Er stand erneut vor den Toren der Academica Arcana.
In der Zwischenzeit war der Winter eingekehrt und der erste Schnee rieselte wie kleine Kristalle herab, nur um beim Auftreffen direkt zu schmelzen. Seine Kleidung war klamm und ein seichtes Zittern durchlief seinen erkalteten Körper. Instinktiv zog er sein Kopf ein, so dass er vor den fröstelnden Windböen in Sicherheit war. Er könnte diesem Zustand sofort entkommen, das Einzige was er tun müsste, wäre seine Hand auszustrecken und das Tor zu öffnen. Kaum zehn Schritt weiter würde ihn die Wärme der Akademie empfangen und er würde die gewünschte Geborgenheit zurückerlangen.
Vor seinem geistigen Auge sah er seine Hand zur Türklinke wandern…
Einige Monate zuvor…
Es mochte kaum einen Monat her sein, als er bei sich selbst die Veränderung spürte. Nach erstem Hadern mit sich selbst wurde es Gewissheit. Nun saß er bereits im dritten Unterricht der Academica Arcana und wenn er mit sich selbst ehrlich war, verstand sein wacher Geist die Unterrichtmaterie, doch mangelte es ihm bei der Einsicht des Liedes und seiner Struktur. Wo seine Mitstudierenden Dinge bereits erfassten und bereits die ersten tiefen Einblicke in das Lied Elueves bekamen, war bei ihm einfach eine Blockade. Durch den Nebel wandern und kaum die Hand vor den eigenen Augen sehen mochte seinen Zustand ziemlich treffend beschreiben.
Bei dem Unterricht der Elemente wirkte der Lehrer Arenvir von Kronwalden einen Feuerball, um ihnen einen Einblick in die Liedstruktur, im Genauen in die Sekundärenergien – den Elementen – zu ermöglichen. Wo er in den Augen seiner Mitschüler Faszination und Erkenntnis erkannte, musste er sich eingestehen, dass sein Blick getrübt war und er nichts außer einem Feuerball erkennen konnte. An jenen Tagen zweifelte er daran, ob er überhaupt in der Lage sein würde jemals etwas zu ‚sehen‘.
Die Hausaufgabe aus dem ersten Unterricht ‚Einführung in die Magie‘; einen Gegenstand in seiner Liedstruktur zu untersuchen; hatte er bisher noch nicht bewältigt. Einige Tage verharrte er Stunden vor einer Kerze, um die Flamme zu beobachten, andere Tage lag sein Augenmerk auf einem Weinglas. Die einzige Erkenntnis die er an diesen Tagen erlangte war, dass er die Kerze beim versiegen des Wachses erlosch und der Wein ein probates Hilfsmittel gegen seine Wehmut und Melancholie war.
Er spürte förmlich, dass er an einem Punkt angelangt war, wo sein Scheitern unausweichlich erschien. Wo nach außen hin eine perfekte Fassade der Ruhe und der Gelassenheit erkennbar war, so war sein Inneres zerrüttet und aufgewühlt. Er hatte nie Schwierigkeiten gehabt, wenn es um das Sammeln, Archivieren und Katalogisieren von Wissen ging. Seine Berufung war es, ein universeller Gelehrter zu sein, doch die Erkenntnisse der letzten Umläufe hatten ihn in seiner Sicht auf die Welt erschüttert. Er war in eine Sphäre eingetaucht, wo ihm kein erlerntes Wissen half.
Was also tun, wenn ein Scheitern unausweichlich war? Nun, er tat das, was er am besten konnte, wenn Gefahr drohte - Er wich ihr aus…
Einige Tage später…
Der kalte Wind fuhr durch seine Haare und übernahm die Kontrolle. Er umspielte sie und trieb sie in die gewollte Richtung. Sein Blick lag auf dem nahen Festland, welchem er sich Stück für Stück näherte. Er war einfach gegangen, ohne Nachricht, ohne Abmeldung. Gerimor lag bereits viele Tage hinter ihm und als er über die Reling ins ruhige Fahrwasser des Ozeans blickte wusste er, dass er nicht wieder zurückkehren würde. Er hatte jene unumstößliche Entscheidung getroffen und musste nun mit den Konsequenzen leben. Wenige Stunden später betrat er das Festland und er ließ es sich nicht nehmen, einen Moment zu verharren, um die Luft und ihre Gerüche auf sich wirken zu lassen. Er war nun wieder an jenem Punkt angelangt, wo einst seine Reise begann und wenn er mit sich ehrlich war, kam es ihm vor wie ein Schritt zurück zu tätigen, doch wischte er jenen Gedanken hastig wieder fort. Wo würde ihn nun seine Reise hinführen? Er entschloss sich dazu, dass er seinen alten Lehrmeister in der Bibliothek, gut ein Dreitagesritt vom Hafen entfernt aufsuchen würde. Die Münzen für ein Pferd besaß er nicht und so begab er sich auf den langen Fußmarsch…
Einige Wochen später…
‚Der Anfang und das Ende von allem ist der Wille…‘
Ein kalter Schauer riss Avesterian aus der Welt der Träume und beförderte ihn zurück ins Hier-und-Jetzt. Seine Hände waren gebunden und seine Kleidung hing ihm nur in Fetzen vom Körper. Seine Robe hatte man ihm abgenommen und würde die winterliche Kälte nicht genug sein, so hatte einer seiner Peiniger ihn eben noch mit einem Eimer voll mit eiskaltem Wasser übergossen. Wie kleine Nadeln stach ihn eine jede Wasserperle und ließen ihn vor Schmerz aufheulen.
