Das Recht muss nie der Politik,
wohl aber die Politik jederzeit
dem Rechte angepasst werden.
Immanuel Kant
wohl aber die Politik jederzeit
dem Rechte angepasst werden.
Immanuel Kant
Auf ihrem Reichsboden stand die Kiste, zweifellos. Eine Kiste wie viele Kisten, von natur aus nur ein wetterfester Stauraum mit Schloß und quaderförmiger Gestalt. Ein grinsendes oder lachendes Gesicht - wer mochte das genau zu differenzieren - zierte den Deckel und ansonsten verhielt die Kiste sich natürgemäß stumm und wenig auskunftsfreudig. Sie stand gleich eines Mahnmals am See herum und warete. Sicherlich nicht auf die sich verfinsternden Blick der Offizierin, die den Gegenstand des Anstoßes gründlich betrachteten. Sie wartete auf ängstliche und besorgte Menschen, die Gold hineinwarfen und dem sich in Unschuld und Rechtschaffenheit deutlich von seiner Kiste abhebenden Besitzer jener Kiste zu bereichern.
Verwerflich.
So hatte sie es entschieden.
Ihr dunkler Bruder hatte ihr einen der Erpresserbriefe aus alatarischen Briefkästen übergeben. Briefkästen. Wieder an sich unschuldsvolle und zweckmäßige Gebilde, die eher wenig von dem wussten zu was missbräuchliche Menschen fähig waren.
Ahad Laval selbst hatte angeordnet ihr einen entzückenden Brief gespickt mit Drohungen zu überbringen. Würde das Regiment nicht mit der Grinserei Schluss machen würde das alatarische Reich es tun. Kurz, nur ganz kurz hatte der verlockende Gedanke in ihr aufgezuckt ihr mit einer Einladung zu antworten. Es war wirklich nur ein kurzer Impuls gewesen. Es siegte die vermaledeite und grauenhaft unpraktische Rechtschaffenheit. Ahad Laval und ihr gesamtes Reich mochten ihretwegen an Dauerschluckauf, Haarausfall und Blutarmut chronisch leiden oder sich endgültig in Katzenfutter verwandeln. Doch Unrecht blieb Unrecht.
Erpressung war Unrecht.
Ganz speziell Unrecht war es sich die vermeidliche Sicherheit lichtenthaler Bodens nutzbar machen zu wollen um von dort aus Unrecht in einem anderen Reich zu begehen, mochte dessen religiöse und politische Ausrichtung auch diskussionswürig bis vollkommen abwegig und auszulöschen sein.
Unrecht bleibt.
Das Regiment hatte nun also die Kiste gefunden, dort wo es beschrieben war. Als erstes war die Umgebung gesichtet worden und das Schloss mit einem lähmenden Gift beträufelt. Vermutlich wäre es sinnvoller Gewesen den Deckel damit zu bestreichen, da man Schlösser im Allgemeinen nur mit dazugehörigen Schlüsseln kontaktiert und den Deckel anfasst - aber die Spezialistin war sich ihrer Sache sehr sicher. Sollte der Öffner der Kiste also keine Handschuhe tragen würde er entweder komplett gelähmt werden, die Finger nicht mehr bewegen können oder wenn der Schlüssel das Mittel übertrug eventuell andere Körperteile nur noch schwerlich kontrollieren können. Aber wer trägt schon Schlüssel auf nackter Haut?
Erfolgversprechender war die Idee der Wachtmeisterin van Quellhain Fallen mit Farbbeuteln aufzustellen und regelmäßig zu betrachten wer bunt gesprenkelt herumlaufen würde. Sie würde dahingehend sicherlich etwas Ansprechendes vorbereiten und sich auf die Lauer legen.
Erlenthal und Rabbe sollten sich in Lichtenthal umhören, ob ähnliche Fälle bekannt waren. Insbesondere da es wohl merkwürdige Umstände um Kinder herum gab, die inzwischen nicht mehr purer kindlicher Fantasie zugeschrieben werden konnten. Vielleicht die vom Erpresser angedrohten 'Konsequenzen'?
Elend.
Sie würde ihren dunklen Bruder kontaktieren müssen. Das war wie Zähneziehen im laufenden Gefecht von einem blinden Heiler mit Schüttellähmung.
Aber Recht musste recht sein.