noch hindere ich andere daran fleißig
mitzuschreien. Ich verhöhne deshalb niemanden, rede das Geschrei öffentlich nicht
mal schlecht. Ich weiß, wann das Gerufe aufgekommen ist und seinen Anfang nahm und
habe damals schon geschwiegen.
Hat niemanden gekehrt oder gestört. Darf sich also ruhig weiter so halten, meiner
Meinung nach. Aber meine Meinung ist selten die meines Gesprächspartners. Wir
werden also sehen, was dabei dann letztlich rauskommt.
Ansonsten gibt es an sich kein Grund zur Klage. Ich habe mich tatsächlich seit der
letzten Auseinandersetzung innerhalb der Truppe mit einem davon bemüht und mich
ordentlich benommen. Wenn ich mir Fehltritte erlaubt habe, wurden die
Zurechtweisungen kommentarlos oder dankend hingenommen, wahlweise entschuldigend.
Andere wiederum konnten sich ihre Verfehlungen in Reihe leisten und wurden nicht mal
dafür angeguckt.
Nein, ich bin weder blind, noch taub, noch blöd. Aber das wird offenbar angenommen.
Von mir aus. Genauso wie sie ja glauben, ich sei zu dämlich zu begreifen, was für
Spiele andernorts neuerdings gespielt wurden. Das war nun doch zu deutlich geworden.
Und nun stecke ich in der Zwickmühle. Ich habe einem hohen Herrn damals einen
Eid geschworen. Dieser Herr war inzwischen dahingeschieden, in der Schlacht
gefallen, aber der Eid hat mich nicht losgelassen.
Ich habe den Ring hier liegen von ihm. Wertlos geworden im Grunde, wobei ich natürlich
auch sagen könnte, es ist nicht der Fall, denn der alte Herzog hat noch eine Schwester
im hohen Amt und auch noch anderweitig Familie. Mit ihm ist ja nicht sein Geschlecht
ausgestorben, und ebenso wenig verfällt die Königstreue der Familie.
Es bleibt die Frage, wie ich also mit dem, was sich da auftut, umgehe, ich denke aber
ich nehme mir noch etwas mehr Zeit darüber nachzudenken.
Manche würden ja sagen, wer ich denn sei, dass ich darüber zu entscheiden hätte. Ich
sage dazu: Ich? Ich bin ein Niemand, mehr möchte ich auch nicht sein. Aber ich habe
ein Gewissen und dem muss ich folgen, genauso wie den Eiden, die schwor. Es mag für
den Rekruten nicht bindend sein, was kürzlich erst geschworen wurde, für mein
Gewissen ist es das. Und ich habe gelernt, dass mein Bauchgefühl mich selten bis
fast nie getrogen hat. Und hierbei hatte ich ein verdammt mieses Bauchgefühl. Es liegt
keine Ehre in dem, was sich da anbahnt. Irgendwie will ich auch nicht glauben, dass es
dem Regenten gefallen wird, wenn er davon erfahren würde. Wenn…
Ich muss wirklich abwägen, gründlich, bevor ich irgendwas Unbedachtes tue.
Tja, über überflüssige dritte Gespräche zu ein und demselben Thema, hin zu den
Torheiten anderer, wie Fremdgänge und selbstgestapelten Problemen, dem nachfolgend
das große Jammertal, in dem es sich so vortrefflich ersaufen lässt. Kopf waschen hier,
Kopf waschen dort. Scheint übrigens gerade in Mode zu kommen seine Frau zu
hörnen mit anderen Flittchen, die sich im Reich so finden. Und ich muss sie wirklich
Flittchen schimpfen. Manche davon waren durchaus in Kenntnis von gewissen Umständen.
Da fühle ich mich als Ganove nicht mal annähernd so verkommen, wie die es sind.