Seine geschwollenen Augen brauchten einen Augenblick, um sich der Situation gewahr zu werden. Er konnte die Person nun deutlicher erkennen, doch auch ohne seine Augen wusste er, dass es sich um den Anführer jener Spießgesellen handelte, nicht zuletzt durch den prägnanten Mundgeruch.
„Aufwachen, so schnell wirst‘ uns doch nicht verrecken!“
Unvorsichtig war Avestarian vor gut zwei Tagen in die Falle jener Strauchdiebe gelaufen. Sie schienen in jenem Landstrich schon einige unvorsichtige Reisende ihres Hab und Guts beraubt zu haben, nicht zuletzt erkennbar an den vielen gestapelten Kisten, die überall in dem kleinen provisorischen Lager verteilt standen. Seine wohl bedachten und elaborierten Worte ‚zum Dank‘ vermuteten die Verbrecher wohl, dass er eines adligen Standes gar sei und sie für ihn einige Münzen erlangen könnten. Da er jenem Stand jedoch nicht angehörte, konnte er ihnen auch keine adäquate Antwort hierzu liefern. Sie hatten bereits einiges mit ihm versucht, um ihn zum Reden zu bewegen. Er war gute zwei Tage an einem Baum angebunden und der Kälte der herbstlichen Nächte ausgesetzt. Das Einzige was er von ihnen bekam waren ihre Folterungen, um aus ihm etwas herauszubekommen.
„Wann würden sie wohl ihre Geduld mit ihm verlieren und ihn einfach umbringen?“
Avestarians hagere Gestalt war übersäht mit Schnitten und Rissen und hier und das getrocknete Blut, welches seiner Kleidung anhaftete gab Zeugnis über die Misshandlungen seiner Peiniger. Seine Lippen waren aufgeplatzt und sein Gesicht an vielen Stellen geschwollen. Der körperliche und seelische Schmerz war allgegenwärtig und benebelte seine Sinne, so dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.
„Nun euer Hochwürden… Dein Name und woher bist du?“ spottete sein Gegenüber mit gehässiger Stimme, ehe ihn ein fester Schlag auf der Nase traf und jene unter einem leisen Knacken ein weiteres Mal brach. Sofort wurde sein geschwollenes Gesicht von frischen Blut benetzt und allgegenwärtig dumpfe Schmerz wurde neu befeuert, so dass Avestarian einzig aufstöhnen konnte, denn zu mehr war er nicht fähig. Heute hatte er Glück – keine weiteren Schläge, keine weitere Folter. Mit einem grausigen Lachen entfernte sich sein Folterknecht und ließ ihn zurück. Die Angst ein jähes Ende hier zu finden endete, als die Erschöpfung ihn überkam und ihn ein weiteres Mal zurück in die Dunkelheit riss…
Er hatte aufgehört die Tage seiner Folterung und Gefangenschaft zu zählen, doch spürte er, dass seine Pein als bald ein Ende finden würde. Jene Strauchdiebe waren am Ende ihrer Geduld und er konnte hier und da ihr Gebrabbel verstehen, was sie nicht unweit von ihm an einem Lagerfeuer an den Abenden führten. Hier und da schienen zwei der drei das Lager zu verlassen, wohl auf neuem Beutezug, wobei der ‚Folterknecht‘ verblieb. Sein Körper; oder vielmehr das, was davon noch übrig war; war in einem Zustand, dass es nicht mehr viel bedurfte, dass Avestarian in nicht ferner Zukunft den Tod finden würde. Die Fetzen, die einst noch seine Kleidung darstellten, waren inzwischen fast völlig zerrissen oder gänzlich verschwunden und die spätherbstliche Kälte der Nächte spannte die Folterung nun auf den gesamten Zeitraum, so dass er selbst in der Dunkelheit keine Pause fand.
Er hatte sich bereits damit abgefunden, dass er sterben würde und die Angst war der Gleichgültigkeit gewichen. Der Tod stellte eine Erlösung dar und so empfing er ihn mit offenen Armen.
Am heutigen Morgen hatten zwei der drei Räuber das Lager verlassen und einzig sein Nemesis war verblieben. Er hatte wie bereits so oft einen Eimer mit geschmolzenen Schnee zur Hand, doch am heutigen Tage war Avesterian bereits erwacht. Er konnte in den Augen seines Peinigers erkennen, dass heute der letzte Tag seine Folterung erreicht war und der Dolch an seiner Seite ergab das letzte Puzzleteil.
Die Kälte des Wassers brach über ihn herein, doch wo einst Schmerz seinen Körper durchfuhr, ergab er sich diesem Zustand. Er spürte selbst mit geschlossenen Augen einen jeden Tropfen, eine jede herabrinnende Wasserperle. Die Dunkelheit ließ ihn jenen Tag mehr sehen, als seine Augen ihm aufzeigten.
„Das ist deine letzte Chance… euer Hochwürden…!“ Erneut trafen ihn die Worte des Spotts und der Verhöhnung seines Widersachers.
Als er die Augen öffnete sah er. Doch sah er nicht das, was ein normaler Mensch sehen würde. Die Zeit verging wie in Zeitlupe. Sein Körper spürte nicht Wasser, sondern die Elementstränge in ihrer Gänze. Dort war eine große Menge Unda und Groma, doch auch ein wenig Sylphe und kaum spürbar ein Anteil von Salambe. Er tastete mental nach einem jedem Tropfen, einer jeden Perle, welche seinen Körper benetzte und wie ein Ruck lösten sich all jene Partikel von ihm. Dort wo die Verzweiflung zuvor seine Gefangenschaft bestimmte, bildete sich nun Zorn. Unendlicher Hass auf den ‚Folterknecht‘.
Noch ehe er selbst erfassen konnte was geschah, durchbohrten die vielen kleinen Eispartikel wie Nadeln den Körper seines Feindes. Die Haut wurde ihm förmlich vom Gesicht gerissen. Er verlor mit Sicherheit eines seiner Augen und kippte mit einem Schmerzensschrei um – ob Tod oder nur bewusstlos war ungewiss. Zu seinem Glück konnte Avesterian den Dolch seines Widersachers erreichen und sich nach einer Weile selbst befreien. Er stolperte förmlich aus dem Lager heraus und flüchtete ohne direktes Ziel.
Einen Tag später…
Als Avestarian seine Augenlider öffnete, konnte er nur verschwommen seine Umgebung wahrnehmen. Der sonst vorherrschende Schmerz war auf ein erträgliches Niveau reduziert, doch viel es ihm schwer, sich zu erheben oder überhaupt zu bewegen.
„Er ist wach Mutter!“ rief eine jugendhafte Stimme und sofort konnte er das Herannahen von Schritten vernehmen.
„Wir fanden dich nicht unweit unseres Hofes. Du warst schwer verletzt. Jetzt bist du in …“ Die Stimme der älteren Frau wurde leiser und leiser und er verlor erneut das Bewusstsein.
Weitere Tage später…
Die beiden Frauen, Mutter und Tochter, hatten ihn in jenen Tagen versorgt und nach und nach kehrte seine alte Kraft zurück. Ihm gelang es inzwischen wieder einige Schritte selbstständig zu tätigen, jedoch fern einer Möglichkeit einer längeren Reise zu Fuß.
Seine Retterinnen hatten die Namen Eowiralin und Sigmarin. Sie unterhielten das kleine Gehöft allein und wie er aus Gesprächen erfahren konnte, war der Mann von Eowiralin während eines Grenzkonfliktes als Soldat in den Reihen des königlichen Regimentes gefallen. Sie kamen trotz alledem gut über die Runden. Er hatte ihnen schnell zu verstehen gegeben, dass er ihnen nicht viel geben konnte für die Versorgung und ebenso wenig wollte er ihnen zur Last fallen, doch bestand Mutter und Tochter darauf, dass er verbleiben dürfe. Es waren gute Menschen, die trotz ihrer Verluste nicht aufgaben.
‚Nicht aufgeben… Im Gegensatz zu ihm bewiesen sie täglich mehr Mut, als er in seinem gesamten Leben bereits aufgebracht hatte. Sie rannten nicht fort und stellten sich einen jeden neuen Morgen der Herausforderung…‘
Einen Monat später…
Er war in der Zwischenzeit genesen und einzig einige Narben und Hautschürfungen zeugten von seiner vergangenen Qual. Er half jenen beiden inzwischen täglich auf dem Gehöft und verrichtete selbst schwere Arbeiten, die er einst mied. Ihm wurde mit einer warmen Mahlzeit sowie der Freundlichkeit seiner Gastgeberinnen gedankt. Er hatte vieles in den letzten Umläufen gelernt, doch vor allem die wichtigste Erkenntnis war es, dass er nicht aufgeben sollte. Er musste sich der Herausforderung stellen und sie bewältigen.
So kam es, dass er an jenem Morgen seine sieben Sachen zusammenpackte und seinen Rückweg antreten würde. Es kostete ihn unendlich viel Mühe jene beiden zu verlassen, doch wussten auch jene, dass dieser junge, ruhige Mensch seinen Weg fortsetzen musste. Als er die beiden aus der herzlichen Umarmung entließ, führte ihn sein Weg zurück…
Fünf Augen folgten seinem Weg. Doch waren sie nicht auf ihn fixiert, sondern hatten sich ein neues Ziel auserkoren. Als die beiden Frauen sich umwandten gab das ‚Einauge‘ ein Zeichen und die Zwei traten aus dem Dickicht…
Die Hand streckte sich nun wahrhaftig gen der Türklinke aus und einen Moment später überschritt Avesterian die Schwelle zur Academica Arcana.
Zuhause.