Für mich ist so ein Verhalten sowohl von Kerl wie Weib völlig unverständlich. Das ist
wohl auch ehrlich gesagt das Einzige, wofür ich meiner Mutter jemals zu Dank
verpflichtet bin. Ihr Leben widerte mich so sehr an, dass ich ihr um und in nichts
in der Welt ähnlich sein wollte.
Nun ja, es blieb zu hoffen, dass sich dahingehend jedenfalls alles wieder beruhigte,
auch wenn sich auch da Geschehnisse abzeichneten, die mich schwer die Stirn krausen
ließen. Es gab Momente, da konnte ich auch arg und gerne über andere schimpfen,
da bezog ich klar Stellung zu diesem oder jenem, aber es gab auch Orte und Zeiten,
da empfahl es sich gar nicht selbiges zu tun.
Mochten die Götter geben, dass ich Weiteres mit meinen deutlichen Worten unter
vier Augen und Ohren erreicht hatte. Ebenso hoffte ich, dass meiner guten Freundin
selbiges anderweitig gelungen war, zu dem ich ja selbst noch etwas nachsetzte und
das Dilemma unterstrich mit einigen Worten.
Bei all den Querelen, die gerade durch einzelne Personen durchs Reich zogen, wollte
ich sicher nicht sehen, dass so kleingeistige Handlungen am Ende dafür sorgten, dass
sich das Reich im inneren Überwarf und das Desaster aus dem Westen wiederholte,
wenngleich auch auf seine eigene Art und Weise, sowie erstickend an den eigenen
Machtkämpfen unter den Nichtsen und Niemanden, sowie denen, die glaubten, sie
seien die Mächtigen von Temoras Gnaden.
Zu einem dieser Möchtegern-Mächtigen gehörten für mich ja auch jene, die meinten
, sie könnten sich ein Urteil darüber bilden, ob und dass die Menschen, als Übel von
allem, sich doch besser selbst auslöschten. Mochte er von mir aus an seinen eigenen
Worten ersticken, während er darauf herumkaute. Und sowas nannte sich ein
Vertreter der Schöpfermutter auf Erden. Ich fürchte, mein Grundverständnis von
ihrer Schöpfung und dem, was SIE uns hinterlassen und geschenkt hat, ist ein völlig
anderes, als von diesem verzogenen Bengel, der sich für Weise und Erfahren hält.
Himmel, Weise ist der, der weises tut, nicht der klugscheißt. Erfahren ist der, der ein
Alter erreicht hat, in dem er bereits einen Krückstock braucht und über Gicht klagt.
So, genug gestänkert für heute. Drei gute Sachen zum Abschluss:
Erste positive Sache:
Die Heilstube im Kloster wurde umgebaut. Man kann sich dort endlich bewegen! Gedankt
sei Johanna für die Unterstützung dahingehend.
Zweite positive Sache:
Kaum für die Tauglichkeitsprüfungen zugelassen, werde ich heute Abend bereits die
Zweite solche durchführen. Gut, ich verpasse dadurch den Unterricht über Etikette,
aber diesen hatte ich bereits und kann also sicher sein, doch nichts verpasst zu haben
im Grunde.
Dritte positive Sache:
Ich schaffe es heute endlich mal mit Hochwürden zu sprechen, also sofern sie da ist
heute Abend, aber davon gehe ich aus. Sie kündigte es immerhin an. Wirklich schwer
sie zu erwischen, was ich im Übrigen äußerst bedauerlich finde. Ich erinnere mich noch
gut an die Zeit, als sie hier in Schwingenstein ankam. Ich erinnere mich auch gerne daran,
habe sie immer als angenehme Gesprächspartnerin empfunden. Ich sollte ihr das heute
Abend mal sagen.
In diesem Sinne schließe ich an dieser Stelle,
der Klugscheißer in allen Lebenslagen, euer äußerst enervierender, besserwisserischer,
rufgeschädigter und unbeliebter Heiler, Rekrut, Schausteller, liebender Gatte und Vater,
für die Mehrheit loyaler Bekannter oder gar Freund,
